P. Josef Jäger SJ
* 9. September 1928 in Boppard
17. April 1998 in Münster

P. Josef Jäger wurde als jüngstes Kind von vier Geschwistern der Eheleute Josef Jäger und Helene geb. Bongard am 9.9.1928 in Boppard geboren. Der Vater war Standesbeamter, die Mutter war als Hausfrau ausschließlich für die Familie da. Josef verlebte offenbar eine glückliche Kindheit. Er hatte eine sehr enge Beziehung zu seinen Eltern. Auch mit seinen Geschwistern, zwei Schwestern und einem Bruder, verband ihn ein herzliches Verhältnis. Die Schul- und Gymnasialzeit verbrachte P. Jäger in Boppard. Die Nationalsozialisten hatten in Deutschland die Macht, und Hitlers verhängnisvolle Diktatur verstrickte die ganze Welt in einen schrecklichen Krieg und beging an den Juden das ungeheure Verbrechen des Holocaust. In Deutschland selbst organisierten die Nationalsozialisten mit Hilfe der Hitler-Jugend eine große Begeisterung unter der jungen Generation, die auch an P. Jäger nicht vorbeiging. Er war "Pimpf" in der HJ und wurde im jungen Alter von 15 Jahren als Flakhelfer zur "Verteidigung des Vaterlandes" eingesetzt.

Später hat er oft von dieser Zeit erzählt und seine eigene Erfahrung als Beispiel für die Verführbarkeit der Jugend dargestellt. Nach dem Krieg setzte er seine Schulzeit fort und beschloß sie 1948 mit dem Abitur. Er wollte Bauingenieur werden. Nach einem Praktikum in Hirzenach in der Grube Prinzenstein begann er die Bergbaulehre in Wattenscheid. Zeit seines Lebens blieben ihm die Erinnerungen an diese Zeit lebendig. Sein Interesse an sozialen Fragen und sein Engagement im Bereich Arbeit und Wirtschaft haben hier ihre Wurzel. Dennoch kamen ihm nach zwei Jahren Zweifel, ob Bergbauingenieur der richtige Beruf für ihn sei. Die religiöse Not der Arbeiter unter Tage ließ in ihm den Wunsch reifen, Priester zu werden.

Zunächst wollte er sich als Seminarist für die Diözese Trier anmelden, machte aber zuvor in der Karwoche 1950 zur Berufsabklärung Exerzitien bei P. Georg Mühlenbrock in Eringerfeld. Nach diesen Exerzitien stand für P. Jäger fest, daß er Jesuit werden wollte. Er meldete sich in Köln bei P. Provinzial Hermann Deitmer an und trat am 7. September 1950 in Eringerfeld in die Gesellschaft Jesu ein. Die Ausbildungsjahre verliefen in der damals üblichen Form: Zwei Jahre Noviziat, ein Jahr Junjorat auf Rottmannshöhe am Starnberger See, drei Jahre Philosophie in Pullach bei München, ein Jahr Interstiz in Büren am Immaculata-Kolleg und vier Jahre Theologie in Frankfurt St. Georgen. Am 30.7.1960 wurde er in Frankfurt zum Priester geweiht. Nach der Theologie kam er ins Tertiat nach Münster, das damals P. Otto Pies leitete. Sicher hatte er sich bis dahin schon Gedanken gemacht, welche konkrete Arbeit er in der Seelsorge übernehmen möchte. Aber zu der Zeit liefen keine langen Vorgespräche zwischen dem Provinzial und den betroffenen Mitbrüdern. Der Provinzial überlegte mit seinem Konsult und traf die Entscheidung.

So kam denn auch für P. Jäger unmittelbar vor Ende des Tertiates ein Brief des Provinzials an, der ihn 1962 nach Köln rief, um dort im Katholischen Männerwerk der Stadt Köln mit P. Heinrich Ostermann zusammenzuarbeiten. Nach dem Krieg war diese Neugründung schnell gewachsen und von kaum zu überschätzender Bedeutung geworden. In fast allen großen Betrieben in und um Köln gab es Betriebsgruppen, die sich für die Umsetzung der Katholischen Soziallehre in ihrem Arbeitsbereich einsetzten. Zunächst im Canisiushaus, später im Haus der Begegnung, hatte P. Ostermann das "Soziale Seminar" als Schulungszentrum für die Männer eingerichtet. Dazu kamen die Männergruppen in den Pfarreien und Dekanaten. Exerzitien, Einkehrtage und Vorträge erfreuten sich großer Nachfrage. Im gleichen Jahr, als P. Jäger in Köln seine Arbeit begann, wurde von Papst Johannes XXIII. das II. Vatikanum einberufen. Bald zeigte sich, daß die dort gefaßten Beschlüsse der Umsetzung in der Seelsorge bedurften. Unter Leitung von P. Karl Rahner und P. Otto Semmelroth begründeten P. Ostermann und P. Jäger die "Theologische Akademie an St. Peter". Bekannte Theologen nahmen darin Stellung zu der durch das Konzil begonnenen Erneuerung in Theologie und Kirche. Bald weitete sich die "Theologische Akademie" aus und wurde in Essen, Frankfurt und Koblenz übernommen. Auch heute lohnt es sich, die von Rahner und Semmelroth veröffentlichten Vorträge zu lesen. Mit dem Namen "Soziales Seminar" war die Arbeit im "Haus der Begegnung" jetzt nicht mehr hinreichend erfaßt. 1969 veröffentlichte P. Jäger das erste Programm der "Akademie für Erwachsenenbildung Köln im Haus der Begegnung".

P. Heinrich Ostermann war 1966 Provinzial geworden, und P. Jäger hatte seitdem die Leitung sowohl des Katholischen Männerwerks als auch der Akademie übernommen. Es war die Zeit der 68er Jahre. Diese blieben auch innerhalb des Ordens nicht ohne Auswirkung. Das bekam vor allem P. Ostermann als Provinzial zu spüren. In P. Jäger hatte er einen guten Freund, mit dem er viele Sorgen besprechen konnte. Besonders nach seinem Herzinfarkt suchte er bei ihm Halt und Verständnis. Gleichzeitig weitete sich die Arbeit für P. Jäger immer weiter aus. 1971 wurde er Diözesanmännerselsorger und damit zugleich Leiter von "Haus Marienhof", der Bildungsstätte des Katholischen Männerwerkes des Erzbistums Köln. 1976 bestellte ihn Kardinal Höffner zum stellvertretenden Leiter der Hauptabteilung Seelsorge im Generalvikariat des Erzbistums Köln. Das Vertrauen, das ihm mit dieser Beauftragung geschenkt wurde, nahm er sehr ernst. Das brachte ihn nicht selten in Loyalitätskonflikte, unter denen er sehr litt. Einerseits war er engagiert für die Öffnung der Kirche, wie sie vom II. Vatikanum vorgegeben war, andererseits hatte er auch Verständnis für Entscheidungen im Erzbistum, die von vielen als restriktiv gedeutet wurden.

Seit 1969 war ich selbst sein engster Mitarbeiter in der Akademie für Erwachsenenbildung, die 1988 den Namen "Karl Rahner Akademie" erhielt. Aufgrund seiner Verpflichtungen im Generalvikariat überließ er mir seit 1976 weitgehend die Leitung der Akademie. Wir teilten uns in dieses Amt, was möglich war, weil er sich gern im Hintergrund hielt. Bei wichtigen Entscheidungen aber brachte er sich und seine Überzeugung entschieden ein. Ich schätzte ihn wegen seiner Kompetenz in theologischen und pastoralen Fragen; seine Fähigkeit, unterschiedliche Standpunkte zu einem gemeinsamen Nenner zu führen, war sowohl der Arbeit als auch unserer persönlichen Beziehung sehr dienlich. P. Jäger war kein Mann, der Konflikte aushalten konnte. Deswegen war es auch nicht seine Sache zu streiten. Lieber zog er sich zurück und schwieg. In solchen Situationen mußte man ihn oft aus der Reserve locken. Die Gespräche verliefen dann immer in einem Klima gegenseitiger Akzeptanz und Freundschaft.

Eine Aufgabe, die ihm besonders ans Herz wuchs, war der Marienhof in Ittenbach bei Königswinter. Als Diözesanmännerseelsorger war er verantwortlich für die Verwaltung und die geistliche Leitung des Hauses. Regelmäßig fuhr er dorthin zu Einkehrtagen und Exerzitien, zu Tagungen und Konferenzen. Viele Frauen und Männer haben ihn auf dem Marienhof am besten kennengelernt. Denn hier entfaltete er seine ganze Kraft als Theologe und Seelsorger. Der Marienhof war ihm so sehr zur zweiten Heimat geworden, daß er später, als er aufgrund seiner Krankheit nach Münster umsiedeln mußte, immer wieder Heimweh nach dort hatte. Es war ihm sicher auch nicht leicht, die wirtschaftliche Leitung des Hauses dem Bildungswerk des Erzbistums Köln zu übertragen. Zwar konnten dadurch Investitionen vorgenommen werden, die die Möglichkeiten des Katholischen Männerwerkes weit überschritten, aber von nun an war der Marienhof nicht mehr der alte. Ganz neue Personalprobleme und Strukturfragen des Marienhofes belasteten ihn.

In der Jesuitenkommunität an St. Peter war P. Jäger Superior von 1972 bis 1978 und erneut von 1987 bis 1991. Wenn es sich auch um eine kleine Gemeinschaft handelte, gab es doch auch dort immer wieder Probleme zu lösen und Entscheidungen zu treffen. Sehr unterschiedliche Charaktere lebten in St. Peter zusammen. Dennoch war das Gemeinschaftsleben von einem familiären Charakter geprägt. P. Jäger hat sich dort sehr wohl gefühlt. Wie sehr er sich dort heimisch fühlte, wurde ihm selbst bewußt, als die Kommunität 1991 aufgelöst und in die Stolzestraße verlegt wurde.

Wenn man all die verschiedenen Bereiche, in denen P. Jäger Verantwortung zu tragen hatte, in den Blick nimmt, verwundert es nicht, daß ihn eine große Einsamkeit umgab. Er hat sich eine Bürde aufladen lassen, die ihm letztlich zu viel Kraft abverlangte, die er aber dennoch nicht abgeben konnte, weil ihm das seine Zuverlässigkeit verbot. P. Jäger war ein ausgeprägt introvertierter Charakter. Es gab viele, die ihm freundschaftlich verbunden waren, aber nur wenige, denen gegenüber er von seinen Sorgen und Belastungen reden konnte. Selbst in sehr persönlichen Gesprächen konnte man oft nur ahnen, welche Probleme ihn besonders bewegten. Die psychosomatischen Krankheitssymptome, die sich bereits nach dem Tod seines engsten Freundes P. Heinrich Ostermann am 11. November 1975 zeigten, waren Anzeichen von Überforderung.

Als er sich schließlich zu einer gründlichen Genesungskur entschloß, trat zunächst eine wesentliche Besserung seines Gesundheitszustandes ein. Aber schon bald nachdem er wieder in seine Arbeit zurückkehrte, machte ihm ein bis dahin nicht gekanntes Asthma schwer zu schaffen. Obwohl er von nun an ständig unter Luftnot litt, setzte er seine bisherige Arbeit, wenn auch in reduziertem Umfang, fort. Er hielt theologische Seminare in der Karl Rahner Akademie, Exerzitien und Einkehrwochenenden in Haus Marienhof. Auch die Leitung beider Häuser behielt er bei. Aber Verwaltung war nie seine Stärke. Die Strukturveränderungen in Haus Marienhof, die dringend erforderlich waren, aber gleichzeitig einen Einschnitt in die Geschichte des Katholischen Männerwerks der Erzdiözese Köln mit sich brachten, überforderten seine physischen, mehr aber noch seine psychischen Kräfte.

Eine schwere Bronchitis brachte ihn 1995 in eine lebensbedrohliche Lage. Offensichtlich wurde das Gehirn zu wenig mit Sauerstoff versorgt, so daß er im Krankenhaus einen Gehirninfarkt erlitt. Nun war er ein gebrochener Mann. Er brauchte nach Ansicht der Ärzte nach seinem Krankenhausaufenthalt dringend eine Rehabilitation. Diese aber war in einer normalen Klinik nicht zu bekommen, da er auf intensive Pflege angewiesen war. So mußte sich P. Jäger in unser Altenheim nach Haus Sentmaring in Münster begeben. Hier genoß er zwar eine hervorragende Pflege und die Umgebung seiner Mitbrüder, aber bald stellte sich heraus, daß an eine Rückkehr in die Arbeit nach Köln nicht zu denken war. Das anzunehmen, fiel ihm sehr schwer. Immer wieder wollte er zurück nach Köln und zum Marienhof. Erst als der Provinzial und Kardinal Meisner ihm die Entpflichtung von all seinen Ämtern in der Erzdiöse Köln mitteilten, konnte er sich ganz darauf einlassen, jetzt im Ruhestand zu sein. Wenn auch seine körperlichen Leiden unverändert schwer auf ihm lasteten, fand er jetzt seine seelische Ausgeglichenheit wieder.

Wenn man ihn besuchte und mit ihm sprach, erlebte man wieder den zufriedenen und bescheidenen P. Jäger, den man von früher kannte. Es war unverkennbar, daß er diese letzte Strecke seines Lebensweges bewußt aus dem Glauben annahm. Anfang April mußte er wegen eines akuten Asthmaanfalls ins Krankenhaus gebracht und auf der Intensivstation behandelt werden. Zwar konnten die Ärzte ihm schnell helfen, so daß er bald wieder nach Hause entlassen wurde, aber nach ein paar Tagen brachte man ihn erneut ins Krankenhaus, diesmal wegen des Verdachts auf Darmverschluß. Noch einmal durfte er das Krankenhaus verlassen, aber seine physischen Kraftreserven waren erschöpft. Nur wenige Tage blieben ihm, bis der Herr ihn am 17. April heimholte. Möge er selbst ihm Lohn sein für den treuen Dienst, den er zahllosen Menschen ein ganzes Leben lang in Treue geleistet hat.

R.i.p.

P. Alfons Höfer SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 4/1998 - Juli, S. 134-137