P. Klemens Brockmöller SJ
16. Dezember 1985 in Münster

Der mir die Abfassung des Nekrologes für P. Klemens Brockmöller nahelegte und dabei versicherte, ich sei der einzige, der dazu in der Lage sei, tat es mit soviel kluger und wohlgesetzter Beredsamkeit, dass ich mich an den ehemaligen, aus der Schweiz stammenden Provinzial der damals noch einheitlichen Deutschen Provinz, P. Joseph Joye, erinnerte, dem nachgerühmt wurde, er habe anfänglich widerstrebenden Patres eine ihnen zugedachte Aufgabe so schmackhaft zu machen vermocht, dass sie von ihren einmaligen Fähigkeiten dazu selbst überzeugt waren. So weit ist es bei mir nicht gekommen; ich habe nur einer dringenden Bitte nachgegeben, weil andere Patres, die dazu weit besser geeignet gewesen wären als ich, es abgelehnt haben, diesen zugegebenermassen difficilen Auftrag anzunehmen.

In die Reihe derer, die geeignet wären, P. Brockmöller einen angemessenen Nachruf zu schreiben, gehöre ich sicherlich nicht. 51 Jahre haben wir, der Verstorbene und ich, in der gleichen Niederdeutschen Provinz gelebt, ohne uns auch nur oberflächlich kennen gelernt zu haben, haben nie miteinander in demselben Haus gewohnt, nie miteinander an der gleichen Sache gearbeitet, nie miteinader bei gelegentlichen Begegnungen, soweit ich mich entsinnen kann, auch nur ein Wort gesprochen. Seine Schriften habe ich nur oberflächlich zu Kenntnis genommmen, von seinen Arbeiten und seiner jesuitischen Lebensart allerdings manches gehört: Erbauliches und Erstaunliches!

Die einzige nähere, aber auch nur vorübergehende Begegnung auf Distanz war eine Dreiecksbeziehung, deren dritter Partner der seinerzeitige Provinzial war, bei dem sich P. Brockmöller, von einem allzu beflissenen, eilfertigen Mitbruder unzulänglich informiert, bitter und zornig über mich beschwerte, ich hätte in einer Fernsehdiskussion, die er allerdings nicht selber gesehen hatte, eine abfällige Bemerkung über ihn gemacht, was so nicht zutraf. Eher war das Gegenteil beabsichtigt. Der mir vom Provinzial nahegelegte Klärungsbrief, höflich und eigentlich ohne Grund entschuldigend abgefasst, blieb unbeantwortet. So muss ich meine Kenntnisse ausschliesslich aus der dürren Personalkartei der Provinz und den dankenswerterweise zahlreichen Mitteilungen von Mitbrüdern, die ihn gekannt haben, schöpfen.

Um es gleich zu sagen: Für eine Heiligsprechung reicht das Material nicht aus. Er war schon ein schwieriger Herr, den aber fast alle, so glaube ich sagen zu müssen, auch wieder gemocht haben, mehr als manchen anderen. Für die meisten Mitbrüder seines Lebenskreises war er einfach "der Klemens", und das spricht ja auch für ihn.

Ich selbst betrachte aber die Abfassung dieses Nekrologes keineswegs als eine lästige Gehorsamsübung. Die "Aussenseiter", "Nicht-Angepassten", "Sonderlinge", "Widerborstigen", "Nicht-der-Norm-Entsprechenden", deren es unter uns nicht wenige gibt, haben mich immer interessiert. Sie sollten über den "Leicht-Lenkbaren" nicht vergessen sein!

P. Brockmöller wurde am 10.7.1904 in Wennewick in Westfalen im nördlichen Münsterland unweit Rheine geboren, einer Gegend also, von deren Bewohnern, was die Anhänglichkeit an die katholische Kirche angeht, unter dem Pfarrklerus das Urteil

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verbreitet ist, sie seien im Guten verhärtet. In diesem Punkt war P. Brockmöller sicher nicht aus der Art geschlagen: Gläubig, kirchlich, hartnäckig; damit ist schon ganz Wesentliches über ihn gesagt! Vom Vater Klemens hatte er den Vornamen, seine Mutter hiess Agnes und war eine geborene Windoffer; der eine wie der andere Name lupenrein westfälisch. Über das Elternbaus gab auf Anfrage der als pensionierter Industriekaufmann in Rheine noch lebende 85jährige Bruder Josef folgende knappen, gleichwohl interessanten Auskünfte: Der 1861 geborene Vater, Klemens mit Vornamen, heiratete 1898 mit 37 Jahren die 10 Jahre jüngere Agnes Windhoffer. Er war damals Lehrer in Wennewick Kreis Ahaus, später in Altenrheine und starb 1935. Die Mutter folgte ihm 4 Jahre später in den Tod.

Die Eltern hatten 9 Kinder, 3 Buben und 6 Mädchen. Klemens war der Vierte in der Geschwisterreihe, der Mittlere der Buben. Der jüngere Bruder, Alfons mit Namen, trat den Steylern bei, 4 Schwestern schlossen sich Ordensgemeinschaften an, eine wurde Lehrerin, eine Kindergärtnerin. Die ein Jahr vor ihm geborene Schwester Anna lebt (bei Abfassung dieses Nekrologs) als 83-jährige in der Genossenschaft der Schwestern Unserer Lieben Frau. Den wenigen Daten dürfen wir wohl mit Sicherheit entnehmen, dass Klemens in einer frommen Familie gross geworden ist, und mit ebenso grosser Wahrscheinlichkeit, dass der Lebensstil zwischen Sparsamkeit und Entbehrung gelegen haben muss. Unser Wissen um das Einkommen der Lehrer um die Jahrhunderwende, im ersten Weltkrieg und danach nötigt zu dieser Annahme, unsere Kenntnis um den Erziehungsstil der durchschnittlichen Familie des Kaiserreiches, der Lehrer, Lehrerfamilien vorab, veranlasst eine weitere: Zucht, Ordnung, Fleiss, Gehorsam auf der Grundlage unbezweifelter Autorität dürften wohl erziehungsbestimmend gewesen sein, zumal bei 9 Kindern, deren Altersunterschied nicht einmal 13 Jahre betrug.

Über die Jugend gibt Herr Josef Brockmöller keine Auskunft ausser der einen: "Mein Bruder hat die Klassen Sexta und Quinta übersprungen, weil er von einem Lehrer Privatunterricht erhielt", ein weiteres Charakteristikum! Sein Vater war also Lehrer, was Tiefenpsychologen willkommener Anlass sein dürfte, ihre Phantasie über die Erziehungsmethoden in kinderreichen, katholischen wilhelminischen Lehrerhäusern frei spielen zu lassen. Wir ersparen uns das, weil wir darüber nichts wissen und ebenso wenig, ausser dem Gesagten, über das, was ihn veranlasste, am 25.4.1922 in 's Heerenbergh, von Emmerich entfernt eine Fusstunde auf holländischem Gebiet, in das Noviziat der Gesellschaft Jesu einzutreten. Er war also noch 17 Jahre, hatte mithin seine Bildung in einer überaus kurzen Zeit absolviert, die Volksschule im heimatlichen Dorf Altenrheine, das humanistische Gymnasium, von dessen damaligen Leistungsansprüchen die Kenner nur Ehrfurchtgebietendes zu berichten wissen, in Rheine.

Zu seinem frühen Abitur weiss die mündliche Überlieferung ausser der Bemerkung seines Bruders zu berichten, seine mit einer grossen Kinderschar gesegnete Mutter habe den hellen, quicklebendigen Sprössling, um ihn wenigstens halbtags aus dem Wege zu haben, schon als Fünfjährigen zum Vater in die Schule geschickt, und dieser mehr als einjährige Vorsprung vor dem gesetzlichen Einschulungsalter sei ihm später eben immer geblieben. Vielleicht auch zu seinem Nachteil! Der Frühbegabte konnte auf sein Reifezeugnis, erworben am Gymnasium Dionysianum in Rheine, wirklich stolz sein: Er hatte in allen Fächern (Religion, Deutsch, Lateinisch, Griechisch, Hebräisch, Englisch, Geschichte, Physik) die Note "gut", ein leichter Schatten in Mathematik wird durch ein "sehr gut" in Betragen und Fleiss leicht ausgeglichen. Als Studienziel gab er Theologie an.

Der am 25.4.1922 im grossartigen, sehr korstenaufwendig und mit viel Fleiss der Brüder eingerichteten, inzwischen über mancherlei geistlichen Besitzwechsel zu einem holländischen Volksbildungszentrum säkularisierten, aber nicht entweihten Bonifatiushaus eingetretene Klemens Brockmöller erscheint als erstjähriger Novize im Katalog der Niederdeutschen Provinz von 1923. General war damls P. Ledochowsky, Provinzial P. Bernhard Bley, Rektor des Hauses P. Heinrich Beiker, Novizenmeister P. Paul Sträter. Als 1920 Eingetretene verzeichnen die Kataloge 40, 1921 31, 1922 40, 1923 42; insgesamt hatte der Novizenmeister also jeweils etwa 80 Novizen in zwei Jahrgängen zu betreuen. Zu den Jahrgangsgenossen des Neulings gehörten u.a.

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Albert Hartmann, Nikolaus Junk, der bald wieder ausgetretene spätere Freiburger Philosoph Gustav Siewerth. Vor ihm waren u.a. Wilhelm Flosdorf, Engelbert Kirschbaum, nach ihm Josef Loosen, Heinz Müller-Japan, Heinrich Roos, Gerhard Koch. Der 1919 eingetretene, über Muttersseite mit ihm versippte Karl Wennemer war schon in der Valkenburger Philosophie, in die Klemens Brockmöller erst 1924 folgte. Vorher, 1923, musste er als Präfekt im neu übernommenen Konvikt in Breslau Buben hüten, was zeigt, dass die Oberen ihm einiges zutrauten und seine späteren Marotten noch nicht sichtbar geworden waren.
In Valkenburg fand er seinen weit entfernten Vetter Karl, der inzwischen Novizen in den alten Sprachen unterrichtete, nicht mehr vor, dafür aber so vielversprechende junge Männer wie Joh. Baptist Lotz, Leonhard Gilen, Wilhelm de Vries und eine Reihe anderer, die später das Gesicht der Provinz prägen sollten. Durch die Glaswand der Separatio konnten bewundert werden die Theologen Hubert Becher, Hubert Koffler, Carl Wehner. Richard Gutzwiller, Walter Mariaux, Augustin Rösch, Heinz Keller, Bruno Bitter, Heinrich Klein, Hugo Lassalle, Josef de Vries. Über allem schwebte unter dem Rektorat des P. Johannes Lauer der olympische Himmel der Professoren.
Der später so berühmte P. v. Nell-Breuning gehörte nicht dazu, er sprach in der Düsseldorfer Rednerturme über die Köpfe der Zuhörer. Vielleicht war er den Olympiern wegen seiner spitzigen Aperçus nicht ganz geheuer, qualifizierte er doch sehr viel später einmal den "frommen Philosophen Cathrein" als eher für eine Spiritualstätigkeit geeignet. Aber der Katalog von 1925 kennt so respektable Namen wie den Kunst-Braun, den Astronomen Esch, den Psychologen Fröbes, den Historiker Grisar, den Moraltheologen Hürth, den Philosophen Wilhelm Klein, der wegen seiner intellektuellen Selbständigkeit als Querdenker seine Schwierigkeiten bekam und später als Provinzial mit dem ein Jahr jüngeren Nell-Breuning auf das beste zusammenarbeitete. (Beide leben und arbeiten noch, der eine 97, der andere 96 Jahre alt).

Zu den theologischen Olympiern, anerkannt, geehrt und gefürchtet, gehörten der Gnaden-Lange, der Exeget Merk, die Dogmatiker Rabeneck und Umberg, zu den Philosophen der Ameisen-Wasmann, der Physiker Wulf. In der Philosophie machten ihre ersten Gehversuche als Dozenten Caspar Nink, Joh. Baptist Schuster, Josef Schröteler als Pädagoge. Charakterisieren wir die erlauchte Gesellschaft mit dem unübertrefflichen Wort, das einmal ein französischer Historiker den Professoren der (freilich alten) Gesellschaft nachsagte: "Autour de leur front la double auréole de la sainteté et du savoir". Das Selbstbewusstsein der nachwachsenden Generation konnte so nur gestärkt werden. Wehe wenn das einmal frustriert würde! Klemens Brockmöller brachte davon schon ein gerütteltes Mass mit nach der nie ausgesprochenen Formel: Ein guter Jesuit weiss und kann alles, ein sehr guter noch ein Erkleckliches mehr!

Ein zweites Mal war Klemens Brockmöller als Präfekt, im Aloisiuskolleg in Godesberg diesmal, tätig. Ab 1931 ist er in Valkenburg "im grossen Kahn", den er - nach der Priesterweihe 1933 durch Bischof Ross - 1934 mit bestandenem Punkteexamen verlässt. Ausser einem gelegentlichen Stirnrunzeln der Oberen scheint er bis dahin keinen Schaden davongetragen zu haben. Bei seiner Profess am 15.8.1942 war er allerdings schon über 20 Jahre in der Gesellschaft, was den Nekrologschreiber nachdenklich stimmt. Die dürren Daten des Personalbogens sagen nicht mehr, und auch die Oberen schweigen, was uns veranlasst, über diesen Punkt den Schleier des Vergessens zu legen und uns so eine Bemerkung über fragwürdige Disziplinierungsmassnahmen des Ordens zu ersparen. Für das Jahr 1934 gibt P. Brockmöller ein "Seminarium homileticum und volkswirtschaftliche Vorträge von Düsseldorf aus" an, die Personalkarte der Provinz spricht von einem "Biennium homileticum" in Valkenburg. 1936 macht er sein Tertiat in Münster. 1937 wirkt er als Professor für Homiletik an der Hochschule St. Georgen in Frankfurt am Main. Aufgabe und Stellung haben ihn sehr befriedigt, den Alumnen war seine streng konservative Auffassung von Predigt mit Zwecksatz und klarer Gliederung nicht immer ganz nach dem Geschmack. Aber er liess sich nicht beirren,

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Der persönliche Nachlass P. Brockmöllers ist, wie das bei uns Jesuiten so zu sein pflegt, eine reine Zufallssammlung. Er gehörte ohne Zweifel zu jenen Männern in der Gesellschaft, denen es widerstrebt, über das Allerpersönlichste (Hier ist die Übersteigerung der Steigerung schon am Platze.), den eigenen Glauben als den Kern des religiösen Lebens, zu sprechen, zu schreiben oder gar Geschriebenes zu posthumen Vermarktungszwecken der Nachwelt zu hinterlassen. Seine Nöte, Zweifel und Verzweiflungen blieben seine und Gottes Sache. Aufschlussreiche Nebensächlichkeiten finden sich aber gleichwohl. Sie seien ungeordnet, wie sie da liegen, vermerkt.

Auf dem vergilbten Vordruck einer pfarrlichen Gottesdienstordnung skizziert er undatiert mit krakeliger Schrift in ein paar Zeilen stichwortartig zusammengedrängt seinen Lebenslauf, dessen letzte Angabe "... '43 Rektor in Rheine-Eschendorf" war. Auf einem Notizblock finden sich mit Daten aus späterer Zeit drei Seiten seines in der Er-Form geschriebenen Lebenslaufes, die, wie sich eindeutig erschliessen liess, von seiner Hand zur Feier seines goldenen Priesterjubiläums und seines achtzigsten Geburtstages lediglich in seiner geliebten Pfarrgemeinde Langenhorst verfasst worden sind. Der Unterschied zwischen den kalligraphisch so anspruchsvollen Niederschriften seiner ersten und letzten Gelübde und anderer aus früherer Zeit stammenden Handschriftstücke und diesen Lebensnotizen ist sehr auffällig und graphologisch interessant. Diese sind völlig unprätentiös und drücken innere Bescheidenheit aus. Dem widerspricht auch nicht die des öfteren vorkommende Berufsangabe als "Dozent" oder "Professor", auf die er, wie Mitbrüder berichten, durchaus stolz war.

Zu dem Curiosa der Hinterlassenschaft gehört das am 10.5.1944, also mitten im Kriege ausgestellte Zeugnis über die bestandene Jägerprüfung zu einem Jahresjagdschein. Vorher hatte der "Dozent C. Brockmöller" schon den ersten Tagesjagdschein erworben: am 25.6.1940! Er wohnte damals in Münster, Königstrasse 36a, in unserer Residenz. Eine Anerkennung für den grosszügigen Oberen! Mehr als ein Dutzend Jagddokumente hat er aufbewahrt, als letztes seine Mitgliedskarte im Landesjagdverband Nordrhein-Westfalen vom Jahre 1984. Das eigene Jagdgewehr war ein Geschenk seiner Pfarrgemeinde Langenhorst. Dass zu einem ehrbaren Jägersmann auch ein Hund gehört, versteht sich von selbst. Seine Kriegsheldentaten sich schnell erzählt.

Am 1.4.1940 wird er als "ledig", "katholisch" mit "erlerntem Beruf, Theologe", mit "ausgeübtem Beruf, Dozent" gemustert, am 5.12.1940 zur 3. San. Ers.Abt. 9 Kassel eingezogen, als Sanitäter ausgebildet, 1941 in Frankreich und Russland, dort bei der Partisanenbekämpfung um Smolensk, eingesetzt. Am 1.4.1941 ist er schon Gefreiter, aber der offenbar tapfere Kriegsmann wurde bereits am 22.12.1941 auf Grund des Hitlerschen "Jesuitenerlasses" (wie er ungenau bezeichnet wurde, weil er ausser den Jesuiten auch andere, z.B. die "Halbjuden" und die "Angehörigen der ehemals regierenden Fürstenhäuser" - eine erlauchte Gesellschaft also - betraf und im übrigen nach § 24 b des Wehrgesetzes formuliert war) als n.z.v. ("nicht zu verwenden") entlassen und in Burgsteinfurt in die "Ersatzreserve II n.z.v." überführt.

Eine Auszeichnung hat er nicht bekommen. Die erhielt der "Betriebsluftschutzleiter Herz-Jesu-Kirche Clemens Brockmöller" in Gestalt des "Kriegsverdienstkreuzes 2. Klasse mit Schwertern" am 30.7.1943 in Oberhausen, wohl weil er als Kaplan in mutigem Einsatz schon am 23.6.1943 einen "mittleren Fliegerschaden" davongetragen hatte. Die kolportierte Mär, er habe die Annahme der Auszeichnung öffentlich verweigert, was sehr gut zu ihm passen würde, ist durch die Urkunde widerlegt! Dass er mit dem Nationalsozialismus nie etwas im Sinn gehabt hatte, wurde ihm am 31.7.1948 ausdrücklich bescheinigt. Wie hätte es auch anders sein können!

Gibt es keine "frommen" Nachlassstücke P. Brockmöllers? wird man mit Recht fragen. Es gibt sie, aber sie sind genau so zurückhaltend und zugleich aufschlussreich, wie alles andere bei ihm: Nichts Persönliches, nur Dokumente zur Person. Fünfzig Jahre lang hat er die Erinnerungen an den Tod seines Vaters

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bei sich gehabt: Telegramm, Todesanzeigen als Brief und in den Zeitungen, Sterbebildchen und einen langen Brief seiner Schwester Agnes. Nichts erinnert an den Tod seiner Mutter, nichts an Geschwister oder sonst einen Verwandten, und trotzdem wusste man, dass er an seiner tatkräftigen Mutter mit Bewunderung gehangen hat. Ein Taufzeugnis aus Vreden, ein Firmzeugnis aus Rheine sind die einzigen prosaischen Datenfixierungen vor seinem Eintritt in die Gesellschaft. In 's Heerenbergh legt er an Weihnachten 1923 die Devotionsgelübde ab, am 27. April 1924 in die Hände von P. Rektor Beiker die ersten Gelübde. Beide Male unterzeichnet er die handgeschriebenen Formeln mit "Clemens August Brockmöler", wie er es später nie mehr tut. Vom 10.7.1928 datiert das Zeugnis der in Köln empfangenen Niederen Weihen, ein Jahr nach Abschluss der Philosophie. Waren sie ihm aufgeschoben worden?

Am 4.5.1933 weiht ihn Bischf Antonius von Limbuerg in Valkenburg zum Subdiakon und Diakon, Bischof Johannes Ross S.J. ihn an gleicher Stelle am 27.8.1933 zum Priester. Dann finden sich unter dem 15.8.1942 die beiden handgeschriebenen Dokumente der feierlichen Profess. P. Tritz nimmt sie in Koblenz entgegen. Clemens August Graf von Galen, Bischof von Münster, ernennt ihn am 13.1.1945 zum Kaplan an St. Antonius in Rheine. Dann eine grosse Lücke von 38 Jahren: Er feiert mit seiner Gemeinde St. Johann in Langenhorst sein goldenes Priesterjubiläum und seinen 80. Geburtstag. Am 10.7.1983 schreibt Bischof Reinhard Lettmann von Münster dem wohlverdienten Mann einen langen, herzlichen Brief. Am 27.6.1984 entpflichtet er ihn auf seine Bitte im 81. Lebensjahr von seiner Aufgabe in Langenhorst. Er geht nach Münster, er weiss, dass sein Tod nicht mehr fern ist.

Lassen wir jetzt die Mitbrüder, die ihn kannten und zu schreiben bereit waren, zu Wort kommen. Sie füllen die grosse Lücke von 1945 bis 1985, 40 Jahre intensiven pastoralen Lebens. P. Otto Syré war lange Socius Provinzialis und in der untergegangenen Dortmunder Residenz sein Hausoberer. Er möge als erster das Wort nehmen: "Ein früherer Provinzial hat einmal gesagt, dass er P. Brockmöller schätze, weil er den Konservativen zu liberal und den Liberalen zu konservativ sei... Diese Bemerkung kann missverstanden werden, als ob sie auf ein labiles Grundbefinden verweise. So war Brockmöller nicht. Er hatte Charakter. Er war standfest, viel mehr als sein Rebellieren gegen Gott und die Welt und die Gesellschaft vermuten lässt, das so oft den Eindruck der Überzogenheit erweckte. Gewiss, seine Sprache war provozierend und häufig genug schockierend. Seine Gedanken waren nicht selten in eine faszinierende Aura gehüllt, aber er war nicht ein Typ, der jenseits der Tradition gestanden hätte. Eher meine ich, dass er wie nur wenige in der Tradition der Gesellschaft beheimatet war.

Die launigsten und lustigsten Gespräche mit ihm habe ich aus der Dortmunder Zeit (1959-65) in Erinnerung, wenn er in der Rekreation oder im abendlichen Symposion seine Erlebnisse und Erfahrungen mit den Professoren der Valkenburger Studienjahre erzählte, jenen Professoren, die wegen ihrer Meriten weitberühmt und gefeiert waren. Bequem war P. Brockmöller sicherlich nicht. Besuche auf seinem Zimer oder auch später in Langenhorst, wo er als Pfarrer wirkte in einem herrlichen Pfarrhaus mit einem riesig grossen Garten, in dem er den rustikalen Teil seiner vielseitigen Hobbys geniessen konnte, - er "war auf den Hund gekommen" und gab sich in kindlich behutsamer Zuneigung mit Aufmerksamkeit der Bienen- und Karpfenzucht hin - waren immer gleichzeitig beunruhigend und beruhigend.

Beunruhigend, weil das Gespräch den Partner fast immer ins Mitdenken verwickelte und Nachdenklichkeit hinterliess. Beruhigend, weil er es wie ein guter Pastoraltherapeut verstand, Zuversicht und Festikeit zu vermitteln. Mit wenigen Sätzen brachte er es - bildhaft gesagt - fertig, in einem chaotisch aussehenden Raum die Möbel richtig zu stellen, und das nicht nur im kleinen Gefüge kommunitärer Spannungen, sondern auch im grossen, vielschichtigen Gewebe kirchlicher Phänomene und Entwicklungen. Zwar nicht immer, aber doch meistens, hatten die Mitbrüder seiner Umgebung das Gefühl, dass er orthoskopisch exakt, ohne Verzeichnung,

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die Situation erfasste, wie sie war. Das traf sogar für seine Verhaltensweise in Brüssel zu, wo er einige Jahre als Pfarrseelsorger der Deutschen Gemeinde und als Religionslehrer an der Europa-Schule, vor allem aber am Europäischen Foyer der Unsrigen, damals in der Avenue de Tervueren tätig war. Dieses Foyer erstrebte in Analogie zur entstehenden wirtschaftlichen und politischen Europäischen Gemeinschaft auf der religiös-ethischen Ebene Verständigung und Zusammenarbeit, um dadurch Impulse für die ordentliche Seelsorge der betreffenden Länder zu erreichen. Als die Spannungen, durch ihn heraufbeschworen, zu gross wurden und eine von ihm nicht gewollte politische Einfärbung seiner ganzen Arbeit in Brüssel immer kritischer wurde, musste er das Feld räumen. Auf den Schreibtischen der Provinziäle in Brüssel und Köln türmten sich die Schriftstücke und Dokumente. Der schmutzige Abschied von Brüssel hat sein Herz, das von Lauterkeit und Kampfesmut durchdrungen war, tief verletzt. Über längere Zeit hin drohte er depressiv abzustürzen. Seine vom Elternhaus überkommene tiefe Gläubigkeit hat ihn davor bewahrt. -

Als sein Bruder Alfons, der bei den Steyler Missionaren eingetreten war und als Rektor des Missionshauses St. Arnold in Neuenkirchen plötzlich am Herzinfarkt starb, sgte unser Klemens: 'Jetzt ist die fromme Linie der Brockmöllers ausgestorben!' Das hat er wiederholt geäussert, ja er kokettierte geradezu mit diesem Wort. Aber er täuschte sich meines Erachtens. Ich habe Klemens stets zur 'frommen' Linie seiner Herkunft gezählt. Klemens wollte seit frühester Jugendzeit in die Mission nach Afrika. Um Missionar zu werden, trat er in die Gesellschaft Jesu ein. Um als Missionar tätig sein zu können, lernte er bewusst und gezielt und gründlich alle wichtigen Handwerke. Er konnte maureren und malen; er konnte schreinern und schlossern; er konnte gärtnern und jagen. Er verstand sich auf Mechanik und Architektur. So hat er z.B mit grosser Umsicht und Sachkenntnis die detaillierten Pläne für das Kloster der Karmelitinnen in Witten a.d. Ruht entworfen. - Als auf unsere Residenz in Dortmund ein Sprengstoffattentet versucht wurde und der Sprengsatz am Nebeneingang bereits montiert war, erwiess sich Klemens auch in diesem Umfeld als Experte. Der Anschlag missglückte, wurde aber nie auf geklärt. Wochen später hat die Kriminalpolizei die Ermittlungen ohne Ergebnis eingestellt." Soweit P. Syré.

Seinem emphatischen Lob setzt Br. Heinrich Meier aus eigener Erfahrung im Praktischen einige Einschränkungen entgegen, die nicht vereinzelt sind. "In der schweren Zeit nach dem Kriege", schreibt er, "übernahm P. Brockmöller die Leitung des Wiederaufbaus von St. Georgen. Er war der Nachfolger von P. Schlingermann, der seine Theologie noch vollenden musste. Anfangs kamen wir gut zurecht, aber bald zeigte sich, dass die Zusammenarbeit mit ihm recht scchwierig war. Zwar hatte er manche Kenntnisse in Bezug auf Bautätigkeit, aber es fehlte ihm das rechte Masshalten. So gab es mancherlei Reibereien mit den verschiedenen Handwerkern, die am Bau tätig waren. Er kannte halt seine Grenzen nicht und wollte alle technischen Einzelheiten besser wissen. So war er z.B. leicht geneigt, neuartige Baustoffe zu verwenden, die natürlich von den Herstellern hoch gepriesen wurden, aber soliden Anforderungen nicht genügten. Er hatte eben weder ein Handwerk gelernt, noch vergleichbare Kenntnisse erworben."

Und Br. Heinrich Leifeld erinnert sich einer Begebenheit, die das gezeichnete Bild vervollständigt. Im Sommer 1968 oder 69 hörte er von P. Brockmöller., dass er soeben Pfarrer in Langenhorst im Münsterland geworden sei. "Dieses besagte Dorf erzählt er, "liegt etwa 15 km von meiner Heinmatstadt Borghorst entfernt und ist wegen seiner schönen und alten Kirche im Münsterland bekannt. Der Bau ist aus dem Ende des zwölften, Anfang des dreizehnten Jahrhunderts, Spätromanik/Frühgotik. Als ich bei meinem Besuch die Kirche betrat, stand P. Brockmöller mit grünem Hemd und grauer Hose mitten unter den Bauhandwerkern. Die Kirche wurde damals von Grund auf renoviert. Man war dabei, den gesamten Fussboden zu betonieren. Im Kirchenraum gab P. Brockmöller den Ton an. Beim Betreten der Kirche spürte man unwillkürlich eine gespannte Atmosphäre.

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Mit anderen Worten: 'Dicke Luft!' Und richtig: es kam zu einem Knall. Einer der Maurer, wahrscheinlich der Polier, schrie ihn plötzlich wütend in westfälischem Platt an: 'He Pastor, we giff hier dat Kommando an'n Bau an, die oder ick?' (Er soll ihm sogar, was Br. Leifeld nicht berichtet, die Karre Beton vor die Füsse geschüttet haben.) Das hatte ihn getroffen. Darauf sagte er 'Komm, wir gehen und holen einen Kasten Bier'. Die Handwerker in der Kirche waren überrascht und mir schien, das der Krach daraufhin vergessen war."

Eine Zuschrift von P. Colgen, der Brockmöllers Nachfolger in Brüssel wurde, nimmt diesen gerade wegen seiner dort geleisteten Arbeit nachhaltig in Schutz: "Als ich Pfingsten 1966 im Auftrag von P. Provinzial Ostermann P. Klemens Brockmöller in Brüssel ablöste, hatte dieser praktisch zwei Aufgaben: Er war Mitglied des sogenannten Katholischen Europäischen Foyers und als solches Religionslehrer an der Europaschule für die deutschsprachige Sektion (Oberschule) sowie Rektor der katholischen Gemeinde deutscher Sprache in der Rue Andr Fauchille. Als Rektor der deutschsprachigen Gemeinde war er zugleich Religionslehrer am deutschsprachigen Gymnasium. Brockmöller hatte also neben seinen Verpflichtungen als Vollmitglied des Foyers und Rektor der Gemeinde den gesamten Religionsunterricht an zwei Gymnasien mit Ausnahme der zwei ersten Klassen an der deutschen Schule zu leisten. Ich musste in einer äusserst angespannten Lage die gesamte Aufgabe von heute auf morgen übernehmen.

Etwa einen Monat vor der Übernahme dieser Aufgabe traf ich P. Brockmöller kurz im Rektorat. Er war mir gegenüber sehr korrekt, obwohl ihn seine Rückversetzung nach Deutschland innerlich tief getroffen hatte. P. Brockmöller kam dann im Sommer noch einmal zu einem Gemeindefest, auf dem er offiziell verabschiedet wurde. Klemens Brockmöller war in der katholischen Gemeinde deutscher Sprache ebenso beliebt, wie er im Foyer umstritten war. Brockmöller hatte zunächst vom Foyer aus in der Gemeinde seelsorgerlich ausgeholfen und war dann unter Umständen, die mir nicht bekannt sind, ihr Rektor, d.h. ihr verantwortlicher Pfarrer geworden. Als solcher hat er in kurzer Zeit seelsorgerlich Beachtliches geleistet, vor allem auch die EG-Beamten stärker integriert und nach Anfangsschwierigkeiten auch die Jugend an den Schulen für die Gemeindearbeit gewonnen. Es ist klar, dass die Gemeinde nicht froh sein konnte, aus welchen Gründen auch immer, einen solchen Seelsorger zu verlieren.

Es mag sein, dass P. Brockmöller über seinem Engagement für die deutschsprachige Gemeinde seine Aufgabe im Foyer - dafür war er ja destiniert worden - etwas vernachlässigt hat. Jedenfalls war sein Umzug ins Rektoratshaus ein Stein des Anstosses für Patres und Laien des Foyers, die in einem sogenannten Conseil d'Administraion vertreten waren. Zu allem kam noch eine grundsätzliche Auseinandersetzung zwischen P. Brockmöller und der Mehrheit im Conseil. Nachdem de Gaulle ständig von dem "Europa der Vaterländer" sprach, glaubte P. Brockmöller auch deutscherseits etwas mehr auf nationale Eigenart und Eigenständigkeit pochen zu können. Er hat das sicherlich seiner ganzen Veranlagung nach nicht immer sehr diplomatisch getan und wohl auch die grossen Empfindlichkeiten mancher Europäer in Erinnerung an das Nazi-Deutschland und die Besatzungszeit während des Krieges verkannt. Immer wieder musste ich hören, das P. Brockmöller auf dem Höhepunkt der Spannungen selbst die italienische Botschaftersfrau, die ständig im Foyer verkehrte, 'geschnitten' habe. Aber sachlich hatte P. Brockmöller sicher in manchen Punkten recht." Soweit P. Colgen.

Möge P. Adolf Degener die Wanderungen und Arbeiten seines langjährigen Mitarbeiters und wohl auch Freundes Klemens-polytropos vervollständigen. Auch sein Beitrag bleibe unverändert: "1939-45 Kriegszeit. Br. in Oberhausen Kaplan an St. Marien, besucht (als Stationsvorsteher) Jeggle und Degener 'um das Kontobuch zu kontrollieren.' Richtet gute Treffen ein, verbunden mit Weiterbildung. Gewinnt nach schwerem Rededuell mit dem zuständigen Polizeioffizier die Auslieferung von T-Rohren zum Schutz der Kirche. Tut sich hervor bei Löscharbeiten

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in Oberhausen, soliden Kriegsverdienstorden empfangen, verweigert öffentlich die Annahme. Wurde dann ausgebombt und ging nach Rheine. Erste Tätigkeit: erhielt eine Baracke für den Gottesdienst, Vorläuferin von St. Marien in Rheine. Beim Aufbau dieser ist er aktiv dabei. P. Schröder wird ihm als Kaplan zugewiesen. Ende des Krieges in Rheine schützt er einen Bäckerladen vor Plünderung, erbeutet selber ein Fahrrad von einem Russen, hält Verteidigungspredigt wegen seines groben Vorgehens. Trifft Vorsorge für kommende Aufgaben des Ordens: erhält eine beschädigte Villa als künftige Wohnung der Volksmissionare, repariert diese in Eigenbau. Dort sammeln sich die Patres Meer, Lücker, Weymann, Mohr, es kommen hinzu die PP. Breuning, Degener, Fuhl, letztere als Vorbereitung auf die Missionarstätigkeit. Von Rheine beginnen die ersten Volksmissionen im Norden. Die Ausbildungszeit für uns betrug eine Stunde bei P. Weymann, dann gingen wir als Anfänger mit. Sehr angenehmer Aufenthalt im Haus Schleupestrasse. Lebendiger Austausch der Erfahrungen bei den Missionen. -

Brockmöller nach Hannover, findet eine Ruine vor und beginnt den Wiederaufbau in Eigenbau, ohne jede Bauerlaubnis. Beim Hochziehen der Mauern erscheint Kontrolle, Brockmöller lässt sich nicht stören, bezahlt die Strafe und macht weiter. Aus Trümmern wurde Baumaterial herbeigeholt. Nur kurze Zeit war Brockmöller in Hannover. - Ich lernte ihn bei den Missionaren näher kennen. Er selber ein tüchtiger Männerprediger ohne Tadel, der die Männer anzog. Verschwieg auch nicht die sozialen Notwendigkeiten der damaligen Notzeit. Das brachte ihm u.a. Redeverbot in der Diözese Osnabrück ein, weil er den Bauern klargemacht hatte, sie müssten Land abgeben für den Bau von Häusern für die Flüchtlinge und Vertriebennen. Die Bauern empört hatten sich beim Ordinariat beschwert.

In Recklinghausen kam nach der ersten Predigt ein Anruf von einem Ingenieur: was P. Brockmöller vertrete, sei Kommunismus. So etwas störte Brockmöller keineswegs, denn er vertrat bestimmt keinen Kommunismus. - Bei einer Mission im Dom zu Osnabrück begegnet ihm auf der Treppe Bischof Wilhelm und begrüsst ihn freundlich: 'Sieh da, der alte Löwe!' Brockmöllers Antwort: 'Und das trotz Redeverbot!' - eine stillschweigende Zurücknahme. Bischof Wilhelm lädt alle Missionare zu einer Besprechung ein und legt einen Ehe-Casus vor. Eilfertig antworten etliche: Nichts zu machen! Bischof an die Jesuiten: 'Was sagen Sie dazu?' Brockmöller gab eine kluge Antwort, die vom Bischof akzeptiert wurde. - Zu dieser Zeit befasste sich Brockmöller viel mit Bauen und Plänen. Dem damaligen Pfarrer von St. Elisabeth in Osnabrück entwarf er die zu errichtende Kirche.

In Polsum trug er der Gemeinde vor, wie man billigst bauen könnte für die Kolpingfamilie. Sein Finanzierungsplan dazu fand bei den Männern, angefangen vom Bürgermeister lebhaften Widerspruch. Alle diese lud er ins Pfarrhaus zur Besprechung ein; nach einer Stunde hatte er alle Zweifel ausgeräumt, sie überzeugt - und eine kleine Siedlung wurde gebaut." So weit P. Degener, dessen wohlwollender Brief keineswegs allein aus der Sympathie für einen alten Freund geschrieben wurde. Er wird noch weit übertroffen vom Bericht seiner langjährigen Haushälterin in Langenhorst, Frau Antonie Stegemann. Läse P. Brockmöller all die lobenden Worte, würde er vermutlich abwehren und sagen: "Da weiss ich auch noch andere Dinge!" Und in der Tat, es gibt sie, und sie dürfen nicht verschwiegen werden, schon um der Ehrlichkeit willen, die ihn selbst auszeichnete.

P. Hähn weiss davon zu berichten, aber auch in seinen Erinerungen überwiegt das Positive bei weitem: Brockmöller im KKV und Jung-KKV, als Religionslehrer an der Berufschule und Operarius, als Praefectus coll.cas. consc. und als Skriptor, bei den "jungen Leuten" der Firma C & A Brenninkmeyer, beim Betriebsmännerwerk, wo es ihm im roten Dortmund sogar gelang, am 1. Mai in einer Werkshalle mit Bergmannslampen statt Kerzen einen Gottesdienst zu feiern. "Er war mir damals so eine Art Spiritual", schreibt P. Hähn, "und hatte in spiritualibus eine klare Linie... Mit der Abrechnung war er sehr grosszügig: 'Ich kann es nicht verantworten, dem Haus Geld abzuliefern, wenn ich sehe, wie damit gewirtwirtschaftet wird' und eine andere Äusserung: 'Du merkst im Laufe der Zeit, dass manches an deiner herkömmlichen Frömmigkeit nicht mehr trägt, und hast nicht

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den Mut, diese Dinge eben abzustossen.'... In Auseinandersetzungen konnte er bisweilen übertreiben. So schrieb er Bischof Hengsbach einmal, der ihn in einer Diskussion nicht ausreden liess, so lasse er sich auch von einem Bischof nicht behandeln. Das gehe einfach nicht, dass einem in der Diskussion das Wort abgeschnitten werde!... Recht schwer taten sich Böhmer und Klemens miteinander. Dass Klemens und Rudolf Böhmer einmal mit Stühlen aufeinander losgegangen seien und es bald Mord und Totschlag gegeben hätte, scheint nicht eines fundamentum in re zu entbehren... Fest steht jedenfalls folgendes: Der später ausgetretene Wilkens war auch eine Zeitlang in Dortmund. Als wir abends wieder einmal zusammensassen, erlaubte er sich einen 'Scherz', indem er Klemens 'taufte', d.h. ihm Wasser auf den Kopf schüttete. Darauf erhob sich Klemens in seiner ganzen Grösse und verpasste dem jungen Mitbruder eine saftige Ohrfeige...

Von seinen Begegnungen mit der Gestapo erzählte er: Um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, legte der Beamte eine Pistole vor sich auf den Tisch. Als er sich umdrehte, um etwas zu suchen, nahm Klemens die Pistole und holte das Magazin heraus. Als der Beamte bei dem knackenden Geräusch herumfuhr, sagte Klemens, der alte Frontsoldat: 'Eine Pistole ist kein Kinderspielzeug!' Ein ander Mal wurde er von zwei Beamten verhört. Als der eine mal hinausging, stellte Klemens dem Zurückgebliebenen eine Frage. Als der andere zurückkam, stellte er diesem dieselbe Frage. Als der aber eine andere Antwort gab als der erste, sagte Klemens: 'Einer von euch lügt!', und mit dem Götz von Berlichingen ging Klemens hinaus - und sie liessen ihn gehen." (Anmerkung des Nekrologschreibers: Ich habe die hübschere der verschiedenen Lesarten gewählt!)

Die hohen geistigen und schriftstellerischen Qualitäten P. Brockmöllers drücken sich unverkennbar in seinen Veröffentlichungen aus, deren bekannteste die beiden Bücher "Christentum am Morgen des Atomzeitalters", Frankfurt-M. 1954 u. ff., und "Industriekultur und Religion", Frankfurt-M. 1963 sind. Es kann nicht Aufgabe des Nekrologschreibers sein, ihren Inhalt zu referieren und kritisch zu bewerten. Seine Unzulänglichkeit dazu hat er zu Beginn bereits eingestanden. Es soll aber versucht werden, am Geschriebenen und den in seinem Gefolge entstandenen Erregungen im deutschen katholischen Raum die Gestalt des Verstorbenen in ihrer Grösse und Bedeutung präziser zu konturieren. Dazu trägt auch die voraus zu vermerkende Tatsache bei, dass er in fast allen Gebieten, die er berührt, kein wissenschaftlich ausgewiesener Fachmann sein kann und auch nicht sein will, was ihm von kleinlichen Kritikern, statt Anerkennung hervorzurufen, dergestalt negativ angerechnet wurde, dass darüber seine dringenden Anliegen geflissentlich übersehen wurden. Sein erstes Buch ist der Inbegriff seiner Intentionen und wurde zum Zeichen des lebhaftesten, oft bitteren und ungerechten Widerspruchs. Innerhalb eines Jahres hatte es bereits sechs Auflagen erlebt und fand schon gleich nach seinem Erscheinen Aufnahme in die Bestsellerliste für Sachbücher des "Spiegel" vom 13.5.1964. Welchem Jesuiten wäre so schnell so grosse Anerkennung von nicht-katholischer Seite zuteil geworden! Mit berechtigtem Stolz hat er den Zeitungsausschnitt, der das ausweist, bis zu seinem Tode aufbeahrt.

Eine siebte Auflage hätte nun nach Meinung des von der Gesellschaft bestellten Gutachters P. v. Nell-Breuning, der mir zum Zwecke des Nekrologs sein ausführliches Votum zur freien Benutzung mit Namensnennung grosszügig zur Verfügung gestellt hat, eine totale Neubearbeitung unter fachkundiger Entgegnung auf alle Invektiven sein müssen, er glaubte jedoch, "eine solche Leistung (übersteige) die fachliche Qualifikation des Verfassers" und fasste sein Urteil, das ja lediglich der Meinungsbildung der Oberen dienen sollte, so zusammen: "Aus diesem Grunde ist es dem Zensor nicht möglich zu bescheinigen: scriptum... adhibitis correctionibus et novae revisioni subictum probabiliter approbatum fore. Aller Voraussicht nach würde es 'hominum de Societates scriptionibus expectationi non respondere'". Gleichwohl ist für P. v. Nell-Breunig "Brockmöllers Buch ... ein grosser Wurf von genialem Dilettantismus", seine ersten "fünf Kapitel sind ein brillierendes Feuerwerk, das ohne Zweifel sehr dazu beigetragen hat, das Buch bekannt und umstritten zu machen und damit den wertvollen Ausführungen des Schlusskapitels Beachtung

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zu sichern". In diesem spricht der Verfasser aus gesicherter Erkenntnis des Fachmannes und Erfahrung des Praktikers." In seinem "Vorschlag für eine andere Fassung des Vorworts zur 7. Auflage", die aber eben nie erschien, beklagt sich P. Brockmöller bitter und berechtigt über die aus Mangel an Verstand und Fehlen an Sachlichkeit oder bösartigem Gemisch von beidem resultierenden Vorwürfe. Und gerade gegen den, er vertrete einen kaschierten Kommunismus, hat v. Nell mit aller Entschiedenheit in einem langen zusätzlichen Exposé Stellung genommen und Brockmöllers Kirchlichkeit mit grösstem Nachdruck verteidigt. Und nichts anderes wollte der Angegriffene sein: kirchlich, aus unerschütterter Kirchlichkeit der Kirche Wege in eine ihr noch fremde Industriewelt finden helfen. Wie anders soll man denn sein Vorwort verstehen, in dem er schreibt: "Es geht ... um eine religiöse Besinnung über kulturgeschichtliche Entwickungen, in die das Christentum hineingestellt ist... Hinter den Ereignissen der Zeit steht nicht ein blindes Schicksal, auch nicht die Bosheit der Menschen und ihrer Systeme oder gar des Bösen, sondern Gottes Wille, der in seiner Vorsehung selbst die gewordenen religiös-kulturellen Formen zerbricht". Das Imprimatur zum behandelten Buch datiert vom April 1953, die Ankündigung des 2. Vatikanischen Konzils vom Janunar 1959. Sechs Jahre und mehr seiner Zeit voraus zu sein, hat im theologisch gesicherten Lager des kirchlichen Konservativismus nie Beifall finden können. Vorausdenken ist Wagnis und Ungewissheit. Derartigem Denken sollten jene keine Felsblöcke auf den Weg stossen, die vor dem Mut zum Wagnis erzittern.

Lassen wir jetzt das ganze Wohlwollen und die Verehrung der Langenhorster Gemeinde in Gestalt des Berichtes seiner langjährigen Haushälterin, in dem sich offenbar die ganz Liebe des Dorfes wiederspiegelt, aufscheinen. "Im Besitze Ihres Briefes vom 6.2.1986", schreibt Frau Stegemann, "gebe ich Ihnen nachstehend den gewünschten Bericht. Nach seiner Tätigkeit in Brüssel kam Herr Pater Klemens Brockmöller Pfingsten 1966 nach Langenhorst. Unser Dorf mit seinen ca. 1000 Seelen liegt im nordwestlichen Münsterland nahe an der holländischen Grenze, zwischen seinem Geburtsort Vennewick und der Stadt Rheine, in der er aufgewachsen und das Abitur gemacht hat. In der Familie Brockmöller war unsere Gemeinde nicht unbekannt, hatten Pater Brockmöllers Bruder und Vater in Langenhorst ihre pädagogische Ausbildung in der hiesigen Lehrerpräparandie erhalten. Dieses und die alte romanische Stiftskirche in Langenhorst, die zu den schönsten Dorfkirchen Westfalens zählt, haben Pater Brockmöller wohl veranlasst, das ihm vom zuständigen Generalvikariat gemachte Angebot, die hiesige Pfarre St. Johannes Baptist zu übernehmen, anzunehmen, zumal Langenhorst auch unweit der Universitätsstadt Münster mit ihren Bibliotheken liegt. Wir haben immer den Eindruck gehabt, dass Pater Brockmöller gern in Langenhorst sein Domizil aufgeschlagen hat.

Mit der ihm eigenen Dynamik ging er ans Werk. Wie für die ganze Kirche waren auch für unsere kleine Pfarrei die 60er Jahre eine Zeit des Umbruchs. Mit sicherer Hand führte er seine neue Gemeinde in die nachkonziliaren Jahre. Schon bald schaffte es Pater Brockmöller, dem kirchlichen Leben neue Impulse zu geben. Unter seiner Leitung betrug die Teilnehmerzahl seiner Messfeiern ca. 76% und die der grossen Jahreskollekten (Adveniat, Misereor) brachten Spitzenergebnisse im Vergleich zu anderen Gemeinden. Bei ca. 1000 Gemeindemitgliedern waren Kollektenergebnisse von 13-14.000 DM keine Seltenheit. Am Leben der weltlichen Vereine unseres Dorfes nahm Pater Brockmöller regen Anteil. In allen Versammlungen war er ein gern gesehener Gast. - Besondere Verdienst hat sich Pater Brockmöller um die Renovierung unserer ca. 800 Jahre alten Stiftskirche erworben, die, nachdem fast 90 Jahre hieran nichts gemacht werden konnte, dem Einsturz nahe war. -

Wenn es ums Bauen und Planen ging, war Pater Brockmöller in seinem Element. Er entwickelte ungeahnte Kennnisse und Fähigkeiten auf praktischen und auf technischen Gebieten. Und nicht nur das, er legte auch selbst mit Hand an. Im Umgang mit Schaufel, Spaten und Presslufthammer leistete er im 'Blaumann' schwere köperliche Arbeit. Im ersten Jahr fand er noch Zeit für die Instandsetzung unseres Pfarrhauses, und so ganz nebenher fertigte er Schreibtisch und Schränke für sein Arbeitszimmer in einer eigens eingerichteten Werkstatt selbst an. Lichtleitungen und Schalter, die nicht praktisch genug angebracht waren, verlegte er fachmännisch. Ich erinnere mich eines Weihnachtsfestes, als er, mit

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einem dicken Handwickel zelebrierend am Altar stand, nachdem er sich am Vortage mit der elektrischen Handsäge die Hand verletzt hatte. Im nachhinein ist es kaum vorstellbar, dass damit das Arbeitsprogramm Pater Brockmöllers nicht erschöpft war. Ende der 60er Jahre war es nicht ungewöhnlich, dass er in der Sonntagsmesse bekanntgab, dass in der kommenden Woche zwei Werktagsmessen ausfallen müssten, weil der Pastor von Langenhorst auch noch an anderen Orten das Wort Gottes zu verkünden habe: In jenen Jahren war er viel unterwegs; seine Reiseziele lagen nicht nur im westfälischen Raum, sondern seine Wege führten ihn bis nach München, in einem Falle sogar nach Wien zu Teilnahme an einer Fernsehdiskussion. Zweimal war auch ein deutsches Fernsehteam in seinem Pfarrhaus. Pater Brockmöllers Wirken hat in Langenhorst tiefe Spuren hinterlassen, von denen zu erwähnen sind:

    1. 1969 Errichtung eines Kindergartens,
    2. 1973 der Gemeindefriedhof wurde neu gestalet. Eine Reihe von Parkplätzen wurde angelegt.
    3. 1974 Errichtung einer Einsegnungskapelle auf der Friedhof.
    4. 1983 Einem Künstler in Kevelaer wird der Auftrag erteilt, für die Stiftskirche einen neuen Tabernakel anzufertigen, der zum goldenen Priesterjubiläum Pater Brockmöllers eingeweiht wurde.
    5. Pater Brockmöllers Initiative ist es zu verdanken, dass der Gründung des Stiftes Langenhorst vor 800 Jahren im Rahmen einer Festwoche und eines Festgottesdienstes gedacht wurde. Nach der kommunalen Neuordnung, der die politische Gemeinde Langenhorst zum Opfer fiel, wurde das Gemeindebewusstsein hierdurch wesentlich gestärkt.
    6. 1980 bekam die Gemeinde unter Pater Brockmöller ein Jugendheim, das in der Trägerschaft von St. Johannes Baptist steht.

Pater Brockmöller war ein erstklassiger Bienenzüchter. In all seiner vielen Arbeit fand der noch Zeit, sich leidenschaftlich für den Lebensraum seiner Bienen einzusetzen. - Da er auch ein leidenschaftlicher Jäger war, hat er zuweilen bedauert, nicht schon zu Lebzeiten der Abtissinnen Pastor von Langenhorst gewesen zu sein. Grosse Jagdgründe hätten sich ihm dann zu jenen Zeiten erschlossen, so pflegte er zuweilen zu scherzen! - Lange Zeit schien die Schaffenskraft Pater Brockmöllers ungebrochen zu sein, bis er im Jahre 1978 einen Herzinfarkt erlitt. Von diesem Tage an fiel ihm die Arbeit merklich schwerer. 1983 wollte er zu seinem goldenen Priesterjubiläum noch einmal die ganze Gemeinde um sich versammeln und sie zu einem Festtag einladen, der zu einem grossen Erlebnis für alle Pfarrangehörigen wurde. Persönliche Geschenke hatte er abgelehnt. Die Gemeinde bedankte sich aber bei ihm mit einer ansehnlichen Kollekte für die Jesuitenmission. -

Schon damals war das Fest überschattet von der Sorge um den Gesundheitszustand unseres Pastors Pater Klemens Brockmöller, hatte er doch selbst gesagt: 'Wer weiss, ob ich im nächsten Jahr noch die Vollendung meines 80. Lebensjahres werde feiern können.!' In den folgenden Jahren ging es, mit Ausnahme von einigen Wochen, mit seiner Gesundheit weiter bergab. Pater Brockmöllers Kräfte waren restlos erschöpft, als er im September 1984 die Leitung der Pfarrgemeinde St. Johannes Baptist in die Hände des Pastors unserer Nachbargemeinde Welbergen legte. Sein Dienst in der Gemeinde wurde ihm zu einer grossen Qual, und wir hatten den Eindruck, dass er absolut nicht auf dem Krankenbett, sondern nur 'in den Sielen sterben' wollte. Doch dazu kam es nicht mehr, entschloss er sich doch im September 1985, in den Kreis seiner Mitbrüder nach Münster zurückzugehen.

Pater Brockmöller hat einmal gesagt, die Langehorster Zeit sei die schönste seines Lebens gewesen. Das zeigt wohl seine Verbundenheit mit Langenhorst, wie sich auch seine Gemeinde mit ihrem Pastor verbunden fühlte. Er hatte auch den Wunsch geäussert, in Langenhorst zur letzten Ruhe gebettet zu werden. Einen Platz hatte er schon ausgesucht. Doch diesen Wunsch konnte seine Gemeinde nicht erfüllen, da die Ordensleitung in Köln Wert auf eine Bestattung auf den hauseigenen Friedhof (Haus Sentmaring) in Münster legte. (Anm. des Nekrologschreibers: Was nicht gerade von Noblesse zeugt!) Wie aus Kreisen des Kirchenvorstandes verlautet, soll zur Erinnerung an das segensreiche Wirken von Pater Brockmöller eine Gedenktafel auf dem Friedhof Langenhorst errichtet werden. Die Kirchengemeinde St. Johannes Baptist wird Pater Brockmöller immer in dankbarer Erinnerung behalten."

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Er ging also nach Münster, um zu sterben, bewusst und klar und aufrecht.
Und so hat es auch der damlige Rektor des Hauses Sentmaring, P. Josef Ortscheid, empfunden, der zusammen mit P. Wirtz, dem Minister in Sentmaring, schon vorher den Kontakt mit P. Brockmöller wieder angebahnt hatte. Schon 1982 hatte er dort mit seinem Eintrittsgenossen P. Alfred Otto sein Diamantenes Ordensjubiläum gefeiert. "Als P. Brockmöller", erinnert sich P. Ortscheid, "im letzten Jahre spürte, wie seine Kräfte abnahmen, entschloss er sich - nach langem Ringen - nach Münster ins Altenheim zu gehen. Mehr als einmal brachte er zum Ausdruck, wie schwer ihm dieser Schritt wurde. ("Vita communis maxima paenitentia", hat einmal ein Heiliger gesagt, und Heiligen sollte man nicht widersprechen! Anmerkung des Nekrologschreibers.) Zugleich liess er uns wissen, dass es für ihn keine andere Lösung gab. Uns hat diese Haltung sehr beeindruckt, zeigte sie doch seine gerade Haltung. So erlebten wir ihn auch in Münster: sehr ruhig und gefasst. Er wusste genau, was ihn erwartete. Dem Pflegepersonal gegenüber blieb er anspruchslos und gleichbleibend freundlich."

Wer war nun eigentlich dieser Klemens Brockmöller, Priester und Profess der Gesellschaft Jesu, die sich beide miteinander schwer taten, zu einander gehörten und doch nur in der Distanz miteinander zu leben vermochten? Auf diese Frage mochte niemand eine rechte Antwort geben. Ohne Zweifel ein Mann von Format, von grossem Format, sicherlich zu Höherem befähigt, als er erreicht, sieht man von der Zuneigung so vieler Menschen ab: Hochintelligent, tatkräftig, zupackend, rede- und diskussionsgewandt, der Kirche und der Gesellschaft Jesu allezeit in unausgesprochener Liebe, die sich oft hinter übermässiger Kritik verbarg, zugetan, unbeirrbar fromm, was nur die sahen, die ihn kannten. Also ein Jesuit der - und nun muss in positivem Sinne wiederholt werden, was oben mit negativm Kolorit gesagt worden war - "alles wusste und konnte und noch ein Erkleckliches mehr", - wenn, ja wenn er nicht die geniale Gabe gehabt hätte, sich selbst immer und immer wieder ein Bein zu stellen. "Ein Kauz war er mit Sicherheit nicht", urteilt ein Mitbruder, der fast zeitlebens mit ihm zusammen war, aber mehr als zwei Seelen hatte er schon in seiner Brust. Seine Freunde im Orden - er hat sie gehabt, nicht wenige - sind ihm allezeit verbunden geblieben. Ein zorniger Mitbruder, der Wichtiges über ihn zu entscheiden hatte, fragte sich und andere einmal: Mit wem habe ich es da eigentlich zu tun? mit dem normalen oder mit dem hysterischen Brockmöller?" Aber das war im Zorn gesagt, denn hysterisch war er eben gerade nicht! Am versöhnlichsten, aber auch am richtigsten hat Br. Leifeld sein Urteil über ihn so zusammengefasst, und wir wollen uns dem anschliessen: "Clemens Brockmöller war halt ein typisch streitbarer Westfale aus dem Münsterland. Äusserlich robust, grob, schroff. Innerlich empfindsam, feinfühlich und sensibel."

Wenn in sieben Tageszeitungen und in einer Reihe kirchlicher Blätter nach P. Brockmöllers Tod kleine und grosse Nachrufe voll hoher Anerkennung erschienen sind, dann bestätigt das: Er war ein überragender Mann!

Und nun will ich meinen Nekrolog mit den Worten enden: "Lieber Clemens! Nach Deinem Tode haben viele sehr viel Gutes über Dich gesagt und geschrieben, Nichtjesuiten und Jesuiten. Wie es der Brauch ist. Aber von den Mitbrüdern, diesen Brüdern, haben Dir einige auch ganz schön am Zeuge geflickt, aber nur einige. Da Du nun jedoch bereits im Himmel bist, wird Dich das alles ja nicht mehr tangieren. Und dass Du im Himmel bist, davon bin ich fest überzeugt."

R.i.p.

P. Karl Erlinghagen SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 3/1986 - Juni, S. 59-70