P. Karl Kertz SJ
* 2. Dezember 1901
13. März 1971

Unser Mitbruder Karl Kertz starb am 13. März 1971 in Münster, nachdem er die letzten Monate in völliger Blindheit verbracht hatte. Dreiviertel Jahr später hätte er mit uns sein Goldenes Ordensjubiläum feiern können.

Er wurde geboren am 2. Dezember 1901 in Buffalo, USA. P. Brosig, in Deutschland geboren, nach den Vereinigten Staaten ausgewandert, jetzt als Missionar in Rhodesien, hat ihn dort kennengelernt. Er schreibt darüber: "Wir kannten uns von Canisius Highschool her, das war Buffalo, N.Y., USA., zwar nicht in derselben Klasse; denn ich, als älteres Semester, ging meine eigenen Wege, auch zwei Jahre in Canisius-Kolleg, Buffalo, Freshman und Sophornore Class, Arts Course. Dann stellte sich heraus, daß Karl Kertz und ich nach 's Heerenberg gehen wollten. Da war eine Abschiedsfeier beim Papa Kertz, wo auch P. Bernhard Cohausz SJ dabei war, ein Priester, hochangesehen in der ganzen Stadt. Aus meinem Kurs an Canisius High School wurden aus ganzen 44 Schülern 20 Priester, darunter 12 Jesuiten, wenn ich nicht irre. Das läßt schließen auf den guten Geist und den Einfluß der alten deutschen Patres der "Buffalo Mission"... Papa Kertz war Herausgeber einer katholischen Wochenzeitschrift in Deutsch. Er trug einen deutschen Klassiker in seiner Tasche... So hatte (auch) P. Kertz eine gute Kenntnis der deutschen Sprache... Auf dem Schiff merkte ich bald: der ist imstande, to paddle his own canoe, d.h. den Kahn selber zu hantieren. Im Noviziat haben wir versucht, Partikularfreundschaft zu vermeiden, und nachher gingen unsere Wege weit auseinander... 1961 trafen wir uns in Büren. Es waren ein paar Tage froher Erinnerungen an Buffalo und die Patres SJ, denen wir so viel verdanken an Beispiel und Vorleben. Damals litt er schon an Zuckerkrankheit. P. Kertz als Priester ist keinen leichten Weg gegangen. Was er geben konnte, war echt und solid, wenn auch auf seine eigene Art."

Es ist eine Freude zu hören, daß auf Grund der Zusendung einer Liste mit den Namen und Daten sämtlicher Jubilare dieses Jahres die beiden Schiffsgefährten Brosig und Kertz nochmals in einen Briefwechsel eingetreten sind. Während Car. Kertz gleich vom Schiff ins Novizat ging und am 13. September die Schwelle des Hauses betrat, hatte P. Brosig noch einige Dinge in seiner schlesischen Heimat zu regeln, so daß er erst am 17. Oktober sein Noviziat begann.

Aus der Philosophie in Valkenburg (1923-26) ist ein lustig-ernstes Stücklein zu erzählen. Es war der 4. November, das Fest des hl. Karl Borromäus. Nun muß man wissen, daß unser Freund eigentlich auf den Namen des hl. Karl d. G. getauft war. Weil aber dieser nur in der Stadt Aachen und in der Diözese Osnabrück als Heiliger verehrt wird, wechselte Kertz auf den großen Bischof von Mailand über. So kam es, daß er mit den anderen Karlen in der Biologiestunde auf der Tafel verewigt wurde. Während nun Karl Frank der Professor, in der ganzen Provinz als Kilian bekannt, in herrscherlicher Würde auf dem kunstvollen Denkmal thronte, mußten die vier Scholastiker-Karle mit der Stellung von Wasserspeiern vorlieb nehmen. Und nochmals während Karl Brosig, Karl Klein und Karl Thielen tatsächlich zu sehen waren, stand über den vierten Wasserspeier nur der Vers vermerkt: Des Frater Kertz Bescheidenheit stellt packend dar die Hinterseit'. (Anm.: des Denkmals. Die Redaktion) Wir haben viel gelacht, aber ob nicht der Maler und Dichter etwas vorausgesagt hat, was das Tragische im Leben unseres unscheinbaren Mitbruders ausmachen würde?

Zwischen Philosophie und Theologie war Frater Kertz zunächst ein Jahr in dem Konvikt von Mariaschein in Böhmen. P. Karl Schüller wußte zu erzählen, daß Kertz die Jungen beim Schlafengehen zu beaufsichtigen hatte. Da soll er nun einmal gerufen haben: "Schnell, schnell, ins Bett gemacht!" Es ist zu vermuten, daß die Jungen ihren amerikanischen Präfekten alle richtig verstanden haben. Schon nach dem ersten Jahr kam er von da fort und half nun dem P. Urbany auf der Prokur im Aloisiuskolleg zu Bad Godesberg.

Seine Theologie studierte Frater Kertz wieder in Valkenburg (1929-33). Bei P. Hürth saß er in der ersten Reihe. Einmal verlangte der strenge Professor, der es aber selber faustdick hinter den Ohren hatte, von ihm eine Stellungnahme in einer bestimmten Frage. Frater Kertz neigte sich etwas nach vorn über, tat so, als ob er mächtig nachdächte, und nach langer Pause kam es aus ihm heraus: "Sonst hätte ich nichts." Das und manches andere reizte natürlich den P. Hürth zu einem Gegenschlag. Bei so etwas mochte er seine Zunge in die linke Wange und seine beiden Daumen in die Seitentaschen seines Gewandes Stecken. "Nun, Frater Kertz, wann wird denn eine Ordensschwester Kleriker?" Und jetzt war prompt die Antwort da: "Wenn sie die Tonsur bekommt." Sogar der alte Sünder Hürth mußte schmunzeln, aber Kertz hatte die Lacher auf seiner Seite.

Nach der Theologie das Terziat in St. Beuno's, North Wales. Hier ließ sich Kertz einen Bart stehen, wofür er nach heutigen Begriffen eigentlich schon zu alt war, und er sah entsetzlich aus. Aber er litt an einem Hautausschlag, oder ob er mit dem Schermesser zu ungeschickt umging? Im Terziat bekamen wir - amtlich - keine Zeitungen zu Gesicht. Das einzige Mal, daß uns sogar vom Lesepult im Speisesaal aus der Zeitung etwas dargeboten wurde, war das erste Auftreten des Loch Ness Monster.

Und damals trat Deutschland aus dem Völkerbund aus, gab es die Röhmaffaire usw. Doch nie hätte sich Kertz die Zeitung so clam heimlich unter die Bettdecke stecken lassen, wie das sein Mitterziarier aus der Niederdeutschen Provinz geschehen ließ. So also von allem Schädlichen behütet, kam Kertz 1934 in die Heimat Deutschland zurück. Für ihn waren es fünf Jahre als Missions-Vizeprokurator in Köln.

Bei Ausbruch des Krieges hatte sich Kertz nach Amerika abgesetzt. Wir haben in seiner kritzeligen Schrift die folgenden Angaben:

1939-45 Deutsch-Lehrer, Gonzaga University, Spokane, Wash.
1945-46 Magister, High School, Tacoma, Wash.
1946-47 Missionarius in Hays, Montana (Indianer-Mission, Dickbauchindianer).
1947-49 Deutsch-Lehrer, Canisius High School, Buffalo, N.Y.
Und dann kommt er nach Deutschland zurück.
1949-50 Prokur Residenz Hannover.
1950-51 Prokur, Beichtvater in Büren.
Bei erneuter Kriegsgefahr geht er nochmals nach Amerika.
1951-52 Deutsch-Lehrer, Woodstock College, Maryland.
1952-54 Deutsch-Lehrer, Novitiate, Wernersville, Pa.
1954-55 Spezialstudien (Mag. Artium Grad im Deutschen) Harvard University, Cambridge, Mass.

Das Folgende ist von anderer Hand hinzugefügt:
Jan. 59 Operarius in Büren.
69 Cur. ag. xenod., Conf. (Elisabethheim Roetgen, Krs. Monschau)
9.11.70 Altersheim Münster (fast erblindet).
13.3.71 Raphaelsklinik Münster, Sentmaring ... ausrücken fehlt

P. Bertus, sein Nachfolger in Roetgen, schreibt: "Er kam am 1.8.68 hier ins Haus; am 4.4.69 war die erste Blutung im Auge, und er kam schon erblindet ins Krankenhaus. Ein Vierteljahr vertrat ihn ein indischer Pater, der ihm Mut machte. Am besten kam er mit unseren Männern aus, die ihn sehr liebten, Sein Temperament hat ihm manche Schwierigkeiten bereitet, unter denen er litt. Es war für ihn eine schwere Zeit, bis es schließlich nicht mehr ging, und die Obern ihn auf die Krankenabteilung in Haus Sentmaring versetzten." Als es mit dem Zucker schon sehr schlimm stand, aber die Schwächung der Augen erst in den Anfängen steckte, machten wir einen Spaziergang miteinander bis zur nahegelegenen belgischen Grenze. Es war auffällig, wie freundlich er nach links und rechts grüßte, sogar in die offenen Fenster hinein. Eine ältere Dame, die im gleichen Heim wohnte, las ihm in den letzten Wochen täglich vor, und dann entwickelten sich Gespräche über das Gelesene. Wir wissen von einer anderen Quelle her, daß gerade diese Dame sehr darunter litt, daß P. Kertz fortkam, während sie selber in die Einsamkeit eines Menschen zurücksank, dem die Abwechslung eines Gesprächs mit Gleichinteressierten abgeht.

Für die letzte Zeit in Münster haben wir das Zeugnis des P. Jakob Müller: "P. Kertz kam am 9. 11. 70 nach Münster und wohnte neben mir, ein stiller, lieber Nachbar. Er war schon fast erblindet, konnte nur noch einen schwachen Schimmer sehen. Das Kreuz der Erblindung hat er sehr geduldig, ohne Klagen - nie hörte ich eine Klage - getragen, mannhaft, wie er selber ein ganzer Mann war. Es war grüner Star und Netzhautablösung. Er ging zweimal täglich mit Br. Derichs in den Park. An mehreren Tagen, wie es scheint nach Plan, ließ er sich von mir in die Erholung führen, abwechselnd mittags und abends, bis er zu schwach geworden war. Abends, vor dem Essen, kam er zur bestimmten Stunde auf mein Zimmer. Dann bat er mich, ihm aus der Hl. Schrift, Johannesevangelium, Apostelgeschichte vorzulesen, und Predigten von Kardinal Newman. Hl. Messe hat er täglich, immer mit sehr großer Andacht, gefeiert; ich holte ihn dazu um 9 Uhr ab; bis dahin saß er, nach seinem Morgenkaffee, betend im Sessel. Die Gebete zur Opferung, Kanon und Kommunion betete er lateinisch auswendig, mit größter Andacht, die mich immer sehr erbaute. Die anderen Texte betete ich ihm vor. Es war für mich immer eine ergreifende Stunde. Am 3.3. war seine letzte Zelebration. Von da an kam er noch einige Tage zu meiner hl. Messe, die ich um 17 Uhr für die Kranken feierte, und empfing die hl. Kommunion immer mit größter Andacht. Nach einer solchen hl. Messe, am 8.3., kam er ins Krankenhaus wegen innerer Blutungen. Dort ist er am 13.3., abends gegen 20 Uhr, gestorben. Er starb früher, als man erwartet hatte. Tags zuvor hatte er morgens um die hl. Ölung gebeten, die ihm P. Altefrohne spendete. Schmerzen scheint er nicht mehr gehabt zu haben. Trotz mehrmaliger Bluttransfusionen war er nicht mehr zu retten. In den letzten Stunden sprach er englisch."

Wir schalten noch einmal zurück auf die Bürener Zeit. P. Wersdörfer berichtet: "P. Hörder hatte ihn, die genauen Daten sind mir nicht präsent, nach Büren eingeladen bzw. für unser Kolleg vorgeschlagen, daß er hier Englisch gebe. Doch darin war er überfordert. Er sagte mir einmal, daß er für eine Unterrichtsstunde, wenn mich mein Gedächtnis nicht täuscht, 20 Stunden Vorbereitung benötige. Seine Stärke lag auf einem anderen Gebiet: er war in unserer Kirche jahrelang ein treuer und geschätzter Beichtvater. Br. Wintgens sagte mir heute mittag, daß man ihn nach seinem Weggang sehr vermißt habe, und berief sich dabei auch auf eine Äußerung von unserem Herrn Dechant. Alles, was P. Kertz anfaßte, tat er mit einer geradezu ängstlichen Gewissenhaftigkeit. Die Predigten wurden sorgfältig schriftlich ausgearbeitet; zuletzt hatte er sie vorgelesen. Die Leute horten ihn gern. Kontaktfreudig und jovial, wie er war, konnte er auf seinen Spaziergängen auch Unbekannte ansprechen und in ein Gespräch verwickeln. In der Erholung durfte allerdings in seiner Gegenwart keine ungünstige Äußerung über die USA fallen. Da war er empfindlich. Trotz seines körperlichen Leidens war er stets freundlich und guter Dinge. Wenn auch sein Legen arm war an äußeren Erfolgen, seine stille, treue Arbeit und sein geduldiges Kreuztragen wird ihm der Herrgott sicherlich lohnen!"

Soweit die Mitbrüder, die hauptsächlich mit ihm zusammen waren. Für den 15. März hatte ich meinen Besuch in Haus Sentmaring angemeldet. Meine Absicht war, die Kranken und besonders meinen Mitnovizen Kertz zu sehen. Ich hatte noch in Hamburg die zufällige Mitteilung von P. Tophinke erhalten, man habe ihn mit inneren Blutungen ins Krankenhaus eingeliefert. Als ich in Münster den Bahnhof verließ, kam mir der Gedanke: er wird tot sein. An der Pforte war meine erste Frage: Was ist mit P. Kertz? Er liegt in einer Seitenkapelle der Krypta aufgebahrt. Da lag er friedlich im offenen Sarg: sein Gesicht war etwas verändert.

Das Requiem in der neuen Kapelle des Hauses hätte am folgenden Tage nicht schöner sein können. Mit dem Hauptzelebranten, P. Altefrohne, konzelebrierten mehrere Mitbrüder die hl. Messe. Wir bemerken nur, daß drei amerikanische Mitbrüder-Studenten, seine Landsleute, darunter waren. Von auswärts hatte nur P. Pohlmann aus Aachen, dessen Haus der Verstorbene in Roetgen zugeteilt gewesen, kommen können. Die Post hat offenbar die Auslieferung der Totenbriefe wegen der Tage Sonnabend und Sonntag nicht rechtzeitig besorgen können. War also unsere Schar klein, so war die Beisetzung doch eindrucksvoll. Wer von den Kranken überhaupt dabei sein konnte, der eine am Stock, der andere unter sichtbaren Mühen, war auch zugegen.

Eines der schönsten Gedichte englischer Sprache ist das Sonett Miltons "On His Blindness", Der Dichter wurde mitten aus einer bedeutenden Tätigkeit herausgerissen, und nun fragte er sich vor Gott, ob der Herr noch Tagesarbeit von ihm verlange, wo ihm doch das Tages-LICHT versagt sei. Da steht die GEDULD neben ihm und spricht: God needs not man's work. Er hat tausende von Geistern zu seiner Verfügung, die auf sein Geheiß hin die Himmel und alle Räume der Welt durcheilen. Auch die tun ihren Dienst vor Gott, die bloß in der Ecke stehen und warten. They also serve Who only stand and wait. Ob unserem Mitbruder, der in den letzten Stunden englisch sprach, diese Worte, die er auswendig kennen mußte, vor der Seele gestanden und ihm Trost zugebracht haben? Aber vielleicht galt dieses "Who only stand and wait" schon von seinem ganzen Leben, und da hat er, P. Karl Kertz, unausgesprochen, das Geheimnis seines Daseins mit ins Grab genommen.

Auf den Totenzettel hat man ihm geschrieben: Wir werden Gott schauen, wie er ist (1 Joh 3, 2). Zu diesem Schauen brauchen wir die Augen des Körpers nicht.

R.i.p.

P. Heinrich Huthmacher SJ

Aus der Provinz, Nr.4, Mai 1971, S.87ff