Bruder Josef Brachtendorf SJ
21. Februar 1965 in Münster/W.

Viele Wege führen nach Rom und nicht weniger in die Gesellschaft. Bruder Brachtendorf, der am 1. 8. 1881 in Anschau (Krs. Mayen) als jüngstes von 3 Kindern eines Bauern geboren wurde, zählte bereits 26 Jahre, als er zu der Überzeugung kam, Gott wolle ihn in der Heimatmission haben. Er dachte an die Steyler, mit deren Stifter, P. Arnold Janssen, er wegen seines Eintritts gesprochen hatte. 10 Jahre vertrieb er bereits deren Zeitschriften, so daß schon gewisse Bindungen bestanden. Kämen die Steyler nicht in Frage, dann sollten es die Salesianer sein. Die Jesuiten lagen gar nicht in seinem Blickfeld, denn von ihnen kannte er nur die Heiligen Franz Xaver und Aloisius, und vor deren Heiligkeit war ihm etwas bange.

Aber sein Heimatpfarrer, ein ehemaliger Innsbrucker Jesuitenschüler, war mit Josefs Plänen nicht einverstanden. "Du mußt zu den Jesuiten, denn dort wird das eigene Ich am besten abgestreift", sagte er ihm. "Und aus lauter Heiligen besteht der Orden auch nicht gerade. Die meisten essen auch lieber zwei Eier als eins." Womit der hochwürdige Herr wohl nicht so ganz unrecht haben dürfte.

Josef Brachtendorf ließ sich also in Exaten von 4 Patres examinieren, die er nach seinem eigenen Geständnis wenig sympathisch fand. Er sagte auch ganz treuherzig, daß er nur seinem Pfarrer zulieb gekommen sei. Ohne sich weiter umzusehen, reiste er in der Hoffnung ab, daß die mangelnde Sympathie auf Gegenseitigkeit beruhe. Umso erstaunter war er, als er nach wenigen Tagen den Aufnahmebescheid erhielt. Hierin erblickte er einen deutlichen Fingerzeig Gottes, daß sein Platz in der Gesellschaft sei. Diese Gewißheit blieb ihm bis zu seinem Tode.

Der Eintrittstermin war auf den 1. Oktober 1907 festgesetzt, aber da der frischgebackene Postulantenanwärter den väterlichen Bauernhof noch dem Schwager übergeben mußte, konnte er erst am 12. 10. eintreten. In dieser Verspätung erblickte Br. Brachtendorf eine gnädige Fügung Gottes, die ihn vor dem Verlust seines eben erst aufkeimenden Jesuitenberufs bewahren sollte. In Exaten fand er nämlich drei Kandidaten und einen Priester als Gefährten vor. Unter ersteren befand sich offenbar ein Zelot. Dieser suchte mit bewegten Worten die anderen von ihrem Beruf abspenstig zu machen. Er muß ein geschickter Demagoge gewesen sein, denn tatsächlich traten die Kandidaten wieder aus und nur P. Rensing und Br. Brachtendorf blieben zurück.

Gleich zu Beginn seines Ordenslebens kam Br. Brachtendorf in die Küche, obwohl ihm diese Arbeit von Natur aus äußerst zuwider war. Zudem hatte der Arzt vor seinem Eintritt in den Orden erklärt, er müsse möglichst in frischer Luft arbeiten. Doch der Novizenmeister, der strenge P. Joh. B. Müller, meinte unbekümmert, da in der letzten Zeit in der Küche alle krank würden und der neue Postulant so gesund aussehe, solle er dort arbeiten. Die Bedenken des Arztes schlug er mit den Worten in den Wind, der liebe Gott ließe sich an Großmut nicht übertreffen. Br. Brachtendorf fügte sich und war nach seinen Aufzeichnungen 55 Jahre mit dem schweren Amt des Koches betraut, ohne nach einer anderen Tätigkeit zu verlangen. Tatsächlich stand er 51/4 Jahrzehnte in der Küche ohne ernsthaftere gesundheitliche Komplikationen durch.

Kurz nach Beendigung des Noviziates kam Bruder Brachtendorf in das Andreaskolleg nach Dänemark, an das er zeitlebens mit großer Liebe zurückdachte. Er blieb dort bis April 1915. Dann eilte er auf den Wink des deutschen Konsulats und den ausdrücklichen Wunsch der patriotisch gesinnten Obern zu den Fahnen, um das Vaterland zu verteidigen. Nach 14 Monaten Frontdienst geriet er in französische Gefangenschaft, aus der er erst Ende Januar 1920 wieder freikam. Sogleich begab er sich nach Aachen, um seine Papiere für Dänemark zu bekommen. Eine Woche später durfte er in die Hände von P. Superior Roß, dem späteren Bischof von Hiroshima, seine Letzten Gelübde ablegen. Sein Glück war verständlicherweise groß.

Aber schon am nächsten Tag traf ihn ein harter Schlag: Er mußte unverzüglich nach Valkenburg umsiedeln. Nach seinen eigenen Worten war und blieb dies die größte Enttäuschung seines Lebens. In seiner Heimat gab es böses Blut, weil er keinen Urlaub erhielt. Hatten doch die Dorfbewohner für ihren aus dem Krieg heimgekehrten Sohn einen festlichen Empfang vorbereitet. Stattdessen gab es, wie Br. Brachtendorf in schwacher Stunde gestand, 14 Jahre Kasernendienst in Valkenburg.

Eine Begebenheit aus der Valkenburger Zeit verdient der Vergessenheit entrissen zu werden. Eines Nachts, die Turmuhr hatte bereits die zwölfte Stunde angezeigt, begaben sich Br. Brachtendorfs Zimmer seltsame Dinge. Sein Bett wurde plötzlich mit jäher Gewalt zur Seite gerissen und harte Gegenstände flogen durch den Raum. Josef Brachtendorf ließ sich aber nicht einschüchtern. Entschlossen nahm er den Kampf mit den Mächten der Finsternis auf. Mit einem beherzten "Weiche Satan!" jagte er die teuflische Brut in die Flucht. Fortan belästigte kein nächtlicher Ruhestörer mehr den vielgeplagten Küchenbruder. Es war nämlich nur ein örtliches Erdbeben, das die Valkenburger Gegend heimgesucht hatte.

Ermöglichte die viele Arbeit Br. Brachtendorf keinen Besuch beim Allerheiligsten, so schickte er stellvertretend seinen Schutzengel in die Kapelle, und so war für Gebet und Arbeit gesorgt. 1934 schlug für ihn die Abschiedsstunde vom trauten Valkenburg. Da in St. Georgen der Koch ausgefallen war, mußte er dort einspringen. Als Küchenchef hatte Br. Brachtendorf immer einige Jungen als Gehilfen. Diese verehrten ihn wie einen Vater, und er sorgte mit wahrhaft väterlicher Liebe für sie. Auch den Gästen widmete er sich mit großer Sorgfalt. Dabei vernachlässigte er aber keineswegs die Mitbrüder, wenngleich er sie bisweilen gern am Narrenseil herumführte. So hatte er in seiner Vorratskammer eine ganze Batterie Essenzflaschen, mit deren Hilfe er aus jeweils gleicher Urmasse bald Vierfruchtmarmelade oder Pflaumenmus für den grauen Alltag, bald Johannis- oder Erdbeeerkonfitüre für Duplextage zauberte. Wie groß war erst die freudige Überraschung, als er an einem ganz gewöhnlichen Werktag knusprige Schweinekotletts auftischte. Doch bald stellte sich heraus, daß diese riesigen Fleischportionen nicht vom lieben Borstenvieh stammten, sondern auf dem Komposthaufen gewachsen waren. Es handelte sich nämlich um nichts anderes als panierte Kürbisscheiben.

Da der Ruf Br. Brachtendorfs sich immer mehr verbreitete, war es nicht weiter verwunderlich, daß P. Provinzial sich den berühmten Koch "auslieh".

Inzwischen tobte schon lange der Krieg und im Laufe der Jahre wurde es immer schwieriger, alle satt zu bekommen und immer etwas Schmackhaftes auf den Tisch zu bringen. Gute Ware war knapp, und was markenfrei zu erstehen war, war auch danach. Br. Brachtendorf verstand es jedoch geradezu meisterhaft, mit dem Vorhandenen hauszuhalten und seine Mitbrüder zufriedenzustellen. Keine Kalorie blieb ungenutzt und so traten die berühmt-berüchtigten Loreley-Suppen ins Dasein, in denen nach dem Motto: "Ich weiß nicht, was soll das bedeuten", die Überreste der letzten Wochen herumschwammen.

Um gegen ein Aussetzen der Lebensmittelversorgung gefeit zu sein, hielt Br. Brachtendorf stets einen kleinen Vorrat an Nahrungsmitteln im Keller, den er an den geheimsten Stellen versteckte. Doch kam dieser nicht, wie vorgesehen, den notleidenden Mitbrüdern zugute, sondern bedürftigen Dieben, die mit unermüdlichem Spürsinn auch das letzte Versteck aufspürten und ausräumten. Unser guter Bruder ließ sich aber die Mühe nicht verdrießen jeweils neue Depots anzulegen.

In der Nachkriegszeit, wo alles knapp war, fuhr Br. Brachtendorf einmal in seine Heimat, um dort Lebensmittel zu betteln. Die guten Eifelbauern füllten ihm eine große Kiste mit Kartoffeln und versteckten neben einigen Flaschen Öl noch ein paar tüchtige Speckseiten darunter. Als die Kiste endlich eintraf, war die Betrübnis unseres guten Bruders schier unermeßlich, denn ein schlichtes Zettelchen mit der Aufschrift "Entfettet" gab ihm die traurige Gewißheit, daß ein findiger Kopf für sich bereits den "besseren Teil" erwählt hatte.

Von Köln aus kam Br. Brachtendorf noch für einige Jahre nach Trier, bis er Ostern 1955 wieder in sein liebes Sankt Georgen übersiedelte. Hier konnte er noch im Kreise vieler Mitbrüder das Goldene Ordensjubiläum feiern. Allmählich wurde es für ihn immer beschwerlicher, seinen Dienst zu verrichten. Schon seit Jahren vom Amt des Küchenchefs entbunden, half er mit großer Selbstverständlichkeit in dem Bereich, in dem er lange Jahre als Erster gewirkt hatte.

Dann kam eines Tages auch für ihn der Entscheid, ins Altersheim nach Münster überzusiedeln. Für einen, der viele Jahrzehnte von früh bis spät gearbeitet hatte, war das gewiß kein leichter Weg. Fromm und zurückgezogen lebte er die letzten Jahre auf seinem Zimmer, da seine Beine ihn kaum noch trugen. Dennoch schleppte er sich bis etwa 3 Monate vor seinem Tode mühsam ins Refektor und in die Hauskapelle.

Keiner durfte ihm hierbei helfen. Jedoch ließ er sich an sonnigen Tagen vom Krankenbruder gern durch den Park fahren. Dann lächelte er vergnügt und schmauchte dazu sein Pfeifchen. Trotz heftiger innerer Schmerzen bewahrte er sich den kernigen Humor seiner Eifeler Heimat und immer wieder erheiterte er mit drolligen Bemerkungen seine Umgebung.

Eine Woche vor seinem Tode setzte Darmbluten ein. Er konnte keine Nahrung mehr zu sich nehmen und wartete betend auf sein Ende. Mit vollem Bewußtsein gab er seine Seele in die Hände seines Schöpfers zurück, ein Vorbild im Leben wie im Sterben.

R.i.p.

P. Lothar Groppe SJ

Mitteilungen 128, S. 57-60