Bruder Martin Kirch SJ
9. Januar 1965 in Ascheberg

Auf Gut Weinert, eine Wegstunde von Heimbach (Krs. Schleiden), wurde Martin am Nikolaustag 1903 geboren (6. 12. 1903). Er war das neunte von dreizehn Kindern, sieben Jungen und sechs Mädchen. Zwei seiner Schwestern starben schon im frühen Kindesalter. Er wuchs in einer soliden Bauernfamilie auf. Außergewöhnliches ist aus seiner Jugendzeit nicht bekannt. Nun, er war ja auch wie die anderen einer in der Reihe und alles andere als verwöhnt. Der Vater ging gerne auf Jagd, und die Jungen haben das Schießen auch mal heimlich mit Angst und Spannung versucht, allerdings ohne Glück und ernsten Unfall. Sicher gab es noch manch anderes Erlebnis, das nicht wie heute beim Einzelkind notiert und fotografiert wird. So hat er sich schlecht und recht durch die Schulzeit geschlagen und war nicht das Schlußlicht in seiner Klasse. Das wäre seiner Ehre zu nah' gegangen. In der Nähe von Gut Weinert lag das Trappistenkloster "Maria Wald". Hier verbrachte Martin manche Stunde, wenn er von der Schule frei war und zu Hause nicht benötigt wurde.

Nach seiner Schulzeit arbeitete er zwei Monate in einem Lohndreschbetrieb, dem er auf "Mariawald" schon zugesehen und geholfen hatte. Seine Meinung, hierbei die Schlosserei erlernen zu können, stellte sich als zu optimistisch heraus. In der Zwischenzeit versuchte er es in Floisdorf, etwa zehn Kilometer weiter, mit der Schreinerei, aber auch das schien ihm nicht das Richtige zu sein. Dann machte er aber die Bekanntschaft mit einem Anstreicher aus Eichs und glaubte nun das ihm entsprechende Handwerk gefunden zu haben. Die Eltern gaben ihm Ratschläge und Ermahnungen mit auf den Weg. An den Sonntagen kam er nach Hause oder ging zu seinen Freunden unter den Patres und Brüdern von "Maria Wald". Von Eichs aus wechselte er zu einem Anstreicherbetrieb in Düren. Doch nach einem halbjährigen Stadtbetrieb zog es ihn wieder heim nach Mariawald, wo er nun als Anstreicher weiterarbeitete. Alle Meister, bei denen Martin sein Handwerksglück versuchte, ließen ihn nur ungern wieder ziehen, hegten sie doch wegen seines guten Willens die besten Hoffnungen für ihn. Bei den Trappisten war der P. Prior ihm besonders gewogen und unterhielt sich gerne mit Martin in der heimatlichen Mundart.

Der Vers aus Webers "Dreizehnlinden": "Geh in's Kloster, lieber Junge, Mädchen lieben bessre Farben!", den der Prior ihm manches Mal zitierte, hat ihn möglicherweise nachdenklich gemacht. Ja, man erzählte sich von einer heimlichen Liebe Martins. Zum Erfolg hätte es geführt, hätte er, hätte sie sich nicht geniert. Die Flamme loderte nicht, beide fanden nicht das zündende Wort. - In dieser Zeit traten zwei seiner Schwestern bei den Salzkottener Franziskanerinnen ein. Auch bei Martin reifte so der Entschluß ins Kloster zu gehen. Die Trappisten rieten ihm zu den Jesuiten.

Im Januar 1924 reiste er nach 'sHeerenberg ins Noviziat. Klosterluft konnte für ihn eigentlich nichts Neues sein, dennoch verursachte ihm die andere Umgebung eine gewisse Beklommenheit. Doch wich sie sofort, wenn er von sich, dem "Bauernjung aus der Eifel", sprechen konnte. Dann verlor er die Unsicherheit, wenn auch mit einem Unterton von Minderwertigkeitsempfinden. Bald hatte sich Martin in den Kreis der Postulanten eingelebt; seine frische, unkomplizierte Eifeler Bauernnatur wurde ein beliebtes Glied in der Gemeinschaft. Den Übungen des Noviziats hat sich Martin mit Eifer hingegeben, oft mit Übereifer. Es fiel ihm auch nicht schwer, sich in die verschiedensten Beschäftigungen zu finden.

Vom schönen 'sHeerenberg wurde er nach Valkenburg versetzt, um in der Anstreicherei zu helfen. Ein Jahr später reist er in die Mainstadt Frankfurt, in das neu erstehende St. Georgen. Seiner Sorge werden der Speisesaal, die Kranken, die Mundiz und die Angestellten anvertraut. Dieser Fülle von Aufgaben, hat sich Br. Kirch mit dem ihn kennzeichnenden Feuereifer gewidmet.

Viele Alumnen nannten ihn den "Sub-Subregens", weil er mit Ratschlägen und Ermahnungen nicht sparte, aber auch aus mancher Verlegenheit zu helfen wußte. Im folgenden Jahr war die Ämterliste des "Vielbeschäftigten" verkürzt: Nun war er Mundizpräfekt und hatte die Aufsicht über die Angestellten. Er selbst erinnerte sich später mit nicht geringer Zufriedenheit an diese seine Pionierarbeit in St. Georgen.

Vom Frühjahr 1930 lebte Bruder Kirch für zwei Jahre in Saarlouis. Er arbeitete dort in der Sakristei und im Refektor.

Die Herrlichkeit von Saarlouis mußte er 1932 mit dem Refektordienst in Valkenburg vertauschen. Die Refektorarbeit wird vielfach als "leichte" Arbeit, ohne besondere Probleme angesehen. In Wirklichkeit ist es aber gewöhnlich eine Tretmühle, die einen starken Mann erfordert. Zudem wissen die alten Valkenburger, welche Unsumme täglicher Kleinarbeit gerade im Ignatius-Kolleg von dem Refektorier gefordert wurde. Der Martin hat das geschafft. Neben der laufenden Arbeit gab er sich daran, den nicht gerade gut gepflegten Fußboden des Speisesaals durch Anstrich und Bohnern wieder geziemend herzurichten: ein Erfolg seines Fleißes, worauf er allerdings nicht wenig stolz war. Br. Kirch konnte in der Zusammenarbeit oft heftig werden, dann verdoppelte sich sein Arbeitsschwung. 'Aber nicht lange konnte er einem gram bleiben. Umgekehrt nahm man es ihm nicht so leicht übel, wenn ihm "der Kragen platzte". Nach vier Jahren gab er den "Hotelbetrieb" auf und übernahm die Mundiz. Diese wenig "erfolgreiche" Arbeit kostet Mühe und Selbstverleugnung. Die meisten nehmen sie wie selbstverständlich hin, schlimmer, wenn Mitbrüder den mangelhaften Zustand einer Fensterscheibe z. B. dann mit kritischem Bemalen feststellen müssen. Wie wenig "erhebend" dies wirkt, kann man sich leicht denken. Doch mit Fleiß und Ehrgeiz hat der Martin mit anderen Brüdern sein Revier Jahre hindurch bearbeitet. Die alten Valkenburger wissen von der Arbeitsleistung der Brüder mit Respekt zu erzählen.

Die Eintönigkeit des Kolleglebens sollte bald unterbrochen werden. Die politischen Verhältnisse in Deutschland bewirkten Finanzschwierigkeiten, und beim Einmarsch der deutschen Truppen nach Holland wurde auch das Ignatiuskolleg betroffen.

Im Juli 1942 verfügte die Gestapo die Aufhebung des Kollegs. Binnen weniger Stunden hatten sich alle marschbereit zu machen. Aachen war das erste Marschziel, und bis zur weiteren Bestimmung fanden die Obdachlosen dort Unterkunft im Priester-Seminar und im Krankenhaus in AachenBurscheid. Br. Kirch und Br. Wintgens wurden dem Lourdesheim bei Aachen zugeteilt. Unser Martin stürzte sich gleich - wie nicht anders zu erwarten - fest in die Arbeit. Beim Bau eines Gewächshauses half er mit, besorgte die Verglasung und den Anstrich. So hatte er sich gut eingeführt. Wie sehr die Schwestern seine Hilfe schätzten, zeigte sich, als er nach etwa einem Jahr nach St. Georgen (Frankfurt) abberufen wurde. Er selbst hatte sich aber auch warm und wohl in seinem neuen Nest gefühlt.

In Frankfurt erwartete ihn kein erfreulicher Anblick. Der sogenannte Neubau beherbergte ein Hilfskrankenhaus, die Unsrigen wohnten beengt im Lindenhaus, und eine Verbesserung der Verhältnisse war noch nicht abzusehen. Die nächtlichen Fliegerangriffe mehrten sich. Trotz dieser mißlichen Verhältnisse brachte Bruder Kirch es aber fertig, die Kapelle immer mustergültig sauber und in Ordnung zu halten. Nebenher half er in der Küche. Außerdem trieb er mit großem Geschick für das Haus Lebensmittel und andere Sachen auf - er konnte unverfroren betteln.

In der Nacht vom 3. auf den 4. Oktober 1943 erlebte er einen Großangriff auf Frankfurt, bei dem St. Georgen arg mitgenommen wurde. Überall im Haus gab es Reparaturen zu machen. Das Ende der Schrecken wurde der letzte große Angriff vom 19. März 1944: St. Georgen war nun nur noch eine Ruine. Professoren und Scholastiker mußten nach Marienstadt im Westerwald umziehen, denn in Frankfurt war die Fortsetzung des Studiums unmöglich geworden. Aber eine Anzahl Brüder blieb mit P. Josef Hoffmann zurück, unter ihnen auch Br. Kirch. Sie haben noch manche durchwachte und aufregende Nacht erlebt.

Nach dem Einmarsch der Amerikaner, vor Ostern 1945, konnte man zwar mit dem Wiederaufbau beginnen, aber die Materialknappheit erschwerte vieles. Unser Martin setzte sich mit seinem sanguinischen Temperament überall ein, wenn er auch dabei manchmal über das Ziel hinausschoß. Mit der Bemerkung: "Aber es war doch juut jemeint!", war bei ihm und den anderen bald wieder alles im Lot, bis zum nächsten Mal. Viele Mitbrüder erinnern sich des Arbeitseifers und seiner Sorge, daß doch ja nichts vom Material verschwendet oder gestohlen werde. Gottesfürchtig und bezwingend verstand er es, auch die Alumnen zur Mithilfe einzuspannen - sein Feuereifer riß alle mit.

Es wäre noch viel in St. Georgen zu tun gewesen, aber 1948 versetzten die Obern Br. Kirch nach Essen. Seiner Sorge wurde die Hausreinigung übergeben. Seinem Temperament entsprechend ging er mit Volldampf an die Arbeit mit dem Erfolg, daß ihm der Dampf ausging und er notgedrungen eine Pause einlegen mußte. Das schnelle Ermüden haben nicht alle verstanden. In späteren Jahren unternahm er auf Br. Hafkemeyers Rat hin eine Heilfastenkur, die er entsprechend seiner Veranlagung mit aller Energie durchführen wollte. Br. Hafkemeyers und Br. Kirchs Eifer war allerdings nicht sehr erleuchtet. Die angestrengte Arbeit im Haus vertrug nicht dieses Heilfasten. Bald zeigten sich schlimme Auswirkungen. Br. Kirchs Kräfte ließen nach, immer längere Pausen mußte er einlegen.

Durch den Schaden kam ihm allerdings zu spät die Einsicht, daß sich seine Arbeit nicht mit dem Fasten vertrage. Er war eben nicht mehr so jung. Dennoch war er, verglichen mit den anderen Essener Brüdern, noch jugendlich. Br. Franz Xav. Schmitz - sein früherer Manuduktor - und die übrigen zählten zu den älteren Semestern, sie gehörten schon lange zum Ignatiushaus. Darum fühlte er sich manchmal von einigen Mitbrüdern vernachlässigt und wie ein fünftes Rad am Wagen. Zudem konnte er in der Mundizarbeit keine Lorbeeren ernten. Doch wurde er dadurch nicht verschlossen, und hatte oft das Herz auf der Zunge.

Folgende Begebenheit - eine von vielen - gibt dies gut wieder. Ein Pater verbreitete sich bei einem Besuch endlos über eine Frage. Nach längerer Zeit geduldigen Zuhörens stand Martin auf und sagte zu dem Pater: "Erzählen Sie mal was Interessantes!" So konnte er ungewollt zugleich für peinliche Verlegenheit, wie für herzerfrischende Stimmung sorgen. Von den vielen außenstehenden Besuchern des Ignatiushauses und der Pfarrei wurde der fleißige Bruder sehr geschätzt. Wenn ihm auch besonders die Jungen manchen Dreck wegzufegen gaben, vertrug er sich doch gut mit ihnen und hatte unter ihnen sogar manche Freunde, die er oft zum Mithelfen zu bewegen wußte.

Im Sommer 1957 löste Br. Kirch den kranken Br. Uhlenbrock an der Pforte in Büren ab, Obschon er die Arbeit in Essen nicht ungern aufgegeben hatte, mußte er sich in Büren doch kräftig umstellen. Es lag ihm nicht, an den Platz und die Telefonstrippe gebunden zu sein, dafür war er zu lebhaft; auch füllte ihn der Pfortenbetrieb nicht ganz aus. Darum versuchte er Maschinenschreiben zu lernen, aber auch dazu gehörte wieder Sitzfleisch. Doch konnte er sich eines Erfolges erfreuen. Seine Mitbrüder erbauten sich an seiner Frömmigkeit. Großen Wert legte er darauf, so viel Messen beizuwohnen als ihm möglich war. Seitdem er den Ingolstädter Meßbund kennengelernt hatte, agitierte er mit großem Eifer dafür. Aber auch sonst nutzte er die Gelegenheit, den Leuten ein gutes Wort mit auf den Weg zu geben, und er verstand das so herzlich und natürlich.

Trotz seines blühenden Aussehens war er nicht gesund. Weil er zur Korpulenz neigte, versuchte er sie durch Fasten zurückzudrängen. Doch spielte ihm sein guter Appetit manchen Streich. Kopfweh und Unwohlsein zeigten eine ernste Unstimmigkeit im Organismus an. Der Arzt erkannte, daß das Herz der schwache Punkt war, und behandelte ihn mit Erfolg.

Im Jahre 1963 wurde er ins Noviziat Eringerfeld versetzt, um dort die Wäschekammer und die Sakristei zu übernehmen. Vom Wechsel aus der Pfortenstube in diese beweglichere Beschäftigung erhoffte Br. Kirch, seine Korpulenz mit mehr Erfolg mindern zu können. Immer mehr kommandierte ihn sein Herzschlag und die häufiger auftretenden Beklemmungen. Und so ein Kommando fährt in die Glieder. Gewiß, seine blühende Kraft und sein guter Appetit ließen keinen kranken. Mann in ihm vermuten. Das veranlaßte dann zu unangebrachten Bemerkungen. Von Eringerfeld machte er den Umzug in das neue Noviziat nach Ascheberg mit. Da hier eine Wäschereianlage bestand, wurde die Wäsche nun im Hause selbst gewaschen, und Br. Kirch die Obsorge dafür anvertraut.

Ende September 1964 traten akute Herzbeschwerden auf. Daraufhin behandelte ihn der Arzt acht Tage im Krankenhaus. Später ging Br. Kirch zweimal in der Woche in die Sprechstunde. Mit dem Jahreswechsel hatte Br. Theis, um ihn zu entlasten, die Besorgung der Wäsche übernommen. Das gab zu der humorvollen Erklärung Anlaß, er sei nun "schuldlos geschieden", von den Waschfrauen nämlich, die ihn wegen seines aufmunternden Redens und seines steten Lächelns gerne hatten.

Am Samstag, den 9. Januar 1965, tat er morgens seinen Dienst in der Kapelle wie immer. Es war nichts Auffälliges an ihm zu bemerken. Er kommunizierte in der Brüdermesse und bereitete alles für die Messe der Novizen vor. Dann kam er wieder in die Kapelle und stellte sich in die letzte Bank. Ungefähr fünf Minuten später fiel er hin und war wohl sogleich tot. P. Magister spendete ihm noch die heilige Ölung. Der sofort herbeigerufene Arzt konnte nur noch den Tod feststellen. Es ist schwer zu sagen, ob sich Br. Kirch den Tod so gewünscht und vorgestellt hat. Es ist eigentlich schön, so aus dem Leben zu gehen. Nun ruht er auf unserem Friedhof in Münster. An seiner Beerdigung nahmen außer den Mitbrüdern viele Verwandte teil, unter anderem zwei seiner Schwestern, die Salzkottener Franziskanerinnen. Das zeugt von der Verbundenheit der Familie, und wie gern sie ihren Martin hatten.

R.i.p.

Bruder Josef Fix SJ

Mitteilungen 128, S. 69-73