P. Heinrich Graf SJ
* 7. Februar 1896 in Barmen-Rittershausen
19. März 1993 in Münster

In einem Dankesbrief an den Provinzial, der ihm zu seinem 90. Geburtstag gratuliert hatte, schreibt P. Heinrich Graf: "Immer weiter, aber heiter, Gott verbunden, leistungsfroh." Man kann dieses Wort als Leitwort für sein Leben nehmen.

P. Heinrich Graf, sein voller Name war Heinrich Viktor Anton, war das jüngste von fünf Kindern. Er wurde am 7. Februar 1896 in Barmen-Rittershausen/Rhld. geboren. Sein Vater war Albert Graf und seine Mutter Johanna geb. Dreiner. Der Vater war von Beruf Zugführer und damit viel unterwegs. Vielleicht liegt hier einer der Gründe dafür, daß P. Graf in rastlosem Einsatz viele Jahrzehnte im seelsorglichen Einsatz quer durch Deutschland unterwegs war.

Während der Schulzeit besuchte er das Städtische Realgymnasium in Köln-Nippes, wo er 1915 das Kriegsabitur machte. Der Erzählung von Mitbrüdern zufolge hat er sich sofort nach dem Abitur freiwillig zur Reichswehr gemeldet. Obwohl er noch nicht das nötige Alter hatte, ist er auf Grund der freiwilligen Meldung genommen worden. Er hat es dann bis zum Leutnant gebracht und ist im August 1917 so stark verwundet worden, daß er für 3 Monate in Doulcon, Hanau und Köln im Lazarett war.

Möglicherweise haben die Erlebnisse der Kriegsjahre dazu geführt, daß in ihm der Wunsch heranreifte, ein priesterlich-missionarisches Leben zu führen. So finden wir ihn schon im Wintersemester 1918 im Bonner Theologenkonvikt Albertinum, wo er Philosophie und Theologie studierte. Sein Direktor war Dr. Stockums. P. Graf studierte hier 5 Semester. Danach trat er am 6. November 1920 ins Noviziat der Gesellschaft Jesu in 's-Heerenberg ein. Von 1923 bis 1929 studierte er an unserer Hochschule in Valkenburg/NL. Dort wurde er am 27. August 1928 zum Priester geweiht.

Es entsprach seinen Fähigkeiten und seiner Neigung, daß er danach von 1929-1931 bei P. Nötges seine Ausbildung zum Volksmissionar bekam. Die Arbeit als Volksmissionar wurde für ihn zu einer Berufung, die sein ganzes Leben, von kurzen Unterbrechungen abgesehen, prägte. 1932 machte er sein Terziat in Münster und kam dann am 15. Juli 1932 nach Trier. Dies wurde der Ort, von dem aus er die meisten Jahre seines Lebens tätig war. Hierher kehrte er nach einigen kurzen Unterbrechungen immer wieder zurück. In Trier legte er am 2. Februar 1934 die Letzten Gelübde ab, und es begann nun eine rastlose Tätigkeit als Volksmissionar und Seelsorger. Zunächst war er vor allem im westdeutschen Raum tätig. So finden wir ihn zur Volksmission in Koblenz, Gerolstein, Köln, Bochum, Essen, Höningen, Jünkerath, Paderborn, Dortmund und Wilhelmshaven, aber auch schon jetzt einmal in Hindenburg in Oberschlesien. Daß er in seinen Predigten während der Nazizeit Konflikten nicht aus dem Wege ging, zeigt seine Verhaftung am 4. Juli 1936 nach einer Fronleichnamspredigt in Ensch an der Mosel. Knapp zwei Monate war er im Gefängnis.

Mit Kriegsausbruch verlagerte sich seine Tätigkeit mehr nach Ostdeutschland, vor allem nach Schlesien. Seit 1940 war er hier vor allem mit P. Schiefer tätig. Er hielt mit ihm und zusammen mit anderen ostdeutschen Patres Volksmissionen und Religiöse Wochen, so in Gleiwitz, Klausberg, Hindenburg, Glatz, Habelschwert und Beuthen. Im Jahre 1943 war er mit P. Schiefer aber auch in Erfurt und im Thüringer Raum tätig. Sie waren hier mehrere Monate und hielten Volksmissionen in der Erfurter St. Severi-Gemeinde, in St. Lorenz, der Schotten- und Domgemeinde. P. Schiefer lobte ausdrücklich die Zusammenarbeit mit ihm. 1944 setzte P. Graf diese Arbeit fort und war wieder in Nieder- und Oberschlesien aber auch in mehreren Gemeinden Erfurts.

Hier war er wohl auch Dompropst Joseph Freusberg, dem späteren Weihbischof von Erfurt, begegnet. Dieser bat P. Graf, als er mit den Flüchtlingsströmen 1945 wieder nach Erfurt kam, in Erfurt zu bleiben und dem alten und schwer erkrankten Pfarrer Georg Reymann von Erfurt-Hochheim zu helfen. St. Bonifatius in Hochheim hatte P. Graf schon bei einer Religiösen Woche im Mai 1943 kennengelernt. So zog er dort zunächst zu den Grauen Schwestern, die gegenüber dem Pfarrhaus wohnten und erlebte hier das Kriegsende. Als am 26 Juni 1945 Pfarrer Reymann starb, ernannte Propst Freusberg P. Graf zum Pfarradministrator der Pfarrei St. Bonifatius, und P. Graf zog ins Pfarrhaus um. Hier bot sich bald Platz für weitere Mitbrüder, die durch die Vertreibung aus den Ostdeutschen Ländern und die Wirren der Nachkriegszeit nach Thüringen kamen. Auf diese Weise entstand unsere Residenz in Erfurt.

Für die Hochheimer Gemeinde sind die wenigen Jahre, die P. Graf in ihr wirkte, prägend, eindrucksvoll und ein Segen gewesen. In den letzten Tagen des Krieges war er unerschrocken unterwegs und half den untergeschlüpften Soldaten, die sich überall versteckt hielten. Eine Hochheimer Rentnerin, die P. Graf noch heute in lebendiger Erinnerung hat, erzählt in einem Brief, daß er in diesen schrecklichen Tagen der richtige Mann am rechten Ort war. Er machte allen Mut und half, wo er konnte, denn der Ort war voller Flüchtlinge vor allem aus dem Rheinland. Er kümmerte sich sehr um den katholischen Kindergarten, der im Mai 1945 wieder eröffnet worden war. Er schaute täglich vorbei und brachte selbst gedichtete Verse und Lieder zum Einüben mit. "Er war beliebt bei Jung und Alt, die Kirche wurde voll und voller, seine Predigten zogen alle an.

In den Häusern der Hochheimer suchte er vom Keller bis Speicher nach Möbeln, Öfen und allem noch Brauchbarem für Evakuierte und Notleidende, denn inzwischen kamen auch die Flüchtlinge aus dem Osten zu uns, die 'Westler' zogen in ihre zerbombte Heimat wieder zurück". ... "In unserer Marienkapelle war er oft anzutreffen, mit dem hl. Josef stand er ja, wie bekannt, auf Du und Du. Bei der Beerdigung meines Großvaters sagte er: "Emil, grüß mir den hl. Josef". Alle Wegkreuze ließ er restaurieren und die Rahmen der Kirchenfenster von den Jugendlichen neu streichen." ... "Er war die erste Anlaufstelle für die heimkehrenden Kriegsgefangenen." Diese Bemerkungen zeigen, wie volksverbunden und hilfsbereit P. Graf war, und sie machen etwas von seiner tiefen Frömmigkeit deutlich. Obwohl P. Graf nur zwei Jahre in Hochheim war, haben ihn doch die Gemeindemitglieder, die ihn damals erlebten, bis heute in lebendiger und dankbarer Erinnerung behalten.

Da der Provinzial aber P. Graf wieder als Volksmissionar einsetzen wollte, rief er ihn nach Trier zurück, wo er am 10. Juli 1947 ankam. Nun widmete er sich wieder dem, was schon vor dem Krieg seine Hauptaufgabe war, nämlich Volksmissionen und Religiöse Wochen zu halten. Er machte aber auch Aushilfen und hörte in unserer Kirche mit Beichte. Er war so viel unterwegs, daß in Trier vermerkt wird: "Beide (P. Graf und P. Plus) sind nie oder selten zu erreichen. Die Visitatio ist demnach in unserem Hause nicht möglich." Sein Tätigkeitsgebiet war vor allem das Rheinland. Besonders erwähnt wird das Heilige Jahr 1954. Im Herbst dieses Jahres begleitete er für mehrere Wochen die Fatima-Statue durch die Diözese Köln als Prediger und Beichtvater.

Folgender Verhaltenszug von P. Graf wird aus seiner Trierer Zeit berichtet: "Wenn P. Graf mit dem Zug fuhr, dann kam er immer erst im letzten Augenblick. Die Zugführer in Trier kannten den Pater schon und hielten den Zug für ihn an, bis er da war! So nette Menschen gab es damals in Trier!"

Im Januar 1955 begann ein kurzes Intermezzo in Dortmund. Aber schon am 3. November 1956 kehrte er wieder nach Trier zurück und übernahm hier nun das Amt des Spirituals bei den Barmherzigen Brüdern. Er übte dieses Amt mit viel Eifer und Engagement aus. Das führte dann allerdings 1959 zu Spannungen mit dem Oberen der Barmherzigen Brüder, so daß er am 4. September von P. Müller aus Essen abgelöst und selbst nach Saarlouis versetzt wurde.

In Saarlouis hielt er zunächst zusammen mit P. Eberhard vor allem Volksmissionen. Ihre Wege führten sie ins Bistum Aachen, in die Dörfer des Hunsrück und ins Emsland. Später hält er vor allem bei Priesterkonferenzen und vor Schwestern geistliche Vorträge und machte Aushilfen in der Umgebung. In den 60er Jahren machten sich dann aber auch schon gesundheitliche Probleme bemerkbar. Vor allem litt er ab 1968 an einer beginnenden Netzhautablösung, so daß er auf einem Auge fast blind wurde. Trotzdem war er auch weiterhin mit großem Eifer tätig, ja er übernahm sogar 1969 die Vorträge von P. Seggewiß, als dieser nach Waldbreitbach versetzt wurde.

Seine gesundheitlichen Probleme wurden aber immer größer, und so zog er am 28. September 1973 nach Münster um.
Nun begann der letzte Abschnitt seines Lebens. In der ersten Zeit machte er noch die eine oder andere Aushilfe, aber sein Alter und die körperlichen Beschwerden ließen ihn dann letztlich besonders das tun, was vor allem die Aufgabe der älteren Mitbrüder ist, für die Kirche und die Gesellschaft zu beten. Diese Aufgabe erfüllte er denn auch mit großer Treue und Dankbarkeit. Stets dankte er Gott für das, was ihm in seinem Leben geschenkt wurde. Schon früher war sein Leben von einer tiefen Marienfrömmigkeit geprägt, wie es in Erfurt-Hochheim oder bei der Begleitung der Fatima-Statue durch das Bistum Köln deutlich wurde. Hier in Münster führte ihn sein täglicher Weg zur Muttergottesstatue, die er verehrte und vor der er betete.

Die letzten Monate und Wochen waren für ihn schwer, aber kurz vor seinem Sterben war er noch einmal bei klarem Bewußtsein. Er verabschiedete sich von den Anwesenden und bedankte sich bei allen, wie er zeitlebens dankbar war.

R.i.p.

P. Josef Ullrich SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 3/1994 - Mai, S. 91ff