P. August Dohle SJ
* 30. Dezember 1909 in Aachen
10. April 1994 in Münster

Mit P. August Dohle hat die Norddeutsche Provinz SJ einen ihrer Pioniere der Nachkriegszeit verloren. Er war von 1945 bis 1967 ununterbrochen Oberer, gründete unter schwierigsten Umständen in den Jahren nach 1945 die St.-Ansgar-Schule in Hamburg und gehörte über lange Jahre auch dem Provinzkonsult an. Wer war der Mann, dem der Orden so viel Vertrauen schenkte?

August Dohle kam als viertes von sieben Kindern einer Kaufmannsfamilie in Aachen auf die Welt. Es steht zu vermuten, daß der Unternehmergeist seines Vaters, der einen mittelständischen Betrieb in der Papierbranche leitete, auch auf den Sohn abgefärbt hat. Von seiner Jugend wissen wir wenig, außer daß er sich wohl früh der katholischen Jugendbewegung des Bundes Neudeutschland anschloß, was für seine späteren Jahre in der Schülerarbeit wichtig werden sollte. Nach seinem Abitur an der Hindenburgschule in Aachen am 02.03.1929 begann er zunächst als Seminarist seiner Heimatdiözese ein Theologiestudium in Bonn, das er freilich nach vier Semestern abbrach, um am 15. September 1931 in s'-Heerenberg in den Niederlanden ins Noviziat der Gesellschaft Jesu einzutreten. Die Zeit der ganz starken Jahrgänge war damals schon vorbei - mit ihm begannen noch sechs weitere Scholastikernovizen ihr Noviziat, zwei weitere folgten bis zum November. Die ersten Gelübde legte er am 17.09.1933 in Pullach ab, wo er bis zum Sommer 1935 seine philosophischen Studien ergänzte und abschloß.

Im Anschluß daran begann er ein zweijähriges Interstiz an der Schule des Ordens in Kopenhagen. Hier entdeckte August Dohle zum erstenmal seine Vorliebe für den Norden, dem er zeitlebens verbunden blieb. Auf Grund der Bonner Studien konnte August Dohle seine Studien der Theologie in Valkenburg in den Jahren 1937 bis 1940 absolvieren. In diese Zeit fiel die Priesterweihe am 27.08.1939 in Valkenburg. Das Terziat schloß sich 1940-41 unmittelbar an das Theologiestudium in Valkenburg an, konnte von P. Dohle freilich dort nicht mehr abgeschlossen werden. Er machte noch seine Großen Exerzitien bei P. Seggewiß in Fulda und wurde dann für seine erste seelsorgliche Aufgabe destiniert: er sollte Kaplan an der Liebfrauenpfarrei in Koblenz werden. Er blieb an dieser Stelle bis zum Zusammenbruch des NS-Regimes und erlebte dort auch den Einmarsch der Amerikaner im Frühjahr 1945. In späteren Jahren hat P. Dohle noch manchmal von seinen Erfahrungen im Bombenhagel der letzten Kriegsjahre erzählt.

Die eigentlich 'große Zeit' dürfte für P. Dohle in der unmittelbaren Nachkriegszeit gelegen haben. In diesen Jahren durfte ihn der Chronist sehr rasch persönlich kennenlernen. P. Flosdorf destinierte P. Dohle mit Wirkung vom 25.11.1945 zum Superior der Jesuitenresidenz Beim Schlump in Hamburg und Religionslehrer an Höheren Schulen. Zunächst bedeutete dies Religionsunterricht am staatlichen Wilhelm-Gymnasium und sehr rasch auch die Begleitung einer Schülergruppe des Bundes Neudeutschland. Sehr früh muß der Orden daran gedacht haben, in Hamburg auch dem Wunsch der Diözese zu entsprechen und die Leitung der Katholischen Höheren Schule für Jungen, die die NS-Zeit nicht überlebt hatte, zu übernehmen. Da auch das Gebäude nicht mehr bestand, mußte ein Neubau in der Nähe des Marienkrankenhauses geschaffen werden.

Die ihm damals vom Orden zugesagte Million hat P. Dohle nach seinen eigenen Aussagen nie gesehen, ebenso wie die entsprechende ausreichende Schar von Mitbrüdern für den personellen Aufbau der Schule. Für die Mittel war P. Dohle deswegen auf Verhandlungen mit dem finanziell sehr zurückhaltenden legendären Prälaten Wintermann angewiesen, dem die Schule finanziell unterstand. Die Verhandlungen mit dem Staat durfte P. Dohle nicht direkt führen, da sich der damalige Schulsenator Landahl weigerte, mit einem Jesuiten zu verhandeln. Dennoch kam es schrittweise zur Errichtung des "Collegium inchoatum Hamburgense", dessen Vize-Rektor P. Dohle vom 31. Juli 1949 bis zum 27. August 1954 war. Im Jahre 1953 war der Umzug in das neue Gebäude an der Bürgerweide geschafft, P. A. Rodewyk konnte 1954 als erster Rektor des Hamburger Kollegs eingeführt werden, und P. Dohle stand frei für neue Aufgaben.

Bemerkenswert an dieser Hamburger Phase von P. Dohle waren sein Gottvertrauen, sein unternehmerischer Geist und sein Herz für die Jugend. Er war Lehrer mit Leib und Seele und blieb es auch noch als Rektor seiner Schule. Seine starke Persönlichkeit wirkte prägend auf seine Schüler und die von ihm geleiteten Gruppe des Bundes Neudeutschland. Darüber hinaus hielt P. Dohle in meinem Elternhaus über Jahre hinweg - darin sich mit P. Hans Wulf abwechselnd - die sog. "Erbsensuppenkreise", in denen junge Menschen beider Konfessionen im Studentenalter über den Glauben sprachen und Perspektiven für die Nachkriegszeit suchten. P. Dohle erwies sich dabei trotz seiner problemlosen Identifikation mit dem katholischen Glauben als verständnisvoller Gesprächspartner auch für Nichtkatholiken. Einige von ihnen fanden in diesen Kreisen zur katholischen Kirche, andere entdeckten neu und vertieften ihren reformatorischen Glauben. P. Dohle hat auch in seinen späteren Jahren immer besonders gern an diese Hamburger Jahre als die Zeit seiner "ersten Liebe" zurückgedacht und Verbindung zu manchen Hamburger Freunden und Bekannten bis zu seinem Lebensende aufrechterhalten.

Auf die neun Jahre als Oberer in Hamburg sollten für P. Dohle noch weitere dreizehn als Oberer an anderer Stelle folgen. Zunächst führte ihn sein Weg nach Frankfurt am Main, wo er vom 1. September 1954 bis zum 29. August 1960 die Jesuitenresidenz Im Trutz leitete. Auch in Frankfurt war insofern Pionierarbeit zu leisten, als in diese Zeit die Vorbereitungen für den Verkauf des Grundstücks an die Metallgesellschaft und den Neubau von Residenz, Kirche und Gemeindehaus fielen.

Am 29. August 1960 wurde P. Dohle dann als Rektor im Aloisiuskolleg in Bad Godesberg verkündet. Die Ernennung kam seinen Neigungen und Fähigkeiten insofern entgegen, als er nun wieder Jugendarbeit treiben und Religionsunterricht erteilen konnte. Das zunehmende Alter machte ihm den Kontakt zu den Schülern und jüngeren Mitbrüdern nicht immer leicht. Doch blieb P. Dohle auch in dieser Phase noch physisch und geistig erstaunlich fit. Das Rektorat sollte volle sieben Jahre dauern. Dann hieß es Abschied nehmen, nicht nur von Godesberg, sondern auch vom Obernamt, das P. Dohle länger als kaum ein anderer seiner Provinz ununterbrochen innegehabt hatte. R. P. Pedro Arrupe schrieb P. Dohle hierzu anläßlich seines Goldenen Ordensjubiläums (15.09.1981) am Ignatiusfest 1981: "Gott allein weiß, welch eine Last von Mühe und Sorge mit diesem langen und verantwortungsvollen Dienst als Vorgesetzter verbunden war! Ich kann es Ihnen nachfühlen; darum möchte ich Ihnen dafür in besonderer Weise ein anerkennendes Danke sagen."

Die beiden letzten Stationen von P. Dohle im pastoralen Einsatz führten ihn nacheinander nach Brüssel und nach Saarlouis. In Brüssel betreute P. Dohle zehn Jahre lang (1967-1977) die deutschsprachige Gemeinde und gab gleichzeitig Religionsunterricht an der Deutschen Schule - seine alte Lieblingstätigkeit. Welche Eigenschaften er von einem deutschen Pfarrer in Brüssel erwartete, schrieb er am 9. März 1972 an P. Provinzial: "geschickter Seelsorger, möglichst sympathisch bei Familienbesuchen, einige Kenntnisse im Französischen, die sich hier von selbst vervollkommnen, guter Pädagoge, der auch in der Mittel- + Oberstufe einen systematischen + dennoch lebensnahen Unterricht fertigbekommt, brüderlich in der Kommunität."

Es besteht kein Zweifel, daß P. Dohle hier sein eigenes Ideal gezeichnet hat, dem er sicher in hohem Maße auch selber nachgekommen ist. Von 1977 bis 1988 trug P. Dohle dann noch als 'Minister absente superiore' und Ökonom Verantwortung für die Statio der Jesuiten in Saarlouis und war seelsorglich im Beichtstuhl und im Krankenhaus tätig. Auch in diese Zeit fiel noch einmal Bautätigkeit, da die Stadt das historische Gebäude der Residenz erneuern wollte.

Zunehmend spürte P. Dohle hier freilich die Folgen des Alters. So bat er in einem Brief vom 10. August 1986 P. Provinzial Gerhartz um die Entlastung von wenigstens einem seiner beiden Ämter, da er "seit Anfang dieses Jahres ... den Überblick verloren" habe. So wurde P. Dohle 1988 in das Altenheim der Provinz nach Münster versetzt, wo er mit großer innerer Gelassenheit, ja Heiterkeit, seine letzten Lebensjahre verbrachte. Sein Kurzzeitgedächtnis ließ ihn dabei mehr und mehr im Stich, doch konnte man bis in die letzten Phase seines Lebens hinein noch Erinnerungen an frühe Zeiten bei ihm wachrufen. Dabei war er dann ganz plötzlich noch einmal "der Alte". Die Norddeutsche Provinz verdankt diesem Mitbruder viel.

R.i.p.

P. Johannes Beutler SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 2/1995 - März, S. 53ff