P. Heinrich Diebels SJ
19. November 1953 in Münster/Westfalen

Zwischen dem niederrheinischen Wallfahrtsort Kevelaer und dem Städtchen Goch, der Durchgangsstation zum einstigen Noviziat in Blijenbeek, liegt das Dorf Weeze. Hier wurde am 25. März 1873 Heinrich Diebels geboren. Ostern 1891 machte er als Sekundaner Exerzitien in Blijenbeek und trat dort am 1. Oktober 1891 in die Gesellschaft Jesu ein. Novizenmeister war damals noch P. Meschler, der im folgenden Jahre als deutscher Assistent nach Rom berufen und durch den bisherigen Socius Thill ersetzt wurde. Auf das Noviziat folgten Humaniora und Rhetorik in Wynandsrade bzw. Exaeten und 1895-1898 die Philosophie im neuerbauten Ignatiuskolleg von Valkenburg. Hier studierte Fr. Diebels 1902-1906 auch seine Theologie und wurde am 27. August 1905 zum Priester geweiht.

Nach den Studien beginnt für P. Diebels ein reich gesegnetes, seelsorgliches Wirken auf drei sehr verschiedenen Arbeitsfeldern und -gebieten, als Heidenmissionar in Indien, als Mütterseelsorger in Berlin und als Theologenspiritual in Ostpreußen.

Um die Jahrhundertwende, als Fr. Diebels seine Philosophie beendete, bestand noch die ,una sancta et indivisa provincia Germanica' (wie P. Rembold es einmal ausdrückte). Sie hatte ihre Arbeitsfelder in drei Erdteilen, und die Scholastiker, die ins Interstiz zogen, traten nicht selten eine kleine Weltreise an. Die einen gingen in die deutschen Kollegien am Erie-See oder am Mississippi in den USA, andere in die Kollegien von Rio Grande do Sul im äußersten Süden von Brasilien, andere fuhren ins Wunderland Indien, für manche freilich endete die Reise schon in Kopenhagen oder Feldkirch, wenn sie nicht gar nur mit dem Bimmelbähnchen von Valkenburg nach Sittard fahren durften. In dem gleichen Jahre, in dem ein Fr. Constantin Kempf ins Intersitz nach Nordamerika reiste, und Fr. Ludwig Kösters nur bis Exaeten, fuhr Heinrich Diebels mit seinen Kursgenossen Josef Assmuth, Joh. Bapt. Müller (bekannt als der Quadratmüller), Alois Stockmann und noch sieben andern Mitbrüdern nach Indien. Am 3. Oktober 1898 verließ das Schiff Genua und landete am 23. Oktober in Bombay.

Ins Interstiz nach Indien gingen Scholastiker erst seit 1895. Es war in Bombay immer als ein Übelstand empfunden worden, daß so viele Priester an die Schulen gefesselt waren. Diese sollten, soweit als möglich, durch Scholastiker ersetzt werden. Das Experiment bewährte sich, und schon nach ein paar Jahren waren 15-20 Scholastiker an den indischen Kollegien tätig und machten ebenso viele Priester für die eigentliche Missionsarbeit frei. Zugleich zeigte das Interstiz, wer von den jungen Leuten den Anforderungen der Missionsarbeit in Indien gewachsen sei und darum auch später für diese Tätigkeit in Frage komme.

Fr. Diebels unterrichtete damals vier Jahre im St. Mary's College, der Schule für die europäischen Kinder. Er bestand die Probe, auch in gesundheitlicher Hinsicht, und kam deshalb nach dem Terziat, das er in England gemacht hatte, im Oktober 1907 als Priester nach Indien zurück. Nachdem er unter Leitung des eben zum Bischof von Poona ernannten P. Heinrich Döring noch einige Wochen auf das Studium des Marathi verwandt hatte, wurde er im Februar 1908 P. Otto Weishaupt in Sangamner als Socius zugeteilt. P. Weishaupt war ein tüchtiger, erfahrener Missionar, der in mühsamer Arbeit die Station bei den unreinen Mahar aufgebaut hatte. P. Diebels fühlte sich in Sangamner sehr wohl, zumal später auch noch P. Anton Wessendorf dorthin kam. In einem Briefe vom 13. Mai 1909 anerkennt P. Weishaupt ausdrücklich die Arbeit des P. Diebels. Er schreibt: "P. Diebels ist erst 1 ¼ Jahr mein Socius, hat sich aber in die Arbeit hineingelebt, hat die Mission und die Leute gern und wird andererseits von den Leuten sehr geliebt, da er es verstand, in kurzer Zeit unsern Kirchengesang sehr zu heben." Leider war die Gesundheit unseres Paters nicht so fest, wie man anfangs geglaubt hatte. Die Malaria machte ihm und seinem Freunde Wessendorf sehr zu schaffen, und es dauerte eine geraume Zeit, bis beide ihrer endlich mit einer guten Zigarre Herr wurden.

Ende 1910 wurde die Mission von Sangamner geteilt und am 8. Dezember eine Station in Rahata eröffnet, die P. Diebels mit 16 Dörfern und 1200 Christen übernahm, Hier galt es, Aufbauarbeit zu leisten und die neue Station lebensfähig zu machen. Da P. Diebels es verstand, Freunde und Wohltäter in der Heimat zu gewinnen, hatte er in wenigen Jahren eine stattliche Missionsstation errichtet; am 2. Dezember 1913 konnte die Kirche eingeweiht werden. Da brach der erste Weltkrieg aus, und die deutschen Missionare waren über Nacht Feinde Indiens geworden. P. Diebels durfte zunächst noch auf seiner Station bleiben, aber im November 1915 wurde auch er interniert und im folgenden Jahre mit seinen Mitbrüdern auf der berühmt gewordenen "Golconda" nach England gebracht, wo die deutschen Jesuiten noch ein paar Wochen hinter Stacheldraht als Kriegsgefangene festgehalten wurden.

Am 14. Juni 1916 kommt P. Diebels im Bonifatiushause bei Emmerich an, und nachdem er sich erst einmal etwas erholt und an europäische Verhältnisse akklimatisiert hatte, arbeitete er zunächst ein reichliches Jahr in Ostpreußen und wurde dann am 5. Dezember 1917 nach Berlin versetzt, wo er die nächsten zehn Jahre wirken sollte.

In Berlin löste P. Diebels den P. Anton Dantscher ab, der bisher die Berliner Müttervereine betreut hatte und Anfang 1918 nach Errichtung der Oberdeutschen Vizeprovinz nach München berufen wurde. Es bestanden damals unter der Obsorge von P. Dantscher solche Müttervereine in 21 Pfarreien. Dies bedeutete, daß P. Dantscher und sein Nachfolger P. Diebels monatlich in 21 Pfarrgruppen zu sprechen hatten. P. Diebels begnügt sich nicht mit diesen Predigten, sondern in der Notzeit nach dem verlorenen Kriege sucht er auf alle nur mögliche Weise zu helfen, Er bettelt Geld, Lebensmittel, Kleider, Wäsche usw., besonders für junge und werdende Mütter, und bald entfaltet er neben der Seelsorge mit seinen Helferinnen in den Pfarrgruppen eine ebenso segensreiche soziale Tätigkeit, die ihm den sicher ehrenvoll gemeinten Titel "Windelpater" eintrug. In seinen Predigten und Vorträgen dringt P. Diebels bei seinen Frauen und Müttern unablässig darauf, einander zu helfen und vorhandene Not nach Kräften zu lindern. Ohne Zweifel ist damals von P. Diebels und seinen zahl- und namenlosen Helferinnen sehr viel karitative Arbeit geleistet worden, die heute nach drei Jahrzehnten noch nicht vergessen ist. Gelegentlich wird man noch einmal nach dem Windelpater gefragt. - Nach dem Kriege schlossen sich die einzelnen Pfarrgruppen zu einem Verbande zusammen, der im Jahre 1922 17.000 Mitglieder zählte und dessen Schriftführer P. Diebels wurde.

P. Diebels hatte sich ganz in die Arbeit hineingelebt, obgleich sie doch so grundverschieden war von seiner bisherigen Aufgabe in Indien. Dort abgeschnitten von aller Zivilisation, hier in einer modernen Großstadt, aber im Grunde war es doch die eine Aufgabe, hier wie dort, die Menschen zu Christus zu führen. Ähnliches gilt von dem neuen Arbeitsfeld, auf das P. Diebels nun berufen wurde: Ostpreußen.

Das erste Mal kam P. Diebels nach Ostpreußen im September 1916. Er war damals vor allem als Prediger und Beichtvater an Wallfahrtsort und Stift Crossen (bei Wormditt) tätig, das manche Ähnlichkeit hat mit Heiligelinde. 1917 nach Berlin berufen kehrte er nach mehr als 10 Jahren 1928 als Superior von Königsberg nach Ostpreußen zurück. In Königsberg hatte 1921-25 P. Michael Gierens als Studenten- und Jugendseelsorger gearbeitet und den Boden für das spätere Wirken der Unsrigen bereitet. 1923 war das Haus in der Theaterstraße 8 erworben worden, aber erst 1928 entstand eine förmliche Residenz, als deren erster Oberer am 28. August 1928 P. Diebels verkündet wurde. Im November 1930 übernahm er das Amt des Spirituals und Rhetorikprofessors im Braunsberger Priesterseminar, wohin er aber erst im Mai 1931 endgültig übersiedelte. Ein gutes Jahr später bezog er mit seinen Alumnen das neue Priesterseminar, das Bischof Kaller erbaut hatte. Für das Amt des Theologenspirituals war P. Diebels wegen seiner soliden, männlichen Frömmigkeit und wegen seines ruhigen und sicheren Urteils besonders geeignet. Im Braunsberger Seminar wirkte P. Diebels bis zum Zusammenbruch 1945. Der Kapitularvikar der Diözese Ermland, Prälat Kather, schreibt in einem kurzen Nachruf: "P. Heinrich Diebels ist im 81. Lebensjahre gestorben, Von 1931 bis 1945 war er Spiritual im Priesterseminar in Braunsberg. Das Ermland war ihm ein Stück Heimat geworden, enge Freundschaft verband ihn mit vielen ermländischen Geistlichen. Bis in seine letzten Lebensjahre ... wollte er immer gern etwas hören vom Ermland und seinen Leuten ..."

1945 erlebte P. Diebels noch die Zerstörung des Seminars, machte am 20. Februar die nächtliche Flucht über das zugefrorene Haff mit und gelangte endlich nach Danzig, wo er im Marienkrankenhause der Trierer Borromäerinnen eine Bleibe fand. Dorthin kam später auch, bereits schwer krank und recht gebrechlich, sein alter Freund und Kampfgenosse aus Sangamner, P. Anton Wessendorf, der aus Königsberg geflüchtet und in Danzig hängen geblieben war. P. Diebels hätte die Möglichkeit gehabt, weiter nach Berlin zu gehen, aber da P. Wessendorf nicht mehr transportfähig war, lehnte er es ab, wegzugehen, sondern wollte bleiben, "bis P. Wessendorf alles überstanden habe". Das dauerte noch ein paar Monate, und es muß rührend gewesen sein, wie beide umeinander besorgt, ein jeder mehr an den andern als an sich dachte. Beide erlebten hier am eigenen Leibe die Schrecken der Russenherrschaft, bis P. Diebels am 19. Juli seinem Mitbruder, Freund und Landsmann im Sterben beistehen und bald danach in einem Lazarettzuge die Reise nach Berlin antreten konnte. In Berlin blieb P. Diebels ein Jahr, machte sich, so gut er konnte, nützlich, war aber froh, als ihm angeboten wurde, nach Westdeutschland überzusiedeln. Als Spiritual seiner Mitbrüder verbrachte er seine letzten Lebensjahre unweit seiner Heimat in Münster, wo er am 19. November 1953 friedlich und ohne Todeskampf hinüberging zu seinem Herrn und Meister.

R.i.p.

P. Alfred Rothe SJ

Mitteilungen aus den deutschen Provinzen der Gesellschaft Jesu, 1957/Nr. 117, S. 65ff