Bruder Heinrich Dietz SJ
14. Juli 1965 in Münster/Westf.

Bruder Heinrich Dietz wurde am 18. 4. 1883 in Plittersdorf am Rhein geboren. Sein Geburtsort liegt gegenüber dem Siebengebirge, im Silberblick des Rheines, wie der Dichter Simrock sagt. Heinrich war der drittjüngste von 10 Geschwistern. Wie alle seine Brüder so dienste er bei der hl. Messe. Jeden Tag besuchte er, wie es damals Brauch war, vom 1. Schuljahre an die hl. Messe. Alle Schulkinder versammelten sich am Morgen in der Schule, legten ihre Schultaschen auf ihre Plätze und wurden dann von ihren Lehrern zur Pfarrkirche geführt.

Das Gebetsleben meines Bruders Heinrich war immer vorbildlich. Besonders pflegte er die Andacht zum hl. Joseph, dem Patron der Sterbenden. Er hat ihn auch heimgeholt am Mittwoch, den 14. 7. 1965. 1906 trat Heinrich in die Marianische Jünglingskongregation ein, die in Plittersdorf unter dem Titel "Mutter vom Guten Rate" errichtet war. Heinrich war ein eifriger Sodale, eine zeitlang Präfekt und Vorbeter. Er war der festen Überzeugung, daß die Gottesmutter ihm den "guten Rat" gegeben hatte, in die Gesellschaft Jesu einzutreten.

Heinrich hatte ein starkes Heimatgefühl und hing mit allen Fasern seines Herzens am Familienhaus. Um sich von dieser Anhänglichkeit freizumachen, hat er nach seinem Eintritt das Gelübde gemacht, nie mehr sein Elternhaus zu betreten, auch wenn ihm seine Obern es gestatten würden.

Nach der Volksschule lernte er Modelleur für Stuckarbeiten die nach damaligem Brauch Decken und Wände schmückten. Als diese Form der Innendekoration nicht mehr gefragt war, löste sich seine Firma auf. Er machte eine Dienerschule durch und war in verschiedenen adeligen Häusern Diener und sogenannter Beschließer. Wegen seiner Geschicklichkeit im Dekorieren der Festtische, seines freundlichen Wesens und seiner Gewissenhaftigkeit war er sehr beliebt. Von Natur aus hatte er ein außergewöhnliches Gedächtnis. Gedichte brauchte er sich nur einige Male durchzulesen, um sie dann frei vortragen zu können. Bei entsprechenden Gelegenheiten verfaßte er selbst gemütsvolle Gedichte, die er zur Freude seiner Umgebung vortrug. Noch in seinem 85. Lebensjahr trug er in Münster beim Namenstagsfest des R. P. Rektor das bekannte Gedicht "Des Sängers Fluch" mit ausdrucksvoller Betonung vor.

Vor seinem Eintritt hatte er noch eine große Schwierigkeit zu überwinden. Der Herr, den er zuletzt als Diener betreute, der ein großes Haus führte und sich sehr an ihn gewöhnt hatte, wollte ihn nicht gehen lassen. Er versprach ihm eine lebenslängliche Leibrente, Gehaltserhöhung und ihn auf seinen Auslandsreisen ständig mitzunehmen; aber den Ruf des Heilandes zu seiner Gesellschaft schätzte Heinrich höher ein. Am 16. 9. 1912 trat er in das Noviziat zu 's Heerenberg bei Emmerich ein. Sein Novizenmeister war P. Johannes Baptist Müller.

Mein Bruder fand bald Kontakt mit P. Müller, was nicht jedem gelingen wollte. Später 'fragte ich ihn darüber. Er sagte mir folgendes: "P. Müller waren Dinge über mich mitgeteilt worden, die nicht stimmten. Er ließ mich kommen und ohne jede Frage fuhr er mich in großer Aufregung an. Da sagte ich ruhig, aber mit großem Ernste: "Hochwürdiger Herr P. Müller, ich bin in die Gesellschaft Jesu eingetreten, deren Grundgesetz die Liebe ist. Die finde ich in diesem Augenblicke nicht'. Mit einer Verbeugung, wie ich es von früher gewohnt war, ging ich sofort aus dem Zimmer. Da lief mir P. Müller auf dem Gang nach und sagte: ,Bruder Dietz, Sie haben recht. Unser erstes Gesetz ist die Liebe. Sagen Sie mir immer offen und ehrlich, wenn Sie glauben, ich hätte Sie verletzt." Die ehrliche Offenheit meines Bruders und die Demut des P. Müller führten beide für immer zusammen.

Im ersten Weltkrieg trafen wir uns Ende März 1916 im Westen. Er hatte vorher nicht gedient und war als Schipper zur Armierungstruppe eingezogen, die unter großen Schwierigkeiten Munition nach vorne bringen mußte. Am Josefsfest, am 19. März 1916, mußten alle verfügbaren Kräfte in größter Eile, Munition nach vorn schaffen. Mein Bruder erhält den Befehl, nach dem rückwärtsliegenden Battaillonstab als Melder zu gehen. Nach seiner Rückkehr muß er feststellen, daß alle ausgerückten Kameraden durch einen Feuerüberfall gefallen sind.

In verschiedenen Häusern, wie in Koblenz, Bendorf, Valkenburg, Trier, Köln, Frankfurt a. M. war er als Sakristan, als Gästebruder oder mit Hausarbeiten beschäftigt. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam er nach Münster und hat dort ungefähr 20 Jahre lang mit Liebe und Eifer das Amt des Sakristans in der Tertiatskapelle versehen.

Bei seinen Mitbrüdern war er beliebt, oft der Mittelpunkt der Unterhaltung und lachte von Herzen mit, wenn andere sich freuten. Er war und blieb ein Mann des Gebetes, war im Alter froh und zufrieden.

Als ich Anfang Juli 1965 meinen Bruder in Münster besuchte, bat er mich, ihm die hl. Krankenölung zu spenden. Seine Obern gewährten gern diese Bitte. Am folgenden Tage feierte ich mit ihm die hl. Messe. Er war überglücklich, von seinem geistlichen Bruder geistliche Stärkung empfangen zu können. Kurz darauf fühlte er sich nicht wohl und der Arzt empfahl ihm Bettruhe. Am Vortage seines Namenstages, am Morgen des 14. Juli sagte ihm der Krankenbruder, er würde seinen Namenstag wohl im Himmel feiern. In Gegenwart des P. Minister de Srnedt, des P. Spiritual Wesseling, des P. Vleugels und mehrerer Brüder dankte er für alles Gute, das er in der Gesellschaft Jesu empfangen hatte. Er bat um Verzeihung für alle Fehler, verzieh allen, die ihn je gekränkt hätten, ließ seine Verwandten grüßen und ging ohne Todeskampf unter dem Gebete der Mitbrüder in die Ewigkeit. Auf seiner Brust lag sein Noviziatskreuz, in der linken Hand hielt er den Rosenkranz und ruhig und friedlich lag er im Sarge.

R.i.p.

Matthias Dietz SJ

Mitteilungen 128, S. 60 ff.