P. Emil Herman SJ
gestorben am 20. Januar 1963 in Münster/Westf.

I. Jugendzeit

P. Emil Herman wurde am 5. April 1891 in Aachen geboren. Über seine Jugend sind wir durch einen Brief seines Jugendfreundes gut unterrichtet. Dieser schreibt:

"Emil stammte aus alter, sehr angesehener Aachener Familie. Sein Vater war Kratzenfabrikant, der für damalige Begriffe ungeheuer weit in der Welt, bis nach Japan, herumgekommen war und regelmäßig Rußland, die nordischen Staaten und Italien besuchte. Dieser fröhliche, weltaufgeschlossene Mann strahlte einen großen Charme aus.

Emils Mutter, eine geborene Sinn, war eine sehr schöne, weltgewandte Frau, die die großen Repräsentationspflichten neben der Erziehung ihrer fünf Kinder mit großem Geschick erfüllte.

Unsere Eltern waren sehr befreundet, da der Vater ein Vetter meines Vaters war und die Mutter eine Cousine meiner Mutter. Wir kannten uns also praktisch schon aus den allerersten Lebensjahren, kamen zusammen 1897 auf die Vorschule des Kaiser-Karl-Gymnasiums, und mit nicht ganz neun Jahren in die Sexta, allerdings in verschiedene Abteilungen, weil man uns, - die sogen. 'Wilden Vettern', die in jede Prügelei verwickelt waren - unbedingt trennen wollte. Wir waren beide außergewöhnlich klein, so daß unsere drei Jahre jüngeren Geschwister uns über den Kopf wuchsen.

Als wir 12 Jahre alt waren, brach der Russisch-japanische Krieg aus, der unser Denken stark beeinflußte. Emil verfocht die Interessen der Japaner und sagte die russische Niederlage absolut sicher voraus. Die Flotte war sein Hauptinteresse, er kannte jedes Kriegsschiff der Welt einschließlich Panzerung, Geschwindigkeit, Tonnage und Bestückung.

Für die Schule hatte er gar kein Interesse. Literatur, Kunstgeschichte und Geschichte, Streitgespräche über Politik und Sport füllten sein Dasein völlig aus. Als wir 13 Jahre alt waren, fingen wir beide an zu wachsen. Damit erwachte in ihm eine gewisse Eitelkeit, die ihm den Namen "der Lord" eintrug, da er sich von allen anderen durch seine sorgfältige Kleidung und Pflege unterschied.

Ich glaube, es war auf Untersekunda, als er erklärte, es sei eines gebildeten Menschen unwürdig, Schulbücher zu schleppen. Infolgedessen nahm er nur am ersten und letzten Tag jeden Semesters seine Bücher mit in die Schule. Zu Hause arbeitete er prinzipiell nicht. Auf seinem Abitur-Zeugnis hatte er nur in den ihn interessierenden Fächern Mathematik, Physik, Geschichte und Erdkunde 'gut', in Religion und in den Sprachen, in denen er sich später auszeichnen sollte, nur 'genügend'.

Nach dem Abitur ging er nach Italien. 1911 war ich mit ihm gleichzeitig in London. Wir besuchten dort Museen und alte Stätten; es ist mir aber nie gelungen, ihn in einem Museum vor irgendeine ausgefallene Sache zu bringen, die er nicht kannte. Höhepunkt war natürlich die Königskrönung Georgs V. und für den flottenbegeisterten Herman die Flottenparade in Spithead, die größte, die jemals stattgefunden hat, bei der die gesamte englische Flotte und die modernsten Schiffe aller übrigen Nationen vertreten waren. Seine Begeisterung war grenzenlos.

Wenige Monate nachdem ich England verlassen hatte, schrieb er mir im Herbst von seinem Entschluß, in die Gesellschaft Jesu einzutreten. Nie hat mich eine Nachricht so überrascht. Lange Zeit später habe ich ihn einmal gefragt, wie er zu dem Entschluß gekommen sei. Er sagte: 'Wie du weißt, wohnte ich in England bei einem Astronomen und ließ mich von ihm in die Anfangsgründe der Astronomie einführen. Hierbei wurde mir das Walten Gottes so klar, daß daneben alle irdischen Ziele völlig unwichtig erschienen, und logischerweise kam ich zu dem gefaßten Entschluß'."

 

II. Ausbildungsjahre

So kam es also, daß Emil Herman am 15. April 1912 in den Orden eintrat. Er machte sein Noviziat in 's Heerenberg.

Aus seiner Jugend hat er viel in sein langes Leben mit hinüber genommen. Er hat dieses natürliche Kapital, das ihm Gott, der Herr, ohne sein Zutun geschenkt hat, getreulich im Dienst des Herrn verwandt. Er war von Natur aus sehr sprachgewandt, dabei sehr reserviert und still im Verkehr mit den Menschen, nur selten erregt, dann aber bestimmt und je nach Bedarf, aber nur dann, auch heftig. Er hatte sehr gute Manieren und war ein großzügiger Gastherr; dabei hat er lange Jahre hindurch so wenig gegessen und getrunken, daß wir ihn öfters mahnen mußten, auf seine Gesundheit zu achten. In keiner Weise vergab er sich oder seiner Stellung etwas durch Schwäche. Wenn z. B. ein eingeladener Gast ohne Entschuldigung wegblieb, wurde ihm zwar der Platz bis zum Ende des Essens freigehalten, er wurde aber niemals mehr eingeladen.

Wenigstens in den ersten Ordensjahren war er auch literarisch interessiert. Dies trat nicht so sehr durch die Tatsache hervor, daß er während des ersten Weltkrieges zum "Schreiber"' beim Sekretär des Delegierten des Kriegslazaretts 51, v. Chlapowski, - Sekretär war damals Fr. Theo Hoffmann - ernannt wurde, als darin, daß er ganz selbstverständlich gegen Ende des Krieges in Rethel, in der Champagne, Mitglied des sog. "Intelligenzklubs" für feinere Leute wurde, während wir andern schlicht und einfach dem sog. "Bürgerverein" angehörten. In der eigentlichen Krankenpflege war er nicht lange eingesetzt; aber wegen seiner "höheren Stellung" bekam er von den Maltesern die feineren Orden, mit denen er jedoch nie Staat gemacht hat.

Die Studien hat er alle in Valkenburg gemacht. Nach denselben hörte er zusammen mit A. R. P. General Johannes Janssens - mit Eminenz A. Bea als Rektor - ein Biennium im kanonischen Recht in Rom und machte anschließend mit 4 anderen zukünftigen Professoren des Pont. Istituto Orientale in Belgien sein Tertiat. Von da an lebte er bis kurz vor seinem Tod in dem Haus an der Piazza S. Maria Maggiore in Rom, zuerst unter Mgr. D'Herbigny S. J. als Rektor und seit 1932 selbst als Rektor dieses, unter Papst Pius XI. so sehr geachteten Instituts. P. Herman hatte im Jahre 1929 seine Professio solemnis 4 votorum abgelegt.

Seit 1934 teilte ich Haus- und Schultätigkeit mit ihm. Am besten teilt man wohl die Würdigung dieses Lebens in 3 Teile ein: Zuerst wäre von seiner Tätigkeit als Rektor zu reden; dann wäre der Professor des Instituts zu würdigen und zuletzt seine Tätigkeit über das Institut hinaus zu schildern.

 

III. Der Obere

P. Herman war sicher ein vorzüglicher Oberer. Er trat als solcher kaum hervor, war äußerst schweigsam und verschwiegen, auch in der Erholung, und hatte doch alles fest in der Hand. Jeden Tag konnte man ihn am Nachmittag lange in der Kapelle knien sehen. Ich habe aber nur eine einzige Hausinstruktion von ihm erlebt. Und diese war voll des heiß glühenden Eifers. Ich glaube auch nicht, daß er viel in die geistliche Leitung der ihm Anvertrauten eingriff. Obwohl er gar nicht so aussah, forderte er strikten Gehorsam. Erst spät hat er verstanden, daß Widerspruch nicht immer Aufsässigkeit sein muß. Er vertrug nicht leicht den Eigenwillen der Untergebenen. Er verbrauchte viele Minister. Und es war nicht immer ganz leicht, zu tun, was er verlangte. So ließ er z. B. den damaligen Professor für russische Kirchengeschichte dieselbe Besprechung dreimal schreiben, weil sie ihm zweimal nicht gefiel, oder einen andern Pater die ganze Doktorarbeit aus der russischen Theologie von Grund auf neu schreiben, weil er sie so haben wollte, wie er sie selbst auffaßte, und wieder ein anderes Mal nahm er die Doktorarbeit eines zukünftigen Professors an, obwohl der Fachprofessor damit unzufrieden war.

Er war sehr regeltreu und brachte alle andern dazu, daß sie jeder nach seiner Weise genau so lebten. Einmal ließ er einen Pater freundlich, aber bestimmt nicht von Rom nach Neapel fahren, obwohl dieser das Billet ganz zu Recht schon in der Hand hatte. "Sie können auf Ihr Zimmer gehen," sagte er, "in Neapel haben Sie für Ihr Fach nichts zu suchen." Als derselbe Pater aber nur wenige Monate später für seine Fachstudien nach Wolhynien, an der damaligen sowjetrussisch-polnischen Grenze, fahren wollte, fragte er ebenso kurz nur: "Wann fahren Sie?" Dort hatte er eben für sein Fach zu tun.

Wenn P. Herman einmal etwas gesagt hatte, blieb er fest. Er hielt sich dabei an die Linie des P. Generals Ledochowski. Dieser soll einmal gesagt haben: "Ein Oberer braucht nicht immer das Bestmögliche anzuordnen; aber wenn er einmal etwas gesagt hat, dann soll er dabei bleiben." So sagte P. Herman einmal zu einem seiner Untergebenen: "Ich habe Ihnen vor 8 Jahren dies und das gesagt. Das gilt heute noch". Acht Jahre sind eine lange Zeit. P. Herman konnte auch - freilich selten - in virtute sanctae oboedientiae befehlen.

Ein hervorstechender Zug an ihm war die brüderliche Liebe. Er sorgte sich um seine Untergebenen und ließ sie, wenn sie zur Erholung ihrer Kräfte dessen bedurften, auch sehr lange Zeit auswärts leben. So gestattete er einmal einem gänzlich abgearbeiteten Pater, ohne viel zu zögern, zwei Jahre zur Erholung im Gebirge zu leben. Er korrigierte für seine Mitbrüder die Druckbogen ihrer Bücher, ohne viele Worte darüber zu machen, ganz selbstverständlich. Hätte es mir nicht ein Professor der evangelischen theologischen Fakultät persönlich erzählt, so hätte niemals jemand davon erfahren, daß P. Herman die Druckbogen eines Buches dieses Herrn, das in den "Studi i Testi" der vatikanischen Bibliothek erscheinen sollte, durchkorrigierte.

Da er gegen die höheren Oberen unterwürfig und gegen die Hausgenossen gut war, schickten die Obern lange Jahre hindurch einen kranken Pater nach dem andern in das Orientalische Institut. Meist gelang es, sie durch Wohlwollen und Geduld innerhalb von 2 bis 3 Jahren zu beruhigen und wiederherzustellen. Auf die Dauer war dies freilich für die Hausbewohner eine arge Belastung.

Während des zweiten Weltkrieges zeigte P. Herman großen Mut, aber auch ein bis aufs äußerste getriebenes Gottvertrauen, das zeitweise an Eigensinn zu grenzen schien. Er verließ sich unbedingt auf den Schutz Mariens, deren größte Kirche, Santa Maria Maggiore, ja gleich neben dem Institut stand, daß er trotz des Drängens der Hausbewohner keine Schutzmaßnahmen gegen Fliegerangriffe traf. Es geschah ja in der Tat auch nichts; aber was hätte man, nicht zu Unrecht, gesagt, wenn etwas passiert wäre! Als wir einmal etwa 7 Stunden des Nachts Haussuchung hatten, wobei dann ein versteckter getaufter Jude am Herzschlag starb, war sein Benehmen über jeden Tadel erhaben: unerschrocken und verantwortungsbewußt. Er hatte allerdings nicht mit Kommunisten und Nazisten zu tun, sondern mit italienischen Faschisten unter nazistischer Führung.

Wir hatten viele verschiedene Nationalitäten im Hause und lebten sehr enge aufeinander, doch hatten wir niemals nationalen Streit oder Spannung untereinander; das war sicher zum großen Teil Verdienst der Leitung. Wir sprachen aber auch - soweit ich mich erinnere - in der gemeinsamen Erholung niemals über den Krieg.

P. Herman hatte gegenüber den Nazis von Anfang an ganz klare Anschauungen und spielte niemals mit dem Gedanken eines wünschenswerten deutschen Endsieges. Im Laufe seines langen römischen Aufenthaltes war er zu einem übernationalen Bürger des vatikanischen Gemeinwesens geworden.

 

IV. Der Professor

Fast die ganze Zeit seines Lebens in Rom war er sowohl Präses des Päpstlichen Orientalischen Instituts in Rom wie Professor des orientalischen Kirchenrechts an diesem Institut. Er lehrte nicht, wie dies manche andere Patres des Instituts tun, auch an andern römischen Lehranstalten. Er hielt eher Abstand sowohl von der Gregoriana wie vom Bibelinstitut. Er hat sich mit großem Erfolg um den guten Gang der Vorlesungen und um geeigneten Nachwuchs der Professoren bemüht. Er gab das Institut aber nach 19 Jahren und 9 Monaten, während derer er ihm vorgestanden hatte, im großen Ganzen, so wieder ab, wie er es übernommen hatte. Er zeigte kein Interesse dafür, irgendwo im Orient eine Art Zweiginstitut zu eröffnen, wie das manche gewünscht hatten. Er gab auch je länger je weniger - wozu auch der Zweite Weltkrieg und dessen Folgen beitrugen - Kongresse oder Tagungen am Sitz des Institutes selber. Diese Tagungen waren, falls sie stattfanden, eher praktisch ausgerichtet als wissenschaftlich gewinnbringend. Er war aber sehr auf die Entwicklung der Bibliothek bedacht und dabei kam ihm sein überaus weites und sicheres Allgemeinwissen außerordentlich zugute. Diese Bücherei wurde auf ihrem Spezialgebiet zur besten in Europa und wird regelmäßig von vielen Gelehrten aller Nationen besucht. Der Bibliothekar, der anfangs unter seiner genauen Leitung dies vollbrachte, P. Alfons Raes (Prov. Belg. Sept.) wurde sein zweiter Nachfolger und ist heute Präfekt der vatikanischen Bibliothek. P. Herman ließ aber - außer in den großen Leitlinien - den Professoren freie Hand und förderte die Teilnahme derselben an großen internationalen Kongressen, an denen er auch selbst teilnahm. Unter ihm erwarb sich das Institut den guten Namen, den es heute in der internationalen Gelehrtenwelt besitzt.

Pater Herman war ein guter Lehrer und verstand sich auf seinen Lehrberuf. Der modernen Wissenschaft war er in seinem Herzen wohl eher wohlwollend gesinnt. Er ließ sich aber nur selten zu festlegenden Äußerungen bewegen. Gegenüber den Ostkirchen, für die er besonders arbeiten mußte, war er, so schien es manchmal, mehr von paternalistischem Wohlwollen als von Respekt zwischen gleichgestellten Gesprächspartnern erfüllt. Damit unterschied er sich nicht von vielen der römischen Würdenträger, mit denen er tagtäglich zusammenarbeiten mußte.

In den Examina war er gerecht aber fordernd - und wir waren damit ganz einverstanden. In den Professorenkonferenzen ließ er große Redefreiheit. Er konnte gut zusammenfassend wiederholen: das letzte bestimmende Wort hatte aber, soweit die Studienordnung dies nicht anders vorschrieb, der Rektor. Er hat selber nur wenig unter dem eigenen Namen veröffentlicht: etliche meist sehr lange Artikel in der Zeitschrift des Instituts, den "Orientalia Christiana Periodica", denen er eine sehr fruchtbare Reihe von wissenschaftlichen Einzeluntersuchungen zur Seite stellte: die "Orientalia Christiana Analecta" und ein Buch über das russische Kirchenrecht. Wieviel er als Consultor von mehreren Kongregationen nur für einen kleinen Kreis gearbeitet hat, wüßte er wohl selber kaum mehr zu sagen. Es ist gerade dies eine sehr entsagungsreiche Arbeit.

 

V. Tätigkeit über das Institut hinaus

Ungefähr 25 Jahre lang las er tagtäglich bei den Schwestern Unserer Lieben Frau die Messe, predigte sonntags und ging fast immer ohne Frühstück nach Hause, eine Eigentümlichkeit, die den Schwestern sehr auffiel. Bei den Schwestern steht er in dem Ruf eines außerordentlichen religiösen Menschen.

P. General ernannte ihn für verschiedene Jahre zum Visitator aller Häuser, die direkt dem P. General unterstellt sind, auch der Kurie. Er hat dieses Amt zur allgemeinen Zufriedenheit, unauffällig, aber bestimmt ausgeübt. Es war sicher keine leichte Aufgabe, da es sich um die verschiedensten Nationalitäten und Interessengebiete handelte, die eine vertiefte Einsicht bei dem Visitator verlangten.

Auch für die großen Anliegen der Gesamtkirche war P. Hermann eifrig tätig. Er arbeitete in verschiedenen Kongregationen und war überall gleichmäßig angesehen wegen seiner ruhigen Art.

Von der Orientalischen Kongregation wurde P. Herman zum Administrator des ukrainisch-orientalischen Zweiges des Basilianerordens ernannt, ein Amt, das er mit großem Takt und vieler Mühe einige Jahre hindurch verwaltete, bis er einem neuen Ordensgeneral, dessen Wahl er vorbereitet hatte, unter veränderten Verhältnissen die Leitung dieses hochverdienten Ordens wieder übergeben konnte.

Seine Hauptarbeit galt natürlich der orientalischen Kongregation. P. Herman hat mit dem späteren Kardinal Coussa in jahrelanger Arbeit, jede Woche überlegend, das neue orientalische Kirchenrecht verfaßt. Ob dasselbe in allem den Bedürfnissen der orientalischen Kirchen entgegenkommt, ist allerdings nach der Aussage orientalischer Kirchenfürsten fraglich.

P. Herman wurde wenigstens zweimal mit einem Begleiter auf den Libanon geschickt, um einige der Bestimmungen dieses Kirchenrechts durchzuführen, nämlich die Überführung nicht mehr monastischer Ordensgemeinschaften in die kirchliche Form der regulierten Kleriker. Es verband sich damit meistens auch die Wahl neuer Generalobern, offensichtlich eine sehr delikate Angelegenheit.

 

VI. Die letzten Lebensjahre

Nach einer Visitation i. J. 1956 hatte P. Herman den ersten, leider entscheidenden Anfall, der seinem späteren Wirken ein Ende machte. Er starb an fortschreitender Gehirnerweichung, die er sich wohl durch seine eigene Aszese zugezogen hatte, da er aus Tugend niemals eine Blutzirkulationskur machte, Die schwerste Periode war es, als er halb der Krankheit unterlegen war und halb einsah, was ihn in der Zukunft erwartete. Da er kaum lesen und schreiben konnte, machte er sich oft auf einem Zettel fast unkennbare Zeichen. Diesen Zettel in der Hand haltend ging er stundenlang im Gang auf und ab, treu gehorsam, da man ihm der Gefahren wegen verboten hatte, auf die Straße zu gehen. Wir haben ihn vom Institut aus 3 oder 4 Jahre hindurch mit großer Achtung und Liebe umhütet. Schließlich war es physisch und psychisch nicht mehr möglich. Darum brachte man ihn 1961 in Münster in dem Krankenheim der Provinz unter. Dort wurde er außerordentlich gut und mit großer brüderlicher Liebe und Opferwilligkeit gepflegt. Er verlor immer mehr das Selbstbewußtsein. Wir im Institut dankten Gott, als er ihn am 20. Januar 1963 zu sich rief.

Es geht wohl bei manchen jüngeren Mitgliedern der Gesellschaft die ungute Sage, daß die Mitglieder der neueren Gesellschaft nicht mehr auf der Höhe ihrer Vorfahren stehen. Wenn einer das Leben des P. Herman nachgelebt hat, kann er sich ehrlich vor Gott sagen, daß er Großes in Demut geleistet hat.

Mgr. Spina von der Orientalischen Kongregation widmete P. Herman im Osservatore Romano vom 7. Februar 1963 einen sehr warmen, in italienischem Schwung abgefaßten Nachruf, der mit den Sätzen beginnt:

"Mit P. Herman scheidet von uns ein Orientalist von großer Bedeutung, ein Erzieher von Priestern, ein Bildner der Seelen, die sich Gott geweiht haben, ein glänzender Lehrer, ein demütiger Ordensmann, der auch dann predigte, wenn er nicht sprach. Sein Schweigen war oft beredter als sein Wort; ein Herrscher im Reiche des Geistes mit klarer und scharfer Einsicht, einer tiefen und breiten Bildung, der mit unvergleichlicher Bescheidenheit zu verbergen wußte, mit dem reinen Auge eines Kindes, erhaben über jeden Verdacht, unfähig etwas Böses zu denken. Er war ein Arbeiter im Dienste der Kirche, immer unermüdlich und genau, der, wenn es sein mußte, den Ernst mit einem freundlichen Lächeln verbinden konnte, das nie auf seinen Lippen fehlte, und aus dem sein kristallklares Herz erstrahlte als Ausdruck des inneren Friedens. Er war ein tugendhafter Mann, der alles gab, ohne je etwas für sich selbst zu fordern; ein feiner und verschwiegener Oberer, der die Menschen anzog; klar in seinem Urteil, immer herzlich, ehrlich und voll inneren Friedens, zu dem man schon beim ersten Zusammentreffen Zutrauen faßte."

R.i.p.

Albert M. Ammann SJ

Mitteilungen 126, S. 228-235