Bruder Eduard Decher SJ
* 7. Dezember 1902 in Altenmittlau
5. Dezember 1998 in Münster

Mit Br. Eduard Decher ist der älteste Mitbruder unserer Provinz gestorben. Am 7. Dezember hätte er sein 96. Lebensjahr vollendet. Als er vor 25 Jahren einige Daten und Erlebnisse aus seinem Leben niederschrieb, wählte er als Überschrift "Varia loca peragrare (Ed. Decher) -Jesuitenlaufbahn". Das ist wahr: wie nur wenige Jesuiten hat er viele Orte durcheilt. Sein Leben war überreich an Erlebnissen.

Eduard wurde am 7. Dezember 1902 in Altenmittlau (Kreis Gelnhausen) geboren. Sein Vater, Josef Decher, war dort Lehrer. Seine Mutter, Maria Decher, war eine Schwester von P. Constantin Kempf SJ. Eduard hatte mehrere Geschwister, zwei seiner Schwestern leben noch und sind hochbetagt. Als der Vater 1904 nach Grossauheim bei Hanau versetzt wurde, folgte ihm die Familie dorthin. In diesem Dorf besuchte Eduard drei Jahre die Volksschule und dann die bischöfliche Rektoratsschule bis zur Quarta einschließlich. Dann wechselte er auf die Hohe Landesschule (Gymnasium) in Hanau. Offenbar war die Gymnasialzeit für Eduard eine mühsame Zeit. Er mußte die Quarta wiederholen, nach der Obersekunda verließ er das Gymanasium. Kurz zuvor hatte er sich für einige Zeit im Ignatiuskolleg in Valkenburg zur Erholung aufgehalten. Sein Onkel, der damals dort Rektor war, hatte ihn dazu eingeladen. Er lernte dort die Jesuiten aus eigener Erfahrung kennen. Die Brüder beeindruckten ihn besonders. Als Eduard Valkenburg wieder verließ, fragte ihn sein Onkel, was er einmal werden wolle. Eduard antwortete spontan: Ich komme zu euch. Nach Hause zurückgekehrt, schrieb Eduard seinem Onkel, er wolle bald als Bruder in den Orden eintreten. Der Onkel zögerte, diesen Schritt gutzuheißen. Er meinte, Eduard solle auf jeden Fall seine Gymnasialstudien zu Ende bringen, und sei es in Spanien oder irgendwo sonst.

Aber Eduard ging darauf nicht ein. Er verließ das Gymansium und meldete sich als Bruderpostulant. Von da an unterstützte ihn sein Onkel auf seinem Berufsweg. In Frankfurt fanden die Eintrittsexamina statt, und er freute sich, angenommen worden zu sein. Am 29. September 1922 fuhr er nach 's-Heerenberg, um im Noviziatshaus die Bruderpostulatszeit zu beginnen. Eduard hatte wohl zu Hause nur unklar von seinen genauen Plänen bei den Jesuiten gesprochen. Jedenfalls meinte sein Vater eine Zeitlang, er sei zum Weiterstudieren weggefahren. Als er realisierte, daß sein Sohn als Bruder in den Orden eingetreten war, war er verärgert. Die Oberen im Noviziat meinten, Eduard solle sich im Stenographie und Schreibmaschinenschreiben ausbilden lassen. Aber er wollte doch lieber Koch werden. Die Oberen geben dem Wunsche statt und schickten den Postulanten Eduard ins Peter-Faber-Haus in Bendorf am Rhein, wo er am 22. Dezember 1922 ankam. Er lernte dort das Kochen. Am 23. März 1923 trat er die Rückreise nach 's-Heerenberg an. Im damals besetzten Rheinland gab es Probleme mit dem Bahnreisen, und so legte Eduard einen großen Teil des Weges zu Fuß zurück. Ein anderer Postulant begleitete ihn: Wilhelm Crames. Glücklich kamen die beiden nach langer Reise im Noviziat an.

Am 8. April 1923 begann das Noviziat. Schon nach wenigen Monaten, am 24. Juli, wurde Eduard als Kochgehilfe nach Valkenburg geschickt. Mit demselben Auftrag hatte er im Oktober nach Exaeten zu gehen. Im März 1925 fuhr Eduard wieder nach Valkenburg zurück. Der Chefkoch, Br. Lorenz Sassen, machte einen Freudensprung, als er seinen Gehilfen wiedersah. Doch die Freude sollte nicht lange dauern. Zwei Tage nach der Gelübdeablegung - diese fand am 7. April 1925 statt - schickten die Oberen Eduard nach Breslau, wo er für einige Zeit den Koch vertreten sollte. Das gleiche hatte er im Sommer desselben Jahres im Aloisiuskolleg in Bad Godesberg zu tun. Und dann wurde Eduard Chefkoch - an Pfingsten 1926 trat er sein neues Amt im neugegründeten Sankt Georgen in Frankfurt an. Bald nach seiner Ankunft machte er zum ersten Mal einen Besuch bei seinen Verwandten in Grossauheim. Er berichtete später, daß die Verwandten nicht mit ihm rechneten, als er an der Tür schellte. Er trug das Ordenskleid. Er wurde nicht sogleich erkannt. Die Mutter ging schon ins Haus zurück, um etwas Geld für den bettelnden Mönch zu holen, um ihn so wieder loszuwerden. Aber dann erkannte ihn seine Schwester Lieselotte und die Freude war sehr groß. Eduard blieb einige Stunden im elterlichen Hause und fuhr abends nach St. Georgen zurück.

Chefkoch zu sein, bedeutete für Eduard eine große Herausforderung. Manchmal fühlte er sich überfordert und dachte sogar daran, den Orden wieder zu verlassen. Aber er blieb dann doch und war darüber später auch glücklich. Der St. Georgener Rektor, P. Ludwig Kösters, ließ Eduard an Sonntagen gern nach Grossauheim fahren, aber in Zivilkleidung. Ende 1927 vereinbarten die Oberen mit Eduard, daß er seine Kochkünste noch weiter entwickeln solle. P. Rektor Kösters dachte an ein geeignetes Schwesternhaus, aber P. Provinzial Johannes Lauer entschied, daß die Fortbildung in der Küche in Valkenburg stattfinden sollte. Am Weihnachtsabend 1927 kam Eduard in Valkenburg an. Die Fortbildungszeit in Valkenburg war knapp bemessen. Schon im Februar 1928 wurde Eduard als Koch nach Bonn in die Residenz an der Herz-Jesu-Kirche destiniert. Dort blieb er dann bis 1933.

In diesem Jahre wurde er überraschenderweise mit der Entscheidung des Oberen konfrontiert, nach Jerusalem gehen zu sollen, um am dortigen Bibelinstitut die Küche zu übernehmen. Eduard brach im Juni 1933 auf, zuerst nach Grossauheim, sodann nach Rom. Im dortigen Bibelinistitut, wo damals P. A. Bea Rektor war, hielt er sich einige Wochen auf, um notdürftig die Sprachen zu lernen, die er in Jerusalem brauchen würde. Im August legte er dort die Letzten Gelübde ab, hatte dann noch eine Privataudienz bei Papst Pius XI. und fuhr dann nach Jerusalem - zunächst mit der Bahn nach Neapel und dann von dort mit dem Schiff nach Kairo, das er sich eine Woche lang ansah, bevor er mit der Bahn nach Jerusalem weiterreiste. Im dortigen Bibelinstitut war Eduard dann Koch. Im Laufe der Zeit lernte er, sich recht gut in den verschiedenen Sprachen, die dort gesprochen wurden, zu bewegen, vor allem im Französischen, im Italienischen und auch im Arabischen. Mit dem Englischen hatte er am ehesten Schwierigkeiten.

Als im Herbst 1939 in Europa der II. Weltkrieg ausbrach, wurde Eduard, ähnlich wie andere deutsche Ordensleute, sogleich interniert (am 8. September). Zuerst mußte er sich im Österreichischen Hospiz in Jerusalem aufhalten, dann, bis 1941, im Convento della Flaggelazione. Anschließend wechselte er in die deutsche Kolonie Bethlehem bei Nazareth, wo die deutschen Templer, die Besitzer dieser Kolonie, interniert waren. Hier wurde Eduard ein Bauernhof zur Bewirtschaftung anvertraut. Die deutschen Templer kehrten inzwischen in ihre Heimat zurück. Die Sorge für Vieh und Futter war nun sein tägliches Geschäft. Zwei Araber waren seine Gehilfen. Manchmal halfen arabische Frauen aus, wenn es zuviel Arbeit gab. Die Araber waren Muslime, meistens aus Safurieh. Er lernte damals die Araber schätzen und hat auch später immer mit Hochachtung von ihnen erzählt.

Erst im Februar 1946 konnte Eduard als freier Mann nach Jerusalem und ans Bibelinstitut zurückkehren. Doch waren Palästina und Jerusalem Schauplatz vieler Unruhen. Juden und Araber bekämpften sich gegenseitig. Auch die Kolonialmacht England war in die Konflikte einbezogen. Schüsse fielen in unmittelbarer Nähe des Bibelinstituts. Der Rektor des Bibelinstituts entschied, daß nur eine Notbesatzung im Haus bleiben sollte, alle anderen sollten sich in Sicherheit begeben. Eduard flog am Karfreitag 1948 nach Beirut, wo ihn die französischen Jesuiten aufnahmen. Sie schickten ihn nach Bikfaya ins Noviziat, wo er die Küche übernahm. Am 14. August 1949 wurde Eduard nach Jerusalem zurückgerufen. Inzwischen war der Staat Israel gegründet worden. Jerusalem war fortan geteilt. Das Bibelinstitut lag im israelischen Teil der Stadt, und Eduard war es schließlich nicht möglich, dorthin vorzudringen. Er war mit der Bahn von Beirut über Damaskus (Syrien) und Amman (Hauptstadt von Jordanien) nach Jerusalem (Altstadt) gereist. Er wußte, daß am 15. August ein Mitbruder vor einem Muttergottesaltar einer Kirche auf dem Kalvarienberg seine Letzten Gelübde ablegen werde und daß der Rektor des Bibelinstituts dort sein würde. Er ging also zu der Kirche, traf dort den Rektor und besprach mit ihm, wie er ins Bibelinstitut kommen könne. Trotz aller Bemühungen gelang es aber nicht, dorthin zu gelangen. Die Juden verweigerten ihm den Zutritt. Er wartete und wartete und erhielt schließlich im Oktober 1948 die Auskunft, er solle über Beirut nach Rom zurückkehren. Inzwischen waren Eduards Pässe nicht mehr gültig und andere Probleme taten sich auf. Auf abenteuerliche Weise gelang es schließlich auszureisen, und über Kairo gelangte Eduard am 30. Oktober endlich nach Rom.

Kaum in Rom angekommen, rief ihn die Kommunität des Bibelinstituts in Jerusalem zurück. Er werde unbedingt gebraucht. Mit einem Vatikanpaß ausgestattet, bestieg Eduard am 26. Dezember 1949 das Flugzeug gen Osten. Nun hatte er Zugang zum Bibelinstitut. Aber das Visum lief Anfang April 1950 ab. Trotz aller Versuche wurde es nicht verlängert. Am 2. April wurde Eduard als Deutscher aus Israel ausgewiesen. In Rom war im Bibelinstitut an Küchenpersonal kein Bedarf. Deswegen wurde zum Krankenbruder ernannt, verrichtete aber auch noch den einen oder anderen Dienst. Im August 1950 besuchte Eduard nach vielen Jahren wieder einmal Deutschland und Grossauheim. Gern wäre er nach Jerusalem zurückgekehrt. Aber dort war inzwischen ein ungarischer Bruder mit der Küche betraut worden. In der Folgezeit waren für Eduard einige Reisen wichtig, z.B. in die Schweiz oder nach Frankreich (Lourdes). Er war dann als Krankenbegleiter tätig. Als 1957 der Platz des Kochs in Jerusalem doch wieder neu besetzt werden mußte, bat man Eduard, die Aufgabe zu übernehmen. Die Paß- und Visumfragen wurden aufs sorgfältigste gelöst, und so konnte Eduard nach einem Besuch in Grossauheim im Mai 1957 wieder in den Orient reisen, diesmal mit einem Schiff, auf dem er zu seinem Erstaunen einen Platz "Erster Klasse" bekam. Gern hat er sich an die wunderbare Schiffsreise erinnert. Er nannte sie "die schönste Reise meines Lebens". Am 4. Juni landete das Schiff, und mit großer Freude kehrte Eduard ins Bibelinstitut in Jerusalem zurück, um wieder die Küche zu übernehmen. Im Februar 1958 erwarb er den Führerschein und hatte seinen Spaß daran, den Chevrolet des Hauses durch das Land zu lenken, z.B. wenn Besucher zu den verschiedenen biblischen Stätten gefahren werden wollten. Nun konnte Eduard zum ersten Mal für eine längere Zeit unbeeinträchtigt seinen Aufgaben nachgehen.

Am 7. Dezember 1972 feierte Eduard in Jerusalem seinen 70. Geburtstag. Gleich danach kehrte er nach Europa zurück, zunächst nach Rom, wo er im Bibelinstitut P. Karl Prümm als Sekretär an die Seite gegeben wurde. Doch nach wenigen Monaten wurde entschieden, daß Eduard nach Deutschland zurückkehren solle - nach Sankt Georgen, wo er am 30. April 1973 eintraf. Keineswegs setzte sich Eduard dort zur Ruhe, er wurde noch einmal eingesetzt - in der St. Georgener Buchhaltung und an der Kollegskasse. Diese Dienste hat er Tag für Tag verrichtet, bis daß er fast ein Vierteljahrhundert später, am 7. Februar 1997, nach Haus Sentmaring in Münster umzog. Eine Woche vor diesem letzten Ortswechsel besuchte er noch einmal zusammen mit dem damaligen St. Georgener Rektor seine noch lebenden Geschwister und die Gräber der Eltern und die Schulen und Kirchen seiner Kindheit.

In St. Georgen haben wir Eduard sehr geschätzt und geliebt. Er strahlte eine wunderbare Erfahrenheit und Gelassenheit aus. Er war immer freundlich, stets zuverlässig. Er nahm an unseren Gottesdiensten und an den Mahlzeiten teil und gehörte wesentlich in das Bild des Hauses und der Kommunität hinein. Wenn er seinen Arbeitsplatz in der Kollegsverwaltung verlassen hatte, begab er sich auf sein stets sehr aufgeräumtes und geschmackvoll eingerichtetes Zimmer. Er betete dort den Rosenkranz, löste Kreuzworträtsel, las Krimis und freute sich, wenn ihn Mitbrüder, vor allem einige ausländische Scholastiker (besonders P. Homero Fuentes) besuchten. In den letzten Jahren hatte Eduard Probleme mit dem Gedächtnis. Ansonsten war er bis ins hohe Alter hinein rüstig. Nun ist seine lange und bewegte und erlebnis- und auch gefahrenreiche Lebensreise an ihr Ziel gekommen. Rom mag für ihn Symbol der pilgernden Kirche gewesen sein, Jerusalem Gleichnis der himmlischen. Diese ist nun seine ewige Heimat im Leben des Gottes, dessen Ruf Eduard gehört und befolgt hat.

R.i.p.

P. Werner Löser SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 1/1999 - Februar, S. 20-23