P. Franz Erich Hähn SJ
* 12. Oktober 1913 in Köln
20. Oktober 1997 in Münster

Lieber Franz Erich,
seit heute morgen um etwa fünf Uhr sitze ich an meinem Schreibtisch und beginne einen Nekrolog für Dich. Das ist, was die Zeit angeht, nicht ungewöhnlich, denn ich bin immer noch Frühaufsteher. Ungewöhnlich ist hingegen schon, daß ich für Dich den Nekrolog schreiben soll und Du nicht für mich, denn schließlich bin ich rund ein halbes Jahr älter als Du. Ungewöhnlich ist auch, daß ich mich mit dieser persönlichen Einleitung an Dich wende, obwohl Du doch gestorben und begraben bist.

Aber mit dem Leben nach dem Tod nehme ich es ganz ernst. Ich weiß, daß Du lebst. Wo, wie und was man sonst noch fragen könnte, weiß ich aber nicht. Nach dem, was Du in diesem Leben, vor allem gegen Ende, hast ertragen müssen, wähne ich Dich im Himmel, obwohl ich mir darunter nichts vorstellen kann, absolut nichts!

Und nun wende ich mich an die Mitbrüder, die diesen Nekrolog wahrscheinlich lesen werden. Ich schreibe für sie, über Dich!

Eine kurzgefaßte Biographie, wie das ein Nekrolog ist oder sein sollte, beginnt mit der Geburt des Darzustellenden und dem familiären Umfeld. Und da bin ich schon in Verlegenheit, in sehr arger Verlegenheit. Wenn ich das verwende, was P. Josef Ullrich als Socius Provincialis mir zugeschickt hat, dann ergibt sich daraus nur Spekulatives, Ungewisses, fast Rätselhaftes. P. Hähn hat alles, was zur Erhellung seines Lebens in dessen frühester Phase hätte dienen können, vernichtet. Radikal vernichtet. Das ist fast ein personaler Suizid. Warum? Ich weiß es nicht! Und die Antworten, die ich zu geben versuche, sind ein Versuch! Mehr nicht! Antworten, die ich mir gegeben habe. Und ich bitte sehr, das auch  s o  und nicht anders zu lesen!

P. Hähn wurde am 12.10.1913 in Köln-Ehrenfeld, einem Kölner Stadtteil mit eigenem Charakter, geboren, in St. Mechtern getauft, in St. Joseph gefirmt. Seine Eltern sind Theodor Hähn, Obermonteur, 1884 in Ehrenfeld geboren, und Anna Hörsch aus Ahrweiler, 1881 geboren. Er hat noch einen Bruder und eine Schwester, beide bei seinem Tode schon lange gestorben. Die Schwester war sein Sorgenkind. P. Hähn litt unter einer Rückgratverkrümmung, ob angeboren oder zugezogen, weiß ich nicht. Jedenfalls war er keinerlei Sport zugetan, sieht man vom Schwimmen ab, das er gut beherrschte und leidenschaftlich betrieb. Er war mit Abstand der beste Langstreckentaucher, aber vom Militär wurde er zurückgestellt. Er war immer korrekt angezogen, sicher im Gespräch und Auftreten, kontaktfreudig und leicht Kontakt findend, von einer selbstbewußten Handschrift. Er war ein perfekter Stenograph. Für einen Außenstehenden deutete sich nichts von seinen späteren Depressionen an. Aber später konnte ein Kenner schon Ansätze ausmachen. Er lachte viel und gern, konnte andere mit galligem Spott zerlegen.

Obwohl P. Hähn aus welchen Gründen auch immer von seiner frühen Kindheit und Jugend an alles, was einem mitbrüderlichen Biographen bei seiner Nekrologabfassung hätte dienen können, vernichtet hat, gibt er für seine Gymnasialbildung offenbar mit großem Stolz an: "Abitur 1934 in Feldkirch, Stella Matutina". Das machte mich stutzig - und P. Rektor Franz Schilling ebenfalls. Er fragte sich: Wie kam P. Hähn auf die Stella Matutina? So weit weg aus dem Heiligen Köln? Und ich fragte mich, wie kam es, daß er erst 1934, also mit 21 Jahren, sein Abitur machte, während ich 1932, also noch mit 18 Jahren, den gleichen Abschluß gemacht hatte? (Daher mein oben geschriebener Altersvergleich.) Meine Frage habe ich nicht lösen können.

Auf P. Schillings Frage habe ich auch nur eine Vermutung, allerdings eine auf nicht spekulativem Fundament. P. Hähn hatte eine Tante, die eine sehr große Rolle in seinem Leben gespielt hat! Tante Wilma! Offenbar eine Schwester seiner Mutter (?), die eine Art mütterlicher Rolle bei ihm gespielt hat. Von ihr sprach P. Hähn. Allerdings auch nicht allzu viel. Sie war Hausdame in einem vermögenden Familienhaushalt, und wäre in der Lage gewesen, ihrem Neffen (?) eine kostspielige Erziehung in einem höchstangesehenen katholischen Institut zu ermöglichen. Von Tante Wilma war unter den Novizen öfter die Rede, ohne daß sie Deutliches zum Inhalt hatte. Ein wenig mußte er sich unter dem zuviel an Mütterlichkeit Luft verschaffen.

Seine Philosophie persolvierte er von 1936 bis 1939 in Pullach, offenbar nicht mit jenem Ergebnis, das für den großen Kurs in der Theologie gereicht hätte. Die Unterscheidung zwischen Koadjutoren und Professen wurde auf einer der späteren Generalkongregationen des Ordens eher als abzuschaffende Belastung diskutiert. Aber: "Sint ut sunt, aut non sint." Daß diese Unterscheidung schon lange eine Belastung ist, zeigt die große Zahl sehr erfolgreicher Mitbrüder ebenso, wie die Tatsache, daß viele Koadjutoren Oberenstellen innehatten. Andere aber haben unter der "Quasidiffamierung" sehr gelitten. So auch wohl P. Hähn! Ich bin dessen gewiß!!

Zum Interstiz kam er nach Köln zu P. Alois Schuh, den er sehr hochschätzte, und bei dem er eine Phase in der Jugendarbeit, eine Phase des unbestrittenen Erfolgs, hatte.
Die Theologie durchlief er, ohne daß ich dazu Näheres sagen kann. In Frankfurt St. Georgen studierte er von 1941 bis 1942 Theologie. Nach diesem einen Jahr wurde er am 9.11.1942 in Mainz hinter den verschlossenen Türen der Seminarkirche zusammen mit 26 anderen in St. Georgen studierenden Mitbrüdern, nach einer kurzen, etwa zweiwöchigen, Bedenkzeit und Vorbereitungszeit zum Priester geweiht.

Über die Geheimweihe der Frankfurter Jesuitentheologen in Mainz, die später, als die Gefahr vorbei war, von besserwissenden Römern als nichterlaubtes Abgehen vom CIC bemäkelt wurde, soll für die Nichtkenner folgendes festgehalten werden: Die Weihe fand am selben Tag statt, als die Nazis die sogenannte 'Reichskristallnacht' als Fanal ihres grausamen Wollens und Könnens veranstalteten. Die Oberen wußten, was den Jesuiten zugedacht war.

Die Jesuiten waren soeben aus der Wehrmacht als 'nzv' ausgestoßen worden!" Gott sei Dank fanden die Oberen in Albert Stohr aus Mainz einen Bischof, der uns weihte. Und sie fanden weitere Bischöfe, die die Junggeweihten sehr wohl als Kapläne in der Pfarrseelsorge gebrauchen konnten. P. Hähn kam nach St. Paul in Offenbach. Für ihn eine höchst glückliche Phase seiner priesterlichen Tätigkeit. P. Rainer Rendenbach lobt sie cantu firmissimo! und P. Syndicus schreibt über diese Zeit: "Das war seine große Zeit, eine Arbeit, die ihm Freude machte und die er sehr gut leisten konnte. Er verriet uns ein Rezept: Wenn ein Luftangriff aufhört, sofort hin zu den Betroffenen und helfen, die Leute trösten und ihnen Mut machen. Die Offenbacher waren stolz auf ihren Kaplan." In seiner Nähe waren P. Otto Syré in Frankfurt (Deutschherren), P. Eduard Syndicus (in Seeligenstadt, Pfarrkirche), P. Karl Erlinghagen (Frankfurt / Allerheiligen) und P. Rainer Rendenbach, der des Lobes voll ist! Wir alle besuchten uns gelegentlich. Für die Nazis mußte ein reichsweites Vorgehen gegen die Jesuiten mitten im dem sich als verloren andeutenden Krieg doch wohl zu gefährlich sein. Wir überlebten und P. Hähn hatte eine Glanzzeit hinter sich gebracht.

Nach dem Krieg kehrten alle voll des Glückes über ihre Tätigkeit und voll des Dankes von seiten der Bischöfe und Pfarreien in die Ordenshäuser zurück, um das begonnene Theologistudium anzuschließen. P. Hähn studierte in dieser Zeit von 1946 bis 1949 in Büren und Lippspringe.

Das Terziat machte P. Hähn in Münster bei P. Karl Wehner, über den er voll des Lobes war! Wer wäre das nicht gewesen?!

Nach dem Terziat wurde P. Hähn im Aloisiuskolleg in Bad Godesberg als Religionslehrer und Kongregationspräses eingesetzt. Eine Zeitlang gab er den Leuchtturm, eine Schülerzeitschrift für die Oberstufe des ND, heraus. 1950 veröffentlichte er 'Gebrauchstext der Ignatianischen Exerzitien'. In diese Zeit (1953) fiel aber auch die ohne Zensur von ihm bearbeitete Bibliographie für ältere Jungen und junge Studenten, die ihm einen Tadel des Provinzials eintrug. Das war ein Schlag, den der Erfolgbewußte und Hypersensible nicht verwunden hat. Ich vermute (mehr nicht!!), daß in dieser Zeit seine Depressionen beginnen.

Ständig zunehmende und sich immer tiefer fressende Depressionen finden sich jetzt immer wieder in seiner Korrespondenz. Immer wieder bittet er, ihm doch eine ihm angemessenere Arbeit zu übertragen. Und die gab man ihm dann auch. Und sie wurde zum zweiten Glanzpunkt seines priesterlichen Schaffens. Die 'Schülerwochen' und noch manches andere, was damit zusammenhing.

1955 kam er nach Dortmund und war 15 Jahre lang zunächst von hier und dann ab 1966 von Essen aus bis 1970 zu den Schülerwochen unterwegs.

Die Schülerwochen waren offenbar etwas, an dem seine ohne Zweifel vorhandenen Qualitäten sich voll entfalten konnten, obwohl er auch hier am Anfang, ohne recht zu wissen, worum es denn eigentlich gehen sollte, recht unsicher war.

Er schreibt einmal: "Leider bin ich nicht musikalisch und verstehe auch nichts von Zelten und ähnlichen Dingen, was für die Jugendarbeit sicher ein Nachteil ist. Doch glaube ich auf der anderen Seite nicht, daß die genannten Eigenschaften, die mir abgehen für die Jugendarbeit, eine conditio sine qua non sind." Diese Arbeit war ganz seine Arbeit, die sich durch ihn und mit ihm entfaltete.

P. Clemente Pereira hatte in der Nazizeit in der Trierer Jugendarbeit "unerhörte" Erfolge gehabt. Die Jugendlichen strömten ihm in Scharen zu. Dies ist wohl auch der Grund dafür, der ihn in das Konzentrationslager Dachau brachte. In seinem Umkreis und durch sein Mittun erwuchs nach dem Krieg der Gedanke, in die Gymnasien zu gehen und mit Jugendlichen über ihre Probleme in der Nachkriegszeit zu diskutieren.

Es kann hier nicht lang und breit erörtert werden, wie sich die Schülerwochen entwickelten und welche Nebenarbeiten, wie die Elternarbeit, sie mit sich brachten. P. Hähn war jedenfalls in seinem Element und der Erfolg war groß! Von Depressionen war fast nichts zu spüren. Zunächst!! Er war in Westdeutschland, aber auch in Österreich, Luxemburg und Tirol unterwegs, um die Schülerwochen zu halten. So manche Verbindung ist über die Jahre hinweg bestehengeblieben und so manchem wurde er zum geistlichen Vater.

In diesen Jahren betätigte er sich weiterhin schriftstellerisch. So kamen von ihm 1965 'Jugend im Glauben' und 1967 das Büchlein 'Die Gottesfrage heute - Vorträge und Grußansprachen' und ebenfalls 1967 das Büchlein 'Ferien mit Gott. Ein kleines Urlaubsbuch', das 1969 in dritter Auflage erschien, heraus. Auch mit P. Clemente Pereira arbeitete er in dieser Hinsicht zusammen. So erschien von beiden herausgegeben das Buch 'Jugend in der Verantwortung'.

1970, unterdessen 57 Jahre alt, die Zeit der Schülerwochen ist praktisch vorbei, wendet er sich mehr und mehr der Exerzitienarbeit zu. 10 Jahre lang ist er von Essen aus damit beschäftigt und schließlich noch einmal von 1980 an 8 Jahre lang von Köln aus. P. Hähn war auch in dieser Arbeit sehr fleißig. Er las sehr viel und arbeitete seine Vorträge sorgfältig aus. 1979 erschien von ihm 'Unterwegs mit Gott. Besinnliches Freizeitbrevier'. Bei den Mitbrüdern war er beliebt. Er gab, wenn er etwas Lesenswertes gefunden und abgeschrieben hatte, dies an die Mitbrüder weiter. Vor allem, weil er in den Kölner Jahren auch die Hausbibliothek betreute, hatte er immer Neuigkeiten parat. In der Kommunität war er ein angenehmer Mitbruder. Er beteiligte sich rege am Gespräch der Mitbrüder und spielte gern Doppelkopf, so daß er in seiner Liebenswürdigkeit von allen sehr geschätzt wurde. In diese Kölner Zeit fällt ein schwerer Unfall, der sich 1986 in Daun in der Eifel ereignete. Er war bei Glatteis ausgeglitten und rückwärts aufgeschlagen. Bei seinem Wiedererwachen fand er sich für die untere Körperhälfte querschnittsgelähmt im Krankenbett wieder, ein schreckliches Leben vor Augen. Nur dem entschlossenen Eingriff einer jungen Ärztin, die das Blutgerinnsel in seinem Gehirn mutig absaugte und ihn damit rettete, verdankte er sein Leben. Ein Wunder! sagten die Frommen, die Kunst der Ärzte, meinte P. Hähn.

Die vorletzte Station seines Lebens war das Paulushaus in Bonn. Er war 1988 dorthin auf Wunsch der Bonner gekommen und sollte in der Beichtseelsorge und im Sprechzimmer helfen. Dies konnte er aber nicht mehr sehr lange tun, da sich sein Gesundheitszustand immer mehr verschlechterte. Er litt unter starken Depressionen, die er nur mit Mühe durch Medikamente beherrschen konnte, und sein Gedächtnis ließ immer mehr nach, so daß er darum bat, ihn als Beichtvater zu entpflichten. Er machte deshalb für das Haus Botengänge in die Stadt, half beim Einkaufen und half auch an der Pforte aus. Da aber auch die körperlichen Kräfte immer mehr nachließen, bat er 1992, nach Münster versetzt zu werden, was am 14. Oktober geschah. Hier hatte er nur noch ein Ziel vor Augen: Aufgelöst in Christus zu sein. Um dieses Ziel kreisten seine Gedanken und davon sprach er immer wieder. Aber dieses sein Sterben dauerte Jahre, in denen er mehr und mehr im Schweigen versank. Am liebsten war es ihm, wenn man ein Gesetz vom Rosenkranz mit ihm betete, und er betete ihn in den ersten Jahren hier fast täglich mit P. Altefrohne, und er hätte auch gern mehr als einen Rosenkranz gebetet. Er empfand nun das Leben als schwere Last.

P. Syré schreibt über die letzte Zeit von P. Hähn: "Es war ziemlich erschütternd, P. Hähn während seiner letzten Monate in Haus Sentmaring zu begegnen. Alle Vitalität war erloschen. Und wie hinreißend konnte sie vor Jahren sein! Alle Aktivität war geschmolzen. Und wie faszinierend konnte sie sein! Alle Glaubensstärke war wie beiseite gelegt. Und wie gewaltig konnte sie sein! Sein Alltag schien am Rande der Apathie zu verlaufen, Tag um Tag. Gewiß, sein Gedächtnis war zeitweise hellwach, aber zu einer Reaktion hatte er kaum noch Kraft. Gott hat ihm zugemutet, den Kelch des 'SUSCIPE' bis zur Neige zu kosten." Am 20. Oktober 1997, kurz nach seinem 84. Geburtstag, rief ihn endlich in aller Stille der Herr heim.

R.i.p.

P. Karl Erlinghagen SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 1/1998 - Februar, S.12ff

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Ergänzung zum Nekrolog von P. Franz-Erich Hähn SJ
Der Skriptor des Nekrologs bedauert, daß P. Hähn alles über seine Kindheit und Jugend vernichtet habe, was fast einem personalen Suizid gleichkomme. Da ich mit ihm von 1927, bis 1934, d.h. bis zum Abitur in der Stella Matutina und dann von 1936-39 wieder in Pullach zur Philosophie zusammenlebte und auch später in Kontakt mit ihm bis zu seinem schweren Unfall blieb, kann ich die Rätsel lösen helfen.

Warum kam er von Köln nach Feldkirch ins Gymnasium? Das ist auf P. Augustin Neu (geb. 1876; Niederdeutsche Provinz) zurückzuführen. Dieser war verwandt oder sehr gut bekannt mit der Familie Hähn. P. Neu war Professor im Aloisiuskolleg für Latein und Französisch. Von 1922-27 war er in Aachen als Skriptor und Seelsorger, wohin die Mutter, die Tante und Erich inzwischen übersiedelt waren. Hier merkte P. Neu das "Zuviel an Mütterlichkeit", das Erich zu Hause umgab, besonders von seiner Tante Wilma. Von 1926 bis 1936 war P. Neu Professor für Latein und Französisch in Feldkirch und veröffentlichte 1928 sein Buch über P. General Roothaan. Zu P. Neu hatte Erich ein außerordentlich gutes Verhältnis (außerschulisch), obwohl dieser in unserer Klasse nicht lehrte. Schon in Feldkirch merkten die Mitschüler die große Rolle, die Tante Wilma spielte und gaben Erich deswegen den Spitznamen "Wilma". Außerdem hat Erich ein Faktum gesetzt, das in der ganzen Geschichte der Stella einmalig war, einen Aufsatzstreik.

In Deutsch lehrte damals ein Laienprofessor und tüchtiger Germanist, ein musischer Mensch, der uns eine große Kenntnis und Liebe zur deutschen Dichtung beibrachte. Er war nicht unbeliebt, aber er wollte einen Aufsatz schreiben lassen ohne vorherige Anmeldung. Das erregte den Widerspruch der ganzen Klasse. Plötzlich kam Erich, sammelte alle Hefte ein und knallte sie dem Professor auf den Katheder. Das konnte nicht ohne Folge bleiben.

Ich weiß nicht mehr, welche Strafen wir erhielten, aber die Wirkung auf unseren Klassenlehrer P. Nolte ist mir unvergessen. Er war. Rektor und langjähriger Schuldirektor gewesen. P. Nolte galt als tüchtiger und strammer Lateinprofessor und war uns gegeben worden, weil wir als Klasse einen schlechten Ruf hatten. Zutiefst erschüttert, mit Tränen in den Augen sagte er nur: "Das kam noch nie vor, solange die Stella steht! Das habe ich in meiner Klasse seit 40 Jahren nie erlebt. Ich kapituliere." Die "böse Tat" hatte aber auch eine gute Folge. Im nächsten Schuljahr übernahm der amtierende Direktor P. Faller, was sonst nicht üblich war, uns bereits in der 6. Klasse und begleitete uns ohne jegliche Schwierigkeit bis zum Abitur. Wir galten jetzt als gute Klasse.

Wir waren 21 Abiturienten, davon wählten sieben die Theologie (zwei Jesuiten, ein Benediktiner, vier Diözesanpriester; einer wurde später Bischof). P. Hähn wollte kaum, daß er als erfolgreicher Leiter von Schulwochen und Schüler- und Elternseelsorger als "Tante Wilma und Schul-Streikführer" bekannt wurde. Dieser Streik hatte nicht diesen Bekanntheitsgrad, den wir heute in den Medien erwarten. Die politischen Ereignisse in Österreich und Deutschland schlugen schon ihre Wellen in die Oberklassen. Erich wollte Jesuit werden, aber das "Zuviel an Mütterlichkeit" wollte ihn noch behalten. Er sollte erst in Aachen im Priesterseminar studieren und geweiht werden, und dann erst in die Gesellschaft Jesu eintreten. Er sandte seine Papiere zur Aufnahme daher in das Priesterseminar und erhielt sie sogleich wieder zurück: alle Plätze seien belegt, keine Aufnahme möglich. Erich nahm das als Zeichen Gottes, sofort in das Noviziat einzutreten.

Zur Frage, warum er erst 1934 das Abitur machte, zwei Jahre später als andere Jahrgänger, z.B. der Skriptor: Das hing mit seiner Erstkommunion zusammen. Das Schuljahr begann damals an Ostern, nach dem Weißen Sonntag. Schulanfänger von 1925 mußten also gerade am Weißen Sonntag nach Feldkirch fahren. Deshalb wurde die Erstkommunion für diese Schüler erst ein Jahr später in Feldkirch gefeiert. Aber die besorgte "Mütterlichkeit" ließ dies nicht zu, sondern schickte Erich erst später nach Feldkirch und feierte zu Hause Erstkommunion. Folglich war auch sein Abitur später.

Es kommt im Nekrolog auch die Rede zur "Quasidiffamierung" in den Studien durch verkehrte Wertordnung, unter der er gelitten haben soll. Er hatte eine gute Schule für christliche Lebenswertordnung bei P. Riehen genossen.

Wir waren auch immer in Verbindung in den Ferien. Besonders bedeutungsvoll war unsere Wallfahrt 1933 nach Trier zur Ausstellung des Hl. Rockes Christi. Von dort lud mich Erich nach Aachen in den Stadtwald ein, wo ich auch Tante Wilma kennen lernte, eine charmante Dame. Von Aachen ging es nach Valkenburg in Holland, in das große Jesuitenkolleg. Wir waren beide eingeladen worden vom Altstellaner P. v. Waldburg-Zeil zu seiner Priesterweihe und Primiz.

Das Jesuitentheater spielte auch in der Stella eine große Rolle durch die klassischen Stücke Schillers, Shakespears und das Lustspiel Raimunds. An Fastnacht gingen die Schüleraufführungen mit großem Erfolg und Beifall vor Eltern und Gästen über die Bühne im großen Theatersaal der Stella. Daneben gab es noch eine andere Gruppe von Buben, die im Hintergrund, im grauen Arbeitskittel, unbeachtet mitwirkten: die Kulissenschieber. Bei dieser Gruppe war Erich führend, vielleicht sogar Chef. P. Riehen, der Theaterdirektor, der sich selbst bescheiden "Schmierendirektor" nannte, gab dieser Gruppe ein großes Selbstbewußtsein, gab ihnen Festschmaus und Lob vor allen "Rollenstars". Die Letzten werden die Ersten sein.

P. Karl Wolfer SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 3/1998 - Mai, S. 99f