Bruder Josef Determann SJ
7. Januar 1981 in Münster

Am 15. Mai 1979 gab er selbst von sich diesen Lebenslauf:
Am 21. 09. 1908 in Mettingen Bauernschaft Lage geboren und am 23.09.1908 in der Pfarrkirche St. Agatha getauft auf den Namen Josef Martin. Meine erste Kindheitserinnerung war der Brand des Elternhauses durch Blitzschlag. Die damit verbundenen Veränderungen sind mir in Erinnerung. Es war Ende August 1911. Meine Kindheit verlebte ich unter den Händen des Großvaters Bernhard Determann. Ostern 1914 begann für mich die Schule. Im August desselben Jahres begann der erste Weltkrieg. Während des Krieges wechselten öfters die Lehrpersonen. Im Sommer 1917 starb der Großvater. Vater war auch eingezogen zu den Soldaten. Nach Kriegsschluß erhielten wir einen neuen Lehrer in Herrn Karl Montag. Ostern 1922 wurde ich aus der Schule entlassen und am Ostermontag wurde meine einzige Schwester geboren als letzte von 8 Kindern. So mußte ich ein Jahr als Hilfe für die Mutter zu Hause bleiben. Ostern 1923 trat ich dann meinen Dienst beim Bauer Potthaf in Lage an. Dort war ich drei Jahre, die ich immer in guter Erinnerung habe. Ostern 1926 wechselte ich dann über auf Landwirtschaft nach Greven. Dort blieb ich zwei Jahre auf Landwirtschaft.

Von Greven aus machte ich im Februar 1927 in Münster drei Tage Exerzitien. Dort kam mir das erste Mal der Gedanke an den Ordensberuf. Ich habe mich dagegen gewehrt, weil ich mir sagte, das ist nichts für dich. Das hälst du doch nicht aus. Ich wechselte sogar meinen Beruf und ging von der Landwirtschaft in die Fabrik und zwar in eine Baumwollspinnerei. Aber der Ordensberuf ließ mir keine Ruhe. Auch die Arbeit in der Fabrik sagte mir nicht zu. So war ich recht unzufrieden. Dazu kam die drohende Arbeitslosigkeit. Wir hatten damals einen guten Geistlichen als Präses in Herrn Kaplan Tertilt. Zu ihm ging ich eines Morgens und klagte ihm meinen Zustand. Als er mich angehört hatte, sagte er in ganz überzeugendem Ton. "Das ist ganz klar, Josef, Du mußt zu den Jesuiten". Sofort schrieb er mir die Adresse von P. Beiker in Münster auf und riet, dorthin zu gehen.

So fuhr ich nach Münster. Sehr freundlich wurde ich von P. Beiker empfangen. Er stellte mir einige Fragen und legte mir dann ein Formular zum Ausfüllen vor. Als ich damit fertig war, schickte er mich zu P. Krings ins Nebenzimmer. Auch er richtete einige Fragen an mich und schickte mich zurück zu P. Beiker. Dieser verabschiedete mich und sagte, ich bekäme weitere Nachricht von Köln vom P. Provinzial. Es war gerade acht Tage vor Weihnachten und am Hl. Abend erhielt ich mit der Post meine Aufnahme. Ich war sehr überrascht, daß es so einfach ging und habe mich auf Weihnachten sehr gefreut. Meine Eltern waren ebenfalls überrascht über die Nachricht. Mein Vater war etwas skeptisch und sagte, das hälst Du doch nicht lange aus. Du bist bald wieder da. Aber er gab freudig seine Zustimmung. Die Mutter meinte: "Es wäre ja allerhand, wenn von 7 Jungen nicht mal einer fürs Kloster übrig wäre". So habe ich meine Sachen gepackt und bin am 14. Februar 1929 in Begleitung meines Vaters nach 's-Heerenberg in Holland gefahren. Als Vater sich alles angesehen hatte, soll er gesagt haben, jetzt könne er sich denken, daß der Josef wohl bleiben werde. Und so ist er geblieben. Zuerst ein halbes Jahr Postulat, dann zwei Jahre Noviziat. Anschließend Versetzung nach Münster, Haus Sentmaring. Im Februar 1941 meine letzten Gelübde. Danach im April meine Einberufung zum Militär. Nach eineinhalb Jahren als n.z.v. entlassen auf Geheimbefehl des Führers, danach 3 1/2 Jahre Krankenpfleger im Franziskus-Hospital in Münster. Vor 12 Jahren kam ich nach Frankfurt Sankt Georgen, wo ich bis heute noch bin. (15. Mai 1979)

Br. Josef Fix, der viele Jahre hindurch die Nekrologe für heimgegangene Brüder schrieb, begann oder schloß kaum einen Nachruf ohne ein Zitat aus Fr. W. Weber's "Dreizehnlinden". Wenn das je seine Berechtigung hatte, dann sollte der westfälische Heimatdichter auch beim Rückblick auf das Leben von Br. Determann, der ganze Passagen aus "Dreizehnlinden" zitieren konnte, zu Wort kommen:

    "Rügt es nicht, wenn ich den Helden in der Heimat Farben male;
    dünkt der manchmal euch ein Schwärmer, nun, er war halt ein Westfale.
    Zäh, doch bildsam, herb, doch ehrlich, ganz wie ihr und euresgleichen,
    ganz vom Eisen eurer Berge, ganz vom Holze eurer Eichen!"

Diese, den Westfalen nachgesagten Eigenschaften wurden auch unserem Josef in die Wiege gelegt, der am 21. September 1908 auf einem Bauernhof in Mettingen zur Welt kam. Nach seiner Schulentlassung, Ostern 1922, gesellte sich am Ostermontag 1922 den sieben Brüdern noch eine Schwester hinzu. So durfte Josef als Hilfe für die Mutter noch ein Jahr zu Hause bleiben, bevor er, münsterländischem Brauch folgend, bei einem anderen Bauern in Dienst trat; 1923 bis 1926 auf einem Hof in Mettingen, 1926 in Greven a.d. Ems. Diese Jahre schwerer landwirtschaftlicher Arbeit - Traktoren und Erntemaschinen zeichneten sich erst am Horizont ab - haben sicher sein späteres Verhältnis zur Arbeit, zur Ausnützung der Zeit geprägt. Hier lernte er auch Tiere als Arbeitskameraden zu schätzen; manche hielten es für einen ausgefallenen Spleen, wenn er später in Eringerfeld oder Ascheberg bei den Nachbarn Pferdepflege betrieb. Die Liebe zum Pferd ist einem Bauern, der jahrelang hinter Pferd und Pflug einherging, nicht mehr auszutreiben.

Die erste Unsicherheit über seinen weiteren Lebensweg stellte sich 1927 bei Exerzitien in Münster ein; dabei dachte er zum ersten Mal an den Ordens beruf. Aus einer Abwehrhaltung heraus wechselte er von der Landwirtschaft in die Industrie und übernahm die Arbeit in einer Grevener Baumwollspinnerei. Wie er selber in seinem Lebenslauf schreibt, sagte ihm diese Tätigkeit nicht zu und er war mit sich recht unzufrieden. In Greven befand sich damals ein Kaplan, August Tertilt, der in Innsbruck studiert hatte und Zeit seines Lebens ein großer Freund unseres Ordens geblieben ist. Dem Orden fühlte er sich so verbunden, daß er auch unser Vokabular benutzte und über Jesuiten nur als von den "Unsrigen" sprach. Glücklich war er, wenn er wieder einen jungen Mann den "Unsrigen" zuführen konnte; so fanden durch ihn Br. Heitker und Br. Mergenschröer den Weg in den Orden. Als nun Josef Determann ihm von seinen Nöten erzählte, war die Antwort ganz eindeutig: "Das ist ganz klar, Josef, Du mußt zu den Jesuiten!" Am gleichen Ort sagte dieser Priester einige Jahre später einem jungen Schriftsetzer-Lehrling, der dieses Handwerk nur gewählt hatte, um es bei den Steylern ausüben zu können: "Fritz, Du solltest die Jesuiten mal kennen lernen!" und so gelangte der Schreiber dieser Zeilen zu den Jesuiten. Eine ähnliche Haltung unserem Orden gegenüber zeigte in den 20iger Jahren Präses Coppenrath in Duisburg, der uns damit eine Reihe Duisburger Mitbrüder bescherte. Man kann das alles als "Vorsehung Gottes" erklären, aber es regt auch an darüber nachzudenken, ob wir heute noch solche Freunde unter den Weltpriestern haben.

Nun, Josef Determann fuhr nach Münster und ließ sich von P. Beiker und P. Krings examinieren. Kurz vor Weihnachten 1928 erhielt er die Aufnahme und war überrascht, daß das alles so einfach ging. Mit Skepsis, aber auch mit Freude gab der Vater die Zustimmung: "das hälst Du doch nicht lange aus!" Die Mutter schloß sich der in münsterländischen Familien üblichen Haltung an: "Es wäre ja auch allerhand, wenn von sieben Jungen nicht einer für's Kloster übrig wäre". So gab es keine Hindernisse und Josef fuhr am 14. Febr. 1929 nach 's-Heerenberg. Sein Vater brachte ihn dorthin und, nachdem er sich alles kritisch angesehen, soll er gesagt haben, er könne es sich jetzt denken, daß Josef doch wohl bleiben werde. Und Josef blieb.

Mancherlei Ämter hat Br. Determann im Orden versehen, in Bäckerei, Küche, Mundiz, Ökonomie und Garten. Nach eineinhalbjähriger Soldatenzeit während des Krieges, 1942 mit dem üblichen Prädikat "n.z.v." entlassen, machte er im Franziskushospital in Münster die Krankenpflegeschule mit und schloß sie 1945 mit dem Staatsexamen ab. In den drei folgenden Jahren finden wir ihn in Eringerfeld, 1950 in Bonn. In diesem Jahr war dann die Krankheit von P. Schröteler so weit fortgeschritten, daß dieser einen ständigen Pfleger benötigte. Br. Determann übernahm diese Aufgabe, zunächst in Mönchengladbach, dann bis zum Heimgang P. Schrötelers im Jahre 1955 in Sankt Georgen. In diesen Jahren traten die besten Eigenschaften von Br. Determann in Erscheinung: selbstloser Dienst in stets gleichbleibender Liebenswürdigkeit und ständiger Hilfsbereitschaft. Die Angehörigen von P. Schröteler bezeugten ihm noch beim letzten Weihnachtsfest - das waren 25 Jahre nach dem Tode von P. Schröteler - ihre Dankbarkeit.

Im Jahre 1958 siedelte er wieder in sein geliebtes Münster über; 1963 bis 1968 war er im Noviziat Eringerfeld und Ascheberg tätig. 1968 kam er nach Sankt Georgen zurück, wo ihm die Sorge für die Gäste übertragen wurde. Die Betreuung der Gäste droht in einem Haus, in dem jeder mit Arbeit eingedeckt ist, vernachlässigt zu werden; das wurde in Sankt Georgen beklagt. Br. Determann hat dem Haus dann in kurzer Zeit den Ruf besonderer Gastfreundlichkeit eingebracht. Diese Tätigkeit entsprach auch ganz seiner Neigung und leutseligen Art. Der Dienst machte ihm Freude und er fühlte sich dabei auch als Gastgeber. Unbekümmert setzte er sich zu den Gästen und unterhielt sie auf seine Art. Auch Bischöfe ermunterte er mit westfälischer Liebenswürdigkeit: "Nun greift man ordentlich zu! Laßt's Euch gut schmecken!" Er ließ sich nicht davon überzeugen, daß er damit zum vertraulichen "Du" überging. Aber die Gäste ließen sich das gern gefallen. Kardinal Döpfner sagte einmal: "Br. Determann gibt dem Hause eine familiäre Atmosphäre". Von seiner "großen Zeit" sprach auch P. Rektor Ortscheid in der Ansprache beim Beerdigungs-Gottesdienst:

"Der Gemeinsamen Synode der Bistümer der Bundesrepublik Deutschland von 1971-75 traten in den Monaten zwischen den Vollversammlungen in Sankt Georgen verschiedene Kommissionen dieser Synode zu Arbeitssitzungen zusammen. Allen wurde er zum liebenswürdigen und unvergeßlichen Gastgeber, der ein Auge für das hatte, was dem einzelnen gerade fehlte. Und er sorgte sich um alles und jedes. In seiner direkten und entwaffnenden Art konnte er einem von der langen Sitzung erschöpften Bischof Mut zusprechen und stellte ihm dann eine Flasche Bier aufs Zimmer. Viel Lob und Anerkennung erfuhr er für diese seine Tätigkeit. Zum Abschluß der Synode 1975 wurde er eigens nach Würzburg eingeladen, weil er durch sein Menschlichkeit zum Gelingen der Synode beigetragen habe." P. Ortscheid sagte ferner: "Das Konzil sagt in seinem Dekret über die Kirche zum Thema Ordensleute: 'Sie sollen sorgfältig darauf achten, daß durch sie die Kirche wirklich von Tag zu Tag den Gläugigen wie den Ungläubigen Christus sichtbar mache' (LG 46). Mir will scheinen, es ist nicht zuviel behauptet, wenn wir sagen: Br. Determann hat diesen Auftrag glaubwürdig erfüllt. Ja, Br. Determann war ein Zeichen; er lebte die Zeichenhaftigkeit seiner Berufung ganz bewußt und mit der ihm eigenen Entschlossenheit."

Die Kräfte von Br. Determann ließen im vergangenen Jahr merklich nach; er äußerte selber den Wunsch, nach Münster überzusiedeln. Die münsterländische Heimat trug wohl auch dazu bei, ihm den Abschied von Frankfurt zu erleichtern, aber er machte auch keinen Hehl daraus, wie schwer ihm das wurde. In Münster versuchte er sich nützlich zu machen, wo immer er konnte; er hatte es ja auch nie gelernt müßig zu sein. Das Ende kam dann doch unerwartet rasch. Nach Neujahr war er einige Tage bei seinen Verwandten in Mettingen gewesen. Am Abend des 7. Januar war er in der Kommunität mit dem neuen Provinzial beisammen. Gegen 22.00 Uhr verabschiedete er sich, um zu Bett zu gehen. Kurze Zeit später fand ihn ein Mitbruder tot im Flur liegend.

Am Tage nach seinem Tode traf in Sankt Georgen ein Päckchen von der Katholischen Bibelanstalt in Stuttgart mit einem Schreiben des Geschäftsführers, Herrn Prof. Dr. Otto Knoch, ein. Das Schreiben hatte folgenden Wortlaut:

"Sehr geehrter, lieber Herr Bruder Determann!
Wie ich hörte, haben Sie aufgrund Ihres Alters Ihre so wertvollen Dienste in Sankt Georgen abgegeben und werden nun in Ihre geliebte Heimat nach Münster zurückkehren.
Gerne benutze ich diesen Anlaß, Ihnen herzlich für die so großartige Betreuung der Ubersetzergruppen der Einheitsübersetzung in langen Jahren in St. Georgen zu danken. Sie haben uns alle nicht nur mit großer Freundlichkeit empfangen, sondern Sie sorgten sich um unser leibliches Wohl bis in den späten Abend hinein, an Samstagen, Sonn- und Feiertagen. Dadurch haben Sie unserer gemeinsamen Arbeit nicht unwesentlich geholfen und uns ein Klima geschaffen, das alle Mitarbeiter gern nach St. Georgen kommen ließ. Dafür möchte ich Ihnen noch einmal von Herzen danken. Möge unser Herr Ihr Wohlwollen, Ihre Güte, Ihre Dienste und Ihre Brüderlichkeit vergelten.
Als kleines Zeichen des Dankes und der Anerkennung will ich Ihnen dieses Exemplar der Gesamtausgabe der Einheitsübersetzung überreichen, das noch kurz vor Weihnachten erschien und die offizielle Veröffentlichung der Einheitsübersetzung abschließt. Möge es Ihnen ein guter Begleiter sein.

Mit herzlichem Gruß
Ihr Otto Knoch"

Dieses Schreiben mit der Bibel konnten wir nach der Beisetzung den Angehörigen von Br. Determann überreichen als Zeichen der Wertschätzung unseres Mitbruders außerhalb des Ordens.
Uns allen bleibt Br. Determann ein Vorbild für unseren Auftrag, Christus in unserem Leben und Dienen sichtbar werden zu lassen.

R.i.p.

Bruder Fritz Wellner SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 1/1981 - Februar, S. 8-12