Bruder Adolf Kindler SJ
8. November 1955 in Münster i. W.

Am Feste der hl. Könige 1874 kam in Libau in Schlesien bei der Familie Kindler ein kleiner Junge an. In der Taufe erhielt er den Namen Adolf. Die Umgebung einer frommen Familie vermittelte ihm den besten religiösen Anschauungsunterricht. In der Schule war der kleine Adolf helle wach. Nach Beendigung der Schulzeit kam er in die Schreinerlehre, Ob es seine eigene Neigung oder der bestimmende Rat der Eltern war? Jedenfalls beschloß er seine Lehrzeit mit der zünftigen Gesellenprüfung. Das Gesellenstück bestand in einer Kommode aus Kirschbaumholz. Seine Handwerksfreude und sein Handwerksstolz erhellen daraus, daß er immer noch gerne und ausführlich von seinem Gesellenstück erzählte. Als echter Kolpingssohn ging er auch "auf die Walz". Die Wanderschaft ging quer durch Deutschland, bis an den Rhein und weiter bis in die Schweiz und Österreich, wo er am Ende seiner Wanderstraße in Feldkirch (Vorarlberg) im Jesuitenkolleg Arbeit annahm. Sein Mitgliedsbuch, in dem die Orte seiner Wanderschaft verzeichnet sind, ist leider nicht mehr da. Aber etwas Köstliches haben wir darüber von ihm selber erzählt. Zur ordentlichen Wanderschaft, meinte er, gehöre auch die Pfeife. Dazu leistete er sich für 20 Pfennige Tabak.

Mit dem Ende der Wanderschaft stand er auch an der Wende seines Lebens "in der Welt". Von Feldkirch trat er am 30. Sept. 1897 in das Jesuitennoviziat zu Tisis ein. Er kam gerade recht, um die Brüder bei den Schreinerarbeiten des neuerrichteten Noviziatshauses tatkräftig zu unterstützen. Über seine Noviziatszeit ist nichts Besonderes bekannt. Das Einfinden in neue Verhältnisse und die Gewöhnung an Menschen anderen Schlages waren ihm ja von der Wanderschaft her nicht mehr all zu neu. Gegen Ende des Noviziates wandert er wieder und es ging nach Holland. Im Ignatiuskolleg Valkenburg bekam er eine Beschäftigung im Refektor. Danach steht hinter seinem Namen (1900), daß er auf der Wäschekammer hilft. Dann wechselt er wieder und diesmal wird er Gehilfe in der Küche. Für diese Beschäftigung hatte er ein besonderes Interesse, und er äußerte sich auch, daß er ganz gerne als Koch in einer kleinen Küche hantieren möchte. Zwischendurch ist er für ein Katalogjahr in Aalbeek als Lampedarius, dazu ist ihm die Sorge für die Maschinen anvertraut. Aber dann wechselt er wieder in seinen erlernten Beruf, die Schreinerei. Von hier aus geht's ins Luxemburger Ländchen ins Schriftstellerheim, um sich hier vielseitig zu betätigen. Außer der Schreinerei ist er auf der Wäschekammer. besorgt die Gäste und die Kranken dazu. Wie er das gemacht hat, darüber sagt der Katalog von 1903 nichts. Das beweist aber, daß Br. Kindler nicht einspurig war und etwas von guter Art besaß, die darin besteht: "sich brauchen lassen".

Jetzt ging's wieder nach Valkenburg in die Küche als Socius. Einige Jahre später konnte er wieder eine größere Reise machen und zwar nach Aarhus auf Jütland (Dänemark). Die vier Brüder waren sehr verschieden beheimatet: Schlesien, Rheinland und einer in Dänemark. Aber die Temperamentseigenarten müssen sich sehr gut ergänzt haben. Für ihn war es ja auch die gewünschte kleine Küche. Jeder hatte sein gerütteltes Maß Arbeit, deren Mühe und Gnadenverdienste dem langsam wachsenden Stützpunkt katholischen Lebens im evangelischen Norden galten, wenn auch die sichtbaren Erfolge oft mager waren.

Der Krieg brachte ihn nach Deutschland zurück. Das Kriegshandwerk ausüben, behagte ihm nicht. Er wollte ja keinem etwas zuleide tun und erst recht keinen töten. Aber Dienstobliegenheiten und Pflichterfüllung waren ihm auch hier Gewissenssache. Er erzählte vom Grabenkrieg im Elsaß, wie er in einer Nacht im heftigen Artilleriefeuer gelegen habe, so daß er nachher nur noch in einem Granattrichter Schutz fand. Als der Offizier von der Runde am andern Morgen in die Stellung kam mit der Bemerkung: "Es ging ja lebhaft her heute Nacht", da brauchte er nur auf die Einschläge rundum zu zeigen, das war Meldung genug. Auf die Dauer war er natürlich bei seinen Kameraden durch seine Haltung nicht mehr unbekannt, besonders durch seine hilfsbereite Kameradschaft in der Kompagnie geschätzt und beliebt. Das Gewehr betrachtete er als Mordinstrument, und mit solchen Dingen spielt man nicht. Wenn er gefragt wurde, wieviel Feinde er erschossen habe, antwortete er prompt: "Keinen, denn ich habe nie geschossen." Dann erzählte er folgendes Erlebnis: "Einmal sagte mir mein Feldwebel: 'Kindler, Sie müssen im Krieg doch auch mal geschossen haben.' Mit einem wohlgezielten Schuß nach oben kam ich dem Wunsche nach." Der Schlußsatz im Militärpaß lautete: Führung: gut; Strafen: keine. Orden und Ehrenzeichen: E. K. II. Kl. Bei der Verleihung des Eisernen Kreuzes sagte ihm der Hauptmann: "Wegen treuer und pünktlicher Dienst- und Pflichterfüllung überreiche ich ihnen hiermit das Eiserne II. Klasse."

Nach Beendigung des Kriegsdienstes, kam er in die Aachener Residenz als Koch. Hilfsbereit, wie er immer war, erklärte er sich bereit wegen eines für die Nacht angemeldeten Gastes aufzubleiben, um ihn einzulassen. Es wurde später und später. Die Müdigkeit übermannte seinen guten Willen. Trotz Hausuhr und Hausschelle fiel er in einen tiefen Schlaf. Als er vom Uhrenschlag erwachte, da war es soweit, zum Angelusläuten gerade die rechte Zeit. Noch ein Erlebnis. - Gewohnheitsmäßig legte er am Abend schon das Holz zum Anfeuern für den nächsten Morgen in den Ofen. Er setzte sich auf die noch warme Ofenplatte; denn man liebt doch ein warmes Plätzchen. Vermutlich war aber noch ein Glutrest darin. O, Schreck! Das Holz fing Feuer, und bald war die Platte so heiß, daß er es auch fühlte und schon den Brandgeruch wahrnahm. Schnell lief er an die Wasserpumpe. Ein paar kräftige Pumpenschläge ergossen einen löschenden und kühlenden Wasserstrahl auf die Sitzfläche. Die Gefahr war gebannt, der Schaden nicht überwältigend, doch der Spott blieb nicht aus; denn liebe Mitbrüder waren Zeugen dieser Affäre. Doch sein Humor überwandt alles.

Im Sommer 1920 übernahm P. Borka in Gävle in Schweden eine Pfarrei. Br. Siehoff aus Kopenhagen sollte mit dorthin. Aber es wurde ihm schwer. Da meldete sich Br. Kindler für den Außenposten. Als einziger Bruder oblagen ihm alle häusliche Sorge und die Küchenarbeit. Nun muß man sich das einmal vorstellen. In der Arbeit auf sich allein gestellt zu sein, war keine Schwierigkeit. Wegen der großen Ausdehnung der Pfarrei war der Pater oft tagelang unterwegs, anfänglich kamen noch die Schwierigkeiten mit der fremden Sprache dazu. Im hohen Norden sind dann noch im Winter die langen Nächte um die Sonnenwende, so daß es kaum Tag wird. Diese Einwirkungen auf das Gemüt würde mancher kaum überwinden. Doch gegen all dieses hatte er ein Mittel: dauernde Beschäftigung. Während der Abwesenheit des Paters wurde geschreinert und angestrichen. Anstreichen war für ihn eine besondere Freude. Bisweilen stimmten seine Renovierpläne mit den Reiseplänen des Paters nicht überein. Nicht nur hierin, auch anders fand er sich mit den gegebenen Verhältnissen zurecht. Vor allem wußte er die Zuneigung der Leute zu gewinnen. Ja, er bekam in den Geschäften Vorzugspreise.

Ein schöner Kuchen gibt Sonn- und Festtagen auch die entsprechende Note. Ihm gelang in seinem Ofen nur ein gewöhnlicher Kaffeekuchen und die Kosten für eine Torte wollte er von seinem Hausgeld nicht wagen. Er verstand es aber, dem Pater die Idee schmackhaft zu machen und den Betrag dafür zu entlocken. Und das erhöhte beider Freude.

Für Heilkräuter hatte er großes Interesse, er kannte sie mit Namen. Verschiedentlich brauchte er auch die botanischen Namen, ob das die Heilkraft verstärken sollte? Für manche Krankheit wußte er das entsprechende Kraut. Wenn er jemand damit helfen konnte, war es für ihn immer eine Freude. Im Übrigen war es ein Mittel, mit Leuten Verbindung anzuknüpfen. Durch seine immer offene, höfliche und liebenswürdige Art hatte er viele Bekannte und Freunde. In diesen Kreisen war er bald beheimatet. Trotzdem ihn keine Langeweile plagte und er sich gut selbst unterhalten konnte, mußte er doch auf die Dauer den Ausgleich einer Kommunität sehr vermissen. Unangenehme Eindrücke und manche Spannungen mußte er allein verarbeiten und gerade das Kräutlein "Vergessen" konnte er schwer finden. Wenn das Übel öfter auftauchte und länger dauerte, war die beste Erleichterung, sich mal Luft zu machen. Er konnte dann sagen: "Ihr Patres habt es leicht. Wenn es mal eine Spannung gegeben hat, geht der Pater nach Stockholm beichten, der Bruder aber soll auch das noch bei ihm beichten."

Vielleicht erklärt es sich auch daraus, daß er nach einer gewissen Zeit gern den Platz wechselte. Aber er hatte so sein Zeitmaß. Als er seine Zeit in Gävle überschritten glaubte, machte er R. P. Provinzial darauf aufmerksam. P. Socius meinte, die Patres hätten ja gewechselt. Darauf Br. Kindler: "Das gilt nicht, Sie und P. Provinzial sind auch froh, wenn ihre Zeit um ist." Nach einiger Zeit ging dann auch sein Wunsch in Erfüllung. Nun hatte er "eine andere Tapete". Er mußte neue Verbindungen anknüpfen und sich mit einem neuen Herd vertraut machen. Aus seiner Zeit in Forsa wird folgendes erzählt: Bei der Provinzialvisite bereitete er ein Duplex. Nur wußte er nicht, daß R. P. Provinzial Klein vieles nicht vertragen konnte. Er brachte sein prächtiges Diner zu Tisch. Aber o Schreck, schon zu Anfang mußte P. Provinzial verzichten, dann ein zweites Mal, ein drittes Mal. Man konnte doch die guten Sachen nicht verderben lassen und er war der letzte und sorgte für den Konsum.

Doch als er in Forsa richtig zu Hause war, wurde die Station aufgegeben. Sechzehn Jahre war er in Schweden und hatte das schwedische Bürgerrecht. Nun ging's wieder nach Deutschland. Seine erste Station war Dortmund. Nach einem Jahr ging's weiter nach Münster. Dann hieß es wiederum wandern. In Aalbeek führte er die Küche und braute auch hier heilsame Kräutergetränke. Die Kräuter suchte er selbst. Er zog an Sonntagen schon früh los durch Felder, Wiesen und Wald auf Teesuche. P. Minister hatte Schwierigkeiten wegen des alleinigen Ausganges. Auf die etwas mißtrauisch klingende Ermahnung entgegnete er: "Wenn ich hätte Dummheiten machen wollen, hätte ich in Schweden viel mehr Gelegenheit dazu gehabt."

Das bewies seine Treue gegenüber den Verpflichtungen der Gelübde. Durch seine Kräutersammlung kam seine Naturverbundenheit zum Ausdruck. Seine besinnliche Art schildert die oft wiederholte Äußerung: "Drei Dinge sind mir besonders lieb, die Sterne, die Blumen und besonders die Kinderaugen. Darüber möchte ich gerne einmal predigen."

Von der Nazi- und Kriegszeit blieb auch er nicht verschont. Nach der Vertreibung aus Holland kam er auf Umwegen nach Essen. Neben seinem eifrigen Ministrieren bei der hl. Messe ist von ihm noch folgende Begebenheit in Erinnerung. Durch einen undichten Gashahn auf seinem Zimmer trat eine lebensgefährliche Gasvergiftung ein, so daß ihm die letzte Ölung gegeben wurde. Die Abwehrbewegung des Körpers gegen die Vergiftung durch Schnaufen und Blasen des benommenen Kranken wurde die hl. Handlung sehr gestört, die dadurch einen tragischkomischen Verlauf nahm.

Als die Gestapo nun auch hier in Essen "aufräumte", fand er Unterkunft in Essen Stoppenberg in einem Krankenhaus. Müßig konnte er nicht sein, so machte er sich in der Küche und durch sonstige Arbeiten nützlich. An Sonntagen ging er meist in die Residenz, in der Freiligrathstraße, wo für die Pfarrei noch einige Patres und Brüder waren. Hier erlebte er an Sonntag Lätare, 11. März 1945 den Bombenangriff, dem auch das Ignatiushaus zum Opfer fiel. Wenn er sich auch wohl fühlte in Stoppenberg, denn man hatte den alten Bruder gern, wollte er doch lieber wieder zurück zur Gemeinschaft.

In Dortmund sollte er 1945 die Küche übernehmen, doch dieser Aufgabe war er nicht gewachsen, weil seine Gesundheit in dem Trümmerloch, zu einem solchen war das Dortmunder Haus herabgesunken, nicht standgehalten hätte. Daß er nun keine Küche mehr führen konnte, war für ihn ein großer Schmerz. Nun kam er nach Münster.

Hier half er, wo es nur zu helfen gab. In den letzten Jahren war er ein treuer "Wegbereiter". Er meinte oft, daß die Patres viel besser und mit mehr Freude ihr Brevier beteten, wenn die Wege im Park sauber seien. Aber sein Augenlicht nahm stetig ab, so daß er auch diese Arbeit kaum noch verrichten konnte, aber er nahm immer noch am Gemeinschaftsleben teil. Nun war seine Bleibe sehr viel in der Kapelle. Daß er immer gebetet hat, war so selbstverständlich, daß darüber kaum gesprochen wird. Wenn man den Bruder suchte, ging man zur Kapelle, und da fand man ihn. In seinem Beten dachte er so wenig an sich selbst wie in seinem sonstigen Leben. Er machte immer Gebetsreisen um den Erdball herum für alle Anliegen des Reiches Gottes. Mit dem Namen Br. Kindler verband sich die Vorstellung von Arbeit, Gebet, Hilfsbereitschaft und Zufriedenheit, obwohl er auch das Verkehrte unbeirrbar kritisieren konnte. Fragte man ihn nach seinem Befinden, so sagte er: "Des Häusle fällt bald z'samme." So die Zukunft ruhigen Auges anschauen, das konnte Br. Kindler wie vielleicht wenige andere. Das ist eine Haltung, die von tiefer Frömmigkeit und Gottverbundenheit unterbaut ist.

In den letzten Monaten bekam er ein offenes Bein, so wurde das Gehen immer beschwerlicher. Am Alfonsfest war er noch in der Erholung und feierte das Goutêr mit. Aber der Rückweg zu seinem Zimmer war schon mühevoll. Am Allerheiligenfest ging es besser. Nicht zur gemeinsamen Erholung gehen zu können war ihm ein Opfer. Am Allerseelentag besuchte er noch drei hl. Messen, aber man mußte ihn nach denselben fast auf sein Zimmer tragen. Jetzt kam er aufs Krankenzimmer. Sein Bein verschlimmerte sich so, daß er nicht mehr aufstehen konnte. Dankbar für jeden Liebesdienst, war er ein zufriedener Kranker. Am 8. November, seinem Sterbetag, konnte er noch seinen Heiland empfangen. Gegen alle Gewohnheit betete er das Confiteor nicht mehr laut mit. Stündlich ließen seine Kräfte nach. Bis gegen Mittag betete er noch viel mit den Tertiarierpatres, die ihm vorbeteten. Nachmittags reagierte er nicht mehr. Langsam erlosch sein Lebenslicht. Gegen Ende der Litanei 19.30 Uhr hauchte er unmerklich seinen Geist aus. Gerne wäre er am Feste Allerheiligen der Gesellschaft gestorben, aber so war es der Oktavtag von Allerheiligen.

Br. Kindler war fast zehn Jahre in Münster, und es werden wohl 10.000 hl. Messen sein, denen er in dieser Zeit ministriert hat. Drei war das Mindestmaß. Zu seiner Freude hat er es bis auf 75 gebracht. Zu jeder Zeit war er für diesen Dienst bereit. Über 70 Jahre war er Ministrant. Als Junge in der Heimat war er als Ministrant mit seiner Mutter oft die einzigsten Kirchenbesucher, dann als Kolpingssohn, und bald 60 Jahre in der Gesellschaft. Gewiß ein Vorbild für alle Ministranten. Kam man gelegentlich aufs Sterben zu sprechen, so meinte er: "Bei mir aber bitte alles ganz einfach machen! Den einfachsten Sarg, wenn es geht, ungehobelte Bretter!" Aber er bekam alles so schön und er lag aufgebahrt, wie noch keiner hier. So wird die Bescheidenheit schon hier belohnt. Die Tertiarier sangen ihm am Vorabend des Begräbnistages das Totenoffizium, ebenso beim Requiem und Begräbnis. Einige sagten, so feierlich hätten sie noch kein Begräbnis bei den Unsrigen gesehen. Solcher Ehre ist wert, den der König ehren will (Esther 6, 11).

R.i.p.

Bruder Josef Fix SJ

Mitteilungen 116, S. 611-615