Bruder József Ernö Gara SJ
* 3. Juni 1907 in Budapest
1. Mai 1995 in Münster

Bruder József Ernö Gara wurde am 3. Juni 1907 in Budapest (Ungarn) geboren. Sein Vater Menyhert und seine Mutter Amalie hatten für eine große Familie zu sorgen. József war das neunte von zehn Kindern. Er hat eine glückliche Kindheit verlebt. Zunächst besuchte er vier Jahre die Grundschule, danach vier Jahre eine Mittelschule. Nach dem Abschluß der Schulzeit erlernte József den Beruf des Tischlers. Nach dreijähriger Lehrzeit legte er erfolgreich die Gesellenprüfung ab. Er schloß sich in diesen Jahren in Budapest einer Marianischen Kongregation junger Handwerker an. In dieser blühenden Gruppe erlebte er den Glauben als große Lebenskraft. Er lernte dort auch die Jesuiten kennen und begann, sich für ihren Orden zu interessieren. Bald entschloß er sich, in die Gesellschaft Jesu einzutreten. 1930, am Vorabend des Ignatiusfestes, begann der 23jährige József das Noviziat, nachdem er schon seit November 1929 Postulant gewesen war. Im St. Stanislaus-Noviziat in Budapest-Zugliget traf er auf die stattliche Zahl von 20 Brüdernovizen.

Nach Beendigung des Noviziats siedelte Bruder Gara nach Széged um, wo er dann für fast zwei Jahrzehnte leben und wirken sollte. In Széged befand sich damals das Jesuitenkolleg, in dem die Scholastiker ihr Philosophie- und Theologiestudium absolvierten. Im Provinzkatalog stand hinter seinem Namen "Arc." oder "Arcul." Das ist ungewöhnlich. Was bedeutet es? Hinter dieser Abkürzung verbirgt sich wohl "Arcularius". Darin steckt "Arcula" = Kästchen, Schmuckkästchen. Von daher bedeutet "Arcularius" wohl Kunstschreiner. Ja, das war Br. Gara mit Leib und Seele: ein Schreiner, der an seine handwerklichen und auch künstlerischen Fertigkeiten höchste Ansprüche stellte. Im Kolleg in Széged stand ihm eine gut ausgestattete, moderne Werkstatt zur Verfügung. Oft ist erzählt und auch geschrieben worden, daß in Széged zwei seiner Werke die Aufmerksamkeit vieler auf sich zogen. Sie waren in der Jesuitenkirche zu sehen: zum einen ein Paramentenschrank in der Sakristei, zum anderen einige Beichtstühle in der Kirche. Am 15. August 1940 legte Br. Gara in Széged seine Letzten Gelübde ab.

Als der ungarische Staat begann, die Kirche und vor allem die Orden zu unterdrücken oder gar zu verbieten, mußte Br. Gara, ähnlich wie viele seiner Mitbrüder, seine Heimat fluchtartig verlassen. Am 27. April 1949 gelangte er nach Österreich. Aber auch dort konnte er nicht bleiben. Über Italien und Belgien kam der inzwischen 47jährige Br. Gara schließlich im Jahre 1954 nach Deutschland, genauer: nach Frankfurt am Main, wo er fortan als Mitglied der St. Georgener Kommunität lebte. Er blieb hier 39 Jahre lang, bis er am 11. Februar 1993 ins Altenheim Haus Sentmaring nach Münster übersiedelte.

Br. Gara gehörte Jahrzehnte hindurch zusammen mit Br. Heinrich Meier und Br. Wilhelm Syben zu dem oft gerühmten St. Georgener Schreinertrio. In St. Georgen und auch in einigen Residenzen unserer Provinz haben sie ihre Arbeiten verrichtet. Besonders kostbar sind die Möbel, die sie hergestellt haben. In vielen Arbeitszimmern der St. Georgener Mitbrüder, in der Bibliothek, im Kommunitätsspeisesaal und in der Studentenmensa kann man sie bewundern. Sie sind stets schön und zweckmäßig zugleich. Handwerklich sind sie perfekt gearbeitet. Während Br. Meier innerhalb des Trios den Ton angab, wobei bisweilen auch Ungeduld im Spiel war, fanden die beiden anderen mehr und mehr zueinander. Das verstärkte sich noch, nachdem Br. Meier im Herbst 1991 gestorben war und sich auch bei Br. Syben und Br. Gara die Beschwerden des Alters immer deutlicher zeigten. Nun sah man sie fast durchgehend beieinander: sie machten ihre Wege gemeinsam, sie saßen in der Kirche nebeneinander, sie kamen gemeinsam morgens und nachmittags zur Kaffeepause ins Refektor, sie schauten abends für eine begrenzte Zeit gemeinsam ein Fernsehprogramm - bevor sie sich zur gleichen Zeit zur Nachtruhe zurückzogen. Sie achteten stets aufeinander und waren einander behilflich. Br. Syben redete Br. Gara mit "Joschy" an, - ein Zeichen ihrer Vertrautheit.

Br. Gara war ein vorbildlicher Bruder in der Gesellschaft Jesu. Er hat viel gebetet, täglich an den Gottesdiensten der Kommunität teilgenommen. So hatte sein Leben eine Mitte in Christus, dessen Ruf er gefolgt war. Und dies gab seinem Leben die innere Einheit, wo auch immer er zu leben hatte - in der ungarischen Heimat oder in der deutschen Fremde.

Es ist Br. Gara nicht leichtgefallen, sich in die deutsche Sprache hineinzufinden. Vieles von dem, was in seiner Umgebung gesprochen wurde, hat er wohl nur bruchstückhaft verstanden. Und es war für ihn auch mühsam, seine Gedanken in deutscher Sprache auszudrücken. Wir können nur ahnen, wieviel an Einsamkeit dies für Br. Gara mit sich brachte. Dennoch war er ein angesehenes, ja beliebtes Mitglied der St. Georgener Kommunität. Tag für Tag bei allen kommunitären Zusammenkünften anwesend, gehörte er zum Kreis derer, die anderen das Gefühl, ein Zuhause zu haben, vermittelten. Seine Schwierigkeiten, sich in der fremden und fremdbleibenden Sprache mitzuteilen, führten in keiner Weise zur Isolation in der Kommunität und in ihm selber zu Bitterkeit. Im Gegenteil: Br. Gara war ein in seinem Wesen heiterer Mensch, der wachsam alles um sich herum wahrnahm und sich darüber freute und anerkennend äußerte. Von daher ist es kennzeichnend für sein Wesen, daß er viele Jahre hindurch der Hausfotograf gewesen ist. Es machte ihm Freude, auf das, was zu sehen war, genau zu achten und es im Bild festzuhalten. Ebenfalls kennzeichnend für ihn war es, daß er ein großes Blumenbeet in der Nähe der Schreinerei pflegte. Schaute er aus den Fenstern der Schreinerei heraus, so sah er das Blumenmeer, für das er sich geradezu eifersüchtig zuständig fühlte. Viele halten in dankbarer Erinnerung, daß Br. Gara ihnen immer wieder, auch angesichts scheinbar unbedeutender Ereignisse, ein Wort der Anerkennung und des Lobes gesagt hat. Wer an Br. Gara zurückdenkt, sieht ihn entweder in seinem blauen Arbeitsanzug samt Schürze vor sich oder - vor allem sonn- und feiertags - in einem fein geschneiderten Anzug, zu dem auch die Krawatte paßte.

Im Alter nahmen die körperlichen und manchmal auch seelischen Beschwerden zu. Mit seinem schweren Körper mußte sich Br. Gara schließlich immer mehr auf einen Stock stützen. Er ging nach vorn gebeugt. Oft hat er mit rheumatischen Schmerzen zu tun gehabt.

Anfang 1993 nahm die Pflegebedürftigkeit zu. Zusammen mit Br. Syben ging er nach Münster, wo er seinen Lebensabend verbracht hat. Nach längerer Krankheit ist Br. Gara in der Frühe des 1. Mai 1995 ruhig an Herzversagen gestorben. Dieser Tag war Gedenktag des heiligen Josef, seines Namenspatrons, dem er auch als Schreiner vielfach verbunden war. Am 4. Mai wurde er auf dem Friedhof von Haus Sentmaring beigesetzt. Wir dürfen mit ihm hoffen, daß er jetzt seine endgültige Heimat bei seinem Gott gefunden hat, dem er immer gedient hat - zu Hause und in der Fremde.

R.i.p.

P. Werner Löser SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 4/1995 - Juli, S. 129f