Bruder Jakob Deckers SJ
* 12. Dezember 1906 in Rheinberg
13. September 1994 in Münster

Einen Nachruf für Bruder Deckers zu schreiben macht Freude. Hier steht ein Mann vor uns, über den man nichts verschweigen oder beschönigen müßte.

In Rheinberg am Niederrhein kam Br. Deckers am 12. Dezember 1906 zur Welt. Es ist das Rheinberg, in dem auch die Wiege der Familie UNDERBERG stand, über die Br. Deckers gern erzählte. Aus dem Metzgerei-Betrieb des Vaters hatte er dorthin öfter Fleischwaren zu bringen.

Jakob war der mittlere von neun Geschwistern. Bereits im Jahre 1909 starb der Vater, und der Mutter fiel die alleinige Erziehung der großen Kinderschar und die Leitung des Metzgereibetriebes zu. Man kann sich kaum vorstellen, was diese Frau geleistet hat. Heute spricht man nicht mehr gern davon, daß viele Geschwister auch eine positive Seite haben. Aber unter Geschwistern lernt man es, sich gegenseitig zu helfen, sich zu vertragen und sich selbst zurückzunehmen. Das hat sicher auch unseren Jakob geprägt.

Im Anschluß an die Schulzeit erlernte er das Malerhandwerk. Nach der Gesellenprüfung wurde es ihm im Elternhaus wohl zu eng, und er unternahm einige Wanderjahre als Handwerksgeselle, wie das damals noch üblich war. So arbeitete er auch z.B. in Konstanz am Bodensee.

Seit wann ihn nun der Gedanke an den Ordensberuf beschäftigte, hat er in Gesprächen nicht verraten. Der Ruf muß ihn aber doch so tief gepackt haben, daß er mit 24 Jahren bei den Kartäusern um Aufnahme gebeten hat. Uns fällt es ja schwer, sich den Bruder Deckers als schweigenden Kartäuser-Mönch vorzustellen. Die Kartäuser haben es wohl auch bemerkt, daß die Veranlagung von Bruder Deckers nicht so recht zu ihnen paßte. Sie ließen ihn ärztlich untersuchen. Dabei wurde ihm mitgeteilt, daß er ein zu schwaches Herz für den Beruf als Kartäuser habe. Vielleicht haben die Mönche ihm dann den Rat gegeben, es einmal bei den Jesuiten zu versuchen. Das klappte und unser Jakob begann im Januar 1931 in 's-Heerenberg sein Postulat. Der Novizenmeister, P. Heinrich Schmitz, war als gestrenger Mann bekannt. Da er aber selber Rheinländer wär, hat er sicher auch an dem Sohn des Niederrheins seine Freude gehabt.

Nach seinen ersten Gelübden verblieb Br. Deckers noch in 's-Heerenberg, bis er bei der Auflösung des Hauses im Jahre 1938 mit nach Hochelten zog. 1940 wurde er zur Wehrmacht einberufen. Aber bereits im nächsten Jahr wurde er mit anderen Mitbrüdern vom bekannten 'Führerbefehl' betroffen und als Gefreiter entlassen. Inzwischen hatte die Gestapo schon die Häuser aufgelöst. P. Provinzial hatte aber keine Schwierigkeit, die Heimkehrer sinnvoll unterzubringen. So kam unser Jakob zu Schwestern nach Mönchengladbach, die einen tüchtigen Handwerker natürlich gern aufnahmen. Hier fühlte sich Br. Deckers pudelwohl, zumal auch noch andere Brüder dort Aufnahme gefunden hatten. Es blieb auch anderen Mitbrüdern nicht verborgen, wie wohl sich der 'Köbes' - wie wir ihn nannten - bei den Nonnen fühlte, und er bot viel Stoff, ihn darob zu hänseln. Nach dem Einmarsch der Amerikaner am Ende des Krieges gaben auch die verstreuten Mitbrüder ihre Einzelposten auf und fanden wieder Anschluß an ihre Gemeinschaft.

In Kürze hatten wir in Köln wieder 14 Brüder beisammen, die eifrig unter dem Kommando von P. Ludwig Fatzaun an der Wiederherstellung des Canisiushauses arbeiteten. Über diese Zeit der neu geschenkten Freiheit hat Br. Deckers noch lange geschwärmt. Es war ja auch eine einmalige Situation, nach diesem Druck durch die Nazis wieder frei atmen zu können. Das wirkte sich natürlich auch in unserem Zusammenleben aus. Eine so fröhliche Kommunität wie damals in Köln hat es wohl selten gegeben. Wir haben viel gelacht. Mittelpunkt in der Rekreation war meist unser Jakob, der mit seiner oft etwas naiven Haltung immer wieder Anlaß zu Späßen bot. So war das Canisiushaus in Köln bald wieder bezugsfertig, und auch andere Häuser riefen nach Verstärkung. Br. Deckers mußte oft umziehen: von Köln nach Frankfurt, dann zehn Jahre Münster und wieder nach Frankfurt, wo er die längste Zeit zubrachte. Er hatte das Pech, dass er viel mit zwei älteren Mitbrüdern, Br. Schmelter und Br. Kamp zusammenarbeiten mußte. So wurde er im Katalog die Bezeichnung 'Socius ...' nicht los, was den Mitbrüdern auch wieder Anlaß zum Spott bot. Br. Deckers war immer bereit, sich von den Oberen auch kurzfristig in andere Häuser senden zu lassen. Dadurch war er auch in Dänemark und in Schweden tätig. Mit den Brüdern Barbian und Reusch setzte er sich in Schweden dafür ein, daß ein Haus des Bistums am Mälar-See im Sommer deutschen Brüdern zur Verfügung gestellt wurde. Das Haus wird noch heute nach 25 Jahren von deutschen Mitbrüdern gern genutzt.

Nach einer Magenoperation im Jahre 1976 und auch mit Rücksicht auf sein fortgeschrittenes Alter wurde er 1979 wieder in sein geliebtes Köln versetzt, wo er sich noch nützlich machen konnte. Hier konnte er auch den Kontakt mit seiner dort wohnenden Schwester leichter aufrechthalten. Mit 78 Jahren mußte er dann doch in ein Altenheim umsiedeln. Er hatte die Wahl zwischen Münster und Berlin. Br. Deckers zog Berlin vor, weil sich dort Mitbrüder aus der unvergessenen Kölner Zeit befanden. Durch Tod und Versetzung dieser Mitbrüder fühlte er sich nun auch in Berlin vereinsamt, und er bat, wieder in den Westen ziehen zu dürfen. Das wurde ihm auch Anfang August 1994 gewährt. Aber bereits nach sechs Wochen rief ihn der Herr ganz plötzlich zu sich. Er hatte sich noch ohne Hilfe geduscht und angekleidet. Nach dem Frühstück fand ihn eine Pflegerin ruhig eingeschlafen in seinem Sessel vor.

Bruder Deckers war ein äußerst liebenswürdiger Mitbruder, den man gern haben mußte. Er war absolut ehrlich, durchsichtig und hatte einen lauteren Charakter. Man könnte an das Urteil des Herrn über Nathanael denken: "Ein echter Israelit, ein Mann ohne Falschheit" (Joh 1,47). Dieses äußere Erscheinungsbild entsprach auch dem seines Innenlebens: zuverlässig in dem, was er dem Herrn gelobt, treu bei der Verrichtung seiner geistlichen Übungen. Sicher durfte er beim Übergang in das Jenseits das Wort des Herrn hören: "Komm, du getreuer Knecht ...".

R.i.p.

Aus der Norddeutschen Provinz, 5/1994 - Oktober, S.193f