P. Ludger Born SJ
26. November 1980 in Münster

"Er war ein wunderbarer Mensch!" Diese Spontanreaktion eines der bekanntesten österreichischen Juden auf meine Nachricht vom Tode P. Borns darf wohl als typisch für das hohe Ansehen gelten, dessen sich unser Mitbruder erfreuen durfte. Ich selber traf häufig mit mehreren seiner ehemaligen Mitarbeiter und Schützlinge zusammen und weiß, wie sehr sie alle P. Born schätzten, ja verehrten.

Ludger Born wurde am 15. Juni 1897 als zweites von 10 Kindern des Buchbindermeisters und Küsters Wilhelm Born und seiner Ehefrau Maria geboren.

Am 26. Juni 1915 begann er im Bonifatiushaus in 's-Heerenberg bei Emmerich sein Noviziat. Bereits am 14. September wurde er aufgrund seiner Freiwilligenmeldung zum Militär einberufen. Er war Soldat bis zum Kriegsende, wurde Vizefeldwebel und mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet. Mit der Philosophie konnte er nach Kriegsende noch während des Noviziates beginnen, machte von Juli 1922 bis Ostern 1924 in der Kölner Residenz ein ND-Praktikum bei P. Grauvogel und war anschließend bis Sommer 1925 "Knabenbändiger" in unserem Breslauer Internat bei P. H. Leenen. Am 27. August 1928 zum Priester geweiht, war er von 1929-33 in der Düsseldorfer Residenz Mitarbeiter in der "RuRAG" für religiös-wissenschaftliche Zeitfragen. Es folgte das Tertiat in St. Andrä/Kärnten unter P. Hatheyer. Anschließend kam er in den Schlump nach Hamburg, wo er Priester- und Schwesternseelsorger war, Konvertitenunterricht gab, das Amt des Studentenseelsorgers versah und an der Hochschule für Lehrerbildung dozierte. 1935 wurde er im Schlump Superior. Im Schreiben des Reichsführers SS vom 12.1.1937 finden wir ihn auf der Liste für den SD neben P. von Nell-Breuning und weiteren 12 Priestern, darunter 10 Jesuiten, als "Wanderprediger".

1939 wurde P. Born nach Wien in die Residenz am Universitätsplatz (heute Dr.-Ignaz-Seipel-Platz) versetzt. Ab Oktober war er als Prediger, Beichtvater und Priesterseelsorger tätig.

Als P. Bichlmair, der sich der bedrängten Judenchristen angenommen hatte, im November 1939 verhaftet und später nach Beuthen/OS verbannt wurde, kam es nach einer Zwischenlösung im Dezember 1940 zur Gründung der Erzbischöflichen Hilfstelle für nichtarische Katholiken durch Kardinal Innitzer. Mit der Leitung betraute dieser P. Born und wies ihm Räume im Palais zu, die bald - da ehedem Kutscherwohnung der "Stall" genannt wurden. Diese Tätigkeit war zweifelsohne der Höhepunkt des priesterlichen Wirkens P. Borns und verdient wegen ihrer herausragenden Bedeutung einige Aufmerksamkeit.

Offiziell durfte nur die Israelitische Kultusgemeinde (IKG) die Rechtsvertretung und Fürsorge für die Juden wahrnehmen. Sie war die einzige behördlich eingesetzte und anerkannte Vertretung aller Juden, unbeschadet des religiösen Bekenntnisses. Verständlicherweise lag der IKG vor allem die Vertretung der Glaubensjuden am Herzen. Deshalb wurde zunächst die "Auswanderungshilfsorganisation für nichtmosaische Juden in der Ostmark" gegründet. Sie war zwar offiziell nicht anerkannt, konnte aber eine zeitlang die Interessen der Nichtglaubensjuden hinsichtlich Auswanderung, Evakuierung und Fürsorge in Zuammenarbeit mit der IKG wahrnehmen. Immerhin gab es am 31.12.41 in Wien noch insgesamt 7.917 Nichtglaubensjuden, von denen 3.836 römisch-katholisch waren. Die anderen gehörten einem anderen christlichen Bekenntnis an oder waren konfessionslos. Die Bemühungen um Auswanderung erstreckten sich bis Mitte 1941. Dann war auch dieser Fluchtweg versperrt. Wer die damaligen Verhältnisse nicht kennt, kann sich von dieser Aufgabe keine Vorstellung machen. Nicht nur war die Aufnahmebereitschaft für Juden sehr gering, sondern wenn doch einzelne das begehrte Visum erhielten, hatten sie horrende Geldsummen aufzubringen - ähnlich den vietnamesischen boat-people unserer Tage. Wer von einer brasilianischen Delegation für die Einwanderung ausgewählt wurde, mußte einen Betrag von 39.000.- RM hinterlegen. Ein lediger Studienrat (Mittelschulprofessor) erhielt damals 400.- RM im Monat.

Wunder konnten weder P. Born noch die Hilfsstelle wirken, aber mit zäher Energie, einem unvorstellbaren Organisationstalent und einer Todesverachtung, die aus der lebendigen Bindung an Gott kam, versuchte er mit seinen Mitarbeiterinnen, deren Einsatzbereitschaft der seinen nicht nachstand, das Los der Verfolgten im Rahmen des Menschenmöglichen zu erleichtern. So wurden sämtliche Ordensgemeinschaften und Pfarreien um Nahrungsmittel (es war ja die Zeit der Lebensmittelkarten) für die Verfolgten gebeten. Kein Wiener Kloster verschloß sich der Hilfe. Insgesamt 51 Häuser leisteten mehr oder weniger umfangreiche Hilfe. Daß es nicht mehr waren, lag einzig daran, daß zahlreiche Klöster von der Gestapo bereits geschlossen waren. Die Mitarbeiter der Hilfsstelle waren eine verschworene Gemeinschaft engagierter Christen, die zur Hilfe um jeden Preis, auch des eigenen Lebens, entschlossen waren. Von den 23 Mitarbeiterinnen im Laufe der Jahre kamen 9 ins Konzentrationslager, nur eine kehrte von dort zurück.

P. Born war von Anfang an klar, daß trotz der heutzutage unvorstellbaren materiellen Not die seelische Bedrängnis noch größer war. Das Gefühl, Ausgestoßene, Verfemte zu sein, bedrückte die Verfolgten noch weit mehr als die bittere Armut, die im krassen Gegensatz zum ehemaligen Wohlstand gerade vieler Wiener Juden stand. Deshalb stand die Seelsorge seit Beginn der. Arbeit im Mittelpunkt der Bemühungen. Für die Kinder und Jugendlichen, die angesichts der chaotischen Zustände besonders der Gefahr der Verwahrlosung ausgesetzt waren, wurden Religionsunterricht und Gruppenstunden gehalten, eine eigene Schule gegründet, deren Leistungsstand weit über dem der damaligen Schulen lag. Zwei überlebende Jugendliche der damaligen Zeit haben inzwischen über Österreich hinaus Berühmtheit erlangt: die Dichterin Ilse Aichinger und der Künstler Arik Brauer.

Von nicht geringerer Bedeutung war die Sorge für die Alten und Kranken. Immer wieder gab die Feier der Gemeinschaftsmesse in der Universitätskirche (Jesuitenkirche) den Ausgestoßenen das Bewußtsein, daß ihre Kirche sie nicht vergessen hatte. In vielen ergreifenden Zeugnissen brachten die Ausgestoßenen ihre Dankbarkeit zum Ausdruck: "Daß ihr uns nicht allein gelassen habt in unserer Angst... Daß wir zu euch kommen durften, wenn wir nicht mehr weiter wußten... Daß ihr immer wieder zu uns gekommen seid, obgleich unsere Wohnungen als Judenwohnungen gekennzeichnet waren... daß ihr einfach für uns da wart, hat uns aufrecht gehalten, hat uns als Hoffnung und Trost begleitet ins Lager, in die Deportation und ins grausame Ende..."

Mit großer Umsicht bereitete P. Born mit seinen Mitarbeiterinnen die Schützlinge auf eine ungewisse harte Zukunft vor, ein christliches Leben in nichtchristlicher Umgebung ohne Priester und ohne Gottesdienst und auf ein christliches Sterben. Zeugnisse aus Konzentrationslagern bekunden, daß bei allem begreiflichen Versagen einzelner angesichts des sicheren Todes doch zahlreiche Gläubige aus P. Borns Gemeinde das religiöse Leben in Theresienstadt entscheidend geprägt und mitgetragen haben. Und wenn einer seiner Schützlinge über die gewiß herausragende ehemalige Mitarbeiterin der Hilfsstelle Liselotte Fuchs, die Tochter eines Generalstabsarztes, den der Dank des Vaterlandes zusammen mit der Familie ins Vernichtungslager gebracht hatte, schreibt, daß sie "zum Symbol des Christen schlechthin" wurde, so war dies neben der unauslotbaren Gnadenführung Gottes sicher ganz entscheidend der beharrlichen Seelenführung P. Borns zu danken.

Oder wenn wir an "Herbert" denken, den blonden, blauäugigen 16jährigen, der Hitlerjunge und Ministrant war und selber nicht wußte, daß er der verfemten "nichtarischen" Rasse angehörte. P. Born führte einen verzweifelten Kampf um sein Leben. Er brachte für einen Rechtsanwalt die damals horrende Bestechungssumme von 6.000.- RM auf (ein Kaplan im 3. Dienstjahr erhielt zu der Zeit 106,56 RM) - und doch war alles vergebens. Herbert wurde verhaftet und kam ins Sammellager zur Deportation. Für die Kranken und Sterbenden wurde ihm die hl. Eucharistie anvertraut. Strahlend über diese Auszeichnung ging dieser moderne Tarcisius in den Transport. Zwei Wochen später war der tapfere Junge wie Ungeziefer vergast, weil er nicht der germanischen "Herrenrasse" angehörte.

Durch Briefe, später durch Postkarten - mehr wurde nicht erlaubt - suchte P. Born mit den Deportierten Kontakt zu halten. Etwa 150 waren es - die anderen kamen gleich in die Vernichtungslager -, denen man so ein wenig Halt geben konnte. Ab Weihnachten 1942 begannen Lebensmittelsendungen nach Theresienstadt und vereinzelt auch in die Konzentrationslager Ravensbrück, Buchenwald, Birkenau und Auschwitz. Insgesamt 9.000 Pakete konnten versandt werden, eine staunenswerte Leistung. Es ging nicht nur um die Beschaffung rationierter Lebensmittel, sondern viele Postämter weigerten sich, "Judenpakete" anzunehmen. Wenn es damals sicher "zu wenige Gerechte" gab, so ist der Einsatz P. Borns und seiner Mitarbeiter wie auch zahlreicher unbekannter und unbesungener Helfer umso bewundernswerter, die heimlich Geld oder Lebensmittel brachten oder geflüchtete Juden als sog, "U-Boote" versteckten.

Nach dem Krieg wurde P. Born gebeten, eine Dokumentation der Hilfsstelle zu erarbeiten. Er selbst konnte noch die entscheidende Vorarbeit leisten, besaß aber nicht mehr die Kraft, das Werk zu Ende zu führen. So brachte ich auf Wunsch der Obern die Arbeit zum Abschluß. Wenn sie auch nur in äußerlich bescheidener Form erscheinen konnte, so ist sie doch ein beredtes Zeugnis für die Arbeit zugunsten der verfolgten Juden, die von Kardinal Innitzer begonnen und mit Hilfe seiner Getreuen bis zum Ende mit Schrecken durchgestanden wurde. Unter ihnen nimmt P. Born einen herausragenden Platz ein.

Er war dankbar, daß er das Erscheinen der Dokumentation wie auch die Neuauflage des Tagebuchs einer seiner engsten Mitarbeiterinnen, Gertrud Steinitz-Metzler, "Heimführen werd Ich euch von überall her", noch erleben konnte. Mit ihm beabsichtigte die Verfasserin denen, die sie liebte, ein Denkmal zu setzen. Unbeabsichtigterweise tat sie dies auch für alle Helfer von einst und "den Pater", der zu der Zeit, da Mitleid mit den "rassisch Minderwertigen" ein Verbrechen war, den Verfolgten zur Seite gestanden und die Fackel der Menschlichkeit hochgehalten hat.

Wenn Gott einst dem Abraham verheißen hat, um zehn Gerechter willen Sodom zu verschonen, so dürfen wir darauf vertrauen, daß er unserer Zeit um dieser beispielhafter Menschen willen, die tagaus, tagein ihr eigenes Leben für die Verfolgten aufs Spiel setzten, die Chance eines Neubeginns im christlich-jüdischen Verhältnis schenken wird.

In den letzten Kriegstagen konnte P. Born noch Hervorragendes für Wien leisten. Das Gebiet um den Stefansdom wechselte mehrmals den Besitzer zwischen Deutschen und Russen. Zweimal konnte P. Born durch persönlichen Einsatz Funkenherde am Dom - hoch im Dachstuhl - löschen. Die letzte, endgültige Brandkatastrophe konnte er freilich nicht verhindern. Da alle Häuser ringsum zerstört waren und die übriggebliebenen Menschen keine Möglichkeit hatten, sich selbst zu versorgen, richtete P. Born im Palais Kardinal Innitzers eine Küche ein, die täglich bis zu 3oo Mittagessen ausgab. Landpfarren und Klöster spendeten in großzügiger Hilfsbereitschaft Lebensmittel für die hungernden Wiener und P. Born brachte diese auf Lastwagen mit russischen (1) Chauffeuren und den eigenen Mitarbeitern in die Stadt. Das von der Gestapo beschlagnahmte Haus der Caritas Socialis (Generalat in der Pramergasse) holte er für die Genossenschaft zurück - Schwester Verena CS gehörte zum Kernkreis der Helfer P. Borns.

Zum ersten Mal in der Geschichte Wiens gelang es - dank der Initiative P. Borns - staatliche, private und konfessionelle Organisationen an einen Verhandlungstisch zu bringen, um gemeinsame Aktionen zu besprechen und durchzuführen. Viele Wiener haben es ihm zu verdanken, daß zahlreiche Care-Pakete dank seines Verhandlungsgeschicks und des hohen Ansehens, dessen er sich erfreute, den Weg zur hungernden Bevölkerung fanden. Der Aufbau der Caritas in Wien nach dem Krieg war weitgehend P. Borns Werk.

1946 wurde P. Born nach Sankt Georgen/Frankfurt geholt, um bis 1949 den Wiederaufbau der Hochschule zu leiten. 1949-60 war er in Dortmund, anschließend bis 1966 in Essen Seelsorger für Priester, Akademiker und Ordensleute. 1966 kehrte er dann für 10 Jahre in sein geliebtes Wien zurück, um sich der Arbeit an der Dokumentation zu widmen. 1966 zeichnete ihn der österreichische Bundespräsident für Verdienste um die Republik Österreich mit dem Großen Ehrenzeichen aus. Bei dieser Gelegenheit betonte Minister Dr. Piffl-Percevic, er bedauere, daß P. Born aus protokollarischen Gründen nicht die höchste Stufe bekommen könne. Verdient hätte er sie zweifellos. Zwei Jahre später erhielt er das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse und schließlich am 27.4.73 die Ehrennadel der österreichischen Widerstandsbewegung. Die Laudatio hielt der jetzige Bundespräsident Dr. Rudolf Kirchschläger.

Der Westdeutsche Rundfunk brachte 1961 eine Sendung über die Hilfsstelle unter dem Titel "Das Büro im Hinterhaus" (nach dem Tagebuch "Heimführen werd Ich euch..."). Einige Tage später wurde sie nochmals ausgestrahlt, im August 1964 und im November 1966 wiederholt. Am 13. März dieses Jahres wurde in Öl das Hörspiel "Die Kinder der Geächteten" gesendet, das sich auch mit ehemaligen Schützlingen P. Borns befasst. Am 27. Mai schließlich strahlte das österreichische Fernsehen die Dokumentation "Der Stall" aus.

Verständlicherweise fehlte es P. Born nicht an Bewunderern. Nicht nur seine ehemaligen Mitarbeiter und Schützlinge verehrten ihn, sondern auch die Mitglieder des Cartell Rupert Mayer, zu dessen langjährigen Mitarbeitern P. Born zählte. Von denen, die ihn wirklich kannten, habe ich nie ein abfälliges Wort über ihn gehört, wenngleich P. Born sicher seine menschlichen Eigenheiten und auch Schwächen hatte. Aus der Rückschau betrachtet, erscheint seine List, mit der er sich bis Sommer 1976 in Wien zu halten verstand, geradezu bewundernswert.

Alles in allem genommen darf ich, der ich ihn auch aus seiner persönlichen Korrespondenz kennenlernen durfte, sagen, daß er ein beispielhafter Jesuit war, der ganz aus dem Glauben lebte und etwa bei der Arbeit in der Hilfsstelle keineswegs seiner natürlichen Neigung folgte.

Wenn der oft so gründlich mißverstandene Simon Wiesenthal ihm zu seinem 60-jährigen Ordensjubiläum 1975 schrieb: "Ich weiß zu schätzen, was Sie in der Zeit ohne Gnade für meine Glaubensbrüder getan haben, und seien Sie versichert, wir werden Ihnen das niemals vergessen!", so dürfen wir in diesen Worten den Ausdruck höchster Wertschätzung seitens der ehedem Verfolgten erblicken.

Und wenn unsere heutige Jugend auf der Suche nach Vorbildern ist, hier hat sie eines: Einen ganzen Mann, der nicht nur außergewöhnlich tüchtig war, sondern einen Jesuiten von echtem Schrot und Korn, der seine aus dem Glauben gespeiste Nächstenliebe nicht mit hohlem Pathos, sondern durch die überzeugende Beredsamkeit der Tat bekundete. Ein Dutzend solcher Mitbrüder in jeder Provinz - und die Nachwuchssorgen wären behoben.

Am 26. November 1980 gab P. Ludger Born im Alten- und Pflegeheim Haus Sentmaring in Münster seine Seele in die Hand seines Schöpfers zurück.

R.i.p.

P. Lothar Groppe SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 7/1980 - Weihnachten, S. 124-27