Bruder Ludwig Graber SJ
* 9. Februar 1881 in Rheinzabern (Pfalz)
14. Februar 1969 in Münster

Er wurde am 9. Febr. 1881 in Rheinzabern (Pfalz) geboren. Die Eltern hatten eine Bäckerei, die hauptamtlich die Mutter besorgte, mit einer großen Landwirtschaft. Ludwig war das dritte von 6 Geschwistern (2 Mädchen, 4 Jungen), die alle sehr früh zur Arbeit angehalten wurden. Ludwig half der Mutter viel in der Bäckerei, trug frühmorgens die Brötchen aus und war dabei ein eifriger Meßdiener. Noch nicht 16 Jahre alt trat er am 30. Sept. 1896 in die Gesellschaft Jesu ein - und damit begann ein langes Ordensleben, das im großen Ganzen und in den meisten Einzelheiten immer dasselbe blieb, obwohl es sich in sehr verschiedenen geographischen Räumen abspielte. Der nächste Grund für diese Tatsache ist vor allem bei Br. Graber selbst zu suchen. Von Anfang an stand das Ziel und der Weg dazu klar vor ihm, und mit zäher, unnachgiebiger, oft ins Heroische gesteigerter Energie hielt er daran fest bis zu dem Tag, da seine letzten körperlichen Kräfte verbraucht waren und nichts mehr zu tun war als in die ewige Ruhe hinüberzuschlummern.

"Als ich 1896 in die Kandidatur nach Tisis kam", schreibt er in seinen Aufzeichnungen, "hörte ich in der Allerheiligenlitanei die Worte: 'Ich aber bin elend und arm. O Gott, stehe mir bei!' Die machten großen Eindruck auf mich und wurden mir zum Leitgedanken im ganzen Ordensleben, das arbeitsreich und opferreich wurde." Es war die Arbeit und das Opfer des Gott und Menschen dienenden Bruders, was er sich im Laufe der Jahre immer mehr als seine Lebensaufgabe sicherte, nicht nur durch seine Ordensgelübde, sondern auch durch zusätzliche Gelöbnisse, wie das Gelübde am Herz-Jesu-Fest des Jahres 1911, durch das er sich verpflichtete, auch die ihm persönlich verfügbare Zeit ganz dem Gebet und der Arbeit zu widmen.

"Zuerst bekam ich die Petroleumlampen im ganzen Hause zu besorgen. Mußte alles, was zu backen war, besorgen, weil ich das zuhause in 2 1/2 Jahren Lehre gelernt hatte ... P. Joh. Bapt. Müller war unser P. Sozius und Minister, er hat mir großes Vertrauen geschenkt und hat mich zu allem hergeholt." Hier haben wir den zweiten Grund weshalb das Leben des Bruders so arbeitsreich und opferreich war: die hohen Anforderungen, die er an sich selbst stellte, wurden auch von allen anderen, innerhalb und außerhalb des Ordens, wie selbstverständlich an ihn gestellt. Alle waren es gewohnt, daß Br. Graber kein "Nein" und kein "Nun reicht' s" sagen konnte. Die schwierigste Aufgabe seiner Vorgesetzten ihm gegenüber war immer die, ihn zum Ruhen und Ausspannen zu bringen. Für Gemütlichkeit und heitere Muße hatte er im Allgemeinen wenig Sinn - Erholung bedeutete für ihn Gebet. Aber er verstand es ausgezeichnet - und das wiederum oft mit neuem Aufwand von Zeit und Kraft -, die Festfreude der Mitbrüder oder Pfarrkinder usw. zu steigern durch die Erzeugnisse seiner erfinderischen Kochkunst und seine berühmten, künstlerisch aufgebauten oder mit schönen Ornamenten und poetischen Sprüchen verzierten Krokanen und Kuchen.

Im Jahre 1902 kam der Bruder "Mit Gutheißung von P. General Fr. X. Wernz nach Dänemark, wo er 22 Jahre wirkte in allen Brüderämtern", zunächst als Koch und Bäcker in Kopenhagen in der Stenosgade. "Es war ein arbeitsreiches Leben, in unserer Kommunität waren 17 Mann. Da kamen so ungefähr 10 - 12 in der Mittagszeit von den Universitätsvorlesungen zurück zu verschiedener Zeit, so war für den Bruder keine Erholungszeit... Hatte von P. Minister den Auftrag, gut gegen alle zu sein und soweit als möglich alle zufrieden zu stellen. Es wurde mir nie gesagt, daß jemand nicht zufrieden war... Die Küche war die Zufluchtsstätte für alle Anliegen des Hauses."

Bei der personalen Umgruppierung nach der Aufhebung des Kollegs in Ordrup wurde Br. Graber nach Aarhus versetzt. "Da er ankam, sagte P. Superior: Unsere Brüder (Br. Nilkes und Br. Lehrer Jensen) sind alt und deshalb müßte ich ihnen alles Schwere abnehmen. Er selber wäre leidend und müßte jeden Vormittag Massage haben und am Nachmittag müßte das Ekzem am Oberkörper behandelt werden. Der Bruder Koch war Süddeutscher und wollte in die Oberdeutsche Provinz zurück. Selber mußte ich P. Provinzial versprechen, in der Niederdeutschen Provinz zu bleiben. So hatte ich auch Küche mit Refektor und war Sozius bei den beiden Brüdern." Nach einiger Zeit wurde Br. Nilkes nach Holland versetzt, Br. Jensen wurde krank und starb. "So war ich der einzige Bruder: War Sakristan an einer ganzen Pfarrkirche, hatte die Sorge für die Pforte, Telefon, Küche, Refektor und die Reinlichkeit im Hause, war Krankenbruder, Einkäufer und alles Übrige". Ein Bruder, der ihm zu Hilfe kommen sollte, wurde bald geisteskrank, und so kam es für Br. Graber schließlich zu einer Überanstrengung mit Nervenentzündung in den Armen bei wochenlanger Pflege im Krankenhaus.

Diese Situation benutzte P. Strang, der die Seelsorge in Sörforsa in Schweden übernommen hatte, sich den Bruder als Sozius zu erbitten, und er hatte schließlich Erfolg. Im Jahre 1924 begann damit die dreiunddreißigjährige Wirksamkeit des Bruders Graber in Schweden. Wieder mußte er eine neue Sprache lernen. Zunächst kam er also nach Sörforsa, einer kleinen katholischen Kolonie von böhmischen Textilarbeitern mit Familien - in allem ungefähr 150 Seelen -, zugleich der Ausgangspunkt für die Seelsorge in der nördlichen Hälfte Schwedens, ein Gebiet von über 1000 km Längsachse. Dort hatte nun auch Br. Graber seine Station bis 1936. Die Zeit seines größten Heroismus. Zu all den Arbeiten, die er wieder als einziger Bruder in Kapelle und Sakristei, in Küche und Haus zu verrichten hatte, kamen noch die Urbarmachung des Gartengeländes, oft bis spät in die hellen Sommernächte hinein oder in den ganz frühen Morgenstunden, das Schneeschaufeln in den langen und kalten Wintern, die Vertretung in Christenlehre, Gottesdienst und Seelsorge am Pfarrort, wenn der Pater, mitunter bis zu drei Wochen, seine weiten Seelsorgsreisen bis in den höchsten Norden Schwedens machte. Während die Patres wechselten - nach P. Strang kam P. Borka und dann P. Thiel -, hielt der Bruder die Kontinuität aufrecht durch ständigen, guten Kontakt mit allen Katholiken, mit der Leitung der Leinenspinnerei, mit dem benachbarten großen Bauernhof usw. Alle achteten ihn als tüchtigen Schaffer, frommen Beter und weisen Ratgeber in praktischen und geistlichen Dingen. So geschah es auch, daß in den Jahren, da Br. Graber in Sörforsa war, dort kein Katholik unversehen gestorben ist, obwohl die Fälle nicht immer so einfach lagen.

Einen besonderen Einsatz über den Rahmen von Sörforsa hinaus leistete der Bruder in den dortigen Ferienkolonien für Jungen von unserem Kolleg in Berlin und für schwedische katholische Kinder, "jedes Mal mit großem Erfolg".

Im Jahr 1936 verließen unsere Patres Sörforsa, und Br. Graber kam nach Gävle anstelle des Br. Kindler, der in die alte Heimat zurückgekehrt war, "mit allen Ämtern für einen - und es ging gut", lautet Br. Grabers lakonisch Aufzeichnung. Nur der Rahmen war wieder ein anderer, eine Stadt 150 km weiter südlich, mit einer Pfarrkirche, ein anderer Pater, andere Menschen, aber der Bruder "verblieb sich selbst" und das täglich Leben war dasselbe; nur daß jetzt anstelle der Ferienkolonien für Jugendliche immer wieder Ferienaufenthalte an verschiedenen ländlichen Plätzen für Patres kamen, "mit allen Ämtern eines Bruders". Er wurde auch wiederholt nach Stockholm gerufen, um die Küche zu besorgen, "so daß es zusammengelegt über drei Jahre waren".

Im Jahre 1949 gaben wir auch die Pfarrei in Gävle ab, und so mußte auch Br. Graber wieder zum Wanderstab greifen. Er kam nach Uppsala, nochmals 100 km südwärts, und wurde auch dort, wie einst in Sörforsa, der Mitbegründer der dortigen Statio als Kommunität. Der eine Pater, der dort schon seit 1939 gehaust hatte, konnte nun mit Vorteil anfangen, zu Hause zu essen, und man konnte an einen weiteren Aufbau der Statio denken. Auch in Uppsala "war ich als "ad omnia". Hatte viel mit den Leuten zu tun." Vor- und Wartezimmer war die Küche. "Die Patres hatten es gern, wenn die Leute bei mir waren. Ich bekam in Geschäften fast immer Obst, Äpfel, Birnen, Pfirsiche usw. geschenkt. So durfte ich den Studenten immer etwas anbieten - und die nahmen es gern. Ein Student hat, scheint es, immer Hunger". Manche junge Studentin kam, um sich ein Rezept zum Kochen zu holen, alle aber nahmen von dem Besuch in der Küche wahre Erbauung mit: sie haben irgendwie beim Bruder gelernt zu beten, ihr Kreuz zu tragen, Geduld zu haben und froh zu sein. "Hier in Uppsala geht es überaus gut", schrieb er in einem Brief, "hauptsächlich unter den Studenten. Immer kommen neue, gute Leute zum Unterricht... Selber lebe ich als Ordensmann unter 50-tausend anderen (Einwohnern Uppsalas) und trage alle im Herzen mit der Bitte 'Herr, mache sie selig'."

Als die Station in Uppsala mit 2, dann mit 3 Patres besetzt und der Bruder inzwischen über 75 Jahre alt geworden war, glaubten seine Obern, ihm die gehäufte Arbeit nicht mehr zumuten zu dürfen. Er war bereit, das Land, in dem er durch 33 Jahre dem Aufbau des Gottesreiches gedient hatte, zu verlassen. Nach den langen Jahren der Einsamkeit und Isolierung freute er sich, in einen größeren Kreis von Mitbrüdern zurückkehren zu dürfen. Und so wurde er Herbst 1957 Mitglied der Kommunität in Haus Sentmaring in Münster, bis zu seinem Todesjahr im status domus aufgeführt als Soc. praef. tricl., Ad dom. Und auch diese letzten 11 Jahre seines Lebens mußten die Mitbrüder und Obern aufpassen, daß er nicht zu viel tun wollte.

Soweit und solange es möglich war, hielt er Kontakt mit seinen vielen Freunden in Schweden durch Briefe. Er schrieb immer mit sichtlicher Freude über die Gnade gerade in Münster im Tertiat sein und gerade dort seine letzten Kräfte einsetzen zu dürfen. Seinen Bericht über sein Leben schließt er ab mit den Worten: "Da der Bruder eintrat, wollte er gern nach Afrika gehen, aber der Gehorsam schickte ihn in die Nordische Mission. Bin jetzt alt geworden und bereue nicht, gefolgt zu haben. Habe für die Sache Gottes und für den Nächsten doch arbeiten und beten können, und der liebe Gott hat in vielem geholfen, sonst hätte ich es nicht immer leisten können. Er war mir immer vor Augen, Ihn liebte ich und seinetwegen auch die Menschen und tat was ich konnte. Ihm sei die Ehre und Dank für Seinen Beistand."

R.i.p.

P. Gerlach SJ

Aus der Provinz, Nr. 2 - April 1969, S. 44 f.