P. Wilhelm de Vries SJ
* 26. Mai 1904 in Saarbrücken
25. Juni 1997 in Münster

Die folgenden Ausführungen beruhen weitgehend auf einem "Curriculum vitae", das P. de Vries selbst nach seiner letzten Vorlesung (Sommersemester 1983) für einen "eventuellen Nekrolog" zusammengestellt hatte. Einiges ließ sich auch aus eigenem Erleben in den letzten 30 Jahren ergänzen.

Wilhelm wurde als jüngstes Kind unter fünf Geschwistern des Redakteurs Wilhelm de Vries und seiner Ehefrau Maria Magdalena, geb. Schlunken (einer Lehrerin), in Saarbrücken geboren; beide Eltern stammten vom Niederrhein. Durch den Beruf des Vaters bedingt, wechselte die Familie mehrfach den Wohnsitz: 1908 nach Essen, Ende 1920 nach Recklinghausen, wo Wilhelm 1922 zum humanistischen Abitur kam.

Von den fünf Geschwistern verstarb das Zwillingspaar Elisabeth und Dorothea schon in jungen Jahren, die erste als Aspirantin der Hiltruper Missionschwestern im Oktober 1918, die zweite im November 1919. An der überlebenden, unverheiratet gebliebenen Schwester Maria hing Wilhelm in den späteren Jahren in Rom sehr. Der wohl noch allen Mitbrüdern in guter Erinnerung gebliebene Bruder Josef (1898-1989) trat schon 1917 in den Jesuitenorden ein, um jahrzehntelang als Professor und Dekan der ruhende Pol und der rettende Anker ("Onkel Josef") vieler Generationen von Philosophie studierenden Scholastikern in Pullach und München zu werden. Zuvor hatte er seinen manchmal widerstrebenden Bruder ("Wenn du nicht lernen willst, wirst du Schuster wie der Adamkiewiz an der Ecke (ein Pole, der nur gebrochen Deutsch sprach).") für die Aufnahmeprüfung in die Quinta vorbereitet. Eine noch wichtigere Vorbereitung für das spätere Ordensleben war die Mitgliedschaft im Bund Neudeutschland, wobei der endgültige Entschluß durch Exerzitien bei P. Ludwig Esch (September 1921) zustande kam.

Die erste Etappe begann am 25. April 1922 mit dem Noviziat in 's-Heerenberg unter P. Paul Sträter (zeitweise bis zu 70 Novizen); daran schloß sich die Philosophie in Valkenburg an (1924 - 1927). Das zweijährige Interstiz führte Wilhelm wieder nach 's-Heerenberg zurück, wo er als Lehrer den litauischen Novizen und Junioren half, den schulischen Rückstand in Mathematik aufzuholen. Während der folgenden Theologie in Valkenburg (1929 - 1933) erhielt Wilhelm am 27. August 1932 die Priesterweihe.

Im Frühjahr 1933 teilte der Rektor dem völlig überraschten P. de Vries die Destination für das Päpstliche Orientalische Institut mit; P. General hatte, wie sich später herausstellte, auf Anraten des um ein Jahr älteren Mitnovizen und Freundes von P. de Vries, P. Engelbert Kirschbaum (später Professor für christliche Archäologie an der Gregoriana) so entschieden. Zuvor war aber noch 1933/34 das Tertiat in St. Andrä (Österreich) zu absolvieren.

Nach einem zweijährigen Grundstudium in Rom wurde P. de Vries vom Rektor (P. Emil Herman) nach Beirut geschickt, um Arabisch und Syrisch zu lernen und in zwei Jahren, dem üblichen Biennium, eine Doktorarbeit aus der Theologie der Kirchen des Nahen Ostens fertigzustellen. Das Sprachstudium brachte - nach eigenem Eingeständnis - keinen großen Erfolg; Interessen und Talente des Kandidaten lagen auf anderen Gebieten. Die Promotion über die "Sakramententheologie bei den syrischen Monophysiten" konnte im November 1938 in Rom abgeschlossen werden; bis 1955 folgten dann noch zwei weitere Bücher auf diesem Gebiet.

Die Vorlesungen begannen im März 1939, zunächst über Allgemeine Ostkirchenkunde. Nach dem Krieg und vor allem in der Vorbereitungszeit auf das Zweite Vatikanum verlagerte sich der Forschungsschwerpunkt auf die Ekklesiologie (Primat) sowie die Theorie und Praxis der Kirchenunion. Eine Reihe Artikel, die später (1974) durch Vermittlung P. Yves Congars OP als Buch in französischer Sprache erschienen (Orient et Occident, les structures ecclésiales, vues dans l'histoire des sept premiers conciles oecuméniques), gingen der Frage nach, inwieweit das im Lauf der Jahrhunderte immer zentralistischere Rom die traditionelle Autonomie der Ostkirchen (Patriarchate) anerkannt und bestätigt hat oder nicht. Es war eine große Befriedigung für P. de Vries, daß Kardinal Julius Döpfner ihn während des Konzils als Fachmann für Ostkirchenfragen zu Rate zog. Als sein wichtigstes Buch hat P. de Vries immer das Sammelwerk "Rom und die Patriarchate des Ostens" (Freiburg 1963) angesehen, vor allem den von ihm selbst beigesteuerten, systematischen zweiten Teil. Obwohl er mit seiner Arbeit den Päpsten dienen wollte, schufen seine oft kritische Einstellung zu deren geschichtlichem Auftreten sowie seine energische, manchmal etwas polternde Art, mit der er seine Thesen vertrat, ihm in der Kommunität des Instituts nicht nur Freunde. Daß er z. B. nie zum Konsultor einer römischen Kongregation berufen wurde, führte er auf Verdächtigungen und gezielte Interventionen anderer Hausgenossen zurück. Mit 75 Jahren, nach mehrfachem Dekanat, hielt P. de Vries seine letzte Vorlesung nach insgesamt 44jähriger Lehrtätigkeit - wie gesagt - am 28. Mai 1983.

In den langen Sommerferien, die er überwiegend in Deutschland verbrachte, hielt er gern allgemeinverständliche Vorträge über ostkirchliche, oekumenische Fragen; ein ähnlicher Besuch in den USA (1972) endete mit einem Verkehrsunfall, der ihm eine bleibende Gehbehinderung hinterließ. Sehr gern besuchte er die internationalen, oekumenischen Kongresse der Jesuiten und nahm in den 70er Jahren auch an den Gesprächen mit den altorientalischen (vorchalkedonensischen) Kirchen in Wien ("Pro Oriente") teil.

Der Abschied von Rom (Sommer 1989) gestaltete sich nicht ganz freiwillig, war aber um der intensiveren gesundheitlichen Betreuung wegen notwendig; nach einer Zeit des Einlebens fühlte sich P. de Vries auch in Münster ganz wohl. Zeitlebens suchte er den lebendigen Kontakt mit den Mitbrüdern, der ihm in Rom im Alter durch die Fahrbereitschaft seines Verwandten, P. Rudolf Bernds, später auch P. Hans Gretz`, erleichtert wurde. Jahrelang hatte er das Amt des Ferienscholastikerministers in Bad Godesberg übernommen; in Münster konnte er noch die Nachmittagsmesse für die kranken Patres und Brüder feiern und einigen Novizen in den alten Sprachen helfen.

Was von seinem wissenschaftlichen Werk einmal bleiben wird, eine Sorge, die ihn, wie auch seinen grundverschiedenen Weggenossen, P. Bernhard Schultze, verst. 1990, stets beschäftigte, kann heute niemand sagen. Daß er aber, luzide bis zum letzten Morgen, als letzter seiner Familie einem großen Wiedersehen im Licht des dreieinigen Gottes entgegengehen durfte, wird ihn mehr als alles andere gefreut haben.

R.i.p.

P. Gerhard Podskalsky SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 6/1997 - Dezember, S. 219ff