P. Hans Häcker SJ
* 10. Juli 1908 in Schlebusch
26. Februar 1998 in Münster

P. Hans Häcker wurde am 10. Juli 1908 in Schlebusch bei Leverkusen geboren. Sein Vater war Fabrikarbeiter, seine Mutter, die ursprünglich Lehrerin werden wollte, gab mit der Ehe diesen Plan auf und widmete sich ganz der Familie und der Erziehung der Kinder. Der Einfluß, den die Mutter auf den Werdegang der beiden Söhne hatte, erzählt P. Häcker selbst in seinen Lebenserinnerungen: "Unser Kaplan Ludwig Lieser wurde im Religionsunterricht auf meinen Bruder Peter aufmerksam. So fragte er eines Tages unseren Vater, der gerade aus der Fabrik kam, was er mit seinem älteren Sohn Peter vorhabe. Der Vater sagte, der wäre ja noch in der Volksschule. Aber später solle er einmal ein Handwerk erlernen, auf keinen Fall solle er in die Fabrik gehen.
Kaplan Lieser entgegnete dem Vater, er solle ihn doch nach Opladen auf das Aloisianum schicken, er hätte sicher die Voraussetzungen dazu. Der Vater wendete dagegen ein, was er einem Kind gebe, das müsse er allen geben. Man wisse ja noch nicht, wieviele noch kommen würden. Zu Hause erzählte er das der Mutter. Die ging nun zum Kaplan und das Ergebnis war, daß Peter die Sexta bei Kaplan Lieser begann. Als Peter im folgenden Jahr nach Opladen gehen durfte, ging ich zur Mutter und sagte ihr, ich wolle auch Latein lernen. Doch Vater sagte nein. Einer genügt! Ich habe geheult. Schließlich weinte auch die Mutter. Da sagte der Vater zur Mutter: Du bist noch verrückter als der Junge. Die Mutter ging anschließend zu Kaplan Lieser ünd meldete auch mich an. So hat alles seinen Anfang genommen."

Das Aloisianum, das nun beide Brüder besuchten, war ein bischöfliches Gymnasium, das fast ausschließlich von geistlichen Studienräten geleitet wurde. So verwundert es nicht, daß in dem jungen Hans der Wunsch reifte, Priester zu werden. Offensichtlich hatte Kaplan Lieser eine gute Beziehung zu den Jesuiten, denn er empfahl bereits dem Obersekundaner, sich einmal in Valkenburg bei den Jesuiten umzuschauen. So kam es zu einer ersten Begegnung mit P. Wilhelm Klein, der auf Hans Häcker einen nachhaltigen Eindruck machte. Im Laufe der kommenden Schuljahre stellte sich heraus, daß sich auch zwei andere Mitschüler mit der Absicht trugen, Jesuiten zu werden, P. Paul Bolkovac und P. Edmund Hamacher.

Am 26. April 1927, unmittelbar nach dem Abitur, trat Hans Häcker in 's-Heerenberg in die Gesellschaft Jesu ein. Nach seinem Noviziat unter der Leitung von P. Heinrich Schmitz studierte er in Valkenburg Philosophie. Lebhaft behielt er die Zeit des Interstizes in Erinnerung. Er wurde Präfekt im Aloisiuskolleg in Bad Godesberg. Zwei Freizeitbeschäftigungen hebt er selbst in seinen Erinnerungen hervor: Das Schattenspiel, in dem die Jungen mit Begeisterung regelmäßige Theaterstücke aufführten, und das Basteln von Drachen, wobei einer offensichtlich besonderes Aufsehen erregte, weil P. Häcker ihn mit elektrischen Glühbirnen ausgerüstet hatte und am späten Abend als Komet am Himmel stehen ließ. Nach zwei Jahren Interstiz schlossen sich die theologischen Studien in Valkenburg an. Damals schon hatte er sich intensiv mit der frühen Vätertheologie beschäftigt, die später für seine Spiritualität eine besondere Rolle spielen sollte. Am 27. August 1938 wurde P. Häcker in Valkenburg zum Priester geweiht und anschließend ins Tertiat nach Pullach geschickt, das von P. Albert Steger geleitet wurde. Noch war diese Zeit nicht zu Ende, als er Socius des Novizenmeisters P. Wilhelm Flosdorf wurde.

Ein halbes Jahr später erfolgte bereits seine Einberufung zum Militär. Nach kurzer Sanitäterausbildung kam er an die Front nach Warschau. Beim Einmarsch der Deutschen in Rußland war P. Häcker als Sanitäter dabei. Sein erster Einsatz auf russischem Gebiet war in Brestlitowsk. Den ersten harten Winter erlebte er in Orel. Ein ganzes Jahr lang nahm sein Zug Quartier in Hursh, südlich von Brestlitowsk. P. Häcker bemühte sich, wenigstens soviel russisch zu lernen, daß er sich unterhalten konnte. Dadurch bekam er manche Kontakte zur Bevölkerung, die schnell Vertrauen zu ihm faßte, weil er Ordenspriester war. Er lernte hinter der kommunistischen Fassade den wirklichen Glauben der einfachen Bevölkerung in Rußland kennen und schätzen. Anläßlich des Todes seines Bruders Peter durfte er zu einem kurzen Urlaub in die Heimat. Dort erst erfuhr er von dem Geheimbefehl Hitlers, daß die Jesuiten aus der Wehrmacht zu entlassen seien. Bei seiner Truppe war diese Order nie angekommen. P. Flosdorf riet ihm, bei der Armee zu bleiben, weil man nicht wisse, was die Nationalsozialisten mit den Jesuiten vorhätten. Sicherer sei sein Leben beim Militär. Also ging er wieder zurück an die Front. Mittlerweile waren die deutschen Truppen schon auf dem Rückzug. Kurz vor dem Warschauer Aufstand wurde seine Einheit von Warschau nach Danzig verlegt.

Seine Rettung vor russischer Kriegsgefangenschaft berichtet P. Häcker selbst mit folgenden Worten: "Wir hatten noch einen Brückenkopf östlich von Danzig. Ich war damals bei der kämpfenden Truppe. Wegen einer Gelbsucht meldete ich mich beim Feldarzt, der mir dringend riet, mich ins Lazarett verlegen zu lassen. Ich ging schleunigst zu meinem Chef, der ja wissen mußte, wo ich war. Der gab mir zur Antwort: Mensch, hauen Sie ab: es ist alles verloren. Wir geraten in den nächsten Tagen alle in Gefangenschaft." Unverzüglich ließ P. Häcker sich vom Arzt ins Lazarett verlegen, wo er als letzter noch auf das Schiff verfrachtet wurde, das die Verwundeten und Kranken hinter die Front bringen sollte. Begleitet von einem Geleitzug kam das Lazarettschiff schließlich durch die von russischen Schiffen schon streng bewachte Ostsee in von den Engländern besetztes Gewässer. Es muß für P. Häcker ein ergreifendes Erlebnis gewesen sein, auf diese Weise der russischen Gefangenschaft entkommen zu sein. In Heiligenhafen legte das Schiff an, um die Toten und Kranken an Land zu bringen. Die übrigen wurden in englische Gefangenschaft genommen, darunter auch P. Häcker.

Noch im Jahre 1945 wurde er aus der Gefangenschaft entlassen. Sein erster Weg war natürlich nach Schlebusch zu seiner Mutter. Gleich am nächsten Tag aber fuhr er nach Köln, um sich bei P. Flosdorf, der damals Provinzial war, zu melden. Offensichtlich kam diesem die Rückkehr von P. Häcker sehr gelegen. Denn man suchte gerade einen neuen Novizenmeister. P. Flosdorf hatte offensichtlich schon früher daran gedacht, seinen ehemaligen Socius als seinen künftigen Nachfolger vorzuschlagen. So ergab es sich, daß P. Häcker mit dem Amt des Magisters im Noviziat eine Richtung der Seelsorge einnahm, an die er ursprünglich gar nicht gedacht hatte. Er wollte Volksmissionar werden. Sein rhetorisches Talent und seine Freude an der Seelsorge hatten in ihm schon während der Theologie diesen Wunsch geweckt.
Nun aber begann eine lange Zeit der geistlichen Begleitung von Novizen und später von Seminaristen in St. Georgen. Zunächst war das Noviziat noch in Köln, im Oktober siedelte es nach Münster um. Im Frühjahr 1946 fand es dann für längere Zeit eine Bleibe in Eringerfeld. Die Mitbrüder, die er in das Ordensleben einzuführen hatte, waren zunächst fast alle unmittelbar aus dem Krieg entlassene Soldaten. Obwohl er selbst lange Zeit an der Front gewesen war, fiel es ihm nicht leicht, die jungen Männer, die aus der harten Schule des Krieges kamen, an den Lebensstil im Noviziat zu gewöhnen. Hinzu kam die Hungersnot. Noch gab es nicht genug zu essen, so daß die Novizen regelmäßig auf Betteltouren unterwegs waren. Der ordo solitus war eher die Ausnahme.

Auch wenn P. Häcker später selbst eingestand, daß er in diesem Amt eigentlich überfordert war, denken viele Mitbrüder, die ihn als Novizenmeister hatten, dankbar an diese Zeit zurück. Seine Frömmigkeit und seine innere Verbundenheit mit der Gesellschaft Jesu waren überzeugendes Vorbild. 1948 wurde P. Flosdorf erneut Magister und P. Häcker ging als Spiritual nach St. Georgen. In dieser Zeit war die Zahl der Alumnen noch so groß, daß zwei Spirituäle voll beschäftigt waren. Während P. Kugelmeier für die Theologen zuständig war, hatte P. Häcker die Philosophen zu betreuen. P. Häcker war bei den Seminaristen wegen seiner Herzlichkeit und Güte beliebt. Viele junge Studenten, die in den ersten Semestern noch nach Sicherheit für ihren Beruf suchten, danken ihm sicher bis heute seine kluge Führung. Ein großer Theologe war P. Häcker nicht, aber er überzeugte durch seine tiefe Frömmigkeit und seine ignatianische Spiritualität. 1959 kam P. Flosdorf als Regens nach Frankfurt, so daß die beiden wieder in gemeinsamer Tätigkeit zusammenarbeiteten.

Bald aber begann die Zeit des 2. Vatikanischen Konzils und die damit einhergehenden Erneuerungsbemühungen in der ganzen Kirche. Beide, P. Flosdorf und P. Häcker, haben sich zunächst mit dem Wandel in der Kirche schwergetan. Lange hatten sie sich eine feste Vorstellung von der richtigen Form der Priesterausbildung gemacht. Vieles geriet nun ins Wanken. Auch wenn P. Häcker sich bemühte, den Wandel in der Theologie nachzuvollziehen, gelang ihm dies nur schwer. Zu sehr hatte ihn die Zeit vor dem 2. Vatikanischen Konzil in Eringerfeld und in St. Georgen geprägt. Auch war er mittlerweile in einem Alter, das es ihm schwer machte, die jungen Studenten noch zu verstehen. Nicht zuletzt war auch seine Gesundheit angegriffen.

So war er froh, daß man ihn 1964 von seinem Amt als Spiritual ablöste und ihm eine pastorale Tätigkeit in St. Peter in Köln übertrug. Hier konnte er sich vor allem den älteren Menschen in der Pfarrei widmen. Er las täglich die Abendmesse, hörte Beichte und besuchte die Kranken. Er war bald die Seele der kleinen Pfarrgemeinde. Während P. Schuh als Pfarrer vor allem durch seine Predigten weit über den Rahmen der Pfarrei hinaus beliebt und gesucht war, konzentrierte sich P. Häcker auf die Menschen, die noch im Pfarrbezirk St. Peter wohnten. In der kleinen Kommunität versah er zudem seit 1970 das Amt des Ministers und später auch das des Ökonomen. P. Häcker war ein außerordentlich liebenswerter Mitbruder. In der Gemeinschaft von St. Peter sorgte er für alles, was den täglichen Bedarf einer Kommunität anging. Er kaufte ein, sorgte für Frühstück und Abendessen, achtete auf die Sauberkeit der Kommunitätsräume und legte Wert darauf, daß kein Festtag eines Mitbruders vergessen wurde. Die geistige Weite und Großzügigkeit von P. Schuh bewunderte er einerseits, andererseits aber konnte er sich auch zuweilen daran reiben.

In vielen Kommunitätsgesprächen, die ich in St. Peter erleben durfte, prallten die Standpunkte hart aufeinander. Aus heutiger Sicht würden wir die Position von P. Häcker eher als zu eng beurteilen. Nicht nur seine lange Zeit als Spiritual von Seminaristen, sondern auch seine geistige Grundhaltung war maßgebend für seine Strenge im Urteil über die nachkonziliare Zeit. Er war nicht konservativ oder unbeweglich. Er wußte durchaus, daß Erneuerung nottat und setzte sich auch dafür ein. Aber mit der gleichen Zähigkeit konnte er auch überkommene Formen der kirchlichen Frömmigkeit und der Ordensspiritualität verteidigen. Beispielhaft war dabei seine Mitbrüderlichkeit. Mochten die Standpunkte noch so kontrovers aufeinanderprallen, P. Häcker hatte keine Probleme, mit Andersdenkenden in Frieden und echter Brüderlichkeit zusammenzuarbeiten und zusammenzuleben.

Als P. Schuh von seiner schweren Trigeminus-Krankheit heimgesucht war, sorgte P. Häcker für ihn und war jederzeit bereit, ihn bei Gottesdiensten zu vertreten, obwohl das bei der auf P. Schuh eingeschworenen Gemeinde nicht ganz einfach war. Obwohl P. Häcker einen cholerischen Charakter hatte, strahlte er fast immer eine große Ruhe und Freude aus. Diese Ausstrahlung führte er selbst immer wieder auf seine Mutter zurück, die er bis in sein hohes Alter hinein verehrte.

Im Oktober 1986 erlitt P. Häcker einen Schlaganfall, der eine rechtsseitige Lähmung zur Folge hatte. Damit war seiner Tätigkeit in Köln eine Grenze gesetzt. Im Februar 1987 ging er ins Altenheim Haus Sentmaring nach Münster. Obwohl er aufgrund seiner Behinderung zum "Pflegefall" geworden war, ließ P. Häcker sich nicht hängen. Wenn ihm das Schreiben auch schwerfiel, so hatte er immer noch eine umfangreiche Korrespondenz. Er ließ sich eine Schreibmaschine besorgen und übte unentwegt, mit einer Hand zu schreiben. So hat er ein Jahr vor seinem Tod noch seine Lebenserinnerungen zu Papier gebracht. Schon in Köln ließ die Sehkraft seiner Augen nach. Aus der Blindenbibliothek in Bonn bestellte er sich Kassetten, um anhand von Tonbändern seine geistigen Interessen weiter pflegen zu können. Diese Beschäftigung behielt er auch in Münster bei.

Als seine Augen schließlich so sehr nachließen, daß er nicht einmal mehr die Ziffern auf seinem Telefon lesen konnte, half er sich mit Kalenderzahlen, die er an die Wählscheibe klebte. So blieb er selbständig. Obwohl er in Münster noch mehr als zehn Jahre mit seiner Behinderung leben mußte, ist er fast immer ein froher Mann geblieben. Sicher hat ihm sein cholerischer Charakter dies nicht immer leichtgemacht. P. Häcker war ein dankbarer und zufriedener Patient. Am 26. Februar 1998 wurde er von seinem langen Leiden erlöst. Er hat die Talente, die ihm gegeben waren, treu verwaltet und im Dienst der Menschen eingesetzt. Mit Dankbarkeit und Hochachtung erinnere ich mich der Jahre, die ich mit ihm verleben durfte.

R.i.p.

P. Alfons Höfer SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 3/1998 - Mai, S.100-103