P. Hans Hartmann SJ
* 10. November 1912 in Köln
6. Januar 1997 in Münster

Pater Hans Hartmann wohnte in seinem letzten Lebensjahrzehnt als Hausgeistlicher der Schwestern vom Guten Hirten in Schleiden, von wo er einmal im Monat nach Köln kam, denn er gehörte zu diesem Hause. Bei dieser Gelegenheit erzählte er schon gern einmal schmunzelnd: "zu Kölle am Rhing bin ich gebore." Das war am 10.11.1912, einen Tag vor St. Martin, für einen Kölner ein besonderes Geschenk. Aber die Rhein-Metropole sollte nicht lange seine Heimat bleiben. Der Vater wurde Hausmeister in einem Kinderheim, das von Kölner Ordensschwestern in Bad Godesberg geführt wurde. So kam der kleine Hansi in die damals noch recht verträumte Badestadt am Rhein und begann hier seine Schullaufbahn, die mehr als 60 Jahre wären sollte.

Im Jahre 1924 wechselte er auf das Aloisiuskolleg, damals humanistisches altsprachliches Gymnasium. Es ist dies gewiß ein Zeichen dafür, daß er ein tüchtiger Schüler war. Hier machte er im Jahre 1933 das Abitur. Im gleichen schicksalhaften Jahr begann er in 's-Heerenberg das Noviziat in dem Orden, durch dessen Erziehung er gegangen war. Deren Bedeutung für sein späteres Leben kann den Zeilen entnommen werden, die er bei der Einweihung der neuen Kirche des Aloisiuskollegs in Erinnerung an die Notkirche seiner Schülerzeit schrieb: "Neben den beiden Chornischen brennen am Priestersamstag zwei armdicke Kerzen. In die Metallbeschläge der wuchtigen vierkantigen Holzleuchter sind auch die Namen der 20 'Ehemaligen' eingestanzt, die sich unter diesem armseligen Holzdach die Gnade des Priestertums erbetet und durch die Vereinigung der persönlichen Opfer mit dem Opfer Christi errungen haben" (aus dem Aloisiuskolleg Bd. XI, Seite 10).

Dieser festen Berufung bedurfte es fürwahr, denn schon bald begann die wachsende Bekämpfung der Kirche und des Ordens durch die Nationalsozialisten. Zunächst aber konnte der Frater nach den ersten Gelübden im Jahre 1935 mit dem ordensüblichen Philosophiestudium in Pullach beginnen. Danach folgt ein Jahr praktischer Pädagogik am Aloisiuskolleg von 1938 bis zur gewaltsamen Schließung der Schule durch die Nazis im Jahre 1939. Nach diesem dramatischen Erlebnis kam er über Frankfurt am Main in das Theologiestudium nach Valkenburg, wo er im April 1941 zum Priester geweiht wurde. Nicht lange danach erfolgte die Einberufung zum Militär, aber schon zwei Wochen darauf wird er auf Grund des bekannten Geheimerlasses von Adolf Hitler aus dem aktiven Wehrdienst entlassen. Auf diese Weise konnte er erste Erfahrungen in Koblenz und dann in Hildesheim in der Seelsorge machen, die bei seiner späteren Lehrtätigkeit für die nötige Bodenhaftung sorgten.

Nach Kriegsende schloß er die theologischen Studien in Büren ab. Von dort ging er Ende 1947 zum Studium der Germanistik und Geschichte nach Bonn, da er an einem unserer Kollegien Lehrer werden sollte. Mit den entsprechenden Staatsprüfungen konnte er schon im Januar 1952 am ehemaligen Jesuitenkolleg, dem Dreikönigsgymnasium in Köln, die Referendarzeit absolvieren. Ostern 1953 kehrt er dann 20 Jahre nach dem Abitur als Lehrer an das Aloisiuskolleg zurück. Nun beginnt eine unermüdliche und hochgeschätzte Lehrtätigkeit in den Fächern: Religion, Deutsch und Geschichte. Niveau und Thematik seiner Unterrichtsarbeit spiegeln sich in Aufsatzthemen für die Oberprima wider.

Hier einige Beispiele:
"Vergleichen sie verschiedene Sportarten im Hinblick auf ihre erzieherische Wirkung."
"'Man ist verzweifelt wenig, wenn man weiter nichts ist als ehrlich.' Wie denken sie über dieses Wort Lessings?"
"Bedroht die Technik die Entwicklung der Persönlichkeit? Charakterisieren sie die Gedankengänge von F. G. Jünger und nehmen Sie dazu Stellung."

Beim diesjährigen Klassentreffen der Abiturientia 1957 erwähnten Ehemalige auch die Arbeitsgemeinschaften, in denen Pater Hartmann die Schüler nachmittags mit zeitgenössischer Romanliteratur bekannt machte. Fachliche und pädagogische Reflexionen über seine Arbeit in dieser Zeit kann man in den Jahresberichten 'Aus dem Aloisiuskolleg' der Jahre 1955 - 1958 noch heute mit Gewinn nachlesen. Sie sind ein Zeugnis für die damaligen pädagogischen Strömungen, besonders aber für die Versuche, die Jugend konsequent christlich und kirchlich zu erziehen.

Im Jahre 1958 wurde Pater Hartmann ins St.-Ansgar-Kolleg nach Hamburg versetzt. Die Umstellung war für ihn, der eher ein konservativer Typ war, denkbar groß. Er kam von der Kleinstadt in die Großstadt, die sich sehr stolz Weltstadt nennt, von seiner rheinisch katholischen Heimat in die Diaspora, an die damals sehr verschmutzte Elbe, in wenig reizvoller Landschaft, an eine Schule für Kinder, die meist wirtschaftlich und bildungsmäßig wenig einflußreiche Eltern hatten. Hier in Hamburg traf ich mit Pater Hartmann zusammen, als ich im Jahre 1966 meine Tätigkeit am Kolleg St.-Ansgar-Schule begann. So wurde dieses Gymnasium allgemein von den Hanseaten im Anschluß an eine Tradition genannt, die selbst Gemarkungen wie die Reeperbahn Sankt Pauli nennt. Ich kannte Pater Hartmann nur flüchtig und war erstaunt, wie er die gewiß unerwartete Verpflanzung in den Norden bewältigt, ja offensichtlich liebgewonnen hatte. Bei Kollegen und Schülern war er hochgeachtet, damals ein Mittfünfziger, für einen Lehrer vielleicht der Höhepunkt seiner Schaffenskraft. Für mich, nicht nur Neuling an der Waterkant sondern auch im Schulbetrieb, war er ein hilfreicher 'Fahrensmann'. Obwohl im Ganzen zurückhaltend, war seine Art doch kommunikativ.

Fröhlich singend ging er durch die Schule und die Schüler verspürten, was er einmal schrieb: "Freude ist für die Jugend so wichtig wie die Sonne für die Blumen." Es hieß allgemein: "Bei Hartmann lernt man was." Damit das möglich war, gab er seinen Schülern - besonders in dem Fach Gemeinschaftskunde - von ihm selbst verfaßte Texte in die Hand, getreu seinem Altmeister Goethe: "Was man schwarz auf weiß besitzt, kann man getrost nach Hause tragen." Bei den sachlichen Forderungen vergaß er nicht die erzieherischen Seiten. Wenn die Schüler einmal in der Diskussion zu weit gingen, (er liebte das Unterrichtsgespräch) dann mahnte er: "Ihr müßt nicht rufen, das stimmt nicht, sondern man sagt: 'Sie irren Herr Pater!'". Ein Altschüler sagte über ihn: "Er war nie gefürchtet, sondern respektiert, ja beliebt". Bei Oberstufenschülern hieß es: "Hartmann muß man mindestens ein halbes Jahr erlebt haben".

Bei den Kollegen war Pater Hartmann erst recht angesehen. In den Konferenzen spürte man, daß sein Urteil auf einer profunden theologisch-philosophischen Bildung aufruhte, dazu kam die enorme Belesenheit in seinen Unterrichtsfächern. Die Anerkennung seines Urteils trat besonders bei den Abiturarbeiten zutage, was von Kollegen ebenso wie von Schulräten lobend erwähnt wurde. Ohne Fleiß kein Preis! Das galt nicht nur für seine Schüler, sondern an erster Stelle für ihn selbst. In all den Jahren in Hamburg war Pater Hartmann derjenige, der als erster schon um 6 Uhr morgens den Tag mit der Feier des eucharistischen Geheimnisses begann. Nach dem Unterricht und einer Mittagspause hatte er die Angewohnheit, einen Stadtbummel zu machen. Dabei war er ein Virtuose beim Gebrauch der Fahrausweise der S- und U-Bahn. Er pflegte mit leicht gesenktem Kopf zu wandern, aber es entging ihm nichts. Kaum einer im Hause war so informiert über das, was in der Stadt passiert war, wie er. Für ihn war diese Gewohnheit gewiß auch ein Weg, mit den Schülern im Unterricht ins Gespräch zu kommen. Kurios, was er alles auf seinen Stadtstreifzügen fand, oftmals Kleingeld, einmal sogar eine gefüllte Lohntüte.

Seine besondere Liebe gehörte den Büchern und der Kultur der Sprache. "Weniger Fußball - mehr Bücher" gab er schmunzelnd als Parole aus. Sprechblasen-Literatur und Comicbilder kannte er gut, stand ihnen aber sehr kritisch gegenüber. Es konnte passieren, daß er diese Hefte bei den Schülern gemäß der Schulordnung einsammelte. Die Eltern bat er dabei um Mithilfe und schrieb: "Die Druckerzeugnisse des 'literarischen Zwischenfeldes' sind schlechte Kameraden, wenn sie auch den Namen 'unsittliche Schriften' nicht verdienen. Sie machen den jungen Leser sensationslüstern, oberflächlich und widerstandslos, sie verwirren und verbiegen sein Gewissen, sie rauben ihm die Zeit und Muße. Seien wir keine Minimanisten bei unseren erzieherischen Maßnahmen und Forderungen. Wir sollten schon mit allem Ernst auch das künstlerisch wertvolle an unsere Jugendlichen heranbringen. . . weil wir die Ehrfurcht vor dem Wort, die Liebe zur deutschen Sprache frühzeitig in ihnen wecken und ihren Geschmack bilden wollen. Wir dürfen nicht müde werden, sie immer wieder an das substanzhaltige Buch heranzuführen, trotz vieler Enttäuschungen." -

Diese Worte erinnern mich noch an seine Tätigkeit als Bibliothekar der Kommunität. Er hatte diese Aufgabe von dem allzufrüh verstorbenen Pater Füne übernommen und führte sie mit gleicher Akribie und Kompetenz fort. Er sorgte dafür, daß in der Präsenzbibliothek die Bücher wirklich zugänglich waren. Darin konnte er pedantisch, auf kölsch 'pingelich', sein. Da wir damals an der Bürgerweide sehr beengt lebten, hatte er selbst im Dachgeschoß einen Teil der Bücher untergebracht, darunter die komplette Reihe der Fischer-Taschenbücher, auch eine Menge germanistischer und belletristischer Literatur.

Technischem stand er reserviert, aber nicht feindlich gegenüber. Der Wesenserkenntnis in Dichtung und Literatur verbunden, schien ihm die funktionale Denkweise von Mathematik, Naturwissenschaft und Technik problematisch. Aber auch hier bewahrte er sich seine rheinische Toleranz. Als in den 70er Jahren der Kunstunterricht durch Lehrerkrankheit auszufallen drohte, übernahm er die Kunstgeschichte. Zu diesem Zweck legte er eine umfangreiche Diasammlung an, viele Fotos davon machte er selbst. Sie zeugen von sicherem künstlerischem Blick und ebenso von einem großen technischem Wissen und Können und erinnern so an sein Erbe als Sohn eines Handwerkers. Auch diese Arbeit verrichtete er in aller Sorgfalt und Stille.

1981, mit fast 70 Jahren, beendete er seine Hamburger Lehrtätigkeit und kehrte an den Rhein zurück, zunächst als Hausgeistlicher bei Schwestern in Köln und dann in Schleiden, wie eingangs berichtet.

Pater Hartmann war ein sehr sensibler Mensch. Er haßte den Lärm und liebte die Stille. Für einen Kölner ein Zeichen des Himmels, daß er, der kurz nach Mitternacht geboren worden war, auch kurz nach Mitternacht am Morgen des Dreikönigstages 1997 aus dieser Welt abberufen wurde.

R.i.p.

P. Wilhelm Neuhoff SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 3/1997 - Mai, S. 79ff