P. Wilhelm Flosdorf SJ
15. Mai 1981 in Münster

Es empfiehlt sich, bei diesem Nachruf zunächst den Lebenslauf von P. Flosdorf, so wie er ihn selbst knapp ein Jahr vor seinem Tod niedergeschrieben hat (am 12.6.1980), zur Geltung kommen zu lassen. So ist man nicht nur schnell über die wesentlichen Daten seines Lebens und über seine sehr bedeutungsvollen Tätigkeiten orientiert, sondern man gewinnt auch bereits ein gutes Bild von seiner Wesensart. Der Lebenslauf ist so abgefaßt, daß die innere Gestalt von P. Flosdorf deutlich durchscheint. Vor allem werden darin die Aufrichtigkeit seines Charakters und die Selbstlosigkeit und Selbstverständlichkeit seines Einsatzes sichtbar. Auch seine Schlichtheit und Einfachheit (Wie oft hat er in Gesprächen und Ansprachen die Worte "schlicht und einfach" ausgesprochen!).

Es besteht vielleicht die Gefahr, daß diese Bescheidenheit seines Wesens und Wirkens (die vor allem seine letzten Lebensjahre und seinen Heimgang kennzeichnen) uns, seine Mitbrüder, an der großen Bedeutung, die er für unsere Provinz (und darüber hinaus) gehabt hat, vorbeisehen läßt. Das wäre bedauerlich und fast unverzeihlich. Eine große Dankesschuld würde nicht abgetragen. Da ich zu dem Eintrittsjahrgang gehöre, der sein erster durch zwei Jahre voll durchgeführter Noviziatsjahrgang war, und da ich auch später viel mit ihm zu tun hatte - als P. Socius im Noviziat und als sein Nachfolger im Amt des Novizenmeisters und schließlich auch im Amt des Regens von Sankt Georgen - hatte ich eine besondere Möglichkeit, ihn kennenzulernen und all das, was er an kostbaren Dingen uns geschenkt hat, zu erleben und zu würdigen. Darum mache ich mich auch gern daran, für ihn diesen Nachruf zu schreiben, empfinde es allerdings zugleich als sehr schmerzlich und fast beschämend, es nur so skizzenhaft und unzureichend tun zu können. P. Flosdorf verdiente eine eingehendere Würdigung. Ich möchte wünschen, daß sie ihm noch zuteil wird.

 

Zunächst soll also sein selbstgeschriebener Lebenslauf berichten:
"Geboren am 28. Mai 1902 in Köln am Rhein in der Nähe der Ursula-Kirche, wo er auch getauft wurde. Der Vater stammte aus der Ursula-Pfarrei. Er war Beamter bei der Rheinstrombauverwaltung. Die Mutter stammte aus Hamm/Westfalen. Sie war früh verwaist und wuchs in Münster bei einer Schwester ihrer Mutter auf. Wilhelm war der Älteste neben zwei Schwestern. Die Familie siedelte 1908 nach Köln-Nippes über, wo der Vater ein großes Mietshaus erworben hatte, das im 2. Weltkrieg völlig zerstört wurde.- Wilhelm besuchte 1908-1912 die Volksschule und ging dann auf das Realgymnasium in Köln-Nippes, wo er 1921 das Abitur machte. Er hatte sich dem von Religionslehrer Professor Gehlen geleiteten Schülerverein angeschlossen, der 1919 als'geschlossene Gruppe dem Bund Neudeutschland beitrat. So lernte er mehrere Jesuitenpatres kennen und bekam Verbindung mit der Niederlassung in der Albertusstraße.

Am 11. April 1921 trat Wilhelm ins Noviziat in 's-Heerenberg ein. Novizenmeister war P. Bernhard Bley, der am 8. September 1921 Provinzial der Niederdeutschen Provinz wurde. Bis zum 2. Februar 1922 versah P. Walter Sierp das Amt des Novizenmeisters, das an diesem Tag P. Paul Sträter übernahm. Nach einem etwa halbjährigen Juniorat begann im September 1923 der dreijährige Philosophiekurs (PP. Karl Frick, Wilhelm Klein, Fröbes, Karl Frank, Hontheim, Jakob Gemmel). Fr. Flosdorf konnte im Studium ein gutes Mittelmaß halten. Durch Übernahme kleiner Ämter wuchs er gut in die Kommunität hinein. Er war gern in Valkenburg. Ende Juni 1926 ging er in die Präfektur ins Aloisiuskolleg in Bad Godesberg, Augustastraße, wo ihm die Oberabteilung anvertraut wurde. Im Nebenamt war er Sekretär des P. Rektor Paul Sträter, der damals die Wacholderhöhe erwarb und bis 1929 das neue Kollegsgebäude (Schule und Teil des Internates) baute. Die erste Sonderaufgabe wurde für Fr. Flosdorf die Abfassung und Aufführung eines Festspiels anläßlich des Jubiläums der Heiligsprechung des hl. Aloisius. September 1929 bis Juni 1933 machte er sein Theologiestudium in Valkenburg. Die Nebenämter (Theologenbidell, Akademiepräfekt) nahmen ihn in Anspruch, aber er konnte die Examina bestehen außer einem Jurisdiktionsexamen, das er wiederholen mußte.

Der Provinzial hatte ihn für die "Stimmen der Zeit" vorgesehen. Am 27. August 1932 empfing er durch Bischof Lemmens von Roermond die Priesterweihe und feierte seine Primiz in der Heimatpfarrei St. Marien in Köln-Nippes. Oktober 1933 bis Juli 1934 machte er sein Tertiat in Amiens - St. Acheuil unter Leitung von P. Pouthier. Da P. Magister Heinrich Schmitz das Tertiat 1934/35 in Münster leiten sollte, wurde P. Flosdorf als Vice-Magister nach 's-Heerenberg geschickt und 1935 in diesem Amt bestätigt. Im Juni 1936 wurde das Noviziat aus devisen-wirtschaftlichen Gründen in die Villa Hochelten verlegt. P. Flosdorf wurde Hausoberer und Novizenmeister. Das kleine Haus war zunächst überbelegt (über 70). Nach Kriegsbeginn 1939 wurde das Noviziat bald entvölkert. P. Flosdorf erhielt durch das Generalvikariat Aachen die Stelle eines Vicarius substitutus, die er vom 31.7.1941 bis 2. Juli 1942 versah (An diesem Tag wurde er als Provinzial der Niederdeutschen Provinz verkündet.). Die Kaplanstelle an der Maria-Rosenkranz-Kirche in Mönchengladbach war eine Möglichkeit, Mitbrüder im Urlaub aufzunehmen, nachdem Hochelten Anfang 1942 zwangsweise vermietet werden mußte.

Wenige Tage nach dem Amtsantritt mußte der neue Provinzial den aus Valkenburg vertriebenen Mitbrüdern neue Aufgabe und Unterkunft zuweisen. Den als Jesuiten aus der Wehrmacht ausgestoßenen Mitbrüdern drohte die Einziehung in Bewährungskompanien, wie uns von zuverlässiger Seite mitgeteilt wurde. Nach den vorgeschriebenen Informationen wurden die Theologen unter ihnen am 9. November durch Bischof Albert Stohr in der Seminarkapelle in Mainz zu Priestern geweiht und durch die Ordinariate von Mainz und Limburg in die Pfarrseelsorge gesandt. Der seit langem vorbereitete Devisenprozeß gegen P. von Nell-Breuning endete am 23. Dezember 1943 mit der Verurteilung des Paters, der aber wegen seiner Haftunfähigkeit vor dem Zuchthaus bewahrt blieb. Wegen der Unbewohnbarkeit der Provinzialswohnung in der Volksgartenstraße in Köln nahm P. Provinzial im Dezember 1944 Wohnung in Sonn, von wo er am 6. Juni 1945 in die Stolzestraße zurückkehrte, die der P. Superior Fatzaun von der Besatzung freibekam und bewohnbar machte. Der Wiederaufbau der Provinz ging durch die Bereitschaft der Mitbrüder verhältnismäßig rasch voran, wovon der Katalog von 1948 Zeugnis gibt. September/Oktober nahm P. Flosdorf an der Generalkongregation teil.

Am 22. August 1948 wurde er durch P. Hermann Deitmer als neuem Provinzial abgelöst und übernahm am 13. November 1948 das Amt des Novizenmeisters auf Burg Eringerfeld. Das blieb er (bis 1958 auch als Hausrektor) bis Oktober 1959, wo er durch P. Georg Mühlenbrock abgelöst wurde und in Frankfurt Sankt Georgen als Regens die Leitung des Priesterseminars übernahm. Von der in den Sechziger Jahren einsetzenden Diskussion über eine Reform der Priesterausbildung wurde auch unser Seminar berührt. Im Jahre 1967 wurde die Berufung eines jüngeren Regens ratsam. P. Georg Mühlenbrock wurde der neue Regens. P. Flosdorf löste den bisherigen Hausminister P. Konrad Pohlmann ab. Er blieb ln dieser Aufgabe bis September 1973. Am 28. April 1974 wurde P. Flosdorf als Rektor in Haus Sentmaring verkündet. Die vorgesehene Befristung der Amtszeit auf 3 Jahre erwies sich als berechtigt. Am 19. März 1977 löste P. Karl Linde ihn ab. Am 1. September 1977 wurde P. Flosdorf als Hausgeistlicher im Provinzial-Mutterhaus der Schervierschwestern in der Lange Straße in Frankfurt eingeführt."

 

So also hat P. Flosdorf den Verlauf seines Lebens gesehen und beschrieben - "schlicht und einfach", klar, sachlich, nüchtern und bescheiden. Es war nicht ratsam, diesen Bericht zu kürzen, denn ein gutes und sehr gefülltes Stück unserer Provinzgeschichte wird uns im Zusammenhang mit seiner Lebensgeschichte präsent. Damit zeigt sich auch, wie schicksalsverbunden er mit der Gesellschaft und der Provinz lebte, - und wie sehr er in den vergangenen 50 Jahren auf die Geschicke unserer Provinz Einfluß genommen hat. Diese Einflußnahme nimmt allerdings nur wahr, wer ein wenig zwischen den Zeilen seines Lebenslaufs zu lesen vermag. Es finden sich keine spektakulären Dinge darin; seine Dienste sind fast samt und sonders "Innendienste", die große Öffentlichkeit hat sie kaum bemerkt; selbst sein Provinzialat war, der damaligen Zeitsituation entsprechend, eine verborgene Angelegenheit. Vor allem aber ist das, was sein Leben für unsere Provinz so bedeutungsvoll gemacht hat, wesenhaft etwas sehr Bescheidenes: ich meine seine Vermittlerrolle.

Hier liegt m. E. die wirklich grosse Bedeutung, die P. Flosdorf für uns hatte. Die Vermittlung ist sein eigentliches "Lebenswerk". Er hat in unserer Provinz die Brücke gebaut von hohen überkommenen Werten der "Valkenburger" Zeit hin zu der "neuen" Gesellschaft, der Zeit um das Vatikanum. Ja er selbst war in seiner Person so etwas wie eine "Brücke". Das zeigen schon seine Lebensdaten; das zeigt sich nicht zuletzt darin, daß "Alte" wie "Junge" in ihm einen Freund erkannten, bei dem sie sich verstanden fühlten und dem sie ihr Vertrauen schenken konnten. Ihm vor allem, scheint mir, verdankt die Provinz, daß es in den kritischen Sechziger Jahren in ihr nicht wie anderswo den Aufstand der jungen Generation gegeben hat. Es gab in der Provinz kaum so etwas wie "Nachholbedarf". Als P. Flosdorf 1934 als Zweiunddreißigjähriger die Leitung des Noviziates übernahm, konnte er in die Ordensausbildung schon all die Werte einfließen lassen, die in der Jugendbewegung, konkret in "Neudeutschland", unmittelbar nach dem 1. Weltkrieg aufzubrechen begonnen hatten. Schon als Gymnasiast war er damit vertraut geworden, und er erlebte sie von neuem, wie er mir einmal erzählte, bei seinem Novizenmeister P. Paul Sträter, der aus dem Düsseldorfer Jugendhaus und der Zusammenarbeit mit Prälat Kiens in das Amt des Magisters übergewechselt war, und nicht zuletzt in der Godesberger Präfektentätigkeit.

So war er von den Anliegen der Liturgischen Bewegung und der Bibelbewegung persönlich stark durchdrungen und suchte damit die überkommenen Traditionen des Ordens zu vertiefen und zu beleben. Auch was die "Ignatiana" und die neuen Ansätze in Philosophie und Theologie betrifft, so brachte P. Flosdorf in sein Novizenmeister-Amt all das mit, was in dieser Beziehung Ende der Zwanziger und Anfang der Dreißiger Jahre in Valkenburg in Bewegung geraten war. Durch ihn wurden uns bereits 1935 im Noviziat die PP. Przywara, Hugo und Karl Rahner, August Brunner, Josef de Vries, Joh. B. Lotz vertraute Namen. Wohl entsprach es dem Wesen von P. Flosdorf, daß er bei seinem "Brückenbau" behutsam (vielleicht manchmal zu behutsam) voranging, aber gerade durch diese Behutsamkeit verscherzte er sich nicht, wie es sonst gelegentlich geschah, das Vertrauen der älteren Mitbrüder.

Hier kommt wie von selbst die Frage, was ihn vor allem dazu befähigt hat, diesen Dienst des Brückenschlags in unserer Provinz so wirksam zu leisten. Wohl in erster Linie war es ermöglicht durch die sehr glückliche Verbindung von Standfestigkeit und Beweglichkeit, die ihm zu eigen war. Wir haben P. Flosdorf erlebt einerseits als einen Mann mit ungebrochenem Glauben und einer daraus erwachsenden tiefen Frömmigkeit, - andererseits aber auch als einen Mann, der um Probleme weiß und sie existentiell an sich erfährt, der darum Verständnis hat, wenn man mit Fragen und Zweifeln kommt, der beweglich und "jugendlich" auf das "Neue" zugeht und eingeht. Er hat seine Herkunft von Neudeutschland immer mit Dank und Freude bejaht.

Seine Offenheit und Aufgeschlossenheit wurden bei ihm noch stark unterstützt durch sein ausgeprägtes Feingefühl. Er hatte ein außerordentlich feines Empfinden, sowohl für die Menschen wie für die Dinge. Es fiel ihm leicht, sich in andere einzufühlen und sie zu verstehen; er hatte auch keine Schwierigkeit, seine Emotionen kundzutun und andere daran teilnehmen zu lassen. In dieser Beziehung hat er in der damaligen Noviziatsführung manche Änderung geschaffen - zunächst mehr im Bereich der persönlichen Begegnung von Novizenmeister und Novizen - dann aber auch mehrund mehr im Institutionellen. Er schuf eine Atmosphäre natürlicher Ungezwungenheit, Herzlichkeit, Wärme. Die menschlichen Werte, auch die musischen Werte, kamen stärker zur Geltung. Wohl gab es hierbei auch Rückschläge. Die gleiche Sensibilität, die P. Flosdorf so zum Eingehen auf den andern befähigte, machte ihn natürlich auch verletzlich für Grobheit und Taktlosigkeit. Dann gab es entsprechend harte Reaktionen. Auch konnte er dann seine ganze Erziehungspraxis in Frage stellen.

Was ebenfalls in starkem Maß P. Flosdorf zum "Brückenschlag" befähigte, war seine große Selbstlosigkeit. Manches von dem, was die "jungen Leute" erstrebten, war sicher nicht nach seinem Geschmack - zumal in den Jahren, wo er Regens war. Er mußte, um mit der Zeit gehen zu können, von vielem Abstand und Abschied nehmen, was ihm selbst sehr kostbar war und viel bedeutete. Aber er tat es mit Selbstverständlichkeit und ohne viel Aufhebens. Er fügte sich dem Gebot der Stunde. Er suchte nicht sein Behagen, - und erst recht nicht Ehre und Anerkennung. Es ging ihm einzig um das Wohl der jungen Mitbrüder. Wieviel er hier im eigentlichen Sinn "durchlitten" hat, weiß wohl nur Gott. Das begann übrigens schon in 's-Heerenberg in seinen ersten Magisterjahren, als er, "der junge Mann",von Seiten der Hausväter manchen Argwohn und manchen Hieb einstecken mußte. Unter dieser Rücksicht war für ihn die Obersiedlung nach Hochelten keine ger'inge Wohltat. Es ist das Schicksal des Brükkenbogens, daß er auf keinem der beiden Ufer voll und ganz beheimatet ist und daß er ständig in Spannung gehalten ist.

Es sei auch noch erwähnt, was der Bischof von Limburg in seinem Beileidsschreiben an den Rektor von Sankt Georgen so stark hervorgehoben hat. Er rühmt die'Urteilsfähigkeit von P. Flosdorf. Vor allem, wenn es um die Beurteilung eines Menschen ging, hatte er ein außerordentlich gutes Gespür und eine große Treffsicherheit. Er hat sich selten in einer Beurteilung getäuscht. Wohl haben seine große Güte und seine oft fast ängstliche Rücksichtnahme es ihm verwehrt, aus seinem Urteilen ein Verurteilen zu machen. Er glaubte immer bis zuletzt auch an das Gute in dem andern, und das verlieh ihm ein hohes Maß von Geduld und Nachsicht und ließ auch nicht die Spur von Menschenverachtung in ihm aufkommen. Aber er hatte, wie gesagt, einen außerordentlich guten Spürsinn - natürlich und geistlich verstanden, - also "Unterscheidung der Geister". So war er ein großes Gottesgeschenk für die Provinz, für die Gesellschaft, für die Kirche unserer Zeit.

Noch ein kurzer Zusatz! Ein Wort zur Priesterweihe am 9. November 1942! P. Flosdorf erwähnt sie kurz in seinem Lebenslauf. Nach einer Äußerung von P. von Nell-Breuning ist sie das Bedeutungsvollste, was P. Flosdorf getan hat. Also doch etwas "Spektakuläres" in seinem Leben! Tatsächlich war es eine kühne Tat - in mehrfacher Hinsicht. Die Weihe fand hinter den verschlossenen Türen der Mainzer Seminarkapelle statt; sie konnte politisch gefährlich werden. Sie war auch kühn im Hinblick auf das "ius canonicum"; nach dem Krieg gab es harte Vorwürfe, unter denen P. Flosdorf nicht wenig litt. Aber im Grunde war sie doch weit mehr für ihn eine Quelle tiefer Tröstung. Und eine Quelle unablässigen Dankes, vor allem von Seiten derer, die damals die Priesterweihe empfangen durften, unter ihnen der Schreiber dieses Nachrufes.

R.i.p.

P. Georg Mühlenbrock SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 4/1981 - Juli, S. 87-90