Bruder Peter Hütt SJ
* 4. August 1884
18. Februar 1971

Br. Hütt lag mit Herzbeschwerden im Krankenbett, als ich ihn im Oktober 1923 als Postulant kennenlernte. Nähere Beziehungen waren derzeit durch die Separatio nicht zugelassen. Später sah ich ihn dann in der Küche. Der prüfende Blick des älteren Bruders mit der Glatze flößte mir einen gewissen Respekt ein. In den gemeinsamen Erholungen zeigte er sich im Gespräch gemessen und wohlüberlegend,- war er doch schon ein Mann von nahezu 40 Jahren. So kam man ihm eigentlich nur schwer persönlich näher. In der Küchenarbeit sollte er sich auf seine spätere Tätigkeit vorbereiten. Aber da waren verschiedenartige Temperamente und Altersstufen zusammen. Dem Jüngsten bereitete es sichtlich Vergnügen, wenn er Br. Hütt an seine Vergangenheit als Eisenbahnassistent erinnern konnte. So gab er z. B., wenn er mit einem Küchenwagen kam, mit einem Schaumlöffel "freie Fahrt". Br. Hütt machte zu diesem Spiel immer gute Miene. Nun, die damalige Noviziatsaszese konnte das ja wohl leicht überwinden, wenngleich er eben ein Mann gemessenen Alters war. Br. Teepe dagegen, sein Küchenchef, konnte dazu nur süß-sauer lächeln und wortlos mit fragendem Blick die einzelnen korrigieren.

Bei der Gründung des Ostnoviziats. wurde Br. Hütt vom Bonifatiushaus in 's-Heerenberg nach Exaten versetzt. Da konnte er unter Anleitung des tüchtigen Küchenchefs Br. Keller noch manches lernen. Doch schon nach kurzer Zeit begannen die Wanderjahre. 1926 führt der Provinzkatalog seinen Namen unter Luxemburg, im nächsten Jahr unter Hochelten, Ende 1929 wird er dann in Saarlouis kochen und im nächsten Jahr seinen Standort in Hannover beziehen. 1933 ist sein Wirkungskreis Valkenburg und zwei Jahre später ist er als Infirmarius und Refectorier in Münster tätig. Schon im nächsten Jahr (1937) treffen wir ihn als Koch in Oppeln. Ausgangs 1938 zieht es ihn dann wieder zurück in die Westprovinz nach Hannover, wo er zum zweiten Mal den Kochlöffel schwingt. Von hier geht es 1943 nach Wien. Es folgt ein Jahr in der Tschechoslowakei. Es muß etwa 1945 gewesen sein, als er von dort nach Bonn kam. Im folgenden Jahr übernahm er den Pfortendienst in Sankt Georgen-Frankfurt. Hier wird er im Dezember 1952 abgelöst, um zum zweiten Mal nach Bonn zu gehen, wo er als Koch und später als Pförtner wirkt. 1960 gab er als Pförtner in Bad Godesberg eine kurze Gastrolle, denn schon nach einem halben Jahr zieht er ins Canisiushaus in Köln, um dort die Pforte zu besorgen. Wandermüde zieht der 81jährige 1965 nach Münster ins Altersheim Haus Sentmaring: "Peter, wer nach 85 Jahren rückwärts blickt, den langen - manches kann er wohl berichten, wenn er off'nen Aug's gegangen!" (nach Friedrich Wilhelm Weber) - Br. Hütt hat Rückschau gehalten, doch für seine Memoiren hat man in seinem Nachlaß nichts mehr gefunden.

Dürholzen, im Raum Engelskirchen im Bergischen Land gelegen, ist die Heimat von Br. Hütt. Dort wurde er am 4. 8. 1884 als achtes und jüngstes Kind der Familie geboren. Die Mutter muß wohl besonders an ihm gehangen haben, und umgekehrt hat er auch ihre Liebe erwidert, denn die Mutter wollte zu keinem der anderen Kinder gehen, sie wollte beim Peter bleiben. Er hat sie gepflegt, bis sie im hohen Alter von 87 Jahren starb. Besonders in den letzten Jahren muß die Pflege sehr schwierig gewesen sein. Bei ihrem Tod war Peter ungefähr 38 Jahre alt.

Br. Hütt war Eisenbahnbeamter. Seine Vorgesetzten beobachten bei ihm seine Gewissenhaftigkeit und seine kollegiale Einsatzbereitschaft. Das gab ihm gute Aufstiegsmöglichkeiten. Zuletzt war er Bahnhofsvorsteher in Marienheide, einem Bahnknotenpunkt im Bergischen Land. Aber auch im zivilen und religiösen Leben war er solide und vorbildlich. Ein Beweis dafür, daß er seinen persönlichen Wunsch, seine Ordensgedanken, so lange zurückstellte, bis seine Mutter gestorben war. Gelegentlich hat er einem Mitbruder davon erzählt, wie schwierig die Pflege der alten Mutter bei ihren Eigenarten war. Als der Zuhörer dann eine Bemerkung machte, war nicht nur die Unterhaltung beendet, sondern dauerte es auch einige Zeit, bis die Verbindung wieder aufgenommen wurde.

Über Einzelheiten aus den verschiedenen Häusern läßt sich schwer etwas berichten, ausgenommen aus der letzten Zeit in den Häusern unserer Provinz. Von 1948 bis 1962 war ihm die Pforte in Sankt Georgen anvertraut. Es war damals keine "Hohe Pforte", sondern eine Baracke. Alles war hier damals noch im Wiederaufbau. Später wurde das zerstörte Pfortenhaus mit einem Betondach versehen, wobei man einen Pfortenraurn, einen kleinen Schlafraum und einen Abstellraum gewann. Mit Umsicht, Gewissenhaftigkeit und Strenge waltete der ehemalige Bahnhofsvorsteher hier seines Amtes. Das zeigte sich allein schon im Äußeren seiner Person. Jedenfalls konnte man von ihm nicht sagen "Willst du jedermann gefallen, preise jedermanns Laster, und auf jeden faulen Flecken kleb' ein rosenduftig Pflaster" (F. W. Weber). Davon wissen Mitbrüder und Obere aus jener Zeit zu erzählen, doch wir wollen es uns hier sparen. Nur eins: Um immer einen Blick auf den Ein- und Ausgang der Patres tun zu können, hatte er eine gutdurchdachte Ausgehtafel mit Tag und Stunde angefertigt. Zu seinem Leidwesen wurde ihm diese Arbeit aber schlecht gelohnt, denn mancher unterließ die Abmeldung und die Rückmeldung. Br. Hütt jedoch wußte in dieser oder jener Form immer wieder daran zu erinnern.

In verschiedenen Häusern war Br. Hütt als Koch tätig, und in der schwierigen Nachkriegszeit besorgte er in Bonn zum ersten Mal die Küche. Da war die Beurteilung für ihn bezeichnend, daß er in der Küche auf Sauberkeit hielt und in der Bewirtschaftung überlegt, verantwortungsbewußt und sparsam war. Der Koch gilt in der Gesellschaft als Respektperson (die Regel sagt: "Wer in die Küche..."). Das kam bei Br. Hütt manchmal zum Ausdruck. Wenn jemand in die Küche kam und fragte: "Was gibt es?", konnte es geschehen, daß er die Antwort erhielt: "So fragt man nicht, sondern: Gibt's was?" Demzufolge gab es in Bonn nach dem Krieg manche Schwierigkeit, die das Zitat rechtfertigen. Als er 1952 ein zweites Mal als Koch und Pförtner tätig war, zeigte sich der Charakter des zuverlässigen Beamten, der auch in der Begegnung mit Auswärtigen immer ein gemessenes Verhalten an den Tag legte; selbst wenn er jemanden abweisen mußte, fand er ein verbindliches und kluges Wort. So war er in Bonn, wie es ein Mitbruder bestätigt, auch bei Auswärtigen sehr geschätzt.

1961 führt der Provinzkatalog Br. Hütt als Pförtner in Köln. Damals war er schon 77 Jahre alt und die Kölner Pforte, die im sonnenlosen Torweg plaziert ist, war für ihn, der schon an Rheuma litt, bestimmt nicht günstig. Trotzdem hat er bis 1965 diese Pforte betreut. Seine Menschenkenntnis und seine Erfahrungen mit Auswärtigen und Unsrigen waren nicht gering. Seine Äußerungen konnten da allerdings auch treffend und scharf sein. Doch mit 81 Jahren waren seine Bewegungsfähigkeit und seine Kräfte den Anforderungen nicht mehr gewachsen.

So kam er zum zweiten Mal nach Münster, wo er 1936 die Küche und die Kranken besorgte hatte. Jetzt war er selbst Patient mit hochprozentigem Zucker, und das war im Frühjahr 1965. Der Zuckerstand senkte sich allmählich und besserte sich derart, daß es ihm möglich wurde, sogar an der Pforte etwas auszuhelfen. Das tat er pünktlich, wie der Eisenbahner einmal war. Wenn es darüber hinausging, kam die Erklärung: "Der Pater Rektor hat angeordnet...!" - Wenn alles in Ferien fährt, warum dann nicht auch ein alter Knabe? Und P. Provinzial gewährte ihm Ferien auf unbestimmte Zeit. So reiste er zu seinen Verwandten nach Dürholzen. Da bei diesen ein längeres Verweilen anscheinend nicht möglich war, nahm er Wohnung in einem Altersheim in Gummersbach, das ja auch heimatliches Gefilde war. Da ihm aber das Wohnen dort auf die Dauer nicht behagte, lenkte er seine Schritte wieder nach Münster zurück, wo es in einem Einzelzimmer und bei besserer Pflege von den Mitbrüdern doch heimischer war. Die Ferien waren für ihn keine Erholung gewesen, im Gegenteil, seine Körperkräfte hatten abgenommen, obwohl er geistig noch frisch geblieben war. Er machte noch kleine Spaziergänge durch den Park und bis zur Pforte. Im Hause besuchte er seine Mitpatienten und war dabei ein guter Gesprächspartner. An Gesprächsstoff fehlte es ihm nicht, denn aus seiner Tätigkeit als Koch, Pförtner, Infirmarius und dem Wechsel durch viele Häuser sowie der Bekanntschaft mit vielen Mitbrüdern und ihrem unterschiedlichen Gehaben konnte er erzählen und damit die Zeit ausfüllen, interessant, bildreich und mit einem Gestus eigener Art. Dabei verschwieg er auch seine Erfahrungen von Dürholzen und Gummersbach nicht und zog daraus die Folgerung, daß Münster doch vorzuziehen sei. Ein Großteil des Gesprächsstoffes bestand allerdings aus seinen Erlebnissen als Koch, die Schilderungen der Verhältnisse in den einzelnen Häusern und seine Versetzungen, von denen er in markanter Weise unterschiedlichste Einsichten und Ansichten wiederzugeben wußte.

Br. Hütt war ein Mann der Ordnung. Solange die Körperkräfte es gestatteten, stand er früh um 4 Uhr auf, brauchte für Ankleiden, Waschen und Rasieren keine Hilfe und stellte auch sonst kaum Ansprüche. Als er bettlägerig wurde, war er guten Mutes und widmete er sich dem Gebet. So sagte er einmal einem Mitbruder: "Den Pflichtrosenkranz habe ich schon gebetet, andere folgen noch." Nach Neujahr 1971 stellte sich ein Altersbrand ein. Am Fuß bildeten sich Geschwüre, die nicht heilten und alle zwei Tage verbunden werden mußten. Dann machte sich die Altersschwäche immer mehr bemerkbar. Es war schon nicht mehr möglich, ihn zur Kapelle zu fahren. Etwa zwei Wochen vor seinem Tod empfing er die Krankensalbung. Dann ging es rapide dem Ende zu. Dabei war er ein ruhiger und dankbarer Patient. Am 18. Februar ist er gegen 19.45 Uhr still hinübergegangen. P. Rektor und einige Mitbrüder standen an seinem Sterbelager. Am Fastnachtsdienstag ist er auf unserem Friedhof in Sentmaring beerdigt worden.

R.i.p.

Br. Josef Fix SJ

Aus der Provinz, Nr.3, April 1971, S.56 ff