Bruder Friedrich Hafkemeyer SJ
23. Februar 1964

Man braucht nicht in der Biedermeierzeit geboren zu sein, um ein biederer Mann zu sein. Treu und bieder, das war Br. Hafkemeyer. Mit der heutigen Zeit verglichen, waren auch die Jahre des ausgehenden 19. Jahrhunderts fast geruhsam zu nennen. Sie kannten nicht die Technik und Hast allüberall, wie sie uns heute jagt. Jedoch bleiben auch in einer ruhigen Zeit die Menschen nicht frei von Sorgen und Erschütterungen.

Br. Hafkemeyer wurde geboren am 20. Juni 1874 in Osnabrück. Schon in seiner frühen Jugend starb seine Mutter nach der Geburt des sechsten Kindes, das nach drei Monaten ebenfalls starb. Die Vorsehung hatte ihm in der Tante, die das Ordensleben aus gesundheitlichen Gründen schweren Herzens aufgeben mußte, eine gute Hüterin seiner Jugend geschenkt. Die fromme "Tante Dina", so hieß sie in der Verwandtschaft, die von ihrem geistlichen Bruder auf die ihr von Gott nun zugewiesene Aufgabe aufmerksam gemacht wurde, soll geäußert haben, sie werde die ihr anvertrauten Schützlinge, zwei Jungen und drei Mädchen, alle ins Kloster beten. Und in der Tat gingen alle diesen Weg. Der Vater war dankbar, für die Kinder eine so gute Pflegemutter gefunden zu haben, und wollte die Schwester seiner verstorbenen Frau heiraten. Sie aber bat ihn: "Sprich nie mehr von der Ehe! Ich bleibe meinem Bräutigam verlobt und will deinen Kindern eine gute Mutter sein." Die fromme, gute Tante schaffte in ihrer Familie eine Klosteratmosphäre. Jeder Tag begann mit der heiligen Messe und wurde eingeteilt in Stunden des Gebetes und der Arbeit. In regelmäßigen Abständen ließ sie einen Wecker schellen als Gebetszeichen. Sofort mußte alle Arbeit ruhen. Mit den Kindern betete und betrachtete sie, bis der Wecker das Zeichen zur Arbeit gab. Br. Hafkemeyer sagte später selbst, daß die fromme Pflegemutter ihm den Keim des Ordensberufes vermittelt und erbetet habe.

Besondere Ereignisse aus seiner Jugendzeit sind nicht bekannt. Unter einem solch strengen Regime war ja auch kaum Platz für lose Jungenstreiche. Dagegen wurde viel gelernt, und alle Geschwister besuchten die Höhere Schule. Nur unser Fritz erlernte das Bäckerhandwerk bei seinem Onkel, denn er sollte später dessen Geschäft übernehmen. Er schaffte in der Backstube und fuhr mit dem Wagen Brot und Brötchen zu den Kunden. Damals war in Osnabrück Mission. An einem Abend sagte seine Tante: "Fritz, du könntest auch mal in die Predigt gehen!" Fritz ging hin und bekam eine kräftige Höllenpredigt zu hören. Als er heimkam, erklärte er seiner Tante: "Weißt du, wenn das so ist, wie der Pater gesagt hat, dann trete ich in einen Orden ein." Ob die Predigt den Ordensgedanken entzündet hat oder nur die letzte Auslösung bewirkte, ist schwer zu sagen. Als er die Lehre beendet hatte, sagte er: "Ich gehe nach Holland, um mich weiterzubilden." In Wirklichkeit trat er am 30. September 1891 in die Gesellschaft ein zusammen mit seinem drei Jahre älteren Bruder Johannes. Dieser war Geschichtsprofessor in Brasilien und starb zu Porto Alegre im Alter von 53 Jahren am 10. Februar 1924 (vgl. Mitteilungen Bd. 10, 101).

In Blyenbeck war damals das Noviziat, Novizenmeister der bekannte P. Meschler. Als Manuduktor hatte der junge Bruder Hafkemeyer den Br. Mandry, von dem man sagte, daß er sehr gütig und mütterlich gewesen sei. Seine Beschäftigung wurde vorläufig der erlernte Beruf, und als Socius von Br. Michael Schweikert hatte er ein Vorbild von Fleiß und Frömmigkeit zugleich. Aber bald wurde er für die Krankenpflege bestimmt. Diese Tätigkeit hat er sein ganzes folgendes Ordensleben ausgeübt. Im zweiten Noviziatsjahr versetzte man ihn nach Feldkirch, wo er als Gehilfe von Br. August Emele in der Krankenpflege für Mitbrüder und Schüler die Werke der leiblichen Barmherzigkeit übte.

In dieser Zeit hat er manches gelernt, nicht nur an fachlicher Krankenpflege, sondern auch an Lebenserfahrung. Ein Schüler erinnert sich noch, daß er bei der Behandlung sehr bestimmt und konsequent gewesen sei, fernab von aller weichen Nachgiebigkeit und Verzärtelei. Das entsprach ganz seiner nüchternen, praktischen Art. Ob sie immer mit gleichem Verständnis und der gleichen Zuneigung erwidert wurde? Aber es drang auch die Herzensgüte und das Helfenwollen durch, was die Jungen letzten Endes doch empfunden und respektiert haben.

In Feldkirch legte er 1904 seine letzten Gelübde ab. 1906 erhielt er den Ruf in die Mission nach Indien. Das galt als besondere Erwählung. Was hatte er sich unter dem Wunderland vorgestellt? Er wurde in Bandra Präfekt einer Schülerabteilung, die er auf Ordnung, Pünktlichkeit und die anderen äußeren Formen des Internatslebens miterziehen half. Vorbild blieb ihm dabei das System von Feldkirch {1}.

Herausragendes, gab es eigentlich nicht, als nur das Besserkennenlernen indischer Lebensformen und Naturerlebnisse in der tropischen Zone. Viel ist aus dieser weit zurückliegenden Zeit über Br. Hafkemeyer nicht zu erfahren. P. Heuvers schreibt: "Herbst 1914 wurde ich von Bombay in die Vorstadt Bandra an das St. Stanislaus-Kolleg versetzt, genau vor fünfzig Jahren. Dort traf ich Br. Hafkemeyer als Präfekten der II. Abteilung. Auf dem Kopf trug er den Tropenhelm, in der Hand hielt er die Präfektenschelle, die tickte, wenn ein Schüler Unfug machte, die laut schellte, wenn die Allgemeinheit gemeint war. Eine seiner Besonderheiten war die Vorliebe für das Fasten. Er wollte auch mich dazu bewegen. 'Sehen Sie, ich mache es Ihnen vor. Es tut dem Körper so wohl. Alle überflüssigen und schädlichen Substanzen werden weggeschwemmt.' Er konnte mich jedoch nicht bewegen, meine gewohnte Ernährungsweise zu ändern. Der erste Weltkrieg brachte uns auseinander. Er kam in Gefangenschaft nach Ahmednagar zu Bruder Schwake. Auch dieser blieb taub für seine Ermunterung zum Fasten. Ich habe Br. Hafkemeyer und Bruder Multer von Bandra in bester Erinnerung, stets sich gleichbleibend, wohlgesinnt und heiter. Der Schwabe ein Schlag fröhlicher als der stille, norddeutsche Hafkemeyer."

Als die Deutschen Indien verlassen mußten, kam Br. Hafkemeyer im Dezember 1920 nach Deutschland zurück. Sein erstes Domizil war. Bonn. Dann fand er in Exaten für zwei Jahre einen Wirkungskreis. Ende August 1922 siedelte er in das neu begonnene Aloisiuskolleg in der Augustastraße in Bad Godesberg über. Hier war er Pförtner, sorgte für das Refektor und betreute die Kranken. Als ich einmal 1926 als junger Bruder in Godesberg Exerzitien machte, hat er sich wirklich liebevoll um mich gekümmert. Unaufdringlich gab er manchen guten Wink, für den ich ihm, dem erfahrenen Ordensmann, nur dankbar sein konnte. In seiner Eigenschaft als Krankenpfleger sparte er nicht an Belehrungen besonders in bezug auf seine Fasten- und Diätschule, zumal mir damals die Migräne sehr zusetzte. Sein aufrichtiges Wohlwollen hat mich ihm sehr verbunden. Selbst praktizierte er das Fasten und andere Methoden der Entschlackung sehr intensiv, Doch im Kreise der Mitbrüder fand er weder Zustimmung noch Nachahmer, ausgenommen P. Schrader. Nun, "Eines schickt sich nicht für alle", besonders wenn die körperliche Arbeitsleistung verschieden ist. Und auch die Schüler vergaßen gerne Kranksein mit Fasten und stellten für diese Lehren gerne die Ohren auf Durchzug.

Den Beruf, verschiedene Orte zu durchwandern, hat Br. Hafkemeyer gern erfüllt. Nachdem er seine Ämter 10 Jahre in Godesberg mit großem Eifer versehen hatte, wurde in Münster Haus Sentmaring seine nächste Wirkungsstätte. Nach zwei Jahren mußte er von neuem sein Bündel schnüren und in Frankfurt St. Georgen die Krankenpflege übernehmen.

Er kam gerade recht, um die ins Gärtnerhaus verlegte Hauptpforte nebenher zu betreuen; später wurde er Sozius an der Pforte. Immer bereit zu helfen, glaubte er besonders, seinem jüngeren Mitbruder keinen Schlaf entziehen zu dürfen. Bis spät in die Nacht übernahm er Überstunden an der Pforte, wenn ihn die Krankenpflege nicht gerade anderwärts verpflichtete. Seine nüchterne Konsequenz liebte keinen elastischen oder hinhaltenden Widerstand. Er konnte überflüssigen und weichlichen Klagen dann rabiat begegnen. Im Übrigen blieb er das Wohlwollen und die Hilfsbereitschaft in Person.

In der Rekreation war seine Unterhaltung immer sachlich und religiös. Fades Geschwätz oder Haustratsch hörte man von ihm nie. Nach zwei Jahren versetzten ihn die Oberen abermals nach Münster, diesmal in die Residenz an der Königstraße, zu der nur drei Brüder gehörten. Dort zeigte sich so recht, wie er das verbindende Element war. Gerechtigkeitssinn und Hilfsbereitschaft, vor allem Zugreifen bei gemeinsamen Arbeiten, machten das Zusammenleben mit ihm zufrieden und gemütlich, bis im Juli 1941 die Gestapo diesen Kreis sprengte. Alle Mitbrüder der Königstraße wurden aus dem Rheinland und Westfalen ausgewiesen, Zunächst fand Br. Hafkemeyer für 14 Tage Unterkunft in St. Georgen, dann ging es vom 1. August bis 1. Oktober nach Erfurt, schließlich nach Trier. Ganze 47 Tage dauerte es, bis er wieder der Gestapo in die Hände fiel, wiederum ausgewiesen wurde.

Diesmal kam er in das Krankenhaus von Worbis im Eichsfeld. Die Schwestern lernten den Heimatvertriebenen immer mehr schätzen. Mit ihm war auch P. Wilmes dort, dem er ein angenehmer Gesellschafter und hilfsbereiter Mitbruder war. Außerdem half er auf der Männerstation und übernahm die ambulante Pflege der Entlassenen in der Stadt. Dadurch erwarb er sich viele Bekannte und manche Beziehungen zum Nutzen der Schwestern und mancher Mitbrüder, P. Mattelé berichtet: "Um die Jahreswende 1945/46 erfuhr ich seine Hilfe. In meiner Thüringer Diasporagemeinde Großenehrigh (15 und mehr Dörfer ohne jeden Kirchenraum) war ich in großer Verlegenheit. Fast nichts an kirchlichen Gewändern und Geräten. Als ich nach vielen Seiten Bettelbriefe schrieb, kam mir meist keine, oder vertröstende Antwort. Aus Worbis langte nach drei Wochen eine Postkarte an von Br. Hafkemeyer: 'Habe einiges für Sie. Das kann man aber nicht schicken. Sie müssen kommen.' Und als ich ankam, staunte und lachte ich. Da hatte er zusammengebettelt: Kelch, Meßgewänder, Meßdienerröcke, Altarwäsche, Rauchfaß, Schellen und manches andere, wie Seife, Rasierklingen, auch eßbare Sachen - und Stipendien. Eine wahre Bescherung - für die ersten Nachkriegsjahre eine gewaltige Leistung -, dafür werde ich ihm immer dankbar bleiben."

Da Br. Hafkemeyer Nichtraucher war, hat er manchen Mitbruder mit den damals so raren Rauchwaren beglückt. Wenn Br. Hafkemeyer einem so helfen oder irgendwie gefällig sein konnte, machte es ihm selbst Freude. Manchmal war er sogar zu schnell bereit zu helfen. Es kam vor, daß eine Schwester einen Wunsch äußerte, ehe sie die Oberin gefragt hatte. Hilfsbereit, wie Br. Hafkemeyer war, wurde er sogleich besorgt. Hieraus entstanden dann ebenso peinliche wie köstliche Verlegenheiten. Auch für den Grenzverkehr leistete er den Schwestern gute Dienste. Dabei gab es einmal ein originelles Erlebnis. Von Worbis mußten zwei Kandidatinnen nach Paderborn reisen. Br. Hafkemeyer begleitete sie, denn die Reisewege waren noch unsicher, und die Besatzungszone war eine weitere Schwierigkeit. Mitten in der Nacht startete die kleine Gruppe. Alles klappte tadellos. Am nächsten Abend kamen sie im Mutterhaus an. Eine Schwester öffnete die Tür und hörte nur, daß die beiden Mädchen ins Kloster eintreten möchten. Flugs eilt sie ins Refektor, wo gerade alle Schwestern versammelt waren und sagt zur Würdigen Mutter: "Da kommt ein Vater aus der Ostzone, der seine beiden Töchter ins Kloster bringen will. O, welch ein Opfer, welch ein Opfer!"

Als Br. Hafkemeyer im September 1949 nach Büren abberufen wurde, fehlte nicht nur P. Wilmes der treue und hilfsbereite Gesellschafter, auch die Schwestern vermißten nun seine Hilfe und einen hochgeschätzten Ordensmann. Wie sehr er auch in der Umgegend geschätzt wurde, beweist ein Kondolenzbrief zu seinem Tode.

Über seine Bürener Zeit schreibt ein Mitbruder: "Als Br. Hafkemeyer 1949 zu uns nach Büren kam, sah man ihm nicht an, daß er schon über 70 Jahre alt war. Die mageren Nachkriegsjahre hatten ihn, dem trainierten Faster, nicht so treffen können. Als Krankenpfleger tat er gewissenhaft, was nötig war. Freundlich und geduldig mit jedem Patienten, gewann er sich bald aller Zutrauen und Zuneigung. Aber die Jungen achteten auch seine Erfahrung, Z. B. unterschied er schnell zwischen "Schulfieber" und echter Krankheit. Natürlich versuchte Br. Hafkemeyer auch hier wieder seine Anschauung durchzusetzen, das Fasten sei ein Allheilmittel. Aber dafür fand er wenig Verständnis. Er selbst unterzog sich trotz seiner 75 Jahre noch einer Bruchoperation, die er glatt überstand. In der Gemeinschaft der Mitbrüder sorgte er oft für Unterhaltung, wenn er aus seinen Erlebnissen erzählte. Z. B. wie er durch eine Höllenpredigt zu seinem Ordensberuf gekommen sei. Darauf bemerkte ein Mitbruder: "Dann hat der liebe Gott aber bei Ihnen kräftig auffahren müssen." Auch bei den gemeinsamen Ferientouren war er immer dabei, sorgte für Verpflegung und wie er sonst die Fahrt noch angenehm gestalten konnte. Er lebte für die Gemeinschaft.

Eines Tages aß er keinen Kuchen mehr, obwohl er das früher gern getan hatte. Auf die Frage, warum, meinte er, daß er bisher zu sehr der Gaumenlust gefrönt hätte. Er hielt seinen Vorsatz lange Zeit.

Im April 1956, also im 80. Lebensjahr, wurde der alte Baum noch nach Essen verpflanzt und ist dort noch gut angewachsen, d. h. Br. Hafkemeyer wurde ein brauchbares Mitglied des Hauses. Im Refektor und an der Pforte half er aus und besorgte den Krankendienst, bis es nicht mehr ging. Seit 1960 verließen ihn immer mehr seine Kräfte. Obwohl er die aufkommende Wassersucht durch seine radikalen Fastenkuren immer wieder zurückdrängte, hatte er doch oft geschwollene Beine, und an seinen Füßen bildeten sich größere, stark nässende Wunden, die sich kaum schlossen. Es war zweifellos eine große Leistung von ihm, wie er mit aller Energie sich durchs Haus und die Treppe hinauf, hinunter schleppte. Aber er fiel keinem zur Last. Sein Arbeitseifer, seine Frömmigkeit und Anspruchslosigkeit, die besonders bei Kranken selten ist, hinterließen einen. starken Eindruck und stille Bewunderung. Im Dezember 1961, nachdem Br. Hafkemeyer in Essen noch sein 70jähriges Ordensjubiläum feiern konnte, wurde doch seine Übersiedlung auf die Kranken- und Altenstation in Münster notwendig.

Als Br. Hafkemeyer nach Münster kam, hoffte er im Stillen, wieder zu Kräften zu kommen und sich sogar wieder in Essen betätigen zu können. Er war ein äußerst anspruchsloser Patient, der sich selbst half, solange er konnte. Die Zeit füllte er mit Lesen, Schreiben und Gebet. Die Besucher waren erbaut von seinem zufriedenen, heiteren Wesen, ihm lag es nicht, über sein Leiden zu klagen. Er blieb echt erbaulich bis an sein Ende. Wenige Tage vor seinem Tode erlitt er einen Schlaganfall, der ihn lähmte und die Besinnung nahm. Am 2. Fastensonntag, dem 23. Februar 1964, starb er als Senior der Provinz im 90. Lebensjahr.

R.i.p.

Bruder Josef Fix SJ

Mitteilungen 127, S. 437-442

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{1} Bischof Andrew D'Souza von Poona, der sein Schüler war, hat Bruder Hafkemeyer gelegentlich seiner Deutschlandreise eigens aufgesucht.