P. Nikolaus Junk SJ
3. Januar 1988 in Münster

"Herr, es ist genug." Diesen Stoßseufzer ließ Pater Junk in den letzten Jahren häufig verlauten, zunächst immer mit einem Anflug eines Lächelns. Als er diese Worte dann aber später aus tiefer Überzeugung sprach, waren manche Mitbrüder geneigt, diese Wiederholung mehr als bekanntes Bonmot denn als ernsten Wunsch zu interpretieren.
So verstarb er am Abend des 3. Januar 1988, obwohl er seit einigen Wochen bettlägerig und bei schwachen Kräften war, unerwartet.

Nikolaus war als Sohn des Gemeindeförsters Johann Wilhelm Junk und seiner Frau Gertrud, geborene Becker, in Itzbach (heute Siersburg/Saarland) am 9. Januar 1904 geboren worden. Mit seinen vier jüngeren Geschwistern wuchs er im elterlichen Anwesen, dem ca. 300 Jahre alten Schloß Itzbach, auf. Dem Wunsch der Eltern und auch seinen Interessen entsprechend wollte er die Tradition in der Familie fortsetzen und wie sein Vater und Großvater auch Förster werden. Sein Leben lang blieb er dem elterlichen Schloß, seinen Geschwistern, den Verwandten und seiner Heimat verbunden. Sein sechs Jahre jüngerer Bruder Hubertus ergriff den Beruf des Försters und rettete so die "Ehre" der Familie und war ein bekannter und geschätzter Forstmann im Saarland.

Nach Besuch des Realgymnasiums in Dillingen - Nikolaus war mit Recht stolz darauf, die lateinische Sprache besser als manche Abiturienten humanistischer Zweige zu beherrschen - wurde ihm bei einem Besuch in der Pfarrkirche Siersburg klar, daß er Priester werden sollte. Wenige Ereignisse in seinem Leben hat er als besondere Fügungen wie diese Berufung erfahren.

Er begann in 's-Heerenberg am 25. April 1922 mit Wilhelm de Vries und Albert Hartmann das Noviziat unter Magister Paul Sträter, setzte die Ausbildung mit den philosophischen Studien in Valkenburg fort, leistete dann ein Jahr als Präfekt am Gymnasium am Lietzensee in Berlin als Interstizzeit ab, ehe ihn wiederum in Valkenburg die Theologie für vier Jahre ausfüllte. Schon in der Philosophie wurde durch viele Gespräche und auch durch die Unterstützung von P. Theodor Wulf, dem bekannten Professor für theoretische Physik, die spätere Destination für P. Junk, Kosmologie zu dozieren, vorbereitet. So war es selbstverständlich, daß er während seiner Interstizzeit in Berlin neben den Pflichten des Präfekten an der Humboldt-Universität Physik und Philosophie studierte.

Mit Begeisterung erzählte er manchmal von Höhlenbesuchen, die er zusammen mit P. Deitmer in Valkenburg und an anderen Orten durchführte und die seinem Interesse für naturwissenschaftliche Zusammenhänge entsprangen. In der Theologie sprachen Nikolaus besonders die Vorlesungen der Moraltheologie von P. Hürth an, weil sie die Fragen damaliger Zeit aufgriffen. An das Schlußexamen erinnerte sich P. Junk lebhaft, weil er gefürchtete Prüfer erhielt, diese Hürde aber sehr gut meisterte. Als P. Rabeneck ständig bohrend "cur" fragte, wußte sich P. Junk schließlich nur entwaffnend mit der Gegenfrage "cur non" zu wehren. Diesen Studien folgte 1932 das Terziat in Münster unter P. Walter Sierp, das P. Junk für sich als zu fromm empfand. Auch hier durfte er sich an der Universität in Physik und Philosophie immatrikulieren.

Im Herbst 1933 nahm er dann in Rom an der Gregoriana die philosophischen Studien auf, um bei dem niederländischen Mitbruder, P. Peter Hoenen, zu promovieren. Da unterschiedliche Ansichten, welche Studien unbedingt als Voraussetzung zu erbringen sind, sich ergaben - P. Junk betrachtete das Studium der Physik als Grundvoraussetzung - setzte er alles daran, schließlich von Rom wegzukommen.

Nach einem Jahr konnte er in Leipzig seine Spezialstudien fortsetzen. Anscheinend war die Universität Leipzig in den Naturwissenschaften noch nicht mit den Nationalsozialisten genehmen Professoren besetzt worden. So schätzte Nikolaus besonders die Professoren Debye und Heisenberg. Mit der Arbeit über die Bewegungslehre des Franz Suarez erwarb er 1937 in Leipzig die Promotion. Danach begann er an der Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt seine Dozententätigkeit in der Naturphilosophie. Seine Veröffentlichungen, so auch seine Habilitation - "Das Problem der Kausalität in der modernen Quantenphysik" (1941) - zeigen seine naturwissenschaftliche Ausrichtung. Anläßlich eines Gouter war ihm P. Koffler böse, weil er als zuständiger Scholastikerminister P. Futterer nicht gehindert hatte, P. Koffler in einer schauspielerischen Darstellung gekonnt nachzumachen. Erst als späterer Provinzial erhielt P. Junk von P. Koffler die Vergebung.

Aber schon 1944 änderte sich seine Tätigkeit wesentlich. Die Gesellschaft Jesu betraute ihn für sage und schreibe 22 Jahre mit Führungsaufgaben. Er war sowohl zweimal Rektor in Frankfurt als auch Provinzial der Niederdeutschen Provinz in Köln. Wer die schwere Zeit des Aufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg miterlebt hat, kann beurteilen, in welch schwierigen Jahren P. Junk seine Kräfte sowohl für Frankfurt als auch für die Provinz verbrauchen mußte.

So manche materielle und seelsorgliche Not konnte er mit seiner stoischen Ruhe und dem kühlen Verstand lindern oder sogar beseitigen. Immer wieder erfuhr er, daß trotz der beschränkten Mittel der Wiederaufbau der zerstörten Gebäude der Hochschule Sankt Georgen durch seinen nicht nachlassenden Einsatz gelang und ein geregelter Lehrbetrieb ermöglicht wurde.

Ein Herzinfarkt Anfang 1965 zwang ihn dann zu reduziertem Einsatz. Er widmete sich der Redaktion des Provinzblättchens, war als Spiritual und Beichtvater im Canisiushaus Köln bis 1985 tätig.

Ein vielbeachtetes Werk gelang ihm 1974 mit der Herausgabe von "Friedrich Muckermann, Im Kampf zwischen zwei Epochen, Lebenserinnerungen".

Seine Bindung an Geschwister, Verwandte und Heimat hat er nie abreißen lassen. So erfüllte es ihn mit Dankbarkeit, daß er nach Kriegsende, es war noch kein Postverkehr möglich, trotz der widrigen Umstände am 15. August 1945 die Trauung seiner Schwägerin Maria mit seinem Bruder Hubertus daheim halten durfte. In späteren Jahren - insbesondere nach seinen Erkrankungen - durfte er so manchen Urlaub in Siersburg verbringen.
Besonders getroffen haben ihn der Tod seiner Schwägerin Maria 1980, des Bruders Hubertus 1983 und seiner Schwester Felizitas 1987. Der Verlust dieser nahestehenden Menschen ließ ihn noch stiller werden und die Last der Altersbeschwerden schwerer tragen. Am 5. November 1987 mußte er ins Altenheim nach Münster umsiedeln, weil seine Kräfte doch so nachgelassen hatten, daß er ständiger Pflege bedurfte.

Bei allen Menschen, die P. Junk in seinem Leben begegneten, hinterließ er den Eindruck einer in sich gefestigten Persönlichkeit. Auf ihn war Verlaß und er wurde auch vielen zum Wegweiser. Seine außerordentliche Treue und Zuverlässigkeit sowie sein unerschütterliches Festhalten an einmal gefaßten Beschlüssen befähigten ihn zu dieser Standfestigkeit, die sich auch in einer Geradlinigkeit offenbarte. Sein feiner Humor wußte um menschliche Schwäche und Begrenztheit. Aufgrund seiner geistigen und menschlichen Fähigkeiten vertrauten ihm die Oberen Aufgaben an verantwortlicher Stelle an. Obwohl seine Neigungen ihm die Tätigkeit in den naturwissenschaftlichen Fächern nahelegten, übernahm er in selbstverständlicher Bereitschaft die ihm übertragene Verantwortung. So schreibt er 1962 einem Mitbruder: ..., "daß ich heute wieder meinen Nacken unter das Joch des Provinzialates gebeugt habe". Treu und zuverlässig waltete er seines Amtes, auch wenn von seinem Temperament her keine großen Impulse zu erwarten waren. Auch in der Erteilung von Erlaubnissen zeigte er sich nicht gerade übermäßig freigiebig. Aus dieser Zeit haftete ihm der Spitzname "Nikita" analog dem kurzen "Njet" des Nikita Chruschtschow an.

Andererseits überzeugte seine gediegene Frömmigkeit, die ein starkes und unerschütterliches Gottvertrauen kennzeichnete. Diese innere Haltung zeigte sich besonders in Hausunterrichten und im persönlichen Gespräch. Tiefen Eindruck hinterließen die Punkte, die P. Junk jahrelang an jedem Donnerstagabend vor dem Herz-Jesu-Freitag den Alumnen zu den Anrufungen der Herz-Jesu-Litanei gab. Seine Vorlesungen in Naturphilosophie fanden großen Anklang, weil sie lebendig waren und sich den Fragen der modernen Naturwissenschaft stellten. Allgemein wurde bedauert, daß P. Junk wegen seiner Aufgaben als Oberer diese Vorlesungtätigkeit nicht fortsetzen konnte.

Sein Urteil und vor allem seine absolute Diskretion erfreuten sich einer allgemeinen Wertschätzung. Was ihm einmal anvertraut wurde, das blieb bei ihm. Er hat sich rückhaltlos in die ihm übertragenen Aufgaben hineingegeben, ohne sich zu schonen. Mehr als der Außenstehende es vielleicht wahrnehmen konnte, mußte er sich immer wieder dazu durchringen, die ihm aufgetragene Verantwortung als Oberer zu übernehmen und zu tragen und auf die Lehrtätigkeit als Kosmologe, der seine eigentliche Neigung galt, zu verzichten.

Gerade auf diesem Hintergrund mag sein viel zitiertes Wort verständlich sein, auch wenn seine Umgebung es nicht allzu ernst nehmen mochte: "Herr, es ist genug!" Am 3. Januar 1988 erhörte ihn der Herr. An seinem Geburtstag haben wir ihn auf dem Friedhof von Haus Sentmaring zur letzten Ruhe getragen.

R.i.p.

P. Josef Ortscheid SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 1/1989-Februar, S.4ff