P. Kaspar Bibo SJ
* 13. Juni 1914 in Kiedrich
21. Juni 1972 in Münster

Innerhalb eines halben Jahres hatte P. Bibo sich dreimal einer Operation unterziehen müssen. Wochenlang konnte er keine Nahrung zu sich nehmen, so daß er in erschreckendem Maß abgemagert war. Bereits vor der Operation hatte er um die Krankensalbung gebeten. Der Ernst der Lage war ihm somit sicher bewußt, doch er klagte nicht. Er war auf alles vorbereitet.

Mit P. Bibo bin ich lediglich im Noviziat und während eines Teiles der Theologie zusammen in einem Haus gewesen. Um dennoch wunschgemäß einen Bericht über ihn schreiben zu können, bat ich eine Anzahl von Mitbrüdern, mir einiges über die verschiedenen Etappen seines Lebensweges zu schreiben. Im Folgenden sind diese Einzelberichte zusammengestellt. Zwar ergibt sich damit leider kein lückenloses Bild vom Leben unseres verstorbenen Mitbruders; dennoch scheint mir, daß die verschiedenen Zeugnisse zusammengenommen ein lebendiges und ausreichend vollständiges Bild seiner Persönlichkeit ergeben.

P. Bibo stammte aus dem Rheingau (geb. in Kiedrich am 13.6.1914). Sein frohes, lebhaftes Temperament konnte er sein ganzes Leben über nicht verleugnen, obgleich ihm schwere Enttäuschungen nicht erspart blieben. Gern kam er auf seine Heimat zu sprechen, die ja nicht nur wegen des guten Weines, sondern auch wegen ihrer Tradition einer speziellen Form des gregorianischen Chorals bekannt ist. P. Bibo selbst war als Junge begeistertes Mitglieder der Kiedricher Knabenschola. Gern erzählte er auch in diesem Zusammenhang von manchen Bubenstreichen, die man sich im Kreis der Sängerknaben leistete. Bei allem Frohsinn aber konnte er sehr ernst und besonnen werden, wenn sich in der Erholung die Rede auf Fragen der Theologie oder sonstige Probleme richtete.

Als Alumnus von Sankt Georgen bat er um die Aufnahme in die Gesellschaft. Auf das Noviziat (1935-37) folgte ein kurzes Juniorat in Godesberg und die Philosophie (1937-39) in Pullach. Nach einer kurzen Militärzeit (1940-41) konnte er bald in Frankfurt die Theologie beginnen und wurde bereits am 20.5.42 von Bischof Hilfrich zum Priester geweiht. Bald darauf war er bereits Kaplan in der Frankfurter Pfarrei St. Elisabeth und deren Tochterpfarrei Frauenfrieden. "Sehr schnell hatte er einen guten Kontakt mit seinen Pfarrkindern, zumal mit der Jugend, und war sehr beliebt. Als die Bombenangriffe über seine Pfarrgebiete niedergingen, bildete Kaplan Bibo den ruhenden Pol in seiner Gemeinde. Durch sein tapferes Eintreten hat er u.a. auch einmal eine verschüttete Familie persönlich gerettet. Er hat durch seinen selbstlosen Einsatz sogar den damaligen gefährlichen braunen Herren solche Achtung abgenötigt, daß ihm, dem Jesuiten, das Kriegsverdienstkreuz verliehen wurde. Dezember 1945 siedelte er dann zur Fortsetzung des theologischen Studiums nach Büren über.

Als mit der Neugründung von Hamburg und Büren der Kollegsfrühling unserer Provinz ausbrach, warb R. P. Provinzial Deitmer die nötigen Studierwilligen unter den Terziariern an. Nun hatte P. Bibo schon immer ein besonderes Interesse für Mathematik und Physik gezeigt. So war es nicht allzu schwer, ihn zum Studium dieser Fächer zu bewegen, wiewohl sein Herz eigentlich an der Seelsorge hing. Als Studienort wählte er sich Frankfurt und bezog zum Wintersemester 1949/50 eine Studentenbude im Dachgeschoß der damaligen Residenz 'Im Trutz', gleichzeitig mit P. Rendenbach, der zum Teil die nämlichen Fächer an der Frankfurter Universität studierte. Wegen P. Bibos geselligen Wesens wurden es drei schöne Semester. Dennoch zeigte sich, daß P. Bibo sich auf die Dauer an der Härte eines naturwissenschaftlichen Studiums wundrieb, so daß R. P. Deitmer ihm die Last des Studiums abnahm und ihn mit der Wahrnehmung des Ministerpostens in Godesberg (1951-55) betraute."

Von Godesberg wurde P. Bibo als Minister und Kaplan nach Göttingen versetzt (1955-59). - "Wir hatte ihn damals sehr gern in der Kommunität. Er war immer vergnügt, umgänglich und zufrieden. Das ist so der Eindruck, der mir aus den Jahren geblieben ist. Recht wenig Glück hatte P. Bibo allerdings mit seinen Predigten. Er wußte sehr viel, machte sich auch seine eigenen Gedanken; aber er konnte sie nicht so recht an die Leute bringen. Er sprach sehr nervös, überschlug sich im Reden, verschluckte Silben und ganze Worte und war deshalb oft kaum zu verstehen. Dieses Handicap machte er aber vollauf gut durch den Eifer und die Ausdauer, die er als Beichtvater bewies, als sehr beliebter Beichtvater. Obwohl wir damals alle an St. Michael im Beichtstuhl zu tun hatten, schoß P. Bibo den Vogel ab. Wir sagten immer: er sitzt im Beichtstuhl wie die Glucke auf Eiern! Ohne jede Spur von Angabe nannte er schon mal Zahlen, die uns alle in den Schatten stellten. Daß er sein Studium in Frankfurt nicht zu Ende geführt hatte und ihm auch danach manches nicht gelang, trug er - wenigstens nach außen hin - ohne Verbitterung, Ich möchte aber doch meinen, daß er von so manchem Mißerfolg irgendwo angeknackt war. - Als er dann 1959 versetzt wurde, haben wir das alle bedauert."

Ein anderer Mitbruder aus der Göttinger Zeit: "P. Bibo war der typische Rheingauer, der er immer geblieben ist, typisch in seinem Auspracheakzent, durch den er manchmal schwer zu verstehen war, aber vor allem auch typisch in seiner offenen, frohen Art, in der er den Leuten begegnete. So war er bei der Gemeinde allgemein sehr beliebt. Mit viel Eifer und Erfolg widmete er sich der Arbeit bei der weiblichen Jugend, die ihm als Kaplan anvertraut war. Das war auch damals schon keine leichte Aufgabe. Ob er selbst mit seiner Arbeit in Göttingen sehr zufrieden war, weiß ich nicht. Ich hatte fast den Eindruck, daß er ganz froh war, als er 1959 versetzt wurde. Aber wenn er 1965 als Pfarrer nach Göttingen zurückkehrte, dann vor allem aus dem Grund, weil er sich als Kaplan vorher so gut bewährt hatte. Daß er auch damals schon gelegentlich sehr offen seine Meinung sagen konnte, gehörte auch zu seinem Wesen und braucht m.E. keineswegs nur negativ gesehen zu werden."

Die erwähnte Versetzung führte ihn als Minister nach Büren (1959-63). "In dankbarer Erinnerung steht er sicherlich vor allem auch bei den Hausangestellten, denen er bei seiner freundlichen und umgänglichen Art ein angenehmer Vorgesetzter war. Wenn es galt, ihnen etwa durch eine aufwendigere Ferienfahrt eine Freude zu machen, scheute er keine Kosten. Es war damals die schwierige Zeit, wo das Kolleg - auch auf Drängen der Behörden - sich sorgen mußte um einen Internatsneubau, um dessen Rechtssubjekt und Finanzierung. Seine Anhänglichkeit ans Kolleg hat P. Bibo bewahrt; noch im vergangenen Jahr besuchte er uns von Münster aus. Er berichtete von seiner Tätigkeit als Gefängnisseelsorger, von seinen Bemühungen um die Resozialisierung der Gestrauchelten, vor allem um deren geistige Weiterbildung. Aus seinen Berichten konnte ich auch entnehmen, daß damals schon seine Tätigkeit durch die Krankheit beeinträchtigt war."

Nach einer zweijährigen Tätigkeit als Operarius und Beichtvater in Koblenz (1963-65) kam P. Bibo dann im März 1965 ein zweites Mal nach Göttingen, diesmal als Pfarrer unserer dortigen Pfarrei. - "Nach unseren Erfahrungen aus seiner Kaplanszeit trauten wir ihm gerne zu, daß er eine Pfarrei führen könne, - aber für Göttingen war er doch wohl nicht der richtige Mann. Die Gemeinde ist ziemlich bunt zusammengewürfelt - viele Vertriebene - und irgendwie auch anspruchsvoll, zumal Jesuiten gegenüber. P. Bibo war nicht der Mann, der Entscheidungen reiflich überlegte und dann durchführte, auch gegen Widerstände. Seine Entschlüsse waren oft einsam, auch unvermutet, sprunghaft. Dann konnte er mit ausgesprochenem Starrsinn daran festhalten; Flexibilität, "demokratische" Führung usw. war nicht sein Fall.

Das zeigte sich z.B. bei der Weiterführung der Renovierungsarbeiten an der Kirche. Wir hatten den Eindruck, daß er nicht mehr der Bibo von 1955 war. Schuld war vielleicht, daß er mit vorausgehenden Arbeiten seine Schwierigkeiten hatte, z. B. mit den Rekollektionen von Koblenz aus. (Man hörte allerdings manchmal sehr einander widersprechende Ansichten.) Seine Mitarbeiter, die Kapläne, ließ er weitgehend selbständig arbeiten. Differenzen gab es auch, als es um die Durchführung einer schon Jahre alten Planung zur Verlegung des Pfarrhauses in das von den Schwestern aufgegebene kleine Krankenhaus Alt-Maria-Hilf ging. Sowohl die Provinziäle als auch die kirchliche Behörde in Hildesheim hatten diesbezüglich längst ihre Entscheidung getroffen. P. Bibo liebte offenbar das familiäre Durcheinander im alten, viel zu kleinen Pfarrhaus an der Kurzen Straße, wo sich Arbeitsteil, Wohnung und Wirtschaftsteil nicht auseinanderhalten ließen. Er meinte wohl, das schaffe engere Kontakte mit den Leuten; die ziemlich ausgeprägte Schlichtheit, die ein wenig nach Primitivität roch, entspreche mehr der Armut, Alt-Maria-Hilf sei zu groß, zu anspruchsvoll usw. Heute stellt sich heraus, daß in diesem großen Kasten viel weniger Platz ist, als man meinen sollte: der Raum langt kaum hin!

So gab es bisweilen harte Diskussionen. Später hat er wohl eingesehen, daß diese Lösung besser sei. Er hat die Fertigstellung aber nicht mehr in Göttingen erlebt, sondern wurde vor oder bei Beginn der Arbeiten nach Münster versetzt. Grund dafür war aber nicht seine Opposition, sondern häufigere Klagen über seine Art, mit den Leuten umzugehen: sie sei zu unverbindlich, ein bißchen zu derb vor allem aber auch Klagen über seine Predigten.

Der Wechsel ist ihm, glaube ich, nicht leicht gefallen, zumal er wieder ein wenig nach Versagen aussah, obwohl man das nicht eigentlich behaupten kann. Es ist aber nicht alltäglich (auch bei uns nicht!), daß ein Pfarrer schon nach zwei Jahren abgelöst wird. Eine offizielle Verabschiedung lehnte P. Bibo damals entschieden ab. Als er später einige Male nach Göttingen kam, wirkte er - meine ich - viel gelockerter und entspannter als während der Pfarrerjahre in Göttingen.

P. Bibo hatte seine Begabung für die Organisation von Reisen entdeckt. Einmal fuhr er nach Rom (oder Lourdes?) und nach seiner Versetzung sogar mit einer größeren Gruppe nach Palästina. Beide Reisen, die er gründlich vorbereitet hatte, waren ein voller Erfolg und haben ihm viel Freude gemacht.

Im Ganzen war der Kaspar ein Kraftmensch, wenigstens seinem äußeren Gehabe nach. Er machte ausgedehnte Spaziergänge - als einziger von uns; sein gutes Beispiel hatte wenig Erfolg. Er strahlte wirklich Lebensfreude und -bejahung aus. Wir haben ihn nicht selten gewarnt, z.B. wegen der zu schweren Kost, die er liebte. Dann sagte er: Ich brauche das eben; das schadet mir schon nicht. Das verriet in dieser Beziehung eine Unbekümmertheit, die er auch in andern Dingen zeigte. Fromme Sprüche liebte er nicht, dazu war er zu natürlich; aber er war ebenso einfach und selbstverständlich fromm. Das hat er dann ja am Ende seines Lebens bewiesen, wie alle berichteten, die ihm da begegnet sind oder die mit ihm zu tun hatten. Aufs Ganze gesehen: ein gutmütiger, lieber, offener Mensch und Mitbruder; wirklich Priester und (auf seine individuelle Art! - wie alle Jesuiten!) Jesuit!"

Mit seiner Versetzung 1967 nach Münster als Gefängnisseelsorger begann der letzte Abschnitt im Leben unsres Mitbruders. - "Er kam mit großen Erwartungen nach Münster, mußte aber manche Enttäuschung und viel Undank von seiten der Gefangenen hinnehmen. Trotzdem ließ er sich nicht mutlos machen.

P. Bibo war ein durchaus sozial geprägter Mensch. Er suchte den Gefangenen zu verstehen und stellte immer das Gute in ihm heraus. Er hatte ein Herz für die Leute und half ihnen nicht nur in bloßen Worten, sondern opferte große Summen für die Erleichterung ihres Daseins, vor allem bei ihrer Entlassung.

Seine technische Begabung kam ihm sehr zustatten. Er schaffte alle Apparate an, die ihm bei den Gruppenstunden helfen konnten, die Leute zu interessieren und das Gespräch mit Bild, Film und Musikdarbietungen lebendig zu machen. Da er viel gereist war, verfügte er über ein beträchtliches Arsenal von Anschauungsmaterial, das er selbst aufgenommen und zusammengestellt hatte. Das diente ihm dazu, den Leuten den Glauben und die hl. Schrift näherzubringen.

Ganz groß war er als Organisator. Wenn es etwas zu arrangieren gab, war er mit ganzem Herzen dabei: Festfeiern, Weihnachtsbescherungen, Gruppenleben - was alles viel Geld kostete. Dafür brachte er Tausende zusammen. Er bettelte nicht, wußte aber die Situation so packend darzustellen, daß die Wohltäter freiwillig ihren Obolus gaben. Mit einigen Beamten gab es manchmal Konflikte, wenn es nicht so ging, wie er wollte.

Bewußt pflegte er den Kontakt mit den evangelischen Pfarrern. Es bestand ein freundschaftliches Verhältnis zwischen ihm und ihnen. Sie halfen sich gegenseitig aus. Hin und wieder gab es ökumenischen Gottesdienst. Obschon er in der Stadt in eigener Wohnung wohnte, pflegte er bewußt den Kontakt zu unserem Haus. Wenigstens zweimal in der Woche erschien er bei Tisch und in der Erholung. Auch in der Konferenz der katholischen Strafanstaltspfarrer Deutschlands war er bei Tagungen oft zu sehen. Er unterhielt auch ein Konveniat mit einigen Geistlichen in der Stadt. In der Vorahnung seines baldigen Todes hatte er alles bis zum letzten geregelt. Es konnte für uns, die Hinterbliebenen, keine Überraschung mehr geben. Wie er in übernatürlicher Gesinnung männlich sein Hinsiechen ertrug, so ging er auch männlich seiner letzten Stunde entgegen."

Ein anderer Bericht aus Münster: "Mit großer Gewissenhaftigkeit und persönlichem Einsatz hat P. Bibo sich der religiösen Betreuung der Gefangenen gewidmet und sich ihrer persönlichen Nöte angenommen. Es war erstaunlich, mit wie viel Phantasie und Organisationstalent er neue Möglichkeiten fand und nutzte, den Strafgefangenen religiöse und menschliche Hilfe zu bieten. Er empfand durchaus die geringe religiöse Ansprechbarkeit vieler Gefangenen und damit den geringen Erfolg seiner priesterlichen Tätigkeit. Er selbst äußerte einmal in einem persönlichen Gespräch, daß man eine solch schwierige Seelsorge kaum ein ganzes Leben lang leisten könne, ohne zu resignieren. Seine rheinische Natur und sein religiöser Optimismus bewahrten ihn vor jeder Mutlosigkeit und Kapitulation.

Die letzten Monate seines Lebens waren von der heimtückischen und schweren Krankheit gezeichnet. Ein Tumor an der Bauchspeicheldrüse machte drei operative Eingriffe erforderlich und führte zu einem enormen Gewichtsverlust und einer großen physischen Schwächung. Trotzdem ließ P. Bibo sich nicht davon abhalten, zwischen den Operationen in begrenztem Umfang seine Tätigkeit an der Strafanstalt wieder aufzunehmen. Noch 10 Tage vor seinem Tod hielt er den Sonntagsgottesdienst für die Gefangenen.

Der Verfall seiner physischen Kräfte und der Rat des Arztes führten ihn zu der bereiten Einwilligung, seine Arbeit aufzugeben. Die Regelung seiner Nachfolge und die Übergabe seines Amtes an den Nachfolger hat er selbst noch kurz vor seinem Tode ordnungsgemäß abgeschlossen. In stiller Ergebenheit und religiöser Reife hat er die letzten Tage seines Lebens durchlitten. Er hatte sich innerlich auf einen baldigen Tod eingestellt. In seinem Nachlaß lagen bereit eine Zusammenstellung der Stationen und Daten seines Lebens und ein Verzeichnis aller Anschriften, die nach seinem Tode zu benachrichtigen seien. Nach einem kurzen Todeskampf ist er zwei Tage nach der letzten Operation von seinem Leiden erlöst worden und zum Herrn eingegangen.

Im Nachruf des leitenden Regierungsdirektors und des Personalrates der Strafanstalt heißt es: "Die Anstalt verliert in dem Verstorbenen einen nicht nur hochverdienten und pflichtbewußten Seelsorger, sondern auch einen allseits beliebten und gütigen Menschen, dessen Leben bis in die letzten Tage erfüllt war von nimmermüder Hingabe und steter Sorge für die ihm anvertrauten und straffällig gewordenen Mitbürger."

P. U. Schaefer SJ

R.i.p.

Mitteilungen aus der Provinz, Nr. 9, Dezember 1972, S. 149-52