P. Otto Heinzen SJ
* 11.12.1903 in Herzberg
17. März 1994 in Münster

In Herzberg, einer kleinen Stadt im Kreis Osterode am Südrand des Harzes, die politisch zu Niedersachsen und kirchlich zum Bistum Hildesheim gehört, wurde P. Otto Heinzen SJ am 11. Dezember 1903 geboren. Sein Vater Heinrich war Eisenbahner. Seine Mutter Gertrud, geb. Schaap, hatte viele schwere Krankheiten zu durchstehen und mußte öfter operiert werden.

Er hat kaum je davon gesprochen, daß er ein Adoptivkind war und ohne Geschwister aufgewachsen ist.
Durch Versetzung des Vaters kam die Familie nach Essen. Dort besuchte Otto die kaufmännische Berufsschule und wurde als Industriekaufmann ausgebildet. In den über 12 Jahren seiner Berufspraxis wurde er Mitglied im KKV (Kath. Kaufm. Verein), deren Präses P. Hubert Kroppenberg SJ war. Die solide und realistische Frömmigkeit des P. Kroppenberg hat Otto stark beeindruckt und seiner seit Jahren schwelenden Neigungen zum Priestertum neue Impulse gegeben. Dazu war aber das Abitur notwendig. Otto scheute sich nicht, noch mit 28 Jahren ein Studium am Abendgymnasium der Stadt Essen zu beginnen. Sein Lieblingsfach wurde Erdkunde. Nach fünf Jahren schaffte er im März 1936 das Abitur. Er war glücklich darüber, eine schriftliche Wahlfacharbeit in Geographie mit der Note "eins" durchs Abitur zu bringen.

Ein paar Wochen später, am 22.4.1936, trat er zu 's-Heerenberg bei Emmerich am Niederrhein in das Noviziat der Gesellschaft Jesu ein. Novizenmeister war P. Wilhelm Flosdorf. Beim Umzug des Noviziates nach Hochelten im August 1936 hat der kräftige und robuste Novize eifrig mitgeholfen.

Nach seinem Noviziat wurde Frater Heinzen an die Provinzprokur nach Köln zu P. von Nell-Breuning geschickt. Dort war ein personeller Engpaß entstanden, weil der sehr begabte und geeignete Br. Wilhelm Würth am 26. November 1938 beim Einfahren eines Motorrades für die japanische Mission bei Cochem an der Mosel tödlich verunglückte.

Die Tätigkeit von Frater Heinzen an der Prokur in Köln währte nur kurze Zeit. Es drängte ihn ja auch zum Priestertum. So kam er 1939 zum Studium der Philosophie nach Pullach bei München. Seine Studienzeit dort wurde jäh unterbrochen, da er im Jahr 1941 zum Militär einberufen wurde. Auch dort wurden seine kaufmännischen Fähigkeiten schnell bekannt. Dazu war er recht beliebt, da er alles aus ehrlichem Herzen tat. Er konnte erschreckend offene Bemerkungen machen, ohne die Gefühle anderer zu verletzen. Seine strahlenden, zwinkernden Augen ließen erkennen, daß er zwar ein Filou, dabei aber nie bösartig war. So brachte er es bald zum Kriegsverwaltungsinspektor. Darauf war er stolz und konnte es genießen, Wehrmachtsbeamter im Offiziersrang zu sein.

Von der Kaserne in Oberammergau aus war es ihm vergönnt, den weitbekannten Männerseelsorger von München, P. Rupert Mayer, im nahegelegenen Benediktinerkloster Ettal zu besuchen, der dort vom Naziregime in Klosterhaft gehalten wurde. (P. Rupert Mayer wurde am 3. Mai 1987 in München durch Papst Johannes Paul II. seliggesprochen.)

Als Frater Heinzen - wie so viele Mitbrüder - auf Grund von Hitlers Geheimbefehl aus der Wehrmacht ausgestoßen wurde, kam er 1942 in das Theologiestudium nach Frankfurt. Seine vorzeitige Priesterweihe erfolgte am 7. März 1943 in Limburg/Lahn durch den zuständigen Bischof Antonius Hilfrich. Er war überglücklich. Sein großes, langersehntes Ziel war endlich erreicht.

Gleich nach der Weihe wurde P. Heinzen als Kaplan in Herne im Ruhrgebiet eingesetzt, das zum Erzbistum Paderborn gehört. Sein heiteres, gesprächiges und geselliges Wesen gewann ihm die Herzen vieler in der Gemeinde. Dazu kam seine offene Art. Ohne diplomatische Vorsicht und ohne taktvolles Reden sagte er geradeheraus, was ihn bewegte. Die Menschen spürten, daß er seinem Ideal mit Hingabe diente. Er selbst strahlte Vertrauen aus, und es dauerte nicht lange, bis man auch zu ihm Zutrauen gewann.

Dann trat Ende 1944 ein Ereignis ein, das seinem Leben fortan eine neue Prägung gab. Bei einem Fliegerangriff auf Herne wurde der Luftschutzkeller des Pfarrhauses schwer getroffen. P. Heinzen blieb unter den Trümmern verschüttet mit schwerer Gehirnerschütterung und Wirbelverletzung. Die Stunden dieser Todesnot haben seinem Leben eine andere Einfärbung gegeben. Dieses Ereignis wurde zu einem Trauma, das er nie ganz zu bewältigen vermocht hat, wider Erwarten bei höherem Alter sogar in wachsendem Maße. Dieses Erlebnis hat die Schwerpunkte seiner charakterlichen Eigenart verändert. Diese traumatische Entwicklung zu beachten, ist unerläßlich, um die Probleme, die sich mit seiner seelsorglichen Tätigkeit und mit seiner nervenschwachen Gesundheit verbanden, zu verstehen und zu würdigen.

Zunächst haben ihn die vielen Versetzungen in Atem gehalten. Mit Kriegsende 1945 wurde er zum Vikar in Oberkirchen ernannt. 1946 bis 1948 beendete er sein Theologiestudium in Büren. Nach dem Terziat 1948/49 auf der Rottmannshöhe am Starnberger See kam er als Operarius nach Aachen, ein Jahr später als Geistlicher Rektor für das Behindertenheim St. Josef nach Bigge, 1950 wieder nach Aachen zu den Alexianerbrüdern. 1954 wurde er nach Saarlouis versetzt und ein Jahr darauf nach Hamburg, wo er in der Niederlassung Beim Schlump zeitweise auch Minister des Hauses war. Es folgten weitere Stationen in Bad Godesberg, Flensburg, Roetgen bei Aachen, Hochelten, Daleiden, Auderath, Niendorf, Ahrweiler, mehrmals Köln Canisiushaus, und anderswo. Diese vielen Versetzungen und kurzfristigen Aufgaben haben P. Heinzen ziemlich zermürbt, waren aber auch zum Teil von ihm selbst veranlaßt und haben damit auch den Provinziälen zugesetzt.

Mehr und mehr wurde deutlich, daß die Folgen der Verschüttung in Herne zum Tragen kamen und ihn durch emotionale Akzentverschiebungen seelisch veränderten. Sein feiner Humor war häufig wie zugedeckt durch den Ernst des Lebens. Seine Offenheit war häufig überlagert durch angstvolle Gewissenhaftigkeit. Sein fester und herzlicher Händedruck wich nicht selten einer unsicheren Art, die einen fast schüchternen Eindruck vermittelte. P. Heinzen war sich in guten Stunden durchaus bewußt und hat darunter gelitten, daß es Unangenehmes überall gibt. Mehrere Briefe geben Zeugnis davon. So schreibt er aus Hamburg am 17.9.1957 an P. Provinzial Junk: "Sicherlich stimmt es, daß man überall sein Kreuz findet und seine eigene Art auch überall mit hin nimmt. Auch weiß ich, daß kein Ideal auf Erden verwirklicht wird," aber, so fügt er bei, "die Diskrepanz zwischen der sogenannten konkreten Gesellschaft und den Konstitutionen könne auch zu groß werden."

Diese Überlegungen beschäftigten ihn schon, als nach dem Terziat seine Letzten Gelübde aufgeschoben wurden. Aus Bigge schreibt er am 23.3.1950 an P. Provinzial Deitmer: "Wegen meiner Gelübde-Aufschiebung muß ich doch noch mal mit Ew. Hochwürden verhandeln; so ganz einfach kann ich das doch nicht verwinden." Unter dem 19.12.1950 schreibt ihm P. Provinzial nach Aachen: "Heute kann ich Ihnen die freudige Nachricht geben, daß der hochwürdige P. General Sie zum 2. Februar 1951 zu den Letzten Gelübden zugelassen hat. Ich muß Sie allerdings bei dieser Gelegenheit väterlich ermahnen, die mit Ihrer Nervenschwäche zusammenhängende Neigung, schnell etwas hitzig und blitzig zu werden, ernstlich im Auge zu behalten und nach Kräften zu beherrschen." P. Heinzen hat dann von Aachen aus am 2. Februar 1951 im Kölner Canisiushaus seine Letzten Gelübde abgelegt. P. Superior Lauer hat sie entgegengenommen.

Die Gelübde-Aufschiebung mag mitgespielt haben, aber gewiß mehr noch der traumatische Prozeß infolge der tiefgreifenden Schockwirkung seiner lebensbedrohenden Verschüttung in Herne, daß P. Heinzen sich zu Beginn der 50er Jahre mit dem Gedanken beschäftigte, die Gesellschaft Jesu zu verlassen und bei den Kartäusern ein Mönchsleben zu führen. Bis 1960 beschäftigte ihn dieses Anliegen. Von seiten der Kartäuser fiel schließlich der Bescheid negativ aus. Endlich konnte sich P. Heinzen von dem Gedanken lösen, zu den Kartäusern zu gehen. Diese Absicht, zu ihnen zu gehen, war sicherlich echt und ideal gemeint gewesen, aber doch wohl eine Flucht vor den mehrfachen Schwierigkeiten seiner Situation. Diese waren charakterlicher, intellektueller und nicht zuletzt gesundheitlicher Art. P. Heinzen war sich durchaus bewußt, daß er von der Begabung her, als Spätberufener und infolge der Kriegswirren nicht die besten Studien gemacht hatte. Er war also nicht, wie er gelegentlich zu sagen pflegte, "große Klasse."

Ganz entscheidenden Einfluß hatten seine konstanten gesundheitlichen Beschwerden, die ihn seit der Bombennacht in Herne belasteten und seine Tätigkeiten immer wieder beeinträchtigten. Diese Schwierigkeiten waren in seinem Bewußtsein so gravierend, daß er sogar mit dem Gedanken spielte, als letzte Ausflucht, zwar nicht eine Laisierung ins Auge zu fassen - das lag völlig außerhalb seiner Überlegungen - wohl aber einen Wechsel vom Ordensklerus in den Diözesanklerus. Das belegt sein Brief vom 4.10.1957.

Seine gesundheitlichen Störfaktoren psychosomatischer Art traten besonders wirksam in Erscheinung sowohl im Kopf- wie im Bauchbereich. Symptome waren Kopfdruck, Migräne, Schlaflosigkeit, Schwindel, Kreislaufschwäche, Lärm- und Klimaempfindlichkeit und Nervenschwäche. Dazu kamen eine besondere Empfindlichkeit der Magenschleimhaut und Darmprobleme (Operation 1975), die öfter Diät- und Rollkuren erforderlich machten.

Viele dieser Symptome haben in seiner Umgebung die Vermutung geweckt, P. Heinzen sei Hypochonder, er sei mit seinem Gesundheitszustand übersteigert beschäftigt. Es ist fraglich, ob das so generell zutrifft. Vermutlich war seine Hypochondrie mehr Ausdruck seiner seelischen Krisen als eines eigentlichen konstanten Krankheitsbildes. P. Heinzen war nicht arbeitsscheu. Jahrelang hat er an den meisten Sonntagen trinieren müssen. Bei Vertretungen in der früheren DDR, besonders bei P. Ludwig Dargel in Großenehrich, hatte er mit den Abendmessen nicht selten vier Gottesdienste zu halten.

Auch war er stets darauf bedacht, für seinen eigenen Lebensunterhalt Sorge zu tragen. Das entsprach seinem kaufmännischen Denken. Am 5.9.1968 schrieb er seinem Superior: "Es ist mein Ehrgeiz, solange wie nur möglich, mich selbst zu versorgen." Und am 25.9.1973 schrieb er an P. Provinzial Gerhartz: "... als einen gewissen Grundstock für meine Sustentatio habe ich aus meiner früheren kaufm. Berufstätigkeit eine Alters-Angestelltenrente von z.Zt. ca. 400 DM monatlich; dazu kostenfreie Krankenversicherung in der AOK. Und die 20 Arcamessen kann ich hoffentlich auch noch lange persolvieren."

Am 1. Mai 1985 übersiedelte P. Heinzen vom Canisiushaus in Köln in unser Alten- und Pflegeheim Haus Sentmaring in Münster. Niemand konnte ahnen, daß ihm noch fast 9 Lebensjahre bevorstanden. Seine innere Welt und Gesprächsthematik waren mehr und mehr auf die Vergangenheit gerichtet. Seine Gegenwart war nicht selten von Schuldzuweisungen über das Verhalten seiner Umgebung bestimmt und natürlich von den vielen - großen und kleinen Problemen seiner Gesundheit. Zu den erwähnten Symptomen kamen Prostata- und Blasenleiden (Operation 1991), Nierenzyste, Bronchitis, wachsende Schwerhörigkeit, Frakturen durch einen Sturz bedingt (Sommer 1992 Speiche rechts und November 1993 Schenkelhalsbruch und Radiusfraktur rechts). Ein Glaukom (grüner Star) führte zur fast völligen Erblindung. Wenn er im Haus Sentmaring durch die Flure schlich, unsicher die Handläufe an den Wänden ertastete, war sein wiederholtes Rufen: "Hallo, Hallo, Hallo" schon von weither zu hören.

Erst in den letzten Monaten seines Lebens scheint mir eine wohltuende Läuterung und eine Verfeinerung seiner Geisteskräfte eingesetzt zu haben. Da zeigte sich des öfteren eine überraschende Toleranz und mitbrüderliche Versöhnlichkeit. Das zeigte sich auch in der Kapelle bei den Gottesdiensten, die er trotz Rollstuhl fast nie versäumte, in seiner beherrschten Haltung mit fast kindlich andächtig gefalteten Händen, die Zeichen seiner Frömmigkeit und seiner tiefen religiösen Grundhaltung waren.

Sein Abschied von der Welt vollzog sich unbemerkt. Am frühen Morgen des 17. März 1994 fand ihn das Pflegepersonal tot in seinem Bett. Am Montag, dem 21. März, haben wir ihn auf dem Friedhof im Park von Haus Sentmaring begraben.

In der Meßliturgie seines Todestages, am Gedenktag des hl. Glaubensboten Patrick, lautet die Lesung aus dem 4. Kapitel des 1. Petrusbriefes: "... haltet fest an der Liebe zueinander, denn die Liebe deckt viele Sünden zu... Dient einander als gute Verwalter der vielfältigen Gnade Gottes, jeder mit der Gabe, die er empfangen hat."

Jeder Satzteil dieses Textes spiegelt P. Otto Heinzen: Seine Nostalgie, sein Wissen um seine Unzulänglichkeit, seine fast ängstliche Sorgfalt in der sakramentalen Verwaltung der Gnade Gottes. Über all dem steht seine Liebe zu Jesus Christus und seiner himmlischen Mutter, die er während der fast 58 Jahre seines Ordenslebens im täglichen Rosenkranz verehrt hat.

R.i.p.

P. Otto Syré SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 1/1995 - Februar, S. 8-11