P. Wilhelm Bertrams SJ
* 6. Januar 1907 in Essen
31. Dezember 1995 in Münster

Am 31. Dezember 1995 verstarb im Haus Sentmaring in Münster Pater Wilhelm Bertrams, ein gründlicher Wissenschaftler und umfassender Kenner des Kirchenrechtes. Wilhelm Bertrams wurde am 6. Januar 1907 in Essen geboren, trat am 23. April 1926 in die Gesellschaft Jesu ein und wurde am 27. August 1936 zum Priester geweiht. Von 1942 - 1981 war er Professor an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom.

Nach Beendigung der philosophischen Studien in Valkenburg und dem Erwerb des Doktorats in Philosophie war er von 1931 - 1933 Präfekt am Kolleg in Bad Godesberg. Es schloß sich 1933 - 1937 das Studium der Theologie abermals in Valkenburg an. Dann dozierte er von 1937 - 1938 in Valkenburg Dogmatik. Anschließend wurde er nach Rom geschickt, wo er von 1938 - 1941 an der Universität Gregoriana Kirchenrecht studierte. Seine Dissertation mit dem Thema: "Der neuzeitliche Staatsgedanke und die Konkordate des ausgehenden Mittelalters" wurde 1942 in der Reihe: "Analecta Gregoriana" veröffentlicht. 1950 erschien davon eine zweite Auflage.

Nach seiner Ernennung zum Professor an der Fakultät für Kirchenrecht der Gregoriana im Jahre 1942 war er dort von 1946 - 1981 ordentlicher Professor. Weiterhin war er Berater der Religiosenkongregation von 1957 - 1970 und Berater der Kongregation für den Klerus von 1961 - 1970. Auch war er seit 1967 Peritus der Glaubenskongregation und seit 1968 bis zu dessen Publikation ständiges Mitglied der Kommission für die Revision des Kodex Iuris Canonici. So ist es nicht verwunderlich, daß er aufgrund dieser seiner Kompetenzen auch zum Peritus des II. Vatikanums und der ersten ordentlichen Bischofssynode im Jahre 1967 ernannt wurde.

Die Tatsache, daß er zunächst von seinen Oberen zum Professor für Theologie und dann für Kirchenrecht bestimmt wurde, blieb nicht ohne Auswirkung auf seine Lehrtätigkeit, in der er stets die theologischen Aspekte des Kirchenrechts hervorgehoben hat. Einen besonderen Schwerpunkt setzte er auf das priesterliche Zölibat und auf die Kanones, die die Hierarchie behandeln.

Nach einem ersten Artikel in 'Geist und Leben' 1951 und verschiedenen Artikeln in 'Periodica' erschien eine erste Ausgabe seines Buches: 'Der Zölibat des Priesters. Sinngehalt und Grundlagen' 1960 in Würzburg. Im selben Jahr erschien eine holländische, italienische und spanische Übersetzung, 1961 folgte eine französische. Ein neuer Artikel: 'De celibatu clericorum' in der Zeitschrift 'Periodica' und eine Neuauflage seines Buches: 'Il celibato sacerdotale: significato e motivi' folgten ebenso wie eine zweite deutsche Auflage und eine englische Übersetzung. Zu erwähnen ist auch sein Beitrag: 'Adnotatio brevis quod illa quae Conc. Vat. II der celebatu sacerdotali enuntiat' in 'Periodica'. Seine Forschungsbeiträge über die kirchliche Hierarchie sind zusammengefaßt erschienen in dem Band: 'Quaestiones fundamentales juris canonici', Rom 1969.

Wer sein Curriculum Vitae aufmerksam verfolgt, kommt nicht umhin, seine umfassende Bildung und die Bandbreite seiner wissenschaftlichen Arbeiten zu bewundern. So war er Professor für Rechtsphilosophie (1942 - 1981), für Zivilrecht (1943 - 1949), für die Theologie des Kirchenrechts (1945 - 1979) und Professor für den Wortlaut des Kirchenrechts (1946 - 1972).

Pater Bertrams war ein wortkarger Mensch. Von dem, was ihn bewegte, sprach er wenig, was in Anbetracht der Eigenheiten dieser Materie verständlich ist. Nach seiner Dissertation hat er keine Bücher mehr geschrieben, aber wichtige Artikel, die in ihrer Gesamtheit eine theologisch-kanonische 'Summe' von bleibendem Wert darstellen. In diesen Publikationen kommt auch eine deutliche Entwicklung seiner Auffassungen zum Ausdruck; einige seiner Positionen hat er in späteren Jahren geändert oder neu akzentuiert (z.B. was den priesterlichen Zölibat betrifft).

Die genannten umfangreichen Tätigkeiten von Pater Bertrams hatten zur Konsequenz, daß die Zahl seiner Doktoranten nicht übergroß gewesen ist. Dennoch sind einige derer, die bei ihm promoviert haben, keine Unbekannten. Unter ihnen sind zu nennen: B. Heim, J. Gordon, H. Lemaire, J. Heinmerl, L. Orsy, H. Herkenroth, I. Michaeler, C. Corral, J. Beyer, R. Lettmann, H. Fasching, K. Rauber, A. Voller, I. Hortal Sanchez, F. Coccopalmerio, G. Franberger, A. Peters, A. Schrödl. Es wäre sicher sehr interessant, einmal die verschiedenen Aspekte zu analysieren, die in Doktoratsthesen bei Pater Bertrams untersucht worden sind.

Für verschiedene Fachzeitschriften wie 'Scholastik', 'Gregorianum', 'Periodica', 'Stimmen der Zeit', 'Geist und Leben', 'Orientierung', 'Zeitschrift für Askese und Mystik' und 'Euntes Docete' hat Pater Bertrams Reszensionen geschrieben. Immer wieder hat er an den verschiedensten Fachbüchern und an Kongreßberichten mitgearbeitet. Das Ergebnis dieser Tätigkeiten ist für den Interessierten eine umfangreiche Fundgrube für eine qualifizierte Vertiefung der verschiedenen Aspekte des Kirchenrechtes.

Von bleibender Bedeutung ist sein beständiges Bemühen, die Natur des Kirchenrechtes zu bestimmen und seine Grundlagen und Eigenheiten zu vertiefen. Die Früchte dieser Arbeit, wie Philosophie, Theologie und Kirchenrecht zusammengehören, sind zusammengetragen in dem Band: 'Quaestiones Fundamentales Iuris Canonici'.

Beim Blick auf die Titel, die darin zusammengefaßt sind, fällt auf, wie sehr sie für ihn eine Einheit von Forschung und Vision bilden. Es sind die folgenden: 1. Quaestiones philosophiae et theologiae iuris, 2. De structura Ecclesiae, 3. De structura hierarchica Ecclesiae, 4. Quaestiones particulares (unter diesen findet sich eine Untersuchung über die Exemption der Ordensleute).

Diese Themen finden sich in der Festschrift wieder, die seine Schüler zu seinem siebzigsten Geburtstage herausgegeben haben. Die Beiträge von 26 Autoren mit dem Titel: 'Investigationes theologicae-canonicae' sind im Verlag der Päpstlichen Universität Gregoriana, Rom erschienen. In diesem Band ist auch eine kurze bibliographische Notiz und eine nahezu vollständige kanonistische Bibliographie enthalten, die die Schriften des Autors zwischen 1942 und 1977 auflistet.

Besondere Beachtung verdient zweifellos Pater Bertrams Sicht von der "Natur" des Kirchenrechts. Ich möchte versuchen, dies im Grundgedanken darzustellen. Sein Ansatz ist die Unterscheidung zwischen 'Ius privatum' und 'Ius publicum'. Diese Unterscheidung ist für ihn auch für den Bereich des Zivilrechts wesentlich. Eine Gemeinschaft muß die natürlichen Rechte der Person anerkennen. Auch die Kirche hat gegenüber jedem Getauften diese Verpflichtung, wie auch gegenüber jeder menschlichen Person, da ja alle zum Heil berufen sind. Wenn auch diese Unterscheidung heute im Zivilrecht nicht mehr gemacht wird, so bleibt doch die Problematik nach Pater Bertrams für das Kirchenrecht weiter offen. Kann man tatsächlich sagen, so fragt er, daß die Rechte, die im Kodex von 1983 für Kardinäle, Bischöfe, Kleriker, Laien, Ehegatten formuliert worden sind, "private" sind? Er selbst verteidigte stets die Unterscheidung zwischen 'Ius privatum' und 'Ius publicum'. Sie sei begründet in der zweifachen Natur Christi als Gott und Mensch, der Ursprung und Fundament einer vergleichbaren Unterscheidung im Wesen der Kirche als Leib Christi ist.

Diese durch und durch personale Position ist in seinen Schriften grundlegend geblieben. Die Linien, die er gezogen hat, verdienten weitere Erforschung.

Die Kirche ist für Pater Bertrams eine 'societas perfecta' mit den ihr eigenen Zielsetzungen und Mitteln. Aber um das Zusammenleben der konkreten Menschen zu realisieren, sieht sie neben der 'consuetude' die Möglichkeit der 'Dispens' vor, die es dem einzelnen erlaubt, seine persönliche Situation so zu leben, wie sie einerseits durch die 'Umstände' bestimmt ist, vor allem aber durch die Gaben und persönlichen Gnaden, die er von Gott selbst geschenkt bekommen hat.

Pater Bertrams hebt zwar als die 'Natur' des Rechts die Beziehungen zwischen den Personen hervor, also die Beziehung von Person zu Person, aber er situiert sie in der Ordnung der Gemeinschaft der Kirche, die diesen personalen Aspekt des Glaubenden als Glied Christi in seiner Kirche erhalten und fördern muß. Ausgehend von dieser Position hat Pater Bertrams die Wichtigkeit der Grundrechte unterstrichen, die der Kodex von 1983 für die Gläubigen, die Laien, Kleriker und Ordensleute bestätigt.

Das Konzil selbst hat einen großen Einfluß auf seine Auffassungen gehabt. Es wäre eine eigene Darstellung wert, dies einmal darzustellen für seine Sicht der Konstituierung der Kirche als zugleich charismatisch und institutional, für seine Sicht der Kirche als 'Communio', für die Bedeutung der Teilkirchen und für die Aufnahme dieser Aspekte in das Projekt der 'Lex Ecclesiae fundamentalis'.

Seine eigenen wissenschaftlichen Forschungen in diesen Bereichen haben nicht zuletzt einen historischen Wert für die Interpretation des Konzils und einiger wichtiger Kanones des neuen Kirchenrechts.

Pater Bertrams war für uns ein diskreter Lehrer, ein ernsthafter und gründlicher Wissenschaftler und ein Förderer sorgfältigen Studierens. Er richtete seine Aufmerksamkeit auf diejenigen zentralen Punkte, die immer mehr den Kern seines vorbildlichen Lebens als Ordensmann und Professor ausmachten als philosophischer und theologischer Wissenschaftler und gründlicher Kenner des Kirchenrechtes.

R.i.p.

P. Jean Beyer SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 6/1996 - Dezember, S. 215ff