Frater Hans Büker SJ
11. August 1969

Frater Hans Büker wurde am 13. Juli 1939 in Münster in Westfalen geboren. Er stammte aus einer einfachen, tief christlichen Familie. Sein Vater, der den Beruf des Schlossers und Schmieds ausübte, und seine Mutter stammten aus dem Münsterland. Frater Büker hatte vier Geschwister: drei Brüder und eine Schwester. Einer der Brüder ist sehr jung gestorben. Der praktische Menschenverstand und die stete Bereitschaft zum Mithelfen galten in der Familie Büker viel, zumal in den wirtschaftlich schwierigen Jahren nach dem Krieg. Von Februar 1946 an besuchte Frater Büker die Fürstenbergschule in Münster. Schon nach zwei Monaten wurde er in die zweite Klasse versetzt, weil er den Mitschülern weit überlegen war. Ostern 1950 - nach dem 5. Schuljahr - wechselte er auf das Konrad-Schlaun-Gymnasium in Münster über, wo er den mathematisch-naturwissenschaftlichen Zweig belegte. Sein Abitur machte er Ostern 1959. Frater Büker hat nie zu einer Jugendgruppe gehört, wohl aber seit etwa 1957 zum Aktivkreis P. Leppichs. Bevor Frater Büker sich zum Eintritt in die Gesellschaft Jesu entschied, wahrscheinlich 1957, hatte er vor, Biologie oder Pharmazie zu studieren. Seine Schwester erzählt: Er war damals gern und viel allein, er fuhr mit dem Fahrrad spazieren und hörte gern klassische Musik, besonders die Sinfonien von Beethoven.

Am 8. April 1959 trat Frater Büker ins Noviziat in Eringerfeld ein. Bis zum Herbst desselben Jahres war P. Flosdorf sein Novizenmeister, dann kam P. Mühlenbrock. Gegen Ende des Noviziates schloß sich Frater Büker der MC an, womit er wohl nicht zuletzt dem Vorbild seiner Mutter folgte, die er immer sehr gern hatte, und die selbst auch der MC zugehörte. Weil Frater Büker von einem naturwissenschaftlich-mathematischen Gymnasium gekommen war, hatte er nach dem Noviziat ein eineinhalbjähriges Juniorat zu absolvieren, um die lateinischen Sprachkenntnisse zu vervollkommnen und Griechisch neu zu lernen. Es folgte der dreijährige Philosophiekurs in Pullach. 1965 übernahm Frater Büker für zwei Jahre eine Abteilung im Aloysiuskolleg in Godesberg. 1967 schließlich kam er nach Frankfurt in die Theologie. Im kommenden Jahre - also 1970 sollte er die Priesterweihe empfangen, nachdem sein Wunsch, mit Rücksicht auf seinen kranken Vater schon in diesem Jahre geweiht zu werden, für ihn ganz unverständlich von Rom abgelehnt worden war. Nach den Studien sollte er eine seelsorgliche Arbeit in einer unserer Pfarreien übernehmen.

Am 29. Juli 1969 fuhr Frater Büker mit einer Gruppe von Scholastikern (P. Bischofberger und die Fratres Bieger, Bosancic, Dietz, Schauerte, Löser) in die Ferien. Nach ein paar Tagen Aufenthalt in Basel und in Schönbrunn reisten wir weiter in unseren Ferienort Aurigeno bei Locarno im Tessin. Frater Büker fühlte sich von den vorhergegangenen Wochen ziemlich erschöpft und war froh, daß er sich in Aurigeno sichtlich erholen konnte. Am 7. August hielt er den Kindern einer Ferienkolonie während einer Messe eine Predigt über die Dankbarkeit, die wir Gott schulden für alles Schöne, das wir in den Ferien erleben. Am 11. August fuhr er morgens mit dem Auto nach Locarno, zum Mittagessen kehrte er zurück. Nach dem Mittagessen schrieb er - einige von uns schauten dabei zu - mehrere lustige Postkarten an verschiedene Mitbrüder. Gegen 15.30 Uhr gingen drei von uns zum Schwimmen, zwei wollten einen kleinen Bergspaziergang machen, ein weiterer hielt sich in Locarno auf. Frater Büker brach als letzter zu einem Spaziergang auf - allein. Weil er als erster zur Hütte zurückkehren wollte, schloß er sie ab und nahm die Schlüssel mit. Er hatte vor, während des Spaziergangs ein kurzes Bad zu nehmen. Von diesem Spaziergang kehrte Frater Büker nicht mehr zurück.

Trotz intensiver Suchaktionen entdeckten wir keine Spur von ihm. Am 7. September schließlich entdeckte ein Bürger von Aurigeno während der Jagd das Badezeug von Frater Büker. Am 10. September fand die Bergung statt, zu der P. Rektor Bertsch und Frater Löser nach Aurigeno gefahren waren. Nachträglich kann man sagen: Frater Büker ist am Montag, dem 11. August, auf seinem Spaziergang wohl nicht zu der vorgesehenen Badestelle gegangen, sondern auf den Berg hinauf gestiegen. Zunächst konnte er sich dabei an gut ausgebaute Wege halten. Weiter oben aber ist er wohl vom Weg abgekommen, in ein gefährliches Felsengebiet geraten und beim Anbruch der abendlichen Dunkelheit in eine tiefe Schlucht gestürzt. Es dürfte sicher sein, daß er sofort tot war.

Am 19. September 1969 wurde Frater Büker auf Wunsch seiner Eltern auf dem Friedhof von Haus Sentmaring in Münster beerdigt.

Es ist nicht möglich, mit wenigen Sätzen die menschliche Eigenart Frater Bükers angemessen zu beschreiben. Ein paar konturenhafte Andeutungen sollen jedoch folgen. Frater Büker hatte eine ausgeprägte Menschenkenntnis. Dazu kam ein überaus gesundes Urteil, das stets durchsetzt war von einem Schuß Skepsis. Er hatte die Fähigkeit, selbst kleinste Nuancen im Befinden anderer Menschen wahrzunehmen. Er durchschaute und verachtete jedes gespreizte und gekünstelte Verhalten, ebenso alles dogmatisierende Reden. Vor allem sein Personengedächtnis war zuverlässig.

Ebenso typisch wie die kritische, von etwas Melancholie durchfärbte Grundhaltung war für Frater Büker eine große Hilfsbereitschaft, die keine Zeit und keine Anstrengung scheute. Unauffällig und ganz selbstverständlich packte er gerade dort zu, wo die schmutzigeren und unangenehmeren Arbeiten zu erledigen waren. Seine Hilfsbereitschaft äußerte sich vor allem aber darin, daß er ein verstehendes und geduldiges Ohr für die Mitbrüder und viele andere Menschen hatte. Wenn er auch nicht immer eine Lösung der Probleme vorzuschlagen wußte, bekundete er doch durch Besuche und diskrete Nachfragen und andere Aufmerksamkeiten seine solidarische Teilnahme an den Nöten anderer. Ohne Übertreibung kann man wohl sagen, daß es nicht viele Mitbrüder gibt, die so oft und von so vielen ins Vertrauen gezogen wurden wie Frater Büker.

Weil er mehr auf die unmittelbaren Sorgen der konkreten Mitmenschen eingestellt war, fand er nur schwer einen Zugang zu den oft abstrakten Studienangeboten, zumal in der Philosophie.

Wegen seines kritischen, gesunden Urteils und seiner Hilfsbereitschaft wählten die Scholastiker Frater Büker im Februar dieses Jahres mit großer Mehrheit zum Bidell, worüber er sich im Stillen gefreut hat; denn er hatte oft den Eindruck gehabt, hinter den Erwartungen, die man an ihn stellte, zurückzubleiben.

Frater Büker war in einem einfachen, unauffälligen und persönlichen Sinne fromm. Von seinen letzten Exerzitien, die er unmittelbar vor den Ferien gemacht hatte, kam er ruhig und zufrieden zurück. Zum Priestertum und zur seelsorglichen Arbeit später war er fest entschlossen.

R.i.p.

Frater Werner Löser SJ

Aus der Provinz, Nr. 8 - Dezember 1969, S. 236f