P. Wilhelm Klein SJ
* 24. März 1889 in Traben an der Mosel
7. Januar 1996 in Münster

"Natürlich habe ich P. Johann August Wilhelm Klein, wie er mit vollem Namen hieß, gekannt - viel vom Erzählen P. Tattenbachs, viel auch vom Erzählen mir befreundeter Germaniker, und Gott sei Dank habe ich ihn einmal in Bonn kennengelernt. Er hat mir sogar einen Brief geschrieben. Deshalb habe ich P. Kleins langes Leben sehr mit Interesse verfolgt und kenne auch viele seiner schon fast legendären Aussprüche. "Solche Leute müßt's halt mehr geben!", so antwortete Gabriele Miller, die sich um die Werke von P. Tattenbach in Guatemala und Costa Rica kümmert, nachdem sie vom Tod P. Kleins erfahren hatte, und unzählige Menschen werden ihrem Urteil zustimmen. Aber wer kennt schon sein ganzes Leben, das alle seine Altersgenossen um Jahrzehnte überdauerte?

1889 - 1918
P. Klein war das fünfte von zehn Kindern. Seine fromme Mutter Katharina Klein, geb. Goergen hatte sich gefreut, ein Marienkind zu haben, da P. Klein am 25. März kurz nach Mitternacht geboren wurde. Sein Vater Wilhelm wollte aber gern ein Sonntagskind. Da er am Montag früh zum Standesamt ging, gab er an, daß sein Sohn Wilhelm am 24. März kurz vor Mitternacht zur Welt gekommen sei. So wurde P. Klein, nach eigenen Angaben, ein Sonntagskind. Aufgewachsen ist er in Trier (wohin der Vater als Eisenbahner versetzt worden war) in einem kleinen Reihenhaus in der Helenenstraße 27, wo heute noch zwei seiner Nichten wohnen. Die Bischofsstadt wurde ihm auch religiös Heimat. Seine Eltern ließen alle ihre Kinder studieren. Fünf davon sind Priester geworden (vier Jesuiten, einer Bischofssekretär im damaligen Generalvikariat Trier), ein anderer Bruder wurde Bürgermeister in Schweich und später in Schleiden.

Gelegentlich berichtete P. Klein, der auch die alte Trierer Mundart beherrschte, gerne etwas aus seiner Kindheit. Er sagte z.B., daß er die Liebe seiner Eltern heute noch spüre, wenn er an sie zurückdenke. Er erzählte humorvoll Anekdoten über den Trierer Dom, die Domherren und den alten Bischof Korum. Er war Schüler des Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums wie Karl Marx, Kardinal J. Höffner, P. Oswald von Nell-Breuning, P. Georg Mühlenbrock und P. Josef Sudbrack. Sein Abitur machte P. Klein im Februar des Jahres 1907. Schmunzelnd erinnerte er sich an das Thema des Deutschlehrers: "Großes Unglück kann Völkern zum Segen gereichen." Der Oberschulrat in Koblenz änderte die Frage jedoch ein wenig um: "Unter welchen Voraussetzungen können Katastrophen Völkern zum Segen gereichen?" Die Abiturienten hatten offenbar etwas anderes erwartet, und so verfehlten fast alle das Thema. Nur Peter Wust, der später als bekannter Philosoph in Münster wirkte, und Wilhelm Klein trafen das richtige.

Wie sein älterer Bruder Peter entschloß sich auch Wilhelm, Priester zu werden. Er begann das Studium noch in Trier, sein Bischof schickte ihn aber bald schon ins Pontificium Collegium Germanicum et Hungaricum nach Rom, um seine Studien an der Päpstlichen Universität Gregoriana fortzusetzen. Er galt damals schon als 'Ungeheuer' der Weisheit und der Wissenschaft. Am 28. Oktober 1912 empfing er (mit besonderer Dispens, weil er noch zu jung war) durch Kardinal Respighi in Rom die Priesterweihe. Im gleichen Jahr wurde er vom Rektor des Kollegs zum Präfekten der Philosophenkammer ernannt. Schon im Germanicum lebte in ihm der Wunsch, einmal Jesuit zu werden.

Zunächst aber kehrte er in die Diözese Trier zurück. 1913 war er für kurze Zeit Kaplan in Dieblich bei Koblenz. Am 14. September 1913 trat er ins Noviziat in 's-Heerenberg ein, wo er aber auf Grund seiner Germaniker-Ausbildung nur ein Jahr blieb, nämlich bis 1914. Die Ersten Gelübde legte er im August 1915 in Charleville ab. Sein Novizenmeister war P. Johann Bapt. Müller. Im ersten Weltkrieg diente er bis 1918 als Feldgeistlicher und Divisionspfarrer. In einem Brief an Dr. G. Sustrup vom 03.05.91 schreibt er dazu:

"Ich wurde als Div. Pfr. der 237. Inf. Division Ende September 1918 bei einem Versehgang schwer verwundet, an der Wirbelsäule und am Schädel. Am Verbandsplatz wurde ich gleich operiert, war lange bewußtlos; als ich zu mir kam, lag ich mit schrecklichen Schmerzen, nicht transportfähig, von den Ärzten aufgegeben - dann kam ein langes Hin und Her, es endete in der Klinik Dr. Tilmanns in Köln, bis ich wieder auf die Beine kam.

Im Schädel hatten die Ärzte versucht, Splitter aus dem Gehirn zu entfernen. Aber einer saß so tief, daß man aufgab. Lange überlegte man. Ein großes Loch von der Größe einer Taschenuhr blieb. Da wurde auch erwogen, eine Silberplatte zu versuchen. Aber man stand davon ab. Besser offenlassen. Knochenplastik gelang nicht. Also einfach die Kopfhaut zunähen. So ist das heute noch; ähnlich ging's mit dem Loch in der Wirbelsäule. Die Geschichte mit der 'Silberplatte' wurde dann verbreitet, und auch mein lieber Freund Schmutte hat davon gehört und gelesen, aber wie das so geht ... (ein legendärer Irrtum). Ich bin Schwerkriegsbeschädigter, 100 % arbeitsbehindert, bin Rentner mit allerlei Ausweisen für Vergünstigungen usw. Aber wie Sie sehen, bin ich z.Z. im 103. Lebensjahr und habe bis heute noch allerlei gearbeitet.

Dr. Tilmann gab mir nur mit: Sie dürfen sich natürlich nicht mit der Gabel da hineinstechen (tut man ja auch nicht z.B. bei den Augen, zwei große Knochenlöcher im Schädel, nur mit Haut bedeckt usw.). Im Übrigen gilt für ihr ganzes Leben: Bei jeder Ermüdung sofort nachgeben, ausruhen usw. und täglich wenigstens eine Stunde 'Bewegung in der frischen Luft'. Natürlich, alles nicht so einfach. Aber es ging."

Mir scheint, daß das Geheimnis seines langen Lebens damit zusammenhängt, daß P. Klein es ausgezeichnet verstand, Arbeit und Muße auf optimale Weise zu verbinden.

1919 -1948
Von 1919 - 1921 absolvierte er verschiedene Spezialstudien in Philosophie und Theologie in Freiburg i. Br. und in Rom. Er promovierte bei J. Geyser über Hegel und Kant, wobei der berühmte Phänomenologe E. Husserl Koreferent der Arbeit war. Edith Stein verfaßte vermutlich das Gutachten, das jedoch ebenso wie die theologische Doktorthese unveröffentlicht blieb. Von 1922 - 1925 war er dann Professor für Philosophie in Valkenburg, von 1925 - 1929 auch Spiritual. Sein Terziat machte er 1922 - 1923 in Exaten, seine Profeß-Gelübde legte er am 2. Februar 1924 in Valkenburg ab. In den Jahrgängen 1926 - 1928 der Zeitschrift 'Scholastik' findet man nur einige kurze Buchbesprechungen aus seiner Feder.

Drei Jahre hindurch, nämlich von 1929 - 1932, wirkte er als Rektor, Regens und Professor in Frankfurt - Sankt Georgen. Anschließend war er sechs Jahre lang von 1932 - 1938 Provinzial in Köln. 1934/35 hielt er sich in Japan auf, wohin er großzügig viele Mitbrüder destinierte. Gerne erzählte er, daß er im Laufe seines Lebens tatsächlich alle Erdteile kennengelernt habe, ausgenommen Australien. 1938 nahm er an der Generalkongregation in Rom teil. Leider habe ich über seine Provinzialszeit keine zuverlässigen Berichte erhalten, die man hier protokollieren könnte.

1938 kehrte er noch einmal nach Valkenburg zurück, wo er nun das Amt des Rektors übernahm. Er blieb dort bis zur Aufhebung des Kollegs durch die Gestapo am 7. Juli 1942. - Darüber schreibt er in einem Brief vom 1. Oktober 1984:

"Wir wurden am 7. (nicht 3.) Juli 1942 während des Mittagessens von der Gestapo überfallen. An der Pforte trat mir ein SS-Häuptling (namens Nehlis, vorher Kaplan in St. Josef, Bonn-Beuel) entgegen. 'Im Namen des Führers. Das Haus ist beschlagnahmt.' 'Ich protestiere!' 'Das nützt Ihnen nichts!' In sechs Lastautos sollen wir ins Gefängnis nach Aachen gebracht werden. An der Grenze von Vaals kam Nehlis zornig vom Telefon. 'Die Gefängnisse sind alle voll!' Ich sagte: ich weiß ein Haus, das leer steht, das Priesterseminar (Die Alumnen waren alle an der Front). Grimmig telefonierte Nehlis mit dem Generalvikariat. 'Also ab ins Seminar'. - Vor Jahren fragte ich den damaligen Kölner Generalvikar: 'Was ist aus Nehlis geworden?' Er: Wir wissen es nicht. Wahrscheinlich haben ihn die Holländer aufgehängt. Er war mit einem Düsseldorfer Priester der einzige abgefallene Kölner Priester!' So Teusch."

In den folgenden Jahren des zweiten Weltkrieges von 1942 - 1945 war P. Klein in Bad Lippspringe Exerzitienmeister für Ordensleute in der Diözese Paderborn. Nach dem Krieg war er von 1945 - 1948 als Spiritual und Professor im Priesterheim von Hildesheim tätig. In dieser Zeit war er 1946 noch einmal als Delegierter bei der 29. Generalkongregation in Rom.

Als Spiritual im Germanicum
Persönlich lernte ich P. Klein im Oktober 1952 im Collegium Germanicum et Hungaricum in Rom kennen. Er war dort schon seit 1948 als Spiritual tätig und sollte es bis 1961 bleiben. Ich selber kam als Germaniker aus der Diözese Aachen und blieb bis 1959. Schon bald wurde mir klar, daß P. Klein der eigentliche 'Spiritus rector' des Kollegs war, und dies geschah wohl vor allem durch seine positive Ausstrahlung, aber natürlich auch durch die außerordentlich lebendigen 'Exhorten', die er zweimal im Monat zu halten pflegte, durch seine beinahe täglichen Meditationspunkte, durch den wöchentlichen Beichtzuspruch und durch die unzähligen Gespräche, die er mit jedem einzelnen führte. Wohl die meisten gingen gern zu ihm (es gab nur wenige Ausnahmen), weil er zu ermutigen verstand und weil man seine Freude an Gott beinahe 'physisch' spüren konnte. Aus seinem Mund hörte man oft die Anrede 'Carissime', und wenn ein Zweiter oder Dritter in die Runde trat, dann sagte er gewöhnlich: "Da kommt ja der gute Schmitz oder Müller" usw., was natürlich als wohltuend empfunden wurde. Immer aber führte P. Klein hinaus ins Weite (Ps 18,20), und zwar ganz einfach dadurch, daß er den je größeren Gott ins Bewußtsein rief. Ich erinnere mich, wie er mich einmal ermahnte, weil ich 'Gott' erst auf der fünften Seite eines Artikels erwähnt hatte. "Du hast nur menschliche Psychologie getrieben", sagte er. "Du mußt mehr von Gott reden."

Um die Situation im Germanicum der damaligen Zeit besser zu verstehen, muß man sich an die vorkonziliare Ordnung erinnern: wir durften in der siebenjährigen Studienzeit nur zweimal nach Hause fahren, uns nicht gegenseitig auf dem Zimmer besuchen (Schwellenregel), hatten keinen Hausschlüssel und nur spärliche Kontakte mit der Bevölkerung. Die Disziplin war allgemein sehr streng. Der Spiritual war im Grunde der einzige Mensch, den man in "Mißtrost" und "Trost" ohne weiteres aufsuchen konnte. Hinzu kommt, was Bischof Lehmann in seinem Kondolenzbrief u.a. hervorhebt: "In der manchmal qualvollen Enge und Dürre des Schulbetriebs - so haben es jedenfalls nicht wenige erfahren - war Wilhelm Klein für die geistig Interessierten ein einmalig anregender Philosoph und Theologe. Keiner wird die Römerbrief-Exhorten jener Jahre vergessen, die [...], obgleich für die meisten freiwillig, bis auf den letzten Stuhl besetzt waren. So hat er viele auch zum eigenen Arbeiten und Forschen angeregt. Eine große Zahl von Doktorarbeiten aus dem Germanicum wären nie ohne ihn entstanden. So hat er auch großen Anteil daran, daß die Germaniker in jener Zeit über den römischen Schulsack hinaus, der immer von Nutzen blieb, in Philosophie und Theologie sich recht eigenständig entwickelten, so daß bald auch ihre Akzeptanz im deutschen akademischen Leben, die früher recht schwierig war, keine Frage mehr war. Zugleich hat W. K. uns in einer beispielhaften Vorbildlichkeit kirchliche Loyalität und einen nüchternen Sinn für die menschliche Seite der Kirche vermittelt. Dies hat vielen auch in schwierigen Situationen Halt gegeben, den sie auch auf ihre Weise weitergeben konnten."

Es wäre sicher interessant, nun die Namen derjenigen aufzulisten, die damals dabei waren. Ich kann hier nur einige nennen: z.B. Kardinal Fr. Wetter, die Bischöfe L. Averkamp, L. Kada, A. Kleinermeilert, K. Lehmann, A. Schlembach, J. Voß, A. Wagner, O. Wüst, G. Zur und die Professoren G. Bachl, G. Greshake, P. Hünermann, H. Küng.

Erwähnenswert wären gewiß noch viele andere. Unser alter Spiritual würde jedoch auf jeden Fall hinzufügen: "Ich habe gepflanzt, Apollo hat begossen, Gott aber ließ wachsen" (1 Kor 3,6). "Und jeder soll darauf achten, wie er weiterbaut" (1 Kor 3,11).

Ich könnte nun unzählige Geschichten aus den 'Tagebüchern' zitieren, die ich in jener Zeit geschrieben habe. Aber das würde natürlich zu weit führen. Stattdessen bringe ich einen Abschnitt aus dem Artikel, der anläßlich des Abschieds von P. Klein im Dezember 1961 im 'Korrespondenzblatt' des Germanicums stand (S. 71 - 74):

"Eine seiner vielen - und manchmal langen - Exhorten hieß: Das Stehaufmännchen. So hatte ein Münchner Primararzt P. Klein genannt, als er nach einer Operation fast frisch vom Messer weg wieder nach Rom fuhr. Und Steh-auf-Männer aus uns werden zu lassen, sagte er, sei auch der Sinn seiner Arbeit als Spiritual. Leute, die wie immer geworfen, sich wieder aufrappeln, weil sie Gewicht in den Füßen haben: caritatem quae urget, die Liebe, die aufrichtet."

"Haben wir aber nicht manchmal gemeint, er übertreibe in der Formulierung seiner Gedanken? Ja, aber wir wußten auch immer, wie es gemeint war: als Anregung. Jeder, der nur wollte, konnte mit ihm darüber reden, mit Freimut, ohne Ängstlichkeit. Das sollte uns doch allerhand wert sein: offen reden zu können, ohne Furcht, darob verdächtigt zu werden, ohne die zungenlähmende Aussicht auf hastige Beschwichtigung der Schwierigkeiten."

"Konnten wir vielleicht ahnen, was es Schreckliches ist um das nur richtige, leere Wort in der Predigt, die uns aufgetragen wird? Daß uns gerade das Fragmentarische, Unfertige, Anakoluthhafte des Wortes ehrfürchtig machen sollte, hörig, nie redselig, wachsam: vigilate et orate ...?"

P. Klein wäre eigentlich gerne noch länger Spiritual im Germanicum geblieben. Das hat er mir gelegentlich anvertraut. Eine kleine Gruppe von Studenten und vor allem die Verantwortlichen in der römischen Kurie unseres Ordens drängten jedoch auf seine Ablösung. Offenbar sollte nach einer Periode der 'Freiheit und Offenheit', die durch P. Klein und durch den damaligen Rektor P. Tattenbach im Leben des Kollegs entstanden war, wieder eine strengere Ordnung und Disziplin eingeführt werden.

In der Abschluß-Exhorte von P. Klein heißt es in diesem Sinne verständlicherweise: 1. Beten wir um die Gnade, daß wir die Entscheidungen unserer Oberen wirklich akzeptieren können, ohne ihnen irgendwelche Vorwürfe zu machen. Nolite iudicare, ut non iudicemini. 2. Bringen Sie meinem Nachfolger immer dasselbe Vertrauen entgegen, das Sie mir sehr unverdientermaßen entgegengebracht haben.

Im Paulushaus Bonn
Von 1961 - 1988, also noch einmal 25 Jahre hindurch lebte und wirkte P. Klein dann in unserer Bonner Niederlassung, zunächst bis 1966 als Superior und dann einfach als Operarius, Prediger und Exerzitienbegleiter. Ich war einer von ungezählten Menschen, die ihn oft besuchten oder seinen Ansprachen lauschten, die er sonntags um 11 Uhr in der Hauskapelle zu halten pflegte. Im Grunde verkündete er nichts anderes als das "Liebet einander" des greisen Apostels Johannes (1 Joh 4,7), und doch erschien es jeweils neu und konkret auf die einzelnen Besucher bezogen, die ihn um Rat fragten oder um Anregung oder Kritik baten. Als ich 1964 in die Gesellschaft Jesu eintreten wollte, meinte er: "Willst Du nicht etwas Modernes wählen?" Weil ich ihn dann erstaunt anschaute, sagte er einfach: "Du willst etwas nehmen, was sich im Laufe der Geschichte schon bewährt hat." Und ich war wieder beruhigt.

Der Germaniker-Katalog nannte P. Klein in seinen Bonner Jahren schlicht 'Seelsorger im Paulus-Haus'. Diese Bezeichnung trifft ziemlich genau sein ganzes Leben. Nicht bloß, weil er die Briefe des Apostels so begeistert zu kommentieren verstand, sondern weil sein tieferes Wesen irgendwie an ihn erinnerte. Vermutlich war auch Paulus nicht von großer Gestalt, denn sein Name bedeutet: gering, klein, wenig. "Wenn ich schwach bin: gerade dann bin ich voll Kraft" (2 Kor 12,10). Eben dadurch aber hat P. Klein gewiß auch manch einen skandalisiert.

"Also: keine Reise, keine Feste, keine Umstände. Stattdessen schicke eine Spende für Priester in Südamerika, die ihren Lebensunterhalt nicht bestreiten können." So reagierte der damals 93jährige, als er erfuhr, daß einige seiner ehemaligen Alumnen sein 70. Priesterjubiläum in besonderer Weise feiern wollten. Gefeiert wurde trotzdem, zunächst im Paulushaus und dann im Albertinum in Bonn. P. Klein hielt selber eine Predigt, natürlich über das Thema: "den Nächsten lieben in Gott" und zugleich über den Thesenanschlag Martin Luthers in Wittenberg; denn die Feier fand am 31. Oktober 1982 statt. Diese Predigt und auch die anschließenden Gespräche mit ihm im Kreis der Altgermaniker kann man nachlesen im 'Korrespondenzblatt' Dezember 1982, 69 - 72. Die Predigt von Bischof A. Schlembach zu P. Kleins 75. Priesterjubiläum im Jahre 1987 sowie zahlreiche Briefe und Tonbandaufzeichnungen von Gesprächen findet man hingegen nur in Form eines Manuskriptes, das Albert Rauch (Ostkirchliches Institut Regensburg) in Zusammenarbeit mit Klaus Wyrwoll und Josef Peter zusammengestellt hat. Es enthält ein faszinierendes 'Feuerwerk' von Erinnerungen (an seine Ernährungsweise, Edith Stein, A. Hitler, Stadtstreicher und Chinesen) sowie Gedankenblitzen und Provokationen (Maria-Sophia, Hegel, Johannes Paul II., Zölibat, Dalai Lama). Aber in allem trifft man letztlich auf eine grenzenlose Hoffnung. "Da bleibt uns der Verstand stehen, aber nur der Verstand, die Liebe geht weiter."

Im Haus Sentmaring in Münster
Im Jahre 1988 zog P. Klein dann ins Haus Sentmaring um, was für ihn keineswegs problemlos und selbstverständlich war. Dennoch heißt es in einem Brief an P. Provinzial Höfer vom 18. Juni 1988:

    "Zunächst möchte ich Ihnen sagen, daß ich mich selbstverständlich zufrieden und froh Ihrer Entscheidung füge. Ich will als Jesuit im Gehorsam leben und sterben. So fällt auch manchem Mitbruder, dem meine Rückkehr nicht recht gewesen wäre, ein Stein vom Herzen.

    Sie erwarten, daß die mir gewährte Ruhe guttut. Nun, wie erwartet, läßt der liebe Gott meine pastorale Tätigkeit wie in Bonn hier weitergehen. Die Post hat langsam den Weg durchgefunden, und wenn auch nur ein Teil der schon angekündigten Besucher kommen, hätte ich hier wie in Bonn keine Stunde Langeweile. - Für längeres Stehen und Gehen muß ich noch Begleitung in Anspruch nehmen, um nicht wieder zu fallen, und wenn die auch hier längst nicht so leicht zur Verfügung steht wie in Bonn, es wird schon werden.

    Sie dürfen ruhig im nächsten Katalog, wenn ich ihn erlebe, bei meinem Namen schreiben 'Operarius'. Keiner braucht zu fürchten, daß ich dann nicht pro Eccl. et Soc. bete. Ich tue es immer, und der liebe Gott läßt mich täglich, seit ich hier bin, zelebrieren, manchmal auch mit meinen Besuchern.

    Ich bin Gott auch dankbar für alles, was ich in den sechs Wochen gelernt habe für mich und andere zum noch bisher ungelösten Problem der Versorgung der Alten. Ich vergesse keineswegs, daß der älteste Jesuitenprofeß, der je gelebt hat, seit es SJ gibt, jeden Augenblick sterben und jeden Augenblick pflegebedürftig werden kann. Ich bin es nicht ... Herr, was begehrst du von mir? Nun, genau das, was er jeden Tag schickt. Und unser Morgen und Übermorgen ist alles schon Gegenwart im Ewig Liebenden, der alles in allem, allen wirkt, auch Ihren lieben Brief wirkte."

Im Haus Sentmaring erlebte P. Klein dann 1989 auch seinen 100. Geburtstag und schließlich am 28. Oktober 1992 den Jubiläumsgottesdienst zum 80. Jahrestag seiner Priesterweihe, der wiederum viele Freunde und Verwandte um ihn scharte. Darunter war auch der päpstliche Nuntius und Altgermaniker Lajos Kada, der in seiner Ansprache u.a. auszudrücken versuchte, was P. Klein so jung bleiben ließ: "Offenheit und Mut, Verständnis und ein großes Herz, in dem Vieles und Viele Platz haben. Vor allem aber auch ein Geist und ein Intellekt, der sich nicht mit vorletzten und vorläufigen Antworten zufriedengibt." Es versteht sich von selbst, daß dieses Jubiläum von mehreren Zeitungen und auch im Fernsehen kommentiert worden ist. Eine Dokumentation dazu findet man in dem schon genannten Manuskript von A. Rauch (Regensburg), wo auch die 'sprudelnde' Begrüßung nachzulesen ist, die P. Klein während des Gottesdienstes an die gratulierenden Gäste richtete.

Und noch einmal schrieb er am 16. April 1991 an P. Provinzial: "Sie erinnern sich, lieber P. Provinzial, daß ich, kaum eine Woche hier, mit ihnen haderte, 'zurück nach einer Arbeitsstätte, etwa Bonn' ... Heute bete ich: nicht die Oberen schickten mich hierher, sondern Gott ganz allein, wie Er mich auch nach Rom, Tokyo, Afrika, China, Köln, Amerika schickte, wie als Touristen; überall war zu tun, wo am 'dringendsten', 'besten', weiß Er und 'Er allein', wo am meisten peccata, offensiones, negligentia, Er allein, und genau so bei jedem Menschen, jedem Geschöpf; gefragt: in welchem lebst und liebst Du am meisten? Gott antwortet: in jedem. Und so bete ich mit Ihnen weiter und immer neu den 103. Psalm."

In seinem Dankschreiben vom 19. April gratulierte P. Provinzial nochmals "daß Sie jetzt der älteste Jesuit der Gesellschaft Jesu gegenwärtig und überhaupt sind ... Ihr Brief hat einen großen Eindruck auf mich gemacht. Er zeigt nicht nur die Reife eines weisen alten Mannes, sondern auch die tiefe Gläubigkeit eines in der Nachfolge Christi gereiften Mitbruders. Beim Lesen dachte ich mir, wenn diese Haltung doch manchem unserer zaudernden jungen Mitbrüder vermittelt werden könnte."

Die Zeit verging, und P. Klein schien das ewige Leben schon auf Erden beginnen zu wollen. 1992 erklärte er mir in einem Gespräch: "Ich hätte Dir gewünscht, daß Du noch viele Jahre im Germanicum arbeitest. Aber nun hat Dich der eine Geist nach München geschickt, damit die Zeitschrift die Menschen miteinander ins Gespräch bringt. Dafür mußt Du sorgen. Aber jeder meint, er allein spreche richtig." Seinen letzten Brief schrieb er mir am Ignatius-Fest 1993. Darin heißt es u.a.: "Was tust du? Ich schöpfe den Ozean in dieses Loch, sagt ein kleiner Junge. Aber das geht doch nicht. Augustinus geht sinnend weiter. - Das ist es ja, womit ich nicht fertig werde. - Lieber Franz-Josef, du fragst, wie gefällt dir 'mein' erstes Heft? Schöpfe, schreibe, doziere usw. Einer ist alles in allem und die Antwort auf alles!" Mich erinnern diese letzten Zeilen P. Kleins auch an die 'Betrachtung über die Liebe' (EB 230 - 237) und die vielen ignatianischen Impulse, die er immer wieder einstreute, obwohl sie in diesem Bericht bisher nicht erwähnt wurden.

Abschied
Zuletzt begegnete ich P. Klein am 30. Dezember 1995, also wenige Tage vor seinem Heimgang in die Ewigkeit am 7. Januar 1996. Er erkannte mich nicht sofort, dann aber doch wieder. Ich möchte nur weniges berichten. Er sprach von seiner neuen Destination. Er wollte nach Afrika gehen, denn dort würde er gebraucht; er fragte, ob ich mitgehen würde und was meine Mutter dazu sagen würde. "Geht hinaus in die ganze Welt und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen" (Mk 16,15). Dann sagte er: "Wir wollen gemeinsam beten", und wir beteten das Ave Maria. Er sprach die Worte ganz deutlich aus, aber langsamer als früher. Das Sprechen und wohl auch das Denken fielen ihm schwer. Gegrüßet seist du Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir ... Heilige Maria, Mutter Gottes ... Dann unterbrach er das Gebet und ich erschrak; denn er fragte: "Kann denn der ewige Gott eine Mutter haben?" Und er begann wie früher zu dozieren: "Im Anfang erschuf Gott Himmel und Erde. Was heißt - im Anfang?"

Ja, so war er, unser 'alter' Pater Klein, ein tieffrommer und zugleich äußerst kritischer Geist, ganz gelassen und doch hatte er ein unruhiges Herz, wie kaum einer sonst, und dies sein ganzes so wunderbares langes Leben hindurch, offenbar bis in seine letzten Tage. Man mag es bedauern, daß er keine Bücher hinterlassen, ja daß er eigentlich kaum etwas Geschriebenes veröffentlicht hat. Einige seiner 'Schüler' planen zwar die Herausgabe etlicher Exhorten und Predigten, die doch noch irgendwo vorhanden sind (von ihm selbst geschrieben, mitstenographiert oder auf Tonbändern festgehalten). Eine davon ist schon erschienen in: G. Greshake/J. Weismeyer, Quellen geistlichen Lebens Band IV: 'Die Gegenwart' Mainz 1993, 93 - 100. Ich glaube nicht, daß er damit einverstanden wäre. Denn die Tatsache, daß es keine schriftlichen Publikationen von ihm gibt, ist kein Zufall, sie war vielmehr prinzipiell. Mit hintergründigem Lächeln pflegte er zuweilen zu bemerken: es gibt auch kein Buch des Propheten Elija. Und Jesus selbst habe nur einmal geschrieben, und zwar in den Sand. Eindringlich wiederholte er oft den Satz: "Der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig" (2 Kor 3,6). Wohl um diesen lebendigen Geist nicht einzuschränken oder zu begrenzen, zog er das gesprochene Wort dem gedruckten vor. Er war ein Meister der freien Rede, ja "er verkündete mit Vollmacht" (Mk 1,27).

Selbstverständlich liebte er die Bibel, und seine Spiritualität war wesentlich biblisch inspiriert. Sein Verdienst bestand ja vor allem darin, daß er die Bibel schon in einer Zeit wieder in die Mitte stellte, in der es allgemein noch keineswegs üblich war. Aber seine Bibelauslegung war eine geistliche, und sie war radikal ökumenisch ausgerichtet. "Ihr fragt euch vielleicht: was tut der alte Mann den ganzen Tag? Ich antworte: er arbeitet mit der Weltkonferenz der Religionen für den Frieden. Es ist vielleicht die aktuellste Bewegung in der Kirche heute, und ich bin froh, daß der Papst mitmacht. Es ist das, was Paulus im Römerbrief geschrieben hat, daß es eben gläubige, liebende Menschen überall gibt, nicht nur im auserwählten Volk, den Juden damals, sondern überall." Alle Wege führen zu Gott; aber nicht alle nach Rom.

P. Klein engagierte sich also nicht bloß für die kleine Ökumene (zwischen den Konfessionen), sondern mehr noch für die große (zwischen den Religionen), und er versuchte, den biblischen Glauben zu öffnen und die 'logoi spermatikoi' des Geistes überall zu entdecken. Mehr noch: "Der Wind weht, wo er will; du hörst sein Brausen, weißt aber nicht, woher er kommt und wohin er geht. So ist es mit jedem, der aus dem Geist geboren ist" (Joh 3,8).

Es ist durchaus denkbar, daß diese Stärke P. Kleins zugleich eine Schwäche war.

Vielleicht konnte er einfach nicht im herkömmlichen Sinn systematisch schreiben. Er war keineswegs ein Feind von Büchern, im Gegenteil, er hat sehr viel gelesen, und er bedankte sich bei den Autoren, wenn ihm etwas gefiel. Wenn man ihm einen Artikel brachte, war sein Urteil meistens wohlwollend und ermutigend: Die Sache sei gut und nach allen Seiten 'ergänzungsfähig'. Kein Wunder, daß viele ihn gern hatten, denn er verstand es ausgezeichnet, die nötigen Ergänzungen an den Mann/die Frau zu bringen. Daß manche sich vor solchen Geist-Worten fürchteten, ist ebenso verständlich. Ob denn eigentlich gar nichts eindeutig sei? Die Antwort kam entwaffnend klar: Eindeutig ist nur die Liebe. "Auch wenn ich prophetisch reden könnte, und alle Geheimnisse wüßte und alle Erkenntnisse hätte, wenn ich alle Glaubenskraft besäße und Berge damit versetzen könnte, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich nichts" (1 Kor 13,2). Wie dachte er über das Geheimnis von Tod und Auferstehung? Viele kennen die Geschichte mit dem Arzt, der ihn einmal fragte: Wie alt wollen Sie eigentlich werden? Nicht hundert Jahre, sagte er, ich will ewig leben. Kein Zweifel, daß er ganz fest an dieses Geheimnis glaubte, freilich auf seine Weise, die alle Vorstellungen für unzureichend hielt. Als ich einmal das Auferstehungskapitel im 1. Korintherbrief mit seinen Bildern und Gleichnissen kommentierte, meinte er: Du hast das Wichtigste vergessen! Und zitierte den 1. Johannesbrief: "Wir wissen, daß wir aus dem Tod in das Leben hinübergegangen sind, weil wir die Brüder lieben. Wer nicht liebt, bleibt im Tod" (3,14). "Das mußt Du betonen", sagte er, "denn darauf kommt es an. Die wahre Auferstehung, das ist die Liebe."

Ich habe P. Klein gewiß nur bruchstückhaft beschrieben und verstanden. Manchmal schien mir seine Gott-Verbundenheit fast wie mit Händen greifbar, manchmal hingegen wirkte er geradezu furchterregend, "als ob er mit Hilfe von Beelzebul die Dämonen austrieb" (Lk 11,15). Besonders geheimnisvoll-unheimlich war er, wenn er mit Hegel philosophierte: "Ich habe gesagt, ihr seid Götter" (Joh 10,34). Da war ich beinahe versucht, mich wie die johanneischen Juden zu ärgern. Ich bin überzeugt, daß alles nur Ausdruck seiner ungewöhnlichen Zuversicht gewesen ist, aber einiges klang doch ziemlich 'monistisch' oder zumindest wie die berüchtigte Apokatastasis panton. Sie war ganz sicher nicht gemeint, es ging ihm nicht um Wissen, sondern um Glaube, Liebe und Hoffnung. (Der, den die Bibel Teufel oder Satan nennt, kann niemals gerettet werden, weil er es nicht will!) Also fielen mir wieder die alten Exhorten aus dem Römerbrief ein. "Du bist unentschuldbar - wer du auch bist - wenn du richtest" (2,1). Und ich las im 1. Korintherbrief: "Richtet also nicht, ehe der Herr kommt, der das im Dunkeln Verborgene ans Licht bringen und die Ansichten der Herzen aufdecken wird. Dann wird jeder sein Lob von Gott erhalten" (4.3-5). Das letzte Urteil über unser Leben steht Gott allein zu. Dessen war sich P. Klein offenbar sehr bewußt. Deshalb schien es ihm auch nichts auszumachen, wenn ein menschliches Gericht ein Urteil über ihn fällte. Ich glaube, er urteilte auch nicht über sich selbst, sondern überließ alles Urteilen dem Herrn, dem von Ewigkeit zu Ewigkeit Mensch gewordenen und werdenden Deus Incarnatus, der ihn schon erlöst hat, wie wir zuversichtlich hoffen dürfen.

Was ist der Mensch? Halitus tantum. Ein Atemstoß. Fallendes Laub. Nimm dein Ich nicht so wichtig, hat P. Klein manchmal gesagt. Und doch war sein Leben für ungezählte Menschen unseres Jahrhunderts von unsagbarer Bedeutung. Auch wenn es nichts 'gemacht' hat, wie er zuweilen etwas brummig vor sich hinmurmelte, es war ganz gewiß - jedenfalls für viele - nicht nichts. Deo gratias et Mariae et Patri Klein. Amen.

R.i.p.

P. Franz-Josef Steinmetz SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 2/1996 - März, S. 52-60