Bruder Peter Franken SJ
* 13. September 1909 in Viersen
† 31. Januar 1998 in Münster

Wenn Mitbrüder sich heute an einen Ordensbruder erinnern, der in jeder Hinsicht dem entsprochen hat, was man sich unter einem guten Ordensmann vorstellt, kommen sie wahrscheinlich auf Br. Peter Franken.

Er hat einen schriftlichen Lebenslauf hinterlassen, der es leichtmacht, den äußeren Ablauf seines Lebens nachzuzeichnen. Er trägt die Überschrift: "So einfach war mein Leben".

Diese Überschrift bringt schon zum Ausdruck, wie Br. Franken die absolut nicht einfachen Umstände seines langen Lebens beurteilt, wie gelassen er schwierige Phasen getragen, die ihm eine schwache Gesundheit gebracht haben.

Die Mutter Br. Frankens stammte aus dem holländischen Süd-Limburg; als sie in Viersen in Stellung war, lernte sie den Schreinergesellen Franken kennen, den sie 1908 heiratete. Der erste Sohn, Peter, wurde 1909 geboren; es folgten noch drei weitere Brüder. Die Familie wurde von den beiden Weltkriegen schwer betroffen; der Vater kam 1918 kriegs"beschädigt" aus dem Feld zurück; Peters drei jüngeren Brüder haben den 2. Weltkrieg nicht überlebt.

Nach seiner Schulentlassung wollte Peter wie sein Vater Schreiner werden und kam bei einer großen Bau- und Möbelschreinerei in die Lehre. Aber schon nach zwei Jahren mußte die Firma wegen der Inflation ihre 20 Lehrlinge entlassen. Eine andere, schwere Arbeit konnte er gesundheitlich nicht durchhalten, und so arbeitete er daheim in Feld und Garten.

Schon früh hatte Peter den Wunsch, einmal Bruder bei den Steylern zu werden. Die daheim liegende "Stadt Gottes" und auch die Nähe Steyls und Kontakte mit Steyler Patres legten diesen Wunsch nahe. Als er aber mit dem Kaplan seiner Heimatgemeinde darüber sprach, fragte ihn dieser: "Warum nicht zu den Jesuiten?" In Viersen befand sich ein Exerzitienhaus, das von Jesuiten geleitet wurde. Peter machte seine ersten Exerzitien bei P. Josef Haggeney, der daraufhin sogleich dem Novizenmeister in 's-Heerenberg schrieb, daß er einen guten "Fang" gemacht habe. P. Heinrich Schmitz schrieb zurück: "Da er noch sehr jung ist, laß ihn mal zuerst in das Aloisiuskolleg nach Bad Godesberg gehen; dann können wir weiter sehen". Also fuhr er nach Godesberg, wo P. Paul Sträter Rektor und Br. Franz Auf der Springe Dienerpräfekt waren. Br. Franken schreibt: "Als diese sich den blassen und schmächtigen Jungen angesehen hatten, kamen sie zu dem 'weisen' Entschluß: Geh' mal wieder nach Hause, damit Du in der frischen Luft etwas kräftiger wirst: So zog ich dann bedröppelt von dannen. Doch kaum ein halbes Jahr später kam aus heiterem Himmel ein Brief von P. Magister Schmitz: wenn ich noch wolle, könnte ich kommen. Das war 1927, als ich noch keine 18 Jahre alt war."

Dem Vater war das gar nicht recht, und er fuhr am 27. April mit nach 's-Heerenberg, um zu sehen, wo sein Sohn blieb; er war aber recht zufrieden, als er sich das Bonifatiushaus angesehen und mit P. Schmitz gesprochen hatte. Die Freude der Mutter aber war sehr groß, da sie einen langen Wunsch erfüllt sah, ihren Peter aber nie beeinflußt hatte; das war wohl ein Trost für sie, nachdem sie ihre drei anderen Söhne im Krieg verloren hatte; im stillen hatte sie immer gehofft, daß mal einer ihrer Söhne Priester werden möge.

Unser Postulant begann seine Dienste im Refektor als Gehilfe von Br. Franz X. Schmitz. Mit dem Beginn des Noviziates kam er zum Krankenpfleger Br. Josef Donner und erlernte so schon im Noviziat, mit alten und kranken Mitbrüdern umzugehen; es war vorgesehen, ihn nach dem Noviziat in der Pflege weiterzubilden. Es kam jedoch anders, denn er wurde schon bald selber zum Pflegefall. Der Arzt stellte bei ihm eine Lungenerkrankung fest, und Br. Franken fuhr mit Br. Paul Erner für ein halbes Jahr nach Stühlingen im Schwarzwald. Zurückgekehrt, hatte er noch "Schonzeit"; er mußte viel liegen, nutzte aber diese Zeit, das Maschinenschreiben zu erlernen. Der damalige Novize Fritz Braun brachte ihm Stenographie bei.

Zwischenzeitlich suchte die Provinz für das Provinzialat einen neuen Sekretär, und P. Wilhelm Klein holte sich im Juli 1932 Br. Franken nach Köln. Damit begann seine lange Laufbahn im Dienste des Provinzialates. Zunächst dauerte es aber nur zwei Jahre, bis die erste Unterbrechung kam. Es hieß: offene Lungen-Tbc; jetzt mußte er für ein ganzes Jahr in die Heilstätte Mönchengladbach, wo P. Peter Dahmen damals Hausgeistlicher war. In der Nachkur bewarb sich P. Heinrich Keller, der Rektor von Valkenburg, um ihn als Sekretär. Diesen Dienst mußte er drei Jahre lang mit einer Liegekur verbinden. Nebenbei half er Br. Georg Vögele als Photograph; als Friseur nahm er sich der "ehrwürdigen Häupter, deren es damals in Valkenburg eine große Menge gab", an.

Im Jahre 1936 kam P Provinzial Klein nach Valkenburg zur Visite. Er hat Br. Franken gleich gefragt, ob er nicht wieder mit nach Köln kommen wolle, da Br. Ernst Mensching, der Franken in Köln vertreten hatte, nach Rom versetzt wurde. Die Gesundheit Br. Frankens hatte sich inzwischen gefestigt. Er begann erneut in Köln seinen Dienst.

Dann kam der Krieg, und Br. Franken wurde im Juli 1940 zur Luftwaffen-Sanitätsausbildungs-Abteilung eingezogen. Nach einem halben Jahr und mit bestandener Sanitätsprüfung kam er als Gefreiter und Sekretär eines Oberarztes bei der Stabskompanie nach Kaiserslautern. Dort erreichte ihn am Tag Mariä Heimsuchung 1941 die Nachricht von seiner Entlassung aufgrund eines Geheimbefehls Hitlers. Ein Anruf in Berlin, das zu verhindern, blieb erfolglos.

Br. Franken war der erste in unserer Provinz, den dieses ‚Schicksal' ereilte. Er kam zu P. Provinzial Wulf, der sich nach der Vertreibung aus der Stolzestraße in der Volksgartenstraße befand. Bei der Begrüßung sagte ihm P. Wulf: "In der Südprovinz geht das Gerücht um, die Jesuiten würden alle aus der Wehrmacht entlassen; Sie sind jetzt der erste Beweis dafür." Den umstrittenen Ausdruck "Wehrunwürdigkeit" hörte man zunächst noch nicht; aber für die Jesuiten begann eine Zeit absoluter Rechtlosigkeit, und daraus ist der Ausdruck erwachsen. Br. Franken blieb zunächst beim Provinzial und löste den Schreiber dieser Zeilen als Sekretär ab; so konnte sich dieser ganz der Provinzverwaltung widmen, die ihr Büro in der nahen Vondelstraße hatte.

Trotz der ständigen Bombardierung Kölns lebten wir mit der Benediktinerin Coelestine - von P. Oswald von Nell-Breuning "wilde Nonne" genannt - in einer angenehmen Wohngemeinschaft. Anfang 1942 kam Br. Franken als Krankenpfleger ins Franziskus-Hospital in Köln-Ehrenfeld; sein Nachfolger beim Provinzial wurde Frater Alfonso Pereira. Ich selber zog in den letzten beiden Kriegsjahren auch ins Franziskus-Hospital und übernahm halbtägig den Dienst als Bäcker. In Ehrenfeld war noch Br. Karl Entling tätig; in der Seelsorge waren P. Alois Knauber und P. Otto Semmelroth; so hatten wir dort auch eine kleine Kommunität. Für uns waren der Anblick und die Hilfe für die vielen Schwer- und Leichtverletzten, die nach jedem Bombenangriff eingeliefert wurden, unvergeßlich. Br. Franken schreibt in seinen Aufzeichnungen noch über eine der schlimmsten Nächte vor dem Fest Peter und Paul 1943. Mit dem Einzug der Amerikaner im März 1945 und der Besetzung der linken Rheinseite hatte diese schwere Zeit ein Ende. Ich stand mit Br. Franken und dem Krankenhauspersonal an der Straße. Wir haben uns den Einmarsch angesehen: Die Amerikaner eroberten eine tote Stadt.

Bald nach Kriegsende wurden wir von den Schwestern freigegeben und konnten das einigermaßen erhaltene Haus in der Stolzestraße besetzen und mit den Aufräum- und Reparaturarbeiten beginnen. Bald kamen noch andere Brüder dazu, und bereits Ostern 1945 konnten wir in St. Robert, dem zum Canisiushaus gehörenden Kirchenraum, der heute das Provinzarchiv und die Hausbibliothek beherbergt, den ersten Gottesdienst feiern. Br. Franken nahm sich besonders der Provinzialsräume an, und bald konnte P. Wilhelm Flosdorf einziehen und die Tradition seiner Vorgänger fortsetzen. Br. Franken machte bald seine Kfz-Prüfung, und für die nächsten zehn Jahre konnte er ungehindert seinen Dienst als Sekretär leisten.

Dann begann eine der schwierigsten Phasen seines Lebens; er schreibt selber dazu: "Und schon tauchte auf der Straße meines Lebens ein großes STOP-Schild auf. Schon seit längerer Zeit plagten mich Verdauungsbeschwerden, die sich auch mit Pillen vom Arzt nicht besserten." Ein befreundeter Arzt erklärte ihm nach einer Untersuchung: "Da kann Dir nur noch der Chirurg helfen." Man brachte ihn nach Frankfurt ins Marien-Hospital, wo er Ende Januar 1965 von Prof. Dr. Klöß operiert wurde. Eine faustdicke Geschwulst am Ende des Mastdarmes wurde entfernt, und ein künstlicher Darmausgang mußte angelegt werden. Nach einigen weiteren Komplikationen kam er im März 1965 zur weiteren Genesung nach Münster, wo die Besserung gute Fortschritte machte. Die Dienste als Sekretär des Provinzials übernahm im Juni 1965 Br. Alois Wendel, der sich mit Hilfe Br. Frankens schnell einarbeitete. So konnte der damalige Superior des Canisiushauses, P. Otto Syré, Br. Franken vorschlagen, die Buchführung des Canisiushauses zu übernehmen.

"Obwohl ich für diese Arbeit nicht die geringste Voraussetzung mitbrachte und weder von Buchführung noch Bilanzen eine Ahnung hatte, habe ich diese Arbeit für das Canisiushaus übernommen." Aus dieser Lösung wurde ein Dauerzustand; er wurde Hausökonom, zeitweise Minister, und er stand auch dem Provinzialat noch zur Verfügung; außerdem hatte er sich Kenntnisse in der Buchbinderei angeeignet und mit viel Geschick gute Arbeit geleistet. Das ging so bis zum September 1982. Zwischenzeitlich hatte er wieder Probleme mit seinem Darmausgang; im März 1977 mußte er sich erneut einer Operation unterziehen; es wurde ein weiteres Stück vom Darm entfernt und der Ausgang an eine günstigere Stelle verlegt. Diese Operation hat ihm große Erleichterung gebracht. Von 1982 an bis Juli 1993 war er dann nur noch im Provinzialat tätig und kümmerte sich hauptsächlich um die Adressenverwaltung, die Provinznachrichten, den Versand usw.

Am 1. Juli 1993 kam er in unser Altenheim nach Münster.
Bevor er nach Münster fuhr, schrieb er in seinen Lebenslauf: "Nun bleibt mir noch, mich auf einen guten Tod vorzubereiten und in die gütigen Vaterarme Gottes zu werfen, um IHM zu danken für ein glückliches Leben in Seinem Dienst."

Wer Br. Peter Franken durch sein Leben begleitete und besonders, wer ihn in Münster in seinen alten Tagen erlebte, wird bestätigen, wie ernst es ihm mit seiner Vorbereitung auf einen guten Tod war; es war ihm eine Selbstverständlichkeit, alles, auch Krankheit und andere Mühsal, mit Gelassenheit aus Gottes Hand entgegenzunehmen; dabei verlor er nie seine Liebenswürdigkeit und Freundlichkeit in jeder Situation; sein frohes Wesen, gepaart mit einem Schuß Humor, hat er nie verloren. Seinen Beruf als Ordensbruder hat er sehr geliebt. Es ist typisch für ihn, was er in seinen Erinnerungen über den Ordensaustritt von Br. Wendel, dem er in Köln so selbstlos geholfen hat, schreibt. "Für mich war das die größte Enttäuschung meines Lebens."

Die Freude an seinem Beruf gab ihm auch die Kraft, alle Widerwärtigkeiten zu meistern. Da er so treu in seinem Dienst, zumal auch in der Verrichtung seiner geistlichen Übungen war, konnte er ein Vorbild für seine Mitbrüder sein. In den letzten Jahren konnte man sich in Münster nur noch schwer mit ihm unterhalten, man verstand nicht, was er sagen wollte, aber es fehlte nie ein freundliches Lächeln. Zuletzt konnte er sich nicht mehr allein bewegen und war an seinen Stuhl gebunden.

Kurz vor seinem Heimgang zeigten sich neue Verdauungsschwierigkeiten, und es kam zu einem neuen Darmverschluß, der ihn ruhig heimgehen ließ.

Der Inhalt des Lebens von Br. Franken stimmt wohl mit dem überein, was Paulus den Römern schrieb: "Leben wir, so leben wir dem Herrn, und sterben wir, so sterben wir dem Herrn; ob wir leben oder sterben, wir gehören dem Herrn" (Röm 14,8).

R.i.p.

Bruder Fritz Wellner SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 2/1998 - März, S.57-60