P. Johannes Bapt. Beumer SJ
23. Juni 1989 in Münster

P. Johannes Beumer wurde am 12. Oktober 1901 in Köln geboren. Die Taufe empfing er in der Pfarrkirche Sankt Ursula. Von seiner Familie ist nicht viel bekannt, er hat anscheinend kaum darüber gesprochen. Sein Vater war bei der Post tätig, eine Schwester kam im Krieg bei einem Bombenangriff ums Leben. In seinen letzten Schuljahren gehörte er dem eben gegründeten Bund Neudeutschland an. Nach dem Abitur trat er am 11. April 1921 in das Noviziat der Niederdeutschen Provinz in 's-Heerenberg ein, zusammen mit fünf weiteren Jungen aus Köln: Wilhelm Flosdorf, Heinrich Huthmacher, Engelbert Kirchbaum, Josef Schäfer und Johannes Schumacher. Insgesamt führt der Provinzkatalog von 1922 allein für das Eintrittsjahr 1921 einunddreißig Scholastikernovizen und 10 Brüdernovizen auf. Novizenmeister war im ersten Noviziatsjahr P. Walter Sierp, im zweiten Jahr P. Paul Sträter.

Von 1923 bis 1926 studierte P. Beumer in Valkenburg Philosophie. Sein Interstiz machte er von 1926 bis 1928 als Magister am österreichischen Kolleg in Linz, wo er Latein, Griechisch und zeitweise auch Englisch lehrte. Dann folgte von 1928 bis 1932 das vierjährige Studium der Theologie, wiederum in Valkenburg. Während seines dritten Jahres gab er hier auch Hebräisch-Unterricht. In Valkenburg konnte sich seine joviale, humorvolle kölnische Art voll entfalten. Für viele ältere Mitbrüder ist P. Beumer in bester Erinnerung geblieben durch seine Mitarbeit am Hänneschen-Theater in der Karnevalszeit. Bekannt und beliebt waren vor allem seine 'Bejrüßunge', in denen er Personen und Ereignisse kurz und treffend kommentierte, zur Freude der Zuschauer, wenn auch nicht immer zur Freude der Betroffenen.

Die Priesterweihe erhielt P. Beumer am 27. August 1931 in Valkenburg. Nach Beendigung der Theologie ging er 1932/33 ins Tertiat nach Münster, wiederum unter P. Walter Sierp. Anschließend wurde er nach Rom ans Bibelinstitut gesandt, um Spezialstudien in Exegese des Alten Testaments zu machen. Er blieb aber nur ein Jahr dort. Den Doktorgrad erhielt er wohl auf Grund seines Gradus-Examens in Valkenburg.

1934 begann er seine Lehrtätigkeit in Valkenburg, wo er Fundamentaltheologie, Dogmatik im 'cursus minor' und zeitweise auch Orientalische Sprachen dozierte. Mehrere Jahre hindurch lehrte er auch Fundamentaltheologie und Dogmatik im Priesterseminar in Aachen. Am 15. August 1938 legte er seine Profeßgelübde ab. Seine Tätigkeiten in Valkenburg fanden ein jähes Ende, als die Gestapo am 7. Juli 1942 das Valkenburger Kolleg beschlagnahmte. P. Beumer war dann zunächst als Seelsorger in Aachen tätig, 1944 finden wir ihn in Trier, wo er Dogmatik für die wenigen übriggebliebenen Scholastiker lehrte, die nach der Zerstörung von Sankt Georgen dorthin gekommen waren, und wo er auch als Kaplan tätig war. 1945-1946 war er Pfarrvikar in Duderstadt und dozierte dort ebenfalls für einige Scholastiker Theologie. Von 1946 bis 1948 wirkte er dann in Büren, wo die Fakultät im alten Jesuitenkolleg eine Bleibe gefunden hatte, zunächst als Professor für Exegese des AT, vor allem aber für Fundamentaltheologie. Von 1949 bis zu seiner Emeritierung 1969 lehrte er dann Fundamentaltheologie und Konfessionskunde für die Seminaristen in Frankfurt/Sankt Georgen.

In Frankfurt hat er auch eine umfangreiche wissenschaftliche Tätigkeit entfaltet. Die Bibliographie von P. Beumer hat P. Rainer Berndt in "Theologie und Philosophie" 64 (1989) 567-577 zusammengestellt. Für die Zeit von 1936 bis 1979 waren das über 230 Artikel, die in verschiedenen Zeitschriften erschienen, vor allem in der "Scholastik" bzw. "Theologie und Philosophie", aber auch in "Theologie und Glaube", der "Zeitschrift für Aszese und Mystik", den "Stimmen der Zeit", der "Zeitschrift für Katholische Theologie", der "Münchener Theologischen Zeitschrift", den "Franziskanischen Studien" und manchen anderen. In den letzten Jahren veröffentlichte er auch öfters Beiträge im "Anzeiger für die katholische Geistlichkeit". Die Gebiete seiner Forschungen waren vor allem die theologische Erkenntnislehre, die Ekklesiologie, die Dogmengeschichte (vor allem der Scholastik), aber auch das 16. Jahrhundert (z. B. Erasmus von Rotterdam) und das 19. Jahrhundert. Eine Vorliebe galt offensichtlich franziskanischen Autoren, wie er überhaupt eine gewisse Zuneigung zum Franziskanerorden nicht verheimlichte.

In späteren Jahren waren es auch immer wieder aktuelle, in der Kirche diskutierte Themen, häufig liturgischer Art, zu denen er Stellung nahm, z.B. die neuen Hochgebete, der "ökumenische" Schluß des Vaterunsers, die Konsekrationsworte, der neue Heiligenkalender, der Kommunionempfang oder die Frage, ob die Übersetzung "törichte Jungfrauen" oder "einfältige Mädchen" die richtige sei. Von seinen in Fachkreisen anerkannten Büchern sind vor allem zu nennen: "Theologie als Glaubensverständnis" (Würzburg 1953), "Auf dem Weg zum Glauben. Eine katholische Laiendogmatik" (Frankfurt 1956), "Die katholische Inspirationslehre zwischen Vatikanum I und II" (1966 in der Sammlung "Stuttgarter Bibelstudien") sowie zwei Faszikel im "Handbuch der Dogmengeschichte": "Die mündliche Überlieferung als Glaubensquelle" (1962) und "Die Inspiration der Heiligen Schrift" (1968).

Hinzu kommen dann noch etwa 600 Rezensionen, die meisten davon in der "Scholastikat" bzw. "Theologie und Philosophie", aber auch 28 in der "Theologischen Revue". In seinem theologischen Denken wurde P. Beumer als vergleichsweise aufgeschlossen empfunden, und er selber betrachtete sich damals auch nicht als Konservativen. Sein Name ist verbunden mit einem Aufbruch in der Fundamentaltheologie. Das Verhältnis von Schrift und Tradition sah er ähnlich wie das Zweite Vatikanum. In der wissenschaftlichen Welt genoß P. Beumer vor allem wegen seiner dogmengeschichtlichen Arbeiten hohes Ansehen.

P. Beumer dozierte gerne und half auch bereitwillig aus, wenn irgendwo Not am Mann war. Da er relativ leicht und schnell arbeitete und ein breites Wissen hatte, kam er in seinen Vorlesungen bis in die Konzilszeit auch ganz gut an. Seine Ausführungen waren didaktisch einfach und klar, aber er konnte auch etwas schulmeisterlich wirken und wies vor allem immer wieder auf die Dinge hin, die man für das Examen brauchte. In den späten 60er Jahren wurde er allerdings mehr und mehr konservativ und starr.

Außer seiner Lehrtätigkeit und seiner Forschungsarbeit hat P. Beumer aber auch vielerlei Seelsorgsarbeiten übernommen: Exerzitienkurse, religiöse Vorträge und Aushilfen. In Frankfurt hat er, wann immer möglich, auch an den Wochentagen außer Haus zelebriert, etwa bei den Ursulinen in Offenbach, in der Langestraße oder in Bornheim.

In der Sankt Georgener Jesuitenkominunität war P. Beumer infolge seines heiteren rheinischen Naturells lange Zeit ein gesellschaftlicher Mittelpunkt. Er gehörte zu einem Kreis von Mitbrüdern, die sich allabendlich zur Rekreation auf dem Zimmer von P. Gerhard Hartmann oder auch auf P. Beumers eigenem Zimmer trafen. Hier konnte er sich geben, wie er war: jovial, humorvoll, unermüdlich im Erzählen von Schnurren. Allenfalls konnte er wohl schon mal gutmütig lospoltern. Daß P. Beumer den meisten eigentlich nicht so in Erinnerung geblieben ist, hat wohl mancherlei Gründe. Mit dem Tod von P. Gerhard Hartmann mit seinem ausgeglichenen Temperament war für P. Beumer ein Mittelpunkt der Kommunität weggefallen. Er vereinsamte mehr und mehr. Mit den vom 2. Vatikanischen Konzil ausgehenden Bewegungen konnte er sich nicht mehr anfreunden.

Er wurde bewußt konservativ, was sich auch in seiner Kleidung, etwa im Tragen des Biretts zeigte. Er entwickelte sich etwas zum Sonderling. Eine gewisse Neigung zur Depression, bisher durch sein heiteres Kölner Temperament überdeckt, trat hervor. Sein Widerspruchsgeist regte sich in zunehmendem Maße. Als das deutsche Tischgebet eingeführt wurde, brummte er regelmäßig am Schluß die lateinische Segensformel dazwischen. Ein wichtiger Einschnitt war für ihn die Emeritierung Ende des SS 1969. Er litt insofern darunter, als eine Emeritierung in diesem Jahre überhaupt zum ersten Mal einheitlich vorgenommen wurde aufgrund der neuen Hochschulsatzung, während bisher das Ende der Lehrtätigkeit zeitlich nicht so genau festgelegt war.

P. Beumer ahnte wohl, daß seine oft sonderbaren Reaktionen etwas Krankhaftes an sich hatten. Er äußerte einmal zu seinem damaligen Rektor, daß seine Mutter im Alter psychisch schwer belastet gewesen sei, und daß er befürchtete, es könne ihm selber einmal auch so gehen. Im Jahre 1971 feierte er zusammen mit P. Flosdorf sein Goldenes Ordensjubiläum. Die beiden Jubilare konzelebrierten zusammen mit P. Rektor Ludwig Bertsch. Bei Tisch hielt P. Beumer eine kurze Ansprache, in der er die Kommunität um Entschuldigung bat für alles, was er ihr zu tragen aufgegeben hätte.

Körperlich wurde er immer unbeweglicher. Das Gehen fiel ihm schwer. Eine schmerzhafte Arthrose machte ihm viel zu schaffen. Als P. Nink am 17.11.1975 gestorben war, erklärte P. Beumer: "Der nächste bin ich." Bald darauf verabschiedete er sich nach der Hl. Messe in der Langestraße mit den Worten: "Auf Wiedersehen auf dem Südfriedhof." Dann legte er sich ins Bett und wartete auf den Tod. Er kam ins Katharinenkrankenhaus in Frankfurt, wo es weder den Bemühungen der Ärzte noch dem Zureden der Mitbrüder gelang, ihn wieder zum Aufstehen zu bewegen. Wie weit das eine Wirkung seiner Arthrose oder einer Lähmung oder psychisch bedingt war, bleibt unbeantwortbar. Jedenfalls war er nach einiger Zeit physisch wirklich nicht mehr in der Lage aufzustehen. Eine Chance zur Heilung bestand nicht mehr.

So wurde er am 14. Juli 1976 nach Münster, Haus Sentmaring, gebracht. Hier lebte er noch 13 Jahre, ständig ans Bett gefesselt. Anfangs hoffte er noch, durch Novenen zu Schwester Blandine Merten von den Ursulinen in Ahrweiler Gesundung zu erlangen. Er konnte einem wohl auch erklären, nächstes Jahr im Frühjahr werde er wieder aufstehen, aber dabei blieb es. Er freute sich über Besuch, allerdings nur zu bestimmten Zeiten, auf keinen Fall während des Fernsehprogramms. Wenn man sich dann noch vorher anmeldete, konnte man gut eine Zeitlang mit ihm reden, und man spürte beim Weggehen, wie dankbar er für den Besuch war. Seine humorvolle Art verlor er aber mit der Zeit ganz, es blieb die depressive Seite seines Charakters. Er selber brauchte viel Geduld, um seinen leidvollen Zustand zu ertragen, und seine Umwelt brauchte es wohl manchmal auch. Er starb am Morgen des 23. Juni 1989 an Herzschwäche. Auf dem Friedhof im Park von Haus Sentmaring hat er seine letzte Ruhestätte gefunden.

R.i.p.

P. Günter Switek SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 3/1990 - Mai, S. 66ff