P. Ferdinand Hahn SJ
9. Oktober 1989 in Münster

P. Hahn stammte aus Mönchengladbach. Dort wuchs er auf als jüngstes von zehn Kindern in einer vom katholischen Glauben geprägten kinderreichen Familie. Die höhere Schule besuchte er in Gangelt, Krefeld und über sechs Jahre lang in Münstereifel. Dort bestand er 1916 das Notabitur. In seinem Reifezeugnis heißt es: Er verläßt das Gymnasium, um ins Heer einzutreten und später Theologie zu studieren. Seine Militärzeit dauerte vom 17. November 1916 bis zum 6. Februar 1919. Im Dezember 1917 wurde er zum Unteroffizier befördert. An der Westfront erlitt er am 9. Juni 1918 eine schwere Verwundung durch einen Lungensteckschuß in die rechte Seite.

Am 26. April 1919 trat er zu 's-Heerenberg in das Noviziat der Gesellschaft Jesu ein. Im selben Jahre kamen weitere 33 Priesterkandidaten und zwei Brüderpostulanten. Nach seinen philosophischen Studien in Valkenburg folgten zwei Jahre Interstiz in Köln, wo er im Canisiushaus - damals noch Albertusstraße 36 - in der Jugendarbeit im neugegründeten "Bund Neudeutschland" tätig war. Der aufblühenden Jugendarbeit widmeten sich im selben Haus die weit bekannt gewordenen Patres Esch, Grauvogel, Habrich (Redakteur der Zeitschrift "Leuchtturm"), Erich Koenig und Maring (Redakteur der Zeitschrift "Die Burg").

Zu den theologischen Studien kam P. Hahn für zwei Jahre nach Valkenburg und für weitere zwei Jahre nach Innsbruck. Die Priesterweihe empfing er in Valkenburg am 27. August 1929.

Nach Abschluß seiner Ausbildung blieb P. Hahn im Dienst an der Jugend eingesetzt, zwei Jahre in Aachen; dann aber kam er nach Godesberg ins Aloisiuskolleg, wo er bis 1981 blieb, dem Jahr seiner Übersiedlung ins ordenseigene Pflegeheim nach Münster, Haus Sentmaring. Seine Zeit im Aloisiuskolleg war nur unterbrochen durch die Naziwirren und Kriegsjahre, die ihn zu verschiedenen Seelsorgearbeiten nach Havixbeck und Hamburg-Rahlstedt führten.

In den langen Jahren in Godesberg war er von 1933 bis 1949 Präfekt des Externenstudiums, von 1947 bis 1969 Präfekt der Bibliothek.
Wann immer ein Schüler gefördert und gefordert werden mußte, war P. Hahn bereit, als Helfer in der Not zur Stelle zu sein, besonders für Nachhilfe in Latein. Der Bibliothek widmete er sich mit ganzem Eifer und ganzem Herzen. Nachdem er 1969 die Leitung abgegeben hatte, blieb er bis zum Schluß Socius Praefecti Bibliothecae.

In Haus Sentmaring reifte er still und bescheiden der Vollendung entgegen, bis Gott ihn am Abend des 9. Oktober 1989 heimrief, nachdem er einige Tage zuvor das Sakrament der Krankensalbung empfangen hatte. Am 13. Oktober wurde er auf dem Friedhof im Park Haus Sentmaring beigesetzt.

R.i.p.

P. Otto Syré SJ

Der folgende Text stammt von Georg Driesch, einem früheren Zivildienstleistenden in Haus Sentmaring, der auch im letzten Sommer zur Aushilfe in der Ferienzeit noch einmal dort gearbeitet hat und ein besonders gutes Verhältnis zu P. Hahn hatte:

Als ich vom Sterben/Tod Pater Hahns hörte, habe ich mich zu Hause hingesetzt und ein paar meiner Gedanken zu Papier gebracht. Wenn man über einen Toten spricht, stellt sich das große Problem: Habe ich diesen Menschen eigentlich gekannt? Habe ich etwas begriffen von dem, was ihn ausmachte? Oder sind die Geburts- und Sterbedaten - gleichsam das äußere Gerüst - das einzige, was man über ihn sagen kann? Und auch jetzt, bei Pater Hahn, stelle ich mir die Frage: Was war das Wesentliche, das Erinnernswerte an ihm? In den 20 Monaten meines Zivildienstes habe ich P. Hahn fast täglich gesehen. Einige von Ihnen, kennen ihn sicher schon viel länger. Mir (als einem jungen Menschen) sind dabei vor allem zwei Dinge an ihm (dem alten Mann) aufgefallen. Und die möchte ich jetzt kurz beschreiben:

1. Das war seine Fähigkeit, menschliche Distanz zu ertragen und aufrecht zu erhalten. Ich meine damit Folgendes: In einem Haus und auf einer Station, wo Menschen es so eng miteinander zu tun haben wie hier in diesem Haus und auf dieser Station, besteht die Gefahr des Einebnens und Nivellierens. Wo ein jeder den anderen kennt, jeder von jedem auch intime Dinge weiß, kommt es schnell zur Mißachtung persönlicher und individueller Qualitäten. Die menschlichen Beziehungen sind schnell geschlossen und schnell gelöst, sie flachen ab, da jeder jenen scheinbar bald durchschaut hat.

P. Hahn war nicht so. Und das haben vor allem die Angestellten zu spüren bekommen. P. Hahn war stets der letzte, der einer neu angestellten Schwester oder einem neuen Zivildienstleistenden sein Vertrauen entgegenbrachte. Um ein Gespräch oder eine Beziehung zu ihm mußte man sich schon bemühen. Und dabei war er nicht hartherzig oder unterkühlt, sondern er hatte nur ein Gespür für die rechten menschlichen Distanzen. Er offenbarte sich nicht gleich auf einen freundlichen Gruß hin, sondern war bedacht darauf, seine Persönlichkeitssphäre und die des anderen zu wahren. Er ist dabei einen Gratweg gegangen: Als Mensch ernst zu sein, ohne das Lachen zu verlieren - würdevoll zu sein bis ins hohe Alter, ohne arrogant zu wirken - und ein sehr frommer Mann zu sein, ohne eine Aura des Abgehobenen und Unantastbaren zu errichten.

Und zu einer Zeit, in der die Gleichheit der Menschen fast schon überbetont wird, habe ich von P. Hahn da einiges lernen können: Ich habe gelernt, daß wir vieles verlieren würden, wenn wir alle Menschen gleich machten und nivellierten, wenn Freundschaften und Beziehungen der Inflation unterlägen, wenn wir alle untereinander auf "DU" und "DU" wären. Denn dann fände das Besondere keinen Platz mehr. In einer Massengesellschaft, wo alle gleich sind, schwindet der Wert des einzelnen. Und P. Hahn war für mich ein Mensch, der an sich als Person den Wert und die Würde des einzelnen Individuums demonstrierte.

2. Und jetzt zu einer zweiten Sache: Es ist schon ein persönliches Phänomen, das stark in seinem religiösen Wesen verankert war. Und deshalb tue ich mich schwer, es in rechter Weise zu beschreiben.
P. Hahn war aufgrund einer "Lähmung" praktisch an seinen Sessel gefesselt. Hier verbrachte er einen Großteil des Tages. Und wir Angestellten fragten uns oft: Was macht ein Mensch wie P. Hahn, der nicht mehr arbeiten kann? Der aber aus einer Müdigkeit des Geistes auch nicht mehr den ganzen Tag lesen oder Radio hören kann? Was macht ein Mensch, wenn er nichts mehr macht?

P. Hahn ruhte. Trotz des Bedürfnisses nach Bewegung besaß er die beneidenswerte Fähigkeit zu ruhen und, wie er in seiner direkten Art sagte, "auf den Tod zu warten". Dieses ruhen können und ausharren können fällt vielen alten Menschen und uns allen im Krankheitsfall sehr schwer. Abgesehen von der dann aufkommenden Langeweile, läßt uns der Gedanke nicht zur Ruhe kommen, daß wir auf den Tod zugehen. Und ein Mensch, der nicht mehr arbeitet und nichts mehr macht, spürt seinen eigenen Tod, sein eigenes Ende, viel deutlicher als der aktive und arbeitende Mensch. Unsere Arbeit ist auch ein stückweit Todesverdrängung.

P. Hahn konnte zuletzt nichts mehr machen. Er ruhte und wartete auf seinen Tod. Aber er ist vor seinem Tod nicht geflohen in Aktivismus oder Zerstreuung, sondern hat seinen eigenen Tod klar ins Auge gefaßt und bisweilen auch darüber gesprochen. Das war für uns Angestellte, die wir wohl alle ein wenig an unsere eigene Unsterblichkeit glauben, ein Stachel im Fleisch. Für mich war dieses direkte Zugehen auf den persönlichen Tod der überzeugendste Ausdruck seines Glaubens. Wer mit soviel Vertrauen und soviel Hoffnung auf den Tod zugehen kann, wie P. Hahn, muß einen starken Glauben haben. Und zwar einen echten Glauben, der in Gott verankert ist. Denn das hat sich gezeigt: Glaube und Religion als Placebo - d. h. ohne eigentlichen Wirkstoff - haben nicht diese Wirkung. So, ohne etwas im eigentlichen Sinn zu tun, war er mit seiner festen Hoffnung ein lebendiges Zeugnis für seinen Gott.

Deshalb hoffe ich, daß sich sein Vertrauen im Letzten nicht getäuscht sieht.

R.i.p.

P. Otto Syré SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 1/1990 - Januar, S. 18ff