P. Hermann Grünewald SJ
27. Juli 1975 in Münster

Die Biographie von P. Grünewald zu schreiben, ist nicht allzu schwer. Der Verstorbene hat zu Lebzeiten seinem künftigen Biographen vorgearbeitet, indem er sorgsam die Dokumente seiner Lebensgeschichte zusammengetragen und darüber hinaus in wiederholten Versuchen und Ansätzen die wichtigsten Daten seines wahrhaftig nicht eintönigen Lebens hervorgehoben hat. Er hat damit dem Biographen durch das, was in diesen Aufzeichnungen berichtet, und durch das, was darin übergangen und verschwiegen ist, wertvolle Hinweise gegeben - Stoff genug, um einen langen Artikel zu füllen.

Zunächst die Lebensdaten. Christian Hermann Grünewald wurde am 22. Januar 1891 geboren; er entstammte väterlicher- und mütterlicherseits alten münsterischen oder doch westfälischen Kaufmanns- und Handwerkerfamilien. Der Vater Bernhard G. war ein wohlhabender Kaufmann. Der Mädchenname der Mutter war Gertrud Bruns. Sie starb schon früh. Aber sie scheint auf den Ordensberuf ihres Sohnes nicht geringen Einfluß gehabt zu haben. Von Geschwistern ist in den mannigfachen autobiographischen Dokumenten nirgends die Rede. Das Elternhaus stand auf der Castellstraße, nur durch eine Gräfte von der Tuckesburg, dem Wohnsitz des bekannten Münsteraner Zoologen und Theologen Hermann Landois, entfernt und damit in Seh- und Hörweite des alten münsterischen Zoos.

Als Sohn wohlhabender Leute besuchte der kleine Hermann nicht die Volksschule, sondern man schickte ihn auf die Domschule, in der die Kinder für die Aufnahmen in die Höhere Schule vorbereitet wurden. Das Ideal der Chancengleichheit war in diesen wie in vielen anderen Belangen damals noch unbekannt. Vermutlich im Jahre 1900 bezog der Junge das städtische Realgymnasium. Er verließ die Schule ohne das Abitur gemacht zu haben. Es ist nicht berichtet, bis zu welcher Klasse er geblieben war; ebenso ist unbekannt, welche Gründe für die Unterbrechung der Schulzeit maßgeblich waren. Jedenfalls scheint der Junge einige Jahre ohne Schulbesuch daheim verbracht zu haben, möglicherweise irgendwo in einer Lehre. In jenen Jahren durchwanderte er mit den Wandervögeln die heimische Landschaft. Es ist also nicht zufällig, wenn zwei der frühesten Aufsätze des jungen Jesuiten, die im 12. und 13. Jahrgang des "Leuchtturms" veröffentlichte, sich mit der Wandervogelbewegung befaßten.

Am 26. April 1911 trat Hermann G. in das Noviziat der Gesellschaft Jesu in 'sHeerenberg (Holland) ein. Novizenmeister war damals P. J.B. Müller. Im gleichen Kurs waren damals u.a. Heinr. Horstmann, O. v. Nell-Breuning, Richard Wehner.

Nach damaligem Brauch traten immer wieder junge Leute ein, die aus irgendwelchen Gründen noch kein Abitur gemacht hatten und sich auf dieses Examen in der Stella Matutina vorzubereiten hatten. Deshalb hatte der Unterricht in den Gymnasialfächern bereits im Noviziat und mehr noch im Juniorat eine vorrangige Bedeutung. Mit sichtlichem Stolz vermerkt P. Grünewald in einer autobiographischen Notiz, daß er bei P. K. Racke Latein und Deutsch gehört habe, Griechisch bei "dem bekannten Demosthenes-Forscher, Professor Wilhelm Fox", Geschichte bei "Professor Robert Graf von Nostiz-Rieneck" und Pädagogik bei dem Generalpräfekt P. Anton David. Am 30. Juni 1915 bestand P. Grünewald an der Stella Matutina in Feldkirch unter dem Direktorat von P. J. Schorer und unter dem Klassenlehrer P. von Nostiz-Rieneck das Abitur. Das Zeugnis befindet sich im Nachlaß des Paters. Die entscheidende Formel lautet: "Auf Grund dieser Prüfung wurde (Hermann G.) zum Besuch einer Universität für reif mit Auszeichnung erklärt".

Als dieses Zeugnis ausgestellt wurde, tobt bereits seit einem Jahr der erste Weltkrieg. Hermann G. war damals 24 Jahre alt. An sich hätte er, wie die meisten seiner Mitbrüder, zum Sanitätsdienst einrücken müssen (Vom Dienst mit der Waffe war er mit Rücksicht auf die Subdiakonatsweihe befreit, die er mit vielen anderen jungen Jesuiten am 2. August 1914 durch den Bischof Georgius von Chur erhalten hatte.). Aber er wurde vom Heeresdienst zurückgestellt, da er als Erster Präfekt der Zweiten Abteilung im Ersten Pensionat der Stella Matutina Erzieher zweier Enkel weiland Seiner Majestät des Kaisers Franz Josef, nämlich der Erzherzöge Theodor und Clemens Salvator, eines Großneffen des Kaisers, nämlich des Erzherzogs Franz, und eines Bruders der Kaiserin Zita, Prinz Cajetano, tätig war.

Ein Ereignis dieser Präfektenzeit verdient für die Historie festgehalten zu werden. Während der Nazizeit erschien im Jahr 1940 das Buch "Feldmünster, Roman aus einem Jesuiteninternat". Verfasser war Franz Graf Zedtwitz (Nordland-Verlag, Berlin). Das Werk stand direkt oder indirekt im Dienst der Verleumdungskampagne, die damals gegen die Orden und Ordensinternate betrieben wurde. Jeder Sachkundige wußte, daß "Feldmünster" das Kolleg in Feldkirch war. Ich erinnere mich, ein Exemplar des Romans gesehen zu haben, in welchem mit Bleistift die wirklichen Namen der auftretenden Jesuitenpatres verzeichnet waren. P. Grünewald hat mir eines Tages erzählt, daß der Romanverfasser als Junge sein Zögling gewesen sei. Schon als Bub habe Graf Zedtwitz ein ungewöhnliches Erzählertalent gehabt. Er habe die unglaublichsten Geschichten mit solcher Wirklichkeitstreue zu erzählen gewußt, daß die Mitzöglinge wiederholt zu ihrem Präfekten gekommen seien, um zu erfahren, ob das Erzählte wahr oder nur erfunden sei. Eines Tages habe er, aus den Ferien zurückkehrend, einigen Freunden Dinge erzählt, die nach dem strengen Sittenkodex der damaligen Jesuitenpädagogik als anstößig und schamlos galten. Der Generalpräfekt, P. David, wurde benachrichtigt. Der Delinquent wurde abgestraft, die ganze Abteilung wurde vor ihm gewarnt und den Eltern wurde mitgeteilt, sie sollten ihren mißratenen Sohn zurückholen. P. Grünewald empfand diese Reaktion der Internatsleitung als viel zu streng. Jedenfalls erklärte er von daher die Abfassung des Romans als späte Rache des ehemaligen Zöglings.

Der Krieg ging zu Ende. Aber erst im Sommer 1919 konnte Frater Grünewald nach Valkenburg in die philosophisch-theologischen Studien übersiedeln. Da der Student mittlerweile schon 28 Jahre alt war, bekam er von dem siebenjährigen Kurs ein Jahr geschenkt. Eine Reihe von Mitscholastikern dieses Jahres haben später einen großen Namen gewonnen: so der Philosoph August Brunner, der Arabist Wilhelm Kutsch, der Studentenseelsorger Walter Mariaux, der Provinzial Augustin Rösch und der Historiker Leo Ueding.

In den großen Ferien konnte Fr. Grünewald gelegentlich seine in Feldkirch erworbenen pädagogischen Fähigkeiten betätigen. So wurde er im Sommer 1923 zusammen mit Frater K. Wehner nach Essen gesandt, um P. Kruchen bei der Leitung eines Ferienlagers für Pennäler aus dem Ruhrgebiet zur Seite zu stehen. Bekanntlich stand damals das Ruhrgebiet unter französischer Kontrolle, so daß die Eltern keine Möglichkeit hatten, ihre Kinder in die Ferien zu schicken. Das Lager fand in Schloß Baldeney an der Ruhr statt; der Baldeneyer See bestand damals noch nicht.

Unter den Jungen waren auch der spätere P. Fritz Tappe aus Dortmund und der Verfasser dieses Nachrufes. Während der kleine Tappe sich enger an Frater Wehner anschloß, schloß ich mit Frater Grünewald Freundschaft. Damals hat Grünewald ein prophetisches Wort ausgesprochen, das - anders als so viele Prophetensprüche - sich sogar erfüllt hat. Wiewohl wir Jungen kaum 13 oder 14 Jahre alt waren, behauptete Frater Grünewald gegenüber Frater Wehner, wir beide würden Jesuiten werden, was verständlicherweise auf schallendes Gelächter stieß. Dieses Gelächter wäre sogar noch lauter gewesen, wenn Frater Wehner gewußt hätte, daß Frater Grünewald zu gleicher Zeit auf meine Bitte hin sich um meine Aufnahme in die Apostolische Schule der Oblaten in Valkenburg bemühte, da ich damals vor hatte, bei den Oblaten einzutreten. Daß dieses Projekt sich zerschlug, war nicht seine Schuld, soll hier aber nicht dargelegt werden.

Am 24. August 1924 wurde P. Grünewald vom Roermonder Bischof Laurentius in der Valkenburger Kapelle zum Priester geweiht. Über den Ausgang und Erfolg seiner philosophisch-theologischen Studien ist nur so viel bekannt, daß er die studienmäßigen Voraussetzungen für die Zulassung zur Profeß nicht erreichte. In seinen autobiographischen Aufzeichnungen ist von diesen Dingen nirgends die Rede.

Im Januar 1926 wurde P. Grünewald zur Erholung nach Essen gesandt. Dort blieb er bis zum Beginn des Terziats im Sommer 1928. In Essen übernahm er die geistliche Leitung der Neudeutschen Gruppen an acht Gymnasien; er war Gaukaplan des Ruhrgaues und Religionslehrer am Helmholtz-Gymnasium. Damals errichtete er das Jugendheim Kordenbusch, das trotz aller Primitivität der Anlage - es bestand aus einer Anzahl ausrangierter Eisenbahnwaggons - für eine Reihe von Jahren zum Mittelpunkt eines fröhlichen Jugendlebens wurde. In jenen Jahren lernte ich den Pater näher kennen, da ich als Fähnleinführer der ND-Gruppe am Burggymnasium und als Helfer im "Silentium" fast täglich in die Freiligrathstraße und in die Jesuitenresidenz kam. Er hatte zweifelsohne eine nicht alltägliche Gabe, mit jungen Menschen umzugehen. Seine Heiterkeit, Vornehmheit und Großzügigkeit, die ihn vorteilhaft von manchen seiner Mitbrüder im gleichen Haus unterschied, imponierte. P. Grünewald war kein Intellektueller, aber er wußte den Ehrgeiz und die Einsatzwilligkeit der Jungen in allen Bereichen ihres Lebens, in Schule, Familie, Gruppe, zu wecken. In der Gruppenarbeit nahm die religiöse Formung den ersten Platz ein. Bezeichnend war, daß er innerhalb der neudeutschen Gemeinschaft einen inneren Kern begründete, "Ver sacrum" genannt, dessen Mitglieder zu einem Mehr an religiös-sittlichem Einsatz im Geist der ignatianischen Exerzitien aufgerufen wurden. Ziel der ganzen Gruppenarbeit war, jeden Jungen im Lauf der letzten 4 oder 5 Schuljahre wenigstens zweimal in die Exerzitien zu führen. Die große Zahl von Theologen- und Ordensberufen, die aus den Essener Gruppen hervorgegangen ist, zeigt, daß diese Bemühungen ihre Frucht trugen.

1928/29 absolvierte P. Grünewald das übliche Terziat unter P. Walter Sierp als Instruktor. Seine Hoffnung, hernach wieder nach Essen zurückkehren zu können, wo er viele Freunde gewonnen hatte, erfüllte sich nicht. Er wurde nach Hannover destiniert. Dort war er Gymnasiasten-Seelsorger für die Diözese Hildesheim, Gaukaplan des ND-Bernward-Gaues, bald auch Markkaplan der ND-Nordmark - solange wie der Bund Neudeutschland von dem Nazi-Regime geduldet wurde. Außerdem war er Studenten- und Akademiker-Seelsorger. Nach dem Tod des P. Julius Vanvolxem im Jahre 1934 wurde er sein Nachfolger in der Leitung der Residenz. Ihm verdankt das Haus die geräumige Kapelle und den Namen "Friedrich-Spee-Haus". P. Grünewald übernahm sein Amt mit viel gutem Willen, vielleicht auch mit manchen Illusionen. Die Spannungen in der Hauskommunität waren sehr groß, und der neue Superior war nicht der Mann, um mit ihnen fertig zu werden. Dafür war er zu emotional, zu sprunghaft und unberechenbar.

Während es ihm nicht gelang, im eigenen Haus das Vertrauen und die Zuneigung der Mehrzahl der Mitbrüder zu gewinnen, hatte er bei den Auswärtigen großen Erfolg. Um ihn sammelte sich ein großer Freundeskreis, zumal aus den Reihen der Akademiker. Davon zeugt die Abschiedsrede des Leiters des Altakademikerkreises, Dr. Schwarz (übrigens des Vaters des bekannten Philosophen Balduin Schwarz). Darin wird P. Grünewald gelobt als "seeleneifriger Priester nach dem Herzen Jesu und als kluger Freund und Berater, der allen geholfen hat, den rechten Weg zu gehen, fest zu stehen im Glauben, Gott zu lieben und Ihm zu dienen". Vor allem die Jugend, die er so lange vorbildlich geführt habe (man zählte mittlerweile das Jahr 1938!), habe ihm zu danken.
"Wir wissen alle, mit welcher Hingabe und welchem Eifer er diese wichtige Arbeit durchgeführt hat, und wie er auch die Herzen der Jugend gewonnen hat, die ihn verehrte und an ihm hing, wie an einem väterlichen Freund."

In jene Zeit fällt ein Erlebnis, das P. Grünewald in einer Ansprache bei seinem goldenen Matura-Jubiläum am 22. Mai 1965 berichtet hat. Hier der Wortlaut: "Am Tag vor meinem silbernen Ordensjubiläum (d.i. am 25. April 1936) hielt der satanische Propagandist des Dritten Reiches eine furchtbare Hetzrede gegen das katholische Priestertum, den Ordensstand und gegen die Beichte. Nachdem ich in der Sonntagspredigt durch positives Zeugnis Protest abgelegt hatte, riefen mich - übrigens überaus tapfere - Braunschweiger Neudeutsche an, sie seien überfallen worden, ich möchte am Nachmittag zu ihnen kommen. In der dichtgefüllten Bahnhofshalle in Hannover hatte ich dann eines der schrecklichsten Erlebnisse meines Lebens. Aus der durch die Teufelsrede aufgewühlten Menge brandeten gegen mich Wogen des Hasses, der Verachtung und des Vernichtungswillens auf. Die gemeinsten Schimpfworte schrie man mir zu. Mich wunderte, daß diese aufgewühlten Raubtiere in Menschengestalt mich nicht zerrissen und nicht zertraten. Ich ging schnurstracks hindurch, war aber froh, als ich die Sperre hinter mir hatte und ein leeres Abteil fand... Bald trat ein elegant gekleideter Herr in mein Abteil. Mir schoß es durch den Kopf: Was wird der sich ärgern, mit einem Pfaffen reisen zu müssen. Mit dem nahm er den Hut ab: "Grüß Gott, Hochwürden! Wie lange werde ich die Ehre und die Freude haben, mit Ihnen reisen zu dürfen?" Er war Oberingenieur in leitender Vertrauensstellung, kam von Exerzitien, die der Altstellaner Alois Fürst zu Löwenstein veranstaltet hatte. Leiter der Exerzitien war der letzte sächsische Kronprinz, P. Georg von Sachsen. Die Teilnehmer.. hatten zum Abschluß der Exerzitien eine Marienweihe zusammengestellt, bei der sie sich verpflichteten, unter dem Schutze Mariens nicht nur als treue Katholiken zu leben, sie versprachen auch, ausdrücklich als Laienapostel werbend für die Kirche einzutreten..."

Von Hannover siedelte P. Grünewald im September 1938 ins Kettelerhaus nach Münster über, um den Dienst eines Männerseelsorgers und zugleich das Amt eines Spirituals am Priesterseminar zu übernehmen. In dieser Eigenschaft hatte er auch Vorlesungen über Aszese und Mystik zu halten - eine Tätigkeit, die seinem Naturell weniger lag. Gleichzeitig gab er Religionsunterricht für Schüler und Schülerinnen. Immer wieder von der Gestapo bespitzelt, belästigt und bedroht, scharte P. Grünewald "auch in den schweren Jahren des Naziterrors die katholische Jugend um sich und half ihr mit Rat und Tat bis zur Gefährdung seiner eigenen Sicherheit".

Als die Gestapo die Residenz in Münster besetzte und beschlagnahmte und die Patres auswies, mußte auch P. Grünewald einen neuen Tätigkeitsraum suchen. So kam er zunächst nach Frankfurt/Main, wo er in der Pfarrvikarie Maria-Hilf im "Kamerun" unter dem gütigen Pfarrvikar Franz Schaller als Kaplan tätig sein sollte, Aber schon drei Wochen später mußte er auf Weisung der Gestapo das Feld räumen. Das Zeugnis des Pfarrers rühmt an ihm, daß er "mit großem Fleiß und mit sehr feinem Verständnis für die Seele der Jungen" gewirkt habe. Desgleichen lobt der Pfarrer "sein vornehmes Wesen", das zu "einer sehr guten Zusammenarbeit in der Seelsorge geführt habe".

Von Frankfurt siedelte P. Grünewald für 9 Monate (1.12.41 - 1.9.42) nach Trier über, von dort nach Soest (19.9.42 - 16.3.44) und von Soest nach Eslohe im Sauerland. Nach Beendigung des Krieges trat man (Oktober 1945) an ihn mit der Bitte heran, "die Leitung der Rektoratsschule und den Religionsunterricht und den Unterricht in alten Sprachen vertretungsweise für den vermißten Hochwürdigen Herrn Rektor Todt vorläufig zu übernehmen". Ob aus diesem Projekt etwas geworden ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Doch kann diese Tätigkeit nur kurz gedauert haben, denn am 15. März 1946 sandte der Provinzial den Pater nach Büren, wo er an dem neugegründeten Immakulata-Kolleg den Religionsunterricht übernehmen sollte.

P. Grünewald ging mit jugendlichem Schwung an die neue Arbeit. Ich erinnere mich gut der Briefe, die er, kaum angekommen, in alle Welt versandte und die ich ihm tippen mußte. Sie waren auf den Tenor gestimmt: Endlich habe ich die mir gemäße Aufgabe gefunden. Er vertraute seinem Charme und den reichen Erfahrungen, die er mit der Jugend in der Kampf- und Notzeit gemacht hatte, und wollte nicht wahrhaben, daß die Nachkriegsgeneration anders war: ohne Sinn für jugendbewegte Romantik, nüchtern und "knallhart" in der Kritik. Zudem mußte er jetzt seine Tätigkeit auf dem Katheder und auf der Kanzel unter den kritischen und stets besserwisserischen Augen seiner alten und jungen Mitbrüder verrichten. Kurz gesagt - Büren wurde für den guten Pater eine schmerzliche Enttäuschung. Schon 21/2 Jahre später, im Herbst 1948, wurde er nach Münster versetzt. Die Weise, in der diese Versetzung geschah, mochte ihre guten Gründe haben; für P. Grünewald war sie eine herbe Demütigung, die er nie mehr vergaß.

Dafür fand er in Münster, seiner Heimatstadt, als Männerseelsorger und als Diözesanpräses des Katholisch-kaufmännischen Vereins (KKV) eine Tätigkeit, die ihm größere Freude und Befriedigung vermittelte. In dem Brief des Vorstandes des KKV an Provinzial P. Hermann Deitmer vom 21.4.1950 lesen wir: "Die großen und erfreulichen Erfolge in seiner Tätigkeit im KKV "Hansa"-Münster und in der KKV-Diözesangemeinschaft Münster sowie seine Mitarbeit im Gesamtverband waren (für den Vorstand des KKV-Verbandes) derart überzeugend", daß man in seiner Person den geeigneten Mann für das Amt des Generalpräses sah. Mit Zustimmung des Provinzials verlegte P. Grünewald seinen Wohnsitz Anfang Mai 1950 nach Essen, um als Geistlicher Beirat und Generalpräses dem damals wieder aufblühenden Verband zu dienen. Doch Krankheit zwang ihn schon zwei Jahre später (1.8.1952), das Amt des Generalpräses niederzulegen. Am 15. August 1952 wurde er nach Dülmen in Westfalen versetzt.

Die nun folgenden anderthalb Jahrzehnte der Wirksamkeit in Dülmen gehören zu den glücklichsten im Leben des Paters. Die Tätigkeit als Rektor des Heilig-Geist-Stiftes gab ihm reiche Gelegenheit zu seelsorglichen Gesprächen und Aktivitäten. Daneben versah er noch bis zum Jahr 1966 den Dienst eines hauptamtlichen Religionslehrers an der dortigen Kreisberufsschule. Zu Recht wurde im Bericht von der Verabschiedung des Paters (20.12.1966) darauf hingewiesen, daß es "wohl selten vorkommt, daß ein Jugenderzieher mit 76 Jahren noch vollen Unterricht erteilt". Der Oberstudiendirektor Jansen würdigte bei der Abschlußfeier die Verdienste unseres Paters: "Es war die vornehmlichste Aufgabe des Paters, junge Menschen ins Leben einzuführen... Viele junge Menschen werden heute ihrem einstigen Religionslehrer dankbar sein, da er ihnen stets Helfer und Freund war. Wenn der tägliche Unterricht beendet war, begann für ihn oftmals erst das Wirken. Unzählig sind die Besuche bei Eltern und bei den Lehrbetrieben. Außerschulisch zu erziehen und den jungen Menschen im guten Sinne zu beeinflußen, war ein Mühen des Religionslehrers, das unser aller Achtung verdient."

Wiewohl P. Grünewald sich durch eifriges Schwimmen körperlich "fit" zu halten suchte, machten sich die Altersgebrechen (Bandscheibenschaden und Herzbeschwerden) immer deutlicher bemerkbar. So entschloß er sich im Jahre 1972, nach Haus Sentmaring überzusiedeln. Er hatte zu lange als selbständiger Mann außerhalb der Kommunität gelebt, als daß ihm dieser Entschluß nicht schwer geworden wäre. Es gab zudem manches in seinem Wesen, das ihm die Einfügung in Hausordnung und ähnliche Dinge schwer machte. Die Spannungen und Konflikte, die dabei unvermeidlich waren, lassen sich auf keinen einseitig verbuchen.

Im Jahre 1961 hatte P. Grünewald in Essen im Kreis der Freunde von einst sein 50jähriges Ordensjubiläum gefeiert. Damals fand Dr. Josef Jansen, der einige Jahre später als Botschafter der Bundesrepublik beim Heiligen Stuhl starb, als Sprecher der jungen Generation 1929 sehr bedenkenswerte Worte über die unterschiedliche Rolle der Jesuiten bei der Bewältigung der Jugendprobleme nach dem Ersten bzw. Zweiten Weltkrieg. Für das Jahr 1974 war wiederum ein Treffen der alten Freunde zur Feier des Goldenen Priesterjubiläums des Paters vorgesehen und vorbereitet. Aber die plötzliche schwere Erkrankung des Jubilars machte die Pläne zunichte. Zwar erholte er sich rasch. Aber die Kräfte verfielen zusehends. Der einst so stattliche Mann schrumpfte immer mehr zusammen, als wachse er der Erde zu. Gleichwohl blieb er geistig frisch und für alles interessiert.

Bislang war nur von dem Seelsorger und Jugenderzieher die Rede; wir müssen auch ein Wort zu dem Schriftsteller und Dichter sagen.
In der Zeit, da P. Grünewald in Valkenburg seine Studien betrieb, war unter den Scholastikern ein überraschend starkes Engagement für die Schriftstellerei aufgebrochen. Man lieferte Beiträge nicht nur für die beiden hausinternen "Zeitschriften", sondern auch für die von Jesuiten redigierten Blätter wie "Die Burg", "Der Leuchtturm", "Die Stimmen der Zeit", die "Zeitschrift für Aszese und Mystik", den "Herz-Jesu-Sendboten", den "Chrysologus" u.ä.m. Desgleichen beteiligte man sich an den Buchreihen wie "Helden des Christentums" und "Aus fernern Landen". Es war die Zeit, in der P. Nonni Svensson mit seinen Jugendbüchern so gewaltigen Erfolg hatte. Kein Wunder, daß auch P. Grünewald mitmachte. In seinem Nachlaß findet sich ein Verzeichnis der frühen Aufsätze. Zwischen den Jahren 1917 und 1925 verfaßte er 48 meist kurze Artikel, die zumeist für jugendliche Leser bestimmt waren. Außerdem schrieb er viele Artikel, um auf die Veröffentlichungen von Mitbrüdern (wie Meschler, von Doß, Kempf, David usf.) hinzuweisen. Mehrere Artikel sind den Jugendheiligen des Ordens gewidmet. Andere sind Ausdruck seiner Erzählerfreude und romantischen Phantasie ("Gift - schwarz auf weiß"; "Leos Scheiterhaufen"; "Die Bettlerin vom Schipkapaß" usf.). Eine Reihe von diesen Aufsätzen hat er später in seinem einzigen Buch "Die chinesische Vase" (Hannover 1931) zusammengefaßt, das zur Enttäuschung des Autors nicht die erhoffte Resonanz fand.

In den späteren Jahren hat P. Grünewald nur noch selten zum Federhalter gegriffen. Nur in Dülmen hat er öfters in kurzen Zeitungsnotizen und -artikeln zu aktuellen Tagesfragen Stellung genommen. Umso mehr war er darum bemüht, das Schrifttum seiner Mitbrüder zu fördern und junge Talente zu literarischer Arbeit zu ermuntern.

Größeren Erfolg hatte er als Liederdichter. Insgesamt liegen im Nachlaß fünf Lieder. Das schwächste ist das dem Bund "Heliand" gewidmete Lied, das offensichtlich auch nie vertont wurde. Dagegen hat das im Jahre 1947 in Büren verfaßte Aloisiuslied durch Adolf Lohmann eine interessante Vertonung gefunden, deren Original vorliegt. Der Komponist hat zu seiner Melodie einen Kommentar geschrieben, aus dem hier einige Sätze zitiert seien. "Aufbau: Anfangsmotiv, längerer Zwischensatz, wieder übergehend in das anfängliche Dreiklangmotiv. Ästhetisches: Moll, vor allem 'Kirchenmoll' ist nicht die 'weiche', dunkle Tonart, als die sie die Romantik benutzte, sondern durchaus festlich, ähnlich einem alten höfischen Tanz, bisweilen heldisch, bald wieder mehr erzählend. Der etwas höfisch-barocke Charakter wird, glaube ich, sehr gut passen. Der lineare Charakter wendet sich bewußt vom 'preußischen' Marschton ab und hält sich mehr an die Kirchentonarten..."

Vertont wurde auch das ebenfalls in Büren entstandene Marienlied "Unsre liebe Frau von Büren...". Komponist ist der Freiburger Musikprofessor Franz Philipp. Im Nachlaß befindet sich noch ein Brief des Komponisten vom 25.9.1947 an P. Grünewald und an Herrn Worms, den damaligen Chordirektor am Bürener Gymnasium; der Brief enthält einige interessante Angaben über die Entstehungsgeschichte des Liedes. Die Mitbrüder, die die Bürener Zeit miterlebt haben, werden sich daran erinnern, mit welcher Begeisterung die Jungen das Lied lange Zeit hindurch gesungen haben. Schon bald verband sich mit dem Absingen dieses festlichen Gesanges ein eigenes Ritual: sobald die ersten Töne erklangen, zündete der Sakristan, Bruder Uhlenbrock, die volle Deckenbeleuchtung, so daß die leuchtenden Farben der Fresken am Gewölbe sich mit dem begeisternden Klang der aufrauschenden Melodien zu einem einzigen Erlebnis verbanden.

Als P. Grünewald 1948 nach Münster und von dort nach Essen zog und als Diözesanpräses des KKV tätig wurde, nahm er das Lied mit. Die Eingangsworte hießen nun: "Hohe Frau der Hanseaten..." Dadurch wurde es zum Verbandslied des KKV. Das geschah schon bald nach der Übersiedlung, denn das gedruckte Notenblatt trägt das Datum vom 16.12.1948. Übrigens war die 5. und 6. Strophe getilgt, weil darin von den "Chören unserer Jugend" die Rede ist, was ja nicht ohne weiteres auf den KKV anwendbar war.

Aus dieser Zeit stammt noch ein weiteres für den KKV geschaffenes Lied, das die Verbandsdevise "Kreuzschiff voraus!" besingt; vertont wurde es von Theo Wiedebusch. Schließlich ist noch das "Lied der Kolpingssöhne" zu erwähnen, das aus der Dülmener Zeit, näherhin aus dem Jahr 1953, stammt. Der Komponist ist Georg Wiegand. Ob von diesen Liedern eines den Sturm der Zeit überdauert hat und heute noch gesungen wird, entzieht sich meiner Kenntnis.

Am 27. Juli 1975 ist P. Grünewald gestorben und einige Tage später auf dem Friedhof im Park von Haus Sentmaring bestattet worden. Er war ein aufrechter Mann, ein gewissenhafter Priester, ein echter Jesuit, der seinem Orden rückhaltlos verbunden war und der - wie kaum ein anderer - junge Menschen dem Orden zugeführt hat. Er war ein fähiger Jugendseelsorger, der vielen Freund und Helfer war.

Als der 80. Geburtstag herannahte, schrieb P. Mario von Galli, der in Feldkirch als Zögling in der Abteilung von P. Grünewald gewesen war, dem Jubilar einen launigen Brief, aus dem ein Satz diesen Nachruf beenden möge: "Am meisten imponierte mir, daß Sie auch für die anderen und insbesondere für die Jugend sich immer ein offenes Herz und einen großen Optimismus bewahrt haben, so verschieden sie auch sein mögen zu den früheren. Das finde ich herrlich und dafür möchte ich Ihnen ganz besonders gratulieren. Außerdem gefällt mir, daß Sie, wenn die Kräfte für Großes nicht mehr reichen, ganz selbstverständlich Kleineres tun, ohne aufzuhören, überhaupt etwas zu tun. Das ist eine ganz seltene Beweglichkeit, für die Sie eigentlich ein dickes Band mit großer Medaille verdient haben.

R.i.p.

P. Heinrich Bacht SJ

Aus der Provinz, Nr.1 - Februar 1976, S. 6-12