P. Karl Hardt SJ
4. Februar 1985 in Münster

Dem Auszug aus der Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde bei der Philosophischen Fakultät der Hessischen Ludwigs-Universität zu Gießen fügte Pater Hardt folgenden Lebenslauf an:
"Geboren am 10. August 1899 zu Griesheim am Main (Kr. Höchst) besuchte ich in meiner Heimat vier Jahre die Volksschule und neun Jahre das Goethe-Gymnasium zu Frankfurt am Main, das ich Ostern 1918 mit dem Zeugnis der Reife verließ. Kurz darauf wurde ich zum Militär eingezogen, kam zu den 14-er Jägern nach Heidelberg und von dort zum Jägerbataillon Fürst Bismarck Nr. 2 an die Front. Nach meiner Entlassung war ich bis Ende 1919 in Eschbach bei Usingen in einem kleinen landwirtschaftlichen Betriebe tätig, um die Anfangsgründe der Landwirtschaft zu erlernen. Zu meiner weiteren Ausbildung ging ich noch zwei Jahre auf ein 500 Morgen großes Gut in Westfalen und legte nach Beendigung meiner Lehrzeit vor dem Prüfungsausschuß der D.L.G. meine Lehrlingsprüfung ab. Im Sommer 1922 begann ich in Gießen Landwirtschaft zu studieren, bestand im W.S. 1924/25 mein Doktor-, im S.S. 1925 mein Landwirtschaftliches und im W.S. 1925/26 mein Volkswirtschaftliches Diplomexamen. Meine Lehrer waren: Becher, Burk, Elbs, Fromme, Gisevius, König, Kraemer, Küster, Lenz, Mittermaier und Mombert. Allen diesen Herren erlaube ich mir meinen ehrerbietigsten Dank abzustatten."

P. Hardt stammte aus einer katholischen Familie. Sein Vater, Heinrich Christian, war Lehrer in Griesheim. Dessen Wirken muß sehr nachhaltig gewesen sein, denn eine nach ihm benannte Straße hält dort noch heute die Erinnerung an ihn lebendig. P. Hardt hatte noch zwei Brüder.

In den Jahren 1926/27 studierte P. Hardt noch zwei Semester am Pädagogischen Seminar in Weilburg, erlangte die Lehrbefähigung für Landwirtschaftliche Schulen und unterrichtete ein gutes Jahr an der Landwirtschaftsschule in Höchst. Trotz dieser umfassenden und gründlichen Ausbildung schien sein Herz unruhig zu bleiben. Noch hatte er nicht gefunden, was er suchte. Allmählich reifte der Entschluß heran, Priester zu werden. Es zog ihn nach Schweden. Dort wollte er für die Wiedervereinigung im Glauben arbeiten. Am 28. März 1929 wandte er sich an den damaligen Apostolischen Vikar für Schweden, Bischof Johannes Ev. Erik Müller. Dieser antwortete am 14. April 1929: "Lieber, sehr geehrter Herr Doktor. Ihr Gesuch vom 28.3.29 habe ich eingehend geprüft. Leider ist mir aber z.Zt. eine Aufnahme in das Vikariat unmöglich, da ich keine Verwendung für Sie hätte. Möge Gottes Güte Ihnen anderweitig den Weg zum Priestertum eröffnen. Für Ihr warmes Interesse für die kath. Kirche in Schweden segne ich Sie von Herzen. Indem ich Sie in der Liebe Christi voll Wertschätzung grüße, zeichne ich Ihr + Johannes Ev. Erik Müller, Tit. Bischof v. Lorea, Ap. Vikar für Schweden."

Später, im Orden, wird P. Hardt sich nochmals darum bemühen, nach Schweden gesandt zu werden. In einem kurzen Brief vom 7. Juni 1937 erhielt er vom damaligen General P. Wladimir Ledóchowski eine abschlägige Antwort.

Ob P. Hardt sich vor seinem Eintritt in die Gesellschaft auch noch bei anderen Diözesen um Aufnahme bemüht hat, entzieht sich meiner Kenntnis. Am 12. September 1929 jedenfalls begann er in 's-Heerenberg das Noviziat. 1931-37 studierte er in Valkenburg Philosophie (1931-33) und Theologie (1933-37). Daran schloß sich das Terziat in Münster (1937/38) und ein weiteres Jahr homiletischer Ausbildung in Essen (1938/39). Die Priesterweihe empfing er am 27. August 1936 in Valkenburg. In jenen Jahren studierte dort auch P. Pedro Arrupe, Generaloberer von 1965-83. Im Nachlaß von P. Hardt fanden sich drei Briefe von P. Arrupe an ihn. Die Tatsache, daß er diese Briefe in seiner Brieftasche aufbewahrte, zeigt, welchen Wert er ihnen beimaß. Aus ihnen geht hervor, daß eine tiefe Freundschaft beide verband. Einige Passagen aus diesen Briefen, die ich in ihrer stilistischen und orthographischen Eigenart wiedergebe, lassen ahnen, wie tief diese Freundschaft gewesen ist.

"... Ich habe wirklich mein neues Priestertum genossen... Gut, P. Hardt, leben Sie wohl. Ich wünsche Ihnen ein gnadenreiches Jahr. Schreiben Sie an mich einen Brief wie Sie wissen und mir gefällt. Ich empfehle mich Ihnen. P. Arrupe SJ." - "Lieber P. Teig! Tandem aliquando! Gestern erhielt ich Ihren Brief. Ich weiß nicht, wievielmal ich dieses Jahr an Sie gedacht habe! Es ist nämlich nicht leicht von den feinen Erinnerungen und Erlebnisse loswerden... Wenn die Mauern von Valkenburg sprechen könnten wieviele Sachen erzählen würden. Unzählbare Dinge hätte ich Ihnen zu sagen... Es ist wirklich schade, dass wir nicht sprechen können. Wie viele Sachen möchte ich, mein liebes Väterchen, von Ihren Lippen hören... Ich muß Schluß machen. Ich hoffe, dass Sie durch diese Sprache die Liebe und den Wunsch aller besten Gnaden anerkennen werden. Ähnlicher Weise als wenn wir in dem Garten von Valkenburg durch meine verstümmelte Sprache meine Seele hören oder besser ahnen könnten. ... In alter Treue und in immer neuer Liebe zu Christus Peter Arrupe (Don Pedro)."

"Mein liebes Väterchen P.C. Natürlich habe ich Ihren Brief vom Februar erhalten... Wirklich habe ich mich sehr gefreut. Sie sind derselbe 'Teig', derselbe Mensch, der über dem Abgrund schwebt... aber sehr hoch immer; ja, mein Lieber, Ihre Briefe sind immer für mich eine Quelle von der größten Freude... P. Assistent schrieb mir vor wenigen Tagen: Es ist sehr klar, dass Ihr Beruf in der japanischen Mission, von Unserem Heiland ist! So Fr. General sendet Sie nach Japan! NACH JAPAN!!!! Erinnern Sie sich? Ich sagte Ihnen sehr oft meine Arbeit ist in Japan. Es war seit dem Juniorat ganz und gar klar, das einzige, wofür ich wartete, war die Entscheidung von den Obern. Diese Entscheidung ist endlich gekommen... Ich bin wirklich mit Glück überfüllt. ... Oh, ich möchte mit Ihnen sprechen, hätte ich Ihnen so viel zu sagen und zu fragen. ... Würde ich die Ratschläge von meinem Väterchen so gern wieder hören. ... Wenigstens werden Sie mir wieder einmal schreiben! Sagen Sie, bitte, vieles über den Heiland, lassen Sie Ihren Herzen sprechen. ... Entschuldigen Sie, bitte, meiner fürchterlicher Sprache. ... Sie können unter alles mein sprechendes Herz sehen. Nicht wahr? Beten Sie viel für mich und mein neues Arbeitsfeld. ... Ich warte für Ihren Briefen Don Pedro."

Wer P. Hardt näher kannte, dürfte ein wenig überrascht sein, eine Seite an ihm zu entdecken, die nicht so ohne weiteres in Erscheinung trat. Im Nachhinein werden jedoch frühere Aussagen und Verhaltensweisen besser verständlich. Ich kann mich an Gespräche mit ihm erinnern, in denen er nachdrücklich äußerte, wie wichtig es ihm war, daß die Novizen zu einer echten Christusbeziehung geführt werden. Aus diesem Grunde bemängelte er des öfteren, daß sonntags die Vesper gesungen wurde, weil seiner Meinung nach die Psalmen zum Alten Testament gehörten und somit nicht zu Christus führen würden. Aus dem Briefwechsel mit P. Arrupe läßt sich auch sein entschiedener Wunsch verstehen, täglich die heilige Messe zu feiern. Als in den letzten Jahren sein Augenlicht nachließ, bat er darum, die Meßtexte auf Tonband zu sprechen, damit er sie in der Eucharistiefeier nachsprechen konnte.

P. Hardt hatte es mit sich und mit anderen schwer. Die ihm eigene Hartnäckigkeit führte nicht selten zu einem starren und unduldsamen Verhalten. So war er z.B. bei einer Volksmission nicht davon abzubringen, zu verkünden: Wer mit dem Auto mehr als 100 Stundenkilometer fahre, begehe eine schwere Sünde. Das erklärt, daß der Umgang mit ihm zuweilen nicht ganz leicht und angenehm war und was dazu führte, daß er verhältnismäßig oft den Posten wechselte. Hier die Stationen seines Wirkens: Dortmund, Saarbrücken, St. Wendel, Köln, Frankfurt (Im Trutz), Lübeck, Bad Godesberg, Frankfurt (St.Georgen), Steffeln (Trier), Daleiden (Eifel), Münster, Altstädten (Allgäu), Kochel (Obb.), Münster. Erstaunlich und ein gutes Zeichen, daß er durch diese Tatsache nicht verbittert oder gar verschlossen wurde. Im Gegenteil, alles deutet darauf hin, daß P. Hardt sich mit seiner Eigenart und dem damit ihm aufgegebenen Schicksal ausgesöhnt hatte. Gegen jedermann blieb er freundlich, offen und höflich. Das zeigte sich z.B. bei den Besuchern im Haus. Keinen übersah er - trotz seiner schlechten Augen - und begrüßte sie herzlich, sprach sie an und vergaß nie, sich von ihnen zu verabschieden.

Bis zuletzt interessierte er sich für alles, was Kirche und Orden betraf. Jeden Abend hörte er die deutschsprachigen Sendungen von Radio Vatikan, wegen der Lautstärke nicht immer zur Freude seiner Zimmernachbarn. Ganz gezielt ließ er sich aus Zeitungen, Zeitschriften und Büchern alles vorlesen, was mit dem Leben der Kirche und vor allem mit ökumenischen Fragen zu tun hatte. In den letzten Monaten beschäftigte ihn stark die erschreckend hohe Zahl der Abtreibungen. In seinem Bemühen, hier Abhilfe zu schaffen, scheute er keine Mühe und suchte das Gespräch mit dem Bischof. Zeitlebens galt seine besondere Sorge der Wiedervereinigung im Glauben mit den getrennten Christen. Mit welchem Engagement er dieses Ziel verfolgte, zeigen u.a. die Bücher, die er zu diesem Thema schrieb.

Als P. Hardt am 22. Januar zusammenbrach, wußte er sofort, wie es um ihn stand. "Es geht mit mir zu Ende", sagte er. Mit großer innerer Bereitschaft empfing er die Krankensalbung und bereitete sich auf den Tod vor. In der Mittagszeit des 3. Februar befiel ihn eine starke Unruhe. Er bat, es möge jemand kommen, um mit ihm zu beten. Sofort ging ich zu ihm. Alle Gebete sprach er bei klarem Bewußtsein leise mit. Zum Schluß erteilte ich ihm noch den Segen. Von da ab blieb er in einem tiefen Frieden. In den ersten Stunden des 4. Februar 1985 ging P. Hardt heim.

R.i.p.

P. Josef Ortscheid SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 4/1985 - Juli, S. 84ff