Vortrag bei der Internationalen Marianischen Akademie

P. Wilhelm Hentrich SJ
* 7. Januar 1887 in Münster i.W.
1. Mai 1972 in Münster i.W.

Am 1. Mai 1972 starb in Münster, wo er am 7. Januar 1887 geboren wurde, P. Wilhelm Hentrich. Seine Jugend fällt in die gute alte Zeit, deren Idylle, aber zugleich auch deren Ernst sich in seinen Lebenserinnerungen widerspiegeln. Viele Freundschaften knüpften sich an, die ihn ein Leben lang begleiteten. Ob nicht die wiederholten Ferien bei Onkel Pastor Wilhelm in Laer irgendwie unbewußt seinen späteren Priesterberuf grundlegten? Am Gymnaium Paulinum in Münster begann er seine Gymnasialstudien, die ihm wiederholt Klassenpreise brachten und ihm im Jahre 1906 in Recklinghausen, wo sein Vater als Postdirektor versetzt war, unter dem "Königlichen Kommissar" Dr. Hechelmann - dem Vater unseres früheren P. Adolf Hechelmann - zu einem guten Abitur verhalfen. Seine Noten waren sehr gut und gut; nur in Turnen mußte er sich mit einem "Genügend" bescheiden; "mit Eifer nahm er an den Gesangsübungen teil". Nach dem Abitur studierte er in Freiburg ein Semester Rechtswissenschaft und in München ein Semester Philosophie, bevor er Ostern 1907 in den Orden eintrat.

Ein glatter Weg führt ihn dann von Ostern 1907 bis März 1909 durch sein Noviziat in Exaeten, wo er auch ein kurzes Juniorat verlebte, und dann durch 3 Jahre Philosophie in Valkenburg. Nur 1 Jahr war er als Präfekt am Kolleg Feldkirch, anschließend 2 Jahre (1913-1915) in der Redaktion der "Katholische Missionen" in Valkenburg.

Spannend konnte er später von den Mobilmachungstagen zum 1. Weltkrieg erzählen, wo er sich in Aachen mit anderen zum Dienst für das Vaterland meldete, aber zunächst zurückgestellt wurde. Bewegte 2 Jahre verlebte er im berühmten Kriegslazarett 51 des Malteserordens, das ihn durch Galizien, Rußland, Serbien, Mazedonien und Frankreich brachte. Von April bis September 1916 erlebte er die Schrecken der Schlacht von Verdun und ihre Folgen. Es ist denkbar, daß seine Gesundheit gelitten hatte, sonst wäre er kaum im November 1916 zur Fortsetzung seines Studiums freigegeben worden. Kurz nach seiner Priesterweihe am 12.8.1917 wurde er eingezogen und war für einige Monate Krankenpfleger im Reservelazarett Euskirchen. Aus dieser Zeit liegt sein Militärpaß vor, in dem unter "Bemerkungen" außer der Stiefelgröße noch erwähnt ist, daß seine Führung "recht gut" war und er keine Strafen hatte. Im gleichen Jahr noch wurde er nach Paderborn entlassen, um im Leokonvikt die Lazarett-Seelsorge zu übernehmen. Dort wirkte er bis zum Kriegsende und setzte dann in Valkenburg seine theologischen Studien bis 1921 fort. Diesen schloß sich sein Terziat in Exaeten (1921-22) an, wovon er über Göttingen (Studentenseelsorge) nach München ging und 1925 "summa cum laude" in der Philosophie promovierte. Unter den Studienpapieren, die er sorgfältig aufgehoben hatte, fand sich auch noch die Menükarte seines Doktor-Mahles.

In seinen Erinnerungen vermerkte er selbst, daß er von 1923-1936 Professor der Geschichte der Philosophie in Valkenburg und 1927-1940 in Sankt Georgen (Frankfurt) war; zwischendurch vertrat er auch einen Professor an der Gregoriana in Rom. Bei einer groß aufgezogenen Papstfeier in Valkenburg im Jahre 1927 hielt er einen mit Interesse aufgenommenes Referat über die vatikanische Bibliothek. Wissenschaft und Professur nahmen ihn nicht ganz in Beschlag. Immer wieder erzählt er in seinen Erinnerungen von Exerzitienkursen, die er mit Freude und Begeisterung Menschen ganz verschiedener Art gegeben hat. Exerzitien, die damals viel für deutsche Jugend in Aalbeek und Valkenburg gegeben wurden, so z. B. für die Aachener Quickborner im Ignatiuskolleg. Mehrere Hefte füllen mit Text und Bildern seine Erinnerungen an die Seelsorgsreise 1938 durch den Libanon, Palästina und Ägypten. In die Zeit seiner ersten priesterlichen Tätigkeit fiel auch das Aufblühen unserer Mission in Japan. Wie sich damals manche andere meldeten, so auch P. Hentrich, als er sich mit einem persönlichen Brief an P. General Ledochowski wandte. Dieser antwortete ihm in einem Schreiben aus Neapel sehr freundlich, wollte ihm aber noch keine Zustimmung geben. Im Laufe einer reichen Tätigkeit in den nächsten Jahren ist dann auch nicht mehr die Rede davon.

Ein ganz neuer Lebensabschnitt begann 1940 mit seiner Übersiedlung nach Rom. Es wurde seine große, und man kann ruhig sagen, seine glückliche Zeit. Die Nazis hatten ihm seine Tätigkeit als Professor und Priester sehr eingeengt, so daß er froh war, sich dort in Freiheit größeren Aufgaben widmen zu können. Zunächst bekam er das Amt eines Begutachters im Hl. Offizium, wurde dann aber 1942 außerdem Privat-Bibliothekar Pius' XII. und blieb es bis zu dessen Tode. Mit großem Pflichteifer widmete er sich seinen Aufgaben. Die Krönung war für ihn seine Berufung zum Konsultor des Hl. Offiziums.

1951 wurde er Ordentliches Mitglied der Academia Internationalis Mariana und am 8. Dezember 1953 Akademiker (classe di merito) der Pontificia Academia Immaculatae Conceptionis B. V. Mariae, besonders wohl wegen seines eifrigen Mitwirkens bei der Vorbereitung der Verkündigung des Dogmas von der Himmelfahrt Mariens.

Sein Tagebuch zeigt, wie sein Leben gefüllt war. Natürlich sind es zum großen Teil Probleme seiner Arbeiten, seine Begegnungen mit mancherlei Menschen, denen er viel Aufmerksamkeit schenkte. Um bei der Verantwortung seiner Ämter und Beziehungen selbst nicht in Schwierigkeiten zu kommen, aber auch solche für andere zu vermeiden, zog er sich allmählich, soweit das möglich war, von gesellschaftlichen Verpflichtungen zurück. Es war das nicht immer sehr leicht für ihn, denn von Natur aus war er sehr mitteilsam im Gespräch und suchte für gute Stimmung zu sorgen. Bei Mitteilungen über den Vatikan und über den Hl. Vater war er ängstlich bestrebt, nie etwas zu berichten, das "nicht schon im Osservatore stand". Nicht immer gelang es ihm, den harmlosen Fallen zu entgehen, die ihm Mitbrüder stellten. Im Laufe der Jahre merkte man deutlich, daß ihm seine ohnehin nicht starke Gesundheit Schwierigkeiten machte. Man wundert sich eigentlich, wie er noch Zeit fand zu den zahlreichen Vorträgen, besonders für Schwestern; sorgfältig hat er sie alle vermerkt. Während der letzten Jahre verlebte er die heißen Sommermonate meist in Norditalien, wo er in den Häusern der Unsrigen ein gern gesehener Gast war.

Während des letzten Jahrzehntes vor allem wurde es ihm schwer, als sich der Kreis seiner Mitarbeiter, Freunde und Bekannten immer mehr lichtete. Kaum noch war jemand um ihn, mit dem er von früher bekannt war, und so fühlte er sich immer einsamer, verstand auch nicht mehr ganz die heutige Zeit und konnte sich nicht mehr an die veränderten Verhältnisse gewöhnen. Auf keinen Fall aber wollte er sich zur Ruhe setzen. Darum bat er dringend um eine neue Aufgabe in seiner Heimatprovinz und ging trotz seiner 82 Jahre gern auf den Vorschlag von P. Provinzial ein, in das Haus Saarlouis überzusiedeln. Mit Eifer stellte er sich dort für die Arbeit eines Beichtvaters zur Verfügung und gewöhnte sich erstaunlich schnell an einen ganz anderen Lebensrhythmus. Es dauerte aber doch nicht sehr lange, bis sich bei ihm, der gesundheitlich nie sehr stark war, Altersbeschwerden meldeten, die vornehmlich von einer Herzschwäche herrührten. Daß seine treuen Dienste in Rom nicht vergessen waren, zeigt ein Kelch, den der Hl. Vater ihm durch einen besonderen Gesandten zur Erinnerung schenkte, ebenso sein Segen, den ihm dieser noch an sein Krankenbett schicken ließ. Schon von seiner Todeskrankheit gezeichnet, kam er in unser Haus nach Münster, wo er schon kurz darauf, am 1. Mai 1972 starb. Dankbar empfand er die brüderliche Liebe, die ihn dort umsorgte.

R.i.p.

P. Hermann Tophinke SJ

Mitteilungen aus der Provinz, Nr. 3, April 1973, S.25f