Bruno Borucki SJ

P. Bruno Borucki SJ
11. März 1988 in Münster

Bruno Borucki wurde am 19. April 1894 in Kostschin, einem kleinen Städtchen in der Nähe von Posen, geboren. Westpreußen, 1793 an das Königreich Preußen gekommen, war auch die Heimat seiner Vorfahren. Sein Vater Valentin Borucki war preußischer Beamter, die Mutter Veronika, geborene Zenker, war das Kind schlichter Bauersleute. Als die Familie zahlreicher wurde, und noch bevor die Kinder das Gymnasialalter erreichten, zogen die Eltern nach Ostrowo, einer, Stadt im Südosten der Provinz Posen, zwei deutsche Meilen von der kaiserlich-russischen Grenze entfernt. Ostrowo war Garnisonstadt, beherbergte viele preußische Beamte und besaß ein stiftungsmäßig katholisches Gymnasium.-

Gymnasium in Ostrowo

Die ersten zwei Lebensjahrzehnte wuchs Bruno Borucki in einem Milieu auf, das durch Vielfalt geprägt war: Die Altersgenossen waren deutsch, polnisch und jüdisch; man war zweisprachig. Die Akzente in der Stadt setzten die Deutschen, das Umland war polnisch. Am Freitagabend trafen sich die Juden "im Tempel"; die Deutschen gingen fast alle in die "deutsche Kirche" (das war die evangelische); die Polen feierten in der "polnischen" (das war die katholische). Die Familie Borucki war katholisch, die übrigen Deutschen meist protestantisch. Am Königlichen Gymnasium zu Ostrowo - die Stadt ist der Geburtsort Edzard Schapers - bestand er Ostern 1913 das Abitur. Der Einfluß des Elternhauses und vor allem der tieffrommen Mutter und ein solider Religionsunterricht trugen dazu bei, daß er als Berufsweg das Priestertum wählte. So trat er in das Klerikalseminar in Posen ein, in dem die überwiegende Mehrheit der Studenten und Geistlichen polnischer Zunge waren, wo es aber immer auch eine Reihe von Studenten aus deutschen Familien gab. Diese Zeit dauerte indes nur ein Jahr. Exerzitien bei einem Jesuiten der damals im Exil lebenden Deutschen Provinz führten dazu, daß er sich um die Aufnahme in den Orden bewarb und am 21. April 1914 in s'Heerenberg das Noviziat beginnen konnte.

Die zwei Jahrzehnte in Westpreußen, die Erfahrungen des konfessionellen und nationalen Miteinanders und der kulturellen Buntheit blieben für später bestimmend. P. Borucki haftete vieles von einem ostelbischen Grandseigneur an, das Temperament blieb bis ins hohe Alter aufbrausend, er konnte unwirsch sein und dann wieder sehr einfühlsam. Wenn er sich im Gespräch engagierte, dann schlug er auf den Tisch (was etwa: P. Kroll dazu bewog, ihm schnell eine Serviette hinzuwerfen). Sein "Nein doch!" war schneidend und herrisch. Andererseits konnte er auch über sich selbst lachen; er vermochte es, sich am nächsten Tag für solche Ausbrüche zu entschuldigen. Das machte ihn liebenswert, das gehörte zu seiner Eigenheit. Die Mitbrüder wußten schon, was sie an ihm hatten.

Bruno Borucki hatte noch nicht einmal das Kanonische Jahr vollendet, da wurde er am 6. April 1915 als Sanitäter eingezogen. Wie viele Mitbrüdern gehörte er zum berühmten Kriegslazarett 51. Dieser Malteser-Trupp hatte neben den vorgesetzten Sanitätsoffizieren auch einen Pater als Oberen. Man trug geistliche Kleidung und versuchte, selbst noch im Feld einen möglichst großen Teil des Ordo solitus durchzuziehen. Dieser Kriegsdienst, dauerte bis zum November 1918 und führte Bruno -Borucki nach Galizien, nach Bialystok, Südungarn, Belgrad, Südserbien, Mazedonien und Frankreich. In Piennes vor Verdun durfte er am 27. 4. 1916 die Ersten Gelübde ablegen.

Nach der Entlassung zog er in die Theologie nach Valkenburg; jenem Kolleg jenseits der deutsch-holländischen Grenze, um das sich so viele Sagen ranken und in dem zu den größten Zeiten der Rektor über 330 Mitbrüder gebot. Das Hauptgewicht lag damals auf der Lehre der neuscholastischen Philosophie und der spekulativen Theologie, die im Studium der Summen des Thomas von Aquin ihre vornehmste Aufgabe sahen, auch wenn moderne Lehrstoffe nicht vernachlässigt wurden. Freilich waren die apologetische Ausrichtung und das kontroverstheologische Interesse ausschlaggebend. Die "per defectum" (durch ein Zuwenig) oder "per excessum" (ein Zu-viel) sich versündigenden Adversarii (Gegner) wurden zwar kurzgefaßt genannt, eingehend leider aber nicht studiert. Ein P. Borucki später kennzeichnendes Merkmal!

Vom August 1921 bis zum Sommer 1923 war Bruno Borucki Mitarbeiter bei P. Ludwig Esch im Bundesamt Neudeutschland in Köln. In dieser Zeit hörte er auch einige Vorlesungen bei Max Scheler. Im Herbst 1923 ging es wieder nach Valkenburg zum Studium der Theologie. Am 27. August 1925 wurde er dort durch Bischof Schrijnen von Roermond zum Priester geweiht und feierte am nächsten Tag sein erstes Heiliges Meßopfer. Die Heimatprimiz hielt er kurze Zeit später im schlesischen Lauban, wohin die Eltern nach dem Ende des Krieges gezogen waren. Wie damals üblich schloß das Tertiat unmittelbar an die· Theologie an. Er absolvierte es in Chyrów/Polen bei den galizischen Jesuiten.

Wissenschaftlich gut gerüstet und voller Tatendrang begann er seine erste Arbeit im Juli 1928 in Beuthen/Oberschlesien als ND-Pater. Freilich wurde er schon im September 1929 nach Breslau versetzt, wo er zur Kommunität in der Gabitzstraße gehörte, die so unterschiedliche Charaktere wie die Patres Beyer, den Domprediger, Rondholz, den Volksmissionar, Blümel, der überall und nirgends war, vereinte. Die Jahre von September 1929 bis zum Juli 1937 an Sankt Ignatius, Gabitzstraße, waren für P. Borucki die große Zeit. Was er damals in Jugendbetreuung und Seelsorge grundlegte, hielt über viele Jahre. Ein dankbarer Rückblick seiner Jungs, von denen eine Reihe den Weg zum Priestertum und in den Orden wählten, drückte es im Jahre 1974 so aus:

    "Es scharten die Jungen sich einst um den Pater,
    den Geistlichen Leiter, den Freund und Berater.
    Auf Fahrten und Lagern, in Zelten und Koten,
    in Kitteln und Kluften - bis wir verboten -
    sangen wir mit ihm die fröhlichen Lieder;
    - nachdem wir verboten, sangen wir wieder!

    Er gab uns den Blick: Unterscheidung der Geister;
    er zeigte das Ziel, als die anderen Meister
    mit ihren Genossen die Jugend geblendet,
    geführt in die Nacht, wo im Abgrund sie endet.
    Der Pater war Werkzeug und Gnade zugleich,
    uns Wegweiser hin zum ewigen Reich."

Und ein Mitbruder schrieb ihm: "Deine Führung war immer unaufdringlich, aber doch sehr nachhaltig". In der Tat war die Gestalt P. Boruckis so, daß man sich daran reiben konnte, ja reiben mußte. Ein "obberschlessischer Pfierzeiler" des P. Hapig drückte es so aus:

    "N.D. pfihrt und Jungschar dann
    der Bruno Borucki an.
    Er gibt den Befellen raus,
    andre pfihren ihm dann aus.
    Ibberschrift: Das General."

In der Nazizeit wurde die Arbeit immer schwieriger, die Schikanen häuften sich, schließlich wurde der Bund Neudeutschland zwangsweise aufgelöst. Für P. Borucki begann im Juli 1937 ein neuer Lebensabschnitt, als ihn ein Weggefährte der ersten Ordensjahre, Erzbischof E. Profittlich S.J., nach Reval, der Hauptstadt Estlands, rief und dort als Pfarrer einsetzte. Das Land hatte etwa eine Million Einwohner, nur 3.000 waren katholisch, unter ihnen sehr viele Polen. Deutsch und Polnisch waren für P. Borucki kein Problem. Estnisch mußte er noch lernen. Aber auch mit dieser finno-ugrischen Sprache mit ihren 14 Casus kam er zurecht. Die Seelsorgsarbeit war mühsam, aber sehr interessant. Später sprach er oft davon. Leider brach mit dem Pakt zwischen Hitler und Stalin 1939 ein jähes Ende herein. Während die Mitbrüder, die die estnische Staatsbürgerschaft angenommen hatten, verschleppt wurden, mußte Pater Borucki im Dezember 1940 Estland verlassen.

P. Provinzial Wehner berief ihn als Superior. nach Dresden, wo er in der Gustav-Adolf-Straße am 1.1.1941 antrat. In der sächsischen Diaspora, in Dresden, Leipzig und Bautzen, entfaltete er eine reiche Tätigkeit. Er hielt weltanschauliche und philosophische Vorträge für Priester und Gemeinden, in denen er Orientierung und Hilfestellung bot, er gab Kurse und Exerzitien für Schwestern und Ordensleute. Damals muß er wohl vertretungsweise bei einigen Hinrichtungen als Geistlicher dabeigewesen sein. In Dresden erlebte er auch die drei furchtbaren Angriffe am 13./14.2.1945, als alliierte Bomberverbände die Stadt in Trümmer legten und mit Brand- und Sprengbomben nahezu auslöschten. Etwa 60.000 Tote schätzte man damals in der mit schlesischen Flüchtlingen überfüllten Stadt. P. Borucki und die vor Ort verbliebenen Mitbrüder suchten in diesem Chaos zu helfen, sie standen Sterbenden bei, versorgten Schwerverletzte, ermutigten und trösteten.

Auch nach der Ablösung als Superior am 10.12.1948 blieb er noch bis April 1951 in Dresden. Er versah das Amt des Ökonomen, besorgte Bücher, baute neue Arbeiten mit auf. Am 1. Mai 1951 übernahm er das Oberenamt in Leipzig. In der dortigen Residenz in der Mozartstraße hatte die von den Patres Spohrs und Hubert Klose ursprünglich in Erfurt initiierte Rednerturme ihren Schwerpunkt gefunden. Von dort zogen die Patres aus, um im Gebiet Mitteldeutschlands religiöse und weltanschauliche Vorträge zu halten, um in der Seelsorge mitzuhelfen und Volksmissionen zu predigen. Von Juni 1957 bis Januar 1961 war er erneut als Operarius in Dresden. In den· Jahren seit dem Krieg verlagerte sich sein Interesse zunehmend von der direkten Seelsorge auf philosophische und fundamentaltheologische Probleme, er befaßte sich mit Fragen der Seelenführung und der geistlichen Begleitung. Seine große Bibliothek ermöglichte ihm, auch schriftstellerisch tätig zu werden.

Die politische Entwicklung in Deutschland hatte es indessen mit sich gebracht, daß Mitbrüder, die das Noviziat im Westen gemacht und dort auch studiert hatten, nicht mehr in die mitteldeutschen Gebiete destiniert werden konnten. Deshalb beschloß man, in Mitteldeutschland mit einem Noviziat zu beginnen und vor Ort die Möglichkeiten der Priesterausbildung zu nutzen. So begann am 15. September 1958 das Noviziat in Erfurt. Das dortige "Studium" der mitteldeutschen Jurisdiktionsbezirke wurde Ausbildungsort der Scholastiker. Da aber die Oberen der Meinung waren, daß die Mitbrüder noch einige Ergänzungsvorlesungen hören sollten, wurde P. Borucki ab Januar 1961 mit den Aufgaben eines Lektors der Philosophie und der Fundamentaltheologie betraut.

Bis zum Oktober 1970 versah er dieses Amt. Er dozierte mit ganzer Hingabe, studierte und las. Einige Artikel und Bücher sind Früchte dieser Zeit. Diese Jahre fielen ihm nicht immer leicht, und man hatte es mit ihm nicht leicht. Wenn man ihn etwa fragte "Was ist das eigentlich - Geist?", dann reagierte er fast zornig-enttäuscht, dann konnte er einem erklären, daß man eben dumm sei. Sein Temperament und sein Engagement verblieben ihm bis ins hohe Alter!

Ende der 60er Jahre merkte er, daß er die Lektorentätigkeit nicht mehr so leisten konnte, wie er dies gern getan hätte. Auch lag ihm daran, noch einige Dinge zu schreiben. Außerdem reiste er gern und viel - als Rentner hatte er dazu ja die Möglichkeiten. So erbat er von den Oberen eine Destination in den Westen und beantragte bei den staatlichen Stellen die Ausbürgerung. Am 9. Oktober 1970 zog er nach Gießen um und gehörte bis zum Juni 1979 zur dortigen Kommunität. Er entfaltete eine reiche Reisetätigkeit, korrespondierte mit seinen ehemaligen Jungs, machte Besuche und half auch ab und an in der Seelsorge, vor allem dann, wenn es darum ging, Ost-Flüchtlingen oder Aussiedlern zu helfen. Im Jahre 1977 konnte er rückblickend schreiben: "Ich war 20 Jahre Professor der Philosophie und Fundamentaltheologie in der DDR, mehrfach längere Zeit im hl. Land, zuletzt 1974, zahllose Begegnungen und Unterredungen mit Juden, Moslems und Christen, kenne die heutige jüdische und christliche Literatur ... ". Das hohe Alter forderte zunehmend Tribut. Auch war es ihm eine große Enttäuschung, daß seine Bücher nie so recht Anklang fanden.

Aus seiner Feder stammen:
Sscerdotium, Gebetsanregungen aus dem ersten Petrusbrief, Köln 1961
Das innere Apostolat, Leipzig 1961 und Köln 1962
Verständliche Philosophie, 1. Auflage Köln 1967,
und 2. überarbeitete Auflage Regensburg 1975
Der wirkliche Gott und seine Offenbarung, Regensburg 1971.

Vor allem von seinem Philosophiebuch, dessen erste Auflage vom Düsseldorfer Kultusministerium unter die für den Philosophieunterricht an Höheren Schulen empfohlenen Bücher aufgenommen wurde, hatte er sich eine weite Verbreitung erwartet. Die Hoffnung trog, ja die zweite Auflage wurde als "inhaltlich und methodisch dem Lehrplan nicht entsprechend" eingeschätzt. Es war die Schwäche auch seiner anderen Publikationen, daß sie den modernen Verständnis- und Interessenhorizont weithin unberücksichtigt ließen. Neben die ungenügende Einbeziehung des neuzeitlichen philosophischen Denkens trat die Außerachtlassung der modernen Literatur. P. Borucki litt an dem mangelnden Erfolg, suchte aber die Gründe dafür mehr darin, daß die Leute philosophisch ja nicht denken könnten, und daß die Theologie so verquer geworden sei. Er konnte dann auch in Richtungen argumentieren, wo gar keine Gegner standen. Sein letztes Manuskript "Das messianische Angebot des Heils" wurde von keinem Verlag genommen, obwohl er noch von Münster aus verschiedenste Stellen und alte Bekannte bemühte.

Die letzten Jahre im Altenheim wurde er zwar milder, das alte Temperament brach dennoch ab und zu durch. Als er am 11. März 1988 an Altersschwäche verstarb, konnte er auf ein reiches Leben zurückblicken, ein Leben, das gleichzeitig ein Stück Weg durch die Geschichte der Deutschen, der Ostdeutschen und der Norddeutschen Provinz bedeutet. Es waren Jahre des Aufbruchs und des Erfolges, der Leiden und der Enttäuschungen. Der Bogen spannt sich vom Pontifikat Pius X. bis zum Vaticanum II mit seinen Anstößen und Folgen.

Bei Exerzitien pflegte P. Borucki seinen Jungs diesen Wahlspruch mit auf den Weg zu geben "Ich dien'!". Dieses Dienen hat er selbst gelebt: in einer fast glühenden Andacht beim Zelebrieren der Heiligen Messe, im Gebet und in Glaubensdebatten, in den großen und kleinen Stunden der verschiedenen Kommunitäten, vor allem aber in der Erfahrung, daß wir Menschen planen, daß aber Gott die Wege schenkt. Te Christus in pacem!

Karl Heinz Fischer SJ