P. Heribert Fischer SJ
27. 7. 1981 in Marburg

P. Fischer verweilte, um sich zu erholen, von Berlin aus, wo er seit 1976 Hausgeistlicher im Haus Nazareth war, in Hallenberg, am südlichen Rand des Sauerlandes, als er schwer erkrankte. Uber das Krankenhaus in Winterberg kam er in die Universitätsklinik in Marburg, wo er nach wenigen Tagen starb. So ist es gekommen, daß P. Fischer in seinem Heimatland Hessen und nicht sehr weit von seiner Geburtsstadt Kassel gestorben ist. Nach dem Bericht seines Bruders Alfons stammte der Vater von einem großen Bauernhof in Nordhessen. Als Nachgeborener wurde er Berufssoldat und dann, wie es im Kaiserreich üblich war, Beamter der preußisch-hessischen Eisenbahn. Die Familie der Mutter, Margarethe geb. Arend, kam aus der Gegend von Heiligenstadt und besaß in Kassel ein großes Baugeschäft. Gottfried Fischer konvertierte im Jahre 1900 und heiratete im Jahre darauf seine Margarethe.

Am Weihnachtstag des Jahres 1902 wurde Heriber geboren. Herr Alfons Fischer, Bruder Heriberts, meint, das christliche Dienen sei in der Familie Tradition gewesen. Der Vater arbeitete zunächst in seiner wenigen Freizeit als Archivar verschiedener Kirchen in Kassel und erst recht als Pensionär. 1942 rettete Vater Fischer die Kirchenbücher durch rechtzeitige Auslagerung vor der Vernichtung durch die Bomben. Er wurde 92 Jahre alt. Die Mutter wirkte im katholischen Frauenbund und in der Pflege von Kirchenparamenten. Auch sie erreichte ein hohes Alter. Die verstorbene Schwester Agnes hatte den Beruf einer freien Krankenschwester. Herr Alfons Fischer war 53 Jahre lang Organist und Chorleiter. Er spielt noch heute die Orgel. Unser Heribert nun besuchte das Wilhelmsgymnasium in Kassel. Jahrelang ministrierte er in der Kapelle des Elisabethkrankenhauses. Dafür marschierte er jeden Morgen fünf Kilometer von Niederzwehren zum "Weinberg". Das fromme Elternhaus, die gute Verbindung mit seinem Religionslehrer, der Bund Neudeutschland und die Begegnung mit P. Ludwig Esch SJ führten den jungen "Bücherwurm" in die Gesellschaft Jesu.

Die Oberen bestimmten den begabten und fleißigen jungen Pater nach der Ordensausbildung für das Studium der Germanistik. Er absolvierte dieses Studium in Breslau. Unterbrochen wurde es durch den Militär- und Kriegsdienst an der Ostfront, bis ihn der bekannte Erlaß des "Führers" befreite.

Bei diesem Studium gewann ihn sein Lehrer, Prof. J. Koch, als Mitarbeiter bei der Erforschung des mittelalterlichen Theologen und Mystikers "Meister Eckhart" und der Herausgabe von dessen Schriften. Welche Verdienste sich P. Fischer um die Wissenschaft erworben hat, beschreibt Prof. J. Quint in der Vorrede des 1. Bandes der deutschen Werke des Meisters. Quint schildert, wie er aus Krieg und Gefangenschaft heimkehrend in Breslau seine Wohnung, seine Bibliothek und alles Material für die Eckhart-Forschung nicht mehr vorfand. Alles war vernichtet. Dann fährt J. Quint fort: "Die wesentlichen Materialien, insbesondere die umfassende Fülle der Handschriftenkopien, der Filme und Variantenaufnahmen waren rechtzeitig unter umsichtigem Einsatz meines damaligen wissenschaftlichen Mitarbeiters, Dr. Heribert Fischer, nach Mitteldeutschland verbracht und so vor dem Untergang gerettet worden, wofür ich auch an dieser Stelle Herrn Dr. Fischer warmen Dank sage."

Nach dem Krieg wurde P. Fischer für neun Jahre Lehrer am Canisius-Kolleg in Berlin. Mehr Wissenschaftler als Lehrer war es ihm gewiß willkommen, daß die Obern den Bitten von Prof. J. Koch willfahrten und den Pater ganz für die Forschung und fortschreitende Herausgabe der Werke des mittelalterlichen Theologen freistellten. Zwanzig Jahre lang wohnte P. Fischer in der Stolzestraße in Köln. Mit eiserner Konsequenz ging er jeden Morgen, nachdem er bei Schwestern die Hl. Messe gefeiert hatte, in die Universitätsbücherei und vergrub sich in die alten Folianten. Zahlreiche Artikel hat P. Fischer über sein Thema geschrieben und endlich 1974 die Summe seiner Studien in einem Buch zusammengefaßt: Meister Eckhart. Einführung in sein philosophisches Denken. Verlag Karl Alber.

Immer aber war der fleißige Gelehrte bereit, auch in der Seelsorge mitzuarbeiten, sei es als Beichtvater der Schüler im Internat der Jesuiten in Breslau, sei es in den letzten Jahren in Pfarrei und Dekanat in Berlin-Steglitz. Um dafür zu danken, kam der Steglitzer Pfarrer zur Beerdigung nach Münster. Seelsorglich am meisten aber hat er getan für die "Schwestern vom Hl. Herzen Jesu" in Breslau, im Canisius-Kolleg, wo diese Schwestern damals die Hauswirtschaft führten, von Köln aus in Unkel und endlich im Haus Nazareth in Berlin. Dankbar schreibt Sr. Germana, was P. Fischer in all den Jahrzehnten durch Erklärung der Tageslesungen, Unterricht der Novizinnen und Exerzitien für die Gemeinschaft getan habe.

Dem P. Constantin Becker hat der Verstorbene vor etwa 14 Monaten mitgeteilt, daß er die Arbeit über Meister Eckhart vollendet und ein umfangreiches Paket an den Verlag Kohlhammer abgeschickt habe. Da die Professoren Koch und Quint verstorben sind, war P. Fischer wohl der letzte des Arbeitsteams und konnte die Aufgabe vollenden. R. P. Superior M. Richter sorgt nun für die korrekte Drucklegung dieser letzten Bände der großen Ausgabe und die sachgemäße Verfügung über das vielfältige Material, das P. Fischer hinterlassen hat. Und dies ist ja auch gewiß die Gesellschaft unserem fleißigen, stets zuverlässigen, immer bescheidenen und hilfsbereiten Mitbruder schuldig. Ich meine, daß Heribert Fischer die Gottesgabe eines ausgeglichenen und heiteren Gemütes besessen, diese Gabe aber in der Schule des hl. Ignatius zur hohen Tugend christlicher Gelassenheit erhoben hat.

R.i.p.

P. Erich Rommerskirch SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 5/1981 - Oktober, S. 116f