P. Hans Jeggle SJ
16. Januar 1988

P. Hans Jeggle war Münsteraner mit allen guten, aber auch mit allen - zumindest für Rheinländer und Bayern - schwierigen Eigenschaften dieses Landstriches. Wenn man ihn zu sehr mit seiner Dickschädeligkeit aufzog, legte er Wert auf seine süddeutsch-allemannischen Vorfahren. Sein Fleiß, seine praktische Veranlagung, vor allem ein guter Schuß Liberalität, vielleicht stammen sie aus dieser Linie.
Hans Jeggle wurde am Heiligabend des Jahres 1912 in Münster geboren. Seine Eltern, Josef Jeggle und Elly, geborene Eitel, hatten noch fünf weitere Kinder. Getauft wurde Hans in Liebfrauen, der sogenannten Überwasserkirche, und in der Dominikanerkirche gefirmt.

Seine Schulzeit fiel in die Jahre nach dem ersten Weltkrieg, als die Jesuiten sich in Münster niederließen und der Bund Neudeutschland in der Königstraße seine Blütezeit erlebte. In der Oberstufe des Gymnasiums erlebte Hans sehr bewußt die Auseinandersetzungen mit den Nazis und der HJ.
1932 machte er das humanistische Abitur und trat am 6. April 1932 in das Noviziat in 's-Heerenberg ein. Dort legte er 1934 seine ersten Gelübde ab und ging bis 1937 nach Pullach in die Philosophie. Von 1937 bis 1939 war er in Bad Godesberg Präfekt am Aloisiuskolleg.
1939 wurde Fr. Jeggle nach Valkenburg in die Theologie geschickt. Er gehörte zu denen, die schon nach zwei Jahren am 30. April 1941 in Valkenburg zu Priestern geweiht wurden, um nicht zur kämpfenden Truppe eingezogen zu werden.

Die schlimmen Kriegsjahre 1942 bis 1945 überlebte P. Jeggle als Kaplan in Duisburg. Hier bewährten sich zum ersten Mal seine reife Frömmigkeit und seine große praktische Begabung.
Ende 1944 zog er sich bei einem Luftangriff eine Sepsis infolge einer Phosphorvergiftung zu. So mußte er für eineinhalb Monate ins Krankenhaus. Dies war die erste einer Serie von Krankheiten und Unfällen, die P. Jeggle im Laufe seines Lebens erlitt, und an denen seine Persönlichkeit reifte.

Nach dem Kriege ging P. Jeggle 1945/46 für sein letztes Jahr Theologie nach Büren und machte anschließend sein Tertiat 1946/47 in Köln. 1948 begann seine Zeit als Lehrerseelsorger. Es war die Zeit des Wiederaufbaus, wo gerade im Bildungs- und Erziehungsbereich große Unsicherheit herrschte und christliche Orientierung dringend gefragt war. Zunächst war P. Jeggle in Essen und Münster stationiert und wurde dann 1950 "Stationsvorsteher" in Oldenburg.

In dieser Zeit war P. Jeggle ständig mit dem Motorrad unterwegs. 1949 erlitt er einen schweren Motorradunfall, aufgrund dessen er für drei Monate in Münster ins Krankenhaus mußte. Seine Erfahrungen als Lehrerseelsorger und seine praktische Begabung waren wohl die Hauptgründe, warum P. Jeggle im Juli 1950 als Minister an das Kolleg in Büren geschickt wurde: Das Mauritiusgymnasium und das Internat waren inzwischen von den Jesuiten übernommen worden. P. Jeggle hat sich große Verdienste in der Konsolidierung des Kollegs erworben. Er hing zeit seines Lebens mit besonderer Liebe an diesem Haus.

Im Oktober 1954 wurde P. Jeggle als "Bauminister" und Prokurator nach Sankt Georgen gerufen. Acht Jahre lang hat er seine Arbeitskraft sowie seine geistliche und praktische Kompetenz in dieses Werk gegeben. Damals war die Theologische Fakultät S.J. von Büren nach Sankt Georgen umgezogen. Vielleicht sein bedeutendstes "Denkmal" ist die Scholastikatskapelle, die auf den Fundamenten der alten Villa gebaut wurde. Lange vor dem Konzil und seiner Liturgiekonstitution gestaltete P. Jeggle einen Raum, der die Versammlung der Gemeinde um den Altar ermöglichte. Die zentrale Altarinsel mit dem großen Trinitätsfenster als Oberlicht und einziger Lichtquelle war seine Grundidee.

Die nächste große Phase in seinem apostolischen Wirken war die Zeit als Studentenseelsorger. Im November 1962 ging P. Jeggle nach Bremen und wurde schon nach einem halben Jahr nach Hamburg gerufen, wo er bis Ende 1972 neben der Studentenseelsorge das Amt des Hausökonomen Beim Schlump innehatte und in der Priesterseelsorge tätig war.

P. Jeggle war ein sehr gündlicher Arbeiter. Viel Mühe verwandte er auf die Vorbereitung seiner Predigten und Vorträge und auf die Gestaltung von Arbeitsgruppen. Seine große Bildung und Belesenheit standen ihm dabei manchmal im Weg. Wenn die Studenten sich auch ab und zu von der Breite seiner Darlegungen überfordert fühlten, so war er doch in seiner persönlichen Integrität und Glaubwürdigkeit stets sehr geschätzt und ausgesprochen beliebt. P. Jeggle hatte manchmal eine liebenswürdige Umständlichkeit. Als Ökonom führte er jeweils das kompliziertest mögliche Buchführungssystem ein, das es gab, was manchen seiner Nachfolger in die Nähe der Verzweiflung trieb. Handwerkliche Arbeiten lagen ihm sehr. Doch auch dabei fand er mit instiktiver Sicherheit den schwierigsten Lösungsweg. Aber am Ende funktionierten die Möbel und die Geräte tatsächlich.

1966 war P. Jeggle mit einem seiner Brüder in der Türkei. Bei Corum hatten sie einen schweren Autounfall, der ihn beinahe das Leben kostete. Er wurde schwer verletzt nach Deutschland geflogen. Nach drei Monaten Krankenhausaufenthalt war P. Jeggle einigermaßen genesen, doch die Nachwirkungen der vielen Knochenbrüche zeichneten sein weiteres Leben.

Im Dezember 1972 wurde P. Jeggle nach Münster in das Haus Sentmaring als Minister und Ökonom versetzt. Mit viel Verständnis und Engagement sorgte er sich um die Belange des Altenheimes. Sein Umgang und seine Sorge für die alten und kranken Mitbrüder waren geprägt von seiner eigenen Krankheitserfahrung. Zugleich hat er immer wieder Exerzitienkurse gegeben.

Als P. Bergmann nach Münster kam, um das Noviziat zu bauen, wurde P. Jeggle vom Amt des Ministers abgelöst und konnte sich neben dem Amt des Ökonomen ganz auf die Exerzitienarbeit verlegen. Diese sollte die letzte Phase seines Lebens prägen. Er war ein viel gefragter und sehr geschätzter Exerzitienbegleiter.

In diese Zeit fällt seine letzte und schwerste Krankheit. 1975/76 mußte P. Jeggle für neun Monate wegen einer Lymphogranulomatose ins Krankenhaus. Seine Gesundheit konnte weitgehend wiederhergestellt werden. Seih ungeheurer Lebenswille und seine Energie gaben ihm die Fähigkeit, seine Arbeiten wieder aufzunehmen, wenn er auch von der Krankheit gezeichnet blieb.

Am 15. März 1978 kam P. Jeggle wieder nach Büren, das wohl seine "erste Liebe" war. Von dort aus gab er Exerzitien und übernahm Seelsorgsaushilfen. Bis zum Weggang der Jesuiten im April 1984 blieb er in Büren. Dieser Weggang war wohl einer seiner leidvollsten Abschiede.
Zum 1. Mai 1984 wurde P. Jeggle Superior in Koblenz. Auch von hier aus widmete er sich der Exerzitienarbeit.

In seinen letzten Lebensjahren meldete sich in regelmäßigen Abständen sein Lymphdrüsenkrebs. Die Ausweitung der Krankheit konnte zwar gestoppt werden, doch P. Jeggle mußte jedes Jahr für einige Wochen ins Krankenhaus zur Bestrahlung oder zur Chemotherapie. Es war bewunderungswürdig, mit welcher Geduld er diese Leiden ertrug und mit welcher Zähigkeit er gegen die Krankheit kämpfte. Immer wieder erholte er sich so weit, daß er neue Exerzitienkurse übernehmen konnte. Und das tat er mit Leidenschaft und großem Eifer. Es war, als ob er sich gedrängt fühlte, seinen Glauben und seine Hoffnung weiter zu vermitteln.

Am 16. Januar 1988 morgens um 5.30 Uhr verstarb P. Jeggle. Lebenslang war Christus für ihn wie ein älterer Bruder oder Freund, der ihm einiges zugemutet hat, auf den er sich aber unter allen Umständen verlassen konnte.
Diese Verläßlichkeit war kennzeichnend für P. Jeggles Glaubenshaltung und Frömmigkeit.

R.i.p.

P. Götz Werner SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 5/1989 - Oktober, S. 113ff