P. Martin Kling SJ
4. Dezember 1974 in Münster i. W.

Über seine Eltern und Geschwister hat P. Kling, soweit ich mich erinnere, kaum je gesprochen. Erst in den letzten Jahren z. B. erfuhr ich von ihm, daß er einen Bruder habe, der ebenfalls Priester geworden war. Mehr sprach er wohl von seiner Tante, die in Koblenz eine Privatschule unterhielt. Bei dieser Tante hat er auch einige Jahre gewohnt. Die letzten Gymnasialjahre dagegen verbrachte er im Aloisiuskolleg zu Godesberg, wo er 1936 mit gutem Erfolg die Reifeprüfung bestand. Aber auch über diese Zeit hat er später selten gesprochen. Nach seinem Eintritt in das Noviziat am 22. April 1936 habe ich nicht von ihm, sondern erst von Mitnovizen gehört, daß er "Godesberger" sei.

Im Novizat war er der Jüngste des Jahrgangs, noch nicht 18 Jahre alt. Nach wenigen Wochen schon stand das Bild von ihm fest, wie es bis zu seinem Tode im wesentlichen bleiben sollte. Auch seine Gesichtszüge, wenn man von den letzten Jahren absieht, in denen die Krankheit ihn gezeichnet hatte, haben sich im Laufe der Jahre wenig geändert: er machte immer den Eindruck eines ernsten jungen Mannes, mit hagerem Gesicht und sehr tiefliegenden Augen, die "sahen und doch nicht sahen". In seinem Blick wie in seinem Urteil traf er nie die ganze Wirklichkeit. Wohltuend wirkten sein gutes Benehmen, seine Höflichkeit, seine Bescheidenheit und Hilfsbereitschaft. Er konnte herzlich lachen und war auch zum Scherzen geneigt, was aber selten recht gelang, weil bei allem, was er sagte oder tat, er nie ganz gelöst wirkte. P. Kling hatte gute geistige Anlagen. Dazu kam ein ungewöhnlicher Fleiß. Seine Gewissenhaftigkeit, sein Ordnungssinn und das Bestreben, jeder Frage bis zum letzten nachzugehen, ließen ihn beim Studium nicht leicht zu Ende kommen und haben ihn auch als Lehrer an der Entfaltung seiner Persönlichkeit zuweilen gehindert. Seine tiefe Religiosität und der Eifer, mit dem er vom ersten Tag an sein Ordensleben führte, haben offensichtlich niemals Schwankungen unterlegen. Treue und Zuverlässigkeit war in seinem Charakter ein sehr ausgeprägter Zug.

Nach Abschluß des Novizats begann er 1938 im Berchmanskolleg in Pullach mit dem Studium der Philosophie, das jedoch durch den Arbeitsdienst und die Militärzeit unterbrochen wurde. Auf Grund des Hitlerschen "Jesuitenerlasses" wurde er dann 1941 wie die meisten Mitbrüder als "wehrunwürdig" aus der Wehrmacht entlassen, wo er den Rang eines Unteroffiziers erreicht hatte.

Das Studium der Theologie, das er dadurch noch während des Krieges beginnen konnte, hatte wenigstens drei Stationen: Frankfurt (Sankt Georgen), Trier (Priesterseminar) und die Abtei Marienstatt, wo die Scholastiker und einige Professoren als Gäste aufgenommen worden waren. Die Priesterweihe empfing er am 27.8.1944 in Trier durch Weihbischof Metzeroth.

Den Abschluß seiner theologischen Studien brachte als vierte Station Büren, wo seit dem Spätherbst 1945 in der Nachfolge von Valkenburg unser Scholastikat Unterkommen gefunden hatte. In den beiden Jahren 1946 und 1947 widmete er sich hier mit großem Fleiß dem Studium. Aber kaum geringer war sein priesterlicher Eifer. Da er wenig über sich selber sprach, wird das den meisten Mitbrüdern kaum aufgefallen sein. Schon bald wurde er ganz persönlich im Beichtstuhl verlangt, was manche Ausnahme notwendig machte, da die Scholastiker, um nicht allzu sehr vom Studium abgehalten zu werden, nur beschränkte Jurisdiktionsvollmachten hatten. Auch in ganz schwierigen seelsorglichen Fällen wurde er in Anspruch genommen, so daß ich als sein damaliger Oberer oft Sorge hatte, er könne bei seiner noch geringen Erfahrung in schwierige Situationen geraten. Es war eben die Zeit, in der manche nach den Jahren des Nationalsozialismus und der Abwendung vom Glauben den Rückweg zur Kirche suchten. Er hat dabei recht kühne Entscheidungen gefällt, die sich aber später - manche nach fast dreißig Jahren - als durchaus richtig herausgestellt haben. Die Grundlagen für sein Vorgehen waren seine eigene Glaubenssicherheit und sein selbstverständliches Vertrauen zum Guten in jedem Menschen. Die Nachricht von seinem Tode hat hier in Büren übrigens viele dankbare Erinnerungen geweckt. Das zeigte sich an der großen Zahl von heiligen Messen, die für ihn bestellt wurden; von einem Unbekannten 60 auf einmal.

Nach dem Abschluß der Theologie in Büren begann P. Kling mit dem Studium der klassischen Philologie. Er machte gründliche und zeitlich sehr ausgedehnte Studien, die er mit einem guten Staatsexamen abschloß. Auch über seine Referendarzeit wurde viel Anerkennendes bekannt. Im Kollegium der Lehrer wie bei den Schülern des Gymnasiums in Siegburg war er sehr geachtet und sein damaliger Direktor hätte ihn gern als Lehrer an seiner Schule behalten.

Erst zehn Jahre nach dem Abschluß der Theologie konnte er seine lange Ausbildungszeit mit dem Terziat in Münster beenden. Vierzig Jahre war er, als seine eigentliche Lebensarbeit als Lehrer am Aloisiuskolleg beginnen sollte. Doch wurden nur wenige Jahre daraus. Als die schwere Krankheit (Multiple Sklerose) ihn erfaßt hatte, versuchte er noch längere Zeit mit aller Energie seinen Unterricht weiter zu erteilen. Aber unausweichlich kam die Stunde auf ihn zu, von der an die Zimmerwände die Grenzen seiner Welt bedeuteten. Viele Jahre blieb das so. Es wurde im Hause auch immer einsamer um ihn. Auswärtige Besucher konnten nur schwer zu ihm vordringen, und die Mitbrüder waren in ihre täglichen Arbeiten eingespannt.
Da begann er eine Art Briefapostolat. Nach einer wohlgeordneten Kartei begann er allen, denen er sich verbunden fühlte - Mitbrüdern und Auswärtigen - zu Festtagen, Namenstagen oder anderen Gedenktagen kurze Grüße zu senden: wenige Worte und die Unterschrift in einer bis zu letzt ganz klaren Schrift. Einen guten Teil des Tages füllte er mit Gebet aus. Auch dabei hielt er sich an einen festen Plan. Das erforderte sicher viel Energie, die ihn andererseits vor einem Absinken in die Lethargie bewahrte.
Denjenigen gegenüber, die ihn in seiner letzten Hilflosigkeit betreuten, war er von ganz tiefer Dankbarkeit erfüllt. Ebenso Besuchern gegenüber war fast jedes zweite Wort ein Wort des Dankes. Manchen hat das vielleicht gestört. Aber seine Worte waren doch Ausdruck seiner Gesinnung. Lange Jahre der Krankheit bringen zweifellos auch manche Verschrobenheiten zum Vorschein, die im Berufsalltag nicht im gleichen Maß auffallen. Bei P. Kling konnten sie nichts Wesentliches an dem Bild des Mannes ändern, der in der actio wie in der passio, in Tagen der Gesundheit wie der Krankheit in seltener Treue der Societas Jesu verbunden war.

Über seine letzten Lebenstage in Haus Sentmaring schreibt P. Rektor Flosdorf:
"Am 5. November 1974 wurde P. Kling in einem Krankenwagen nach Haus Sentmaring gebracht. P. Rektor Pöppinghaus begleitete ihn. Wie weit die Krankheit fortgeschritten war, zeigte sich schon daran, daß er den linken Arm und beide Beine nicht mehr gebrauchen konnte. Selbst kleine Veränderungen der Lage im Bett waren ihm allein kaum möglich. Dabei war er geistig rege, erinnerte sich an viele Einzelheiten und trug gern auch heitere Anekdoten zum Gespräch bei.

Die Geduld und ruhige Ergebung in den Willen Gottes ist ihm gewiß nicht leicht geworden. Er schrieb es nur der Hilfe Gottes zu, daß er die Krankheit ertragen könnte. Bis zuletzt hat P. Kling jeden Tag einige Briefe geschrieben. Sein Namenstag hatte ihm viel Korrespondenz gebracht, und auch nach seinem unerwartet raschen Tod kam noch viel Post für ihn an.

Noch am Sonntag, dem 1. Dezember, hatte ich ein heiteres Gespräch mit ihm, wobei er sich nichts von einer Verschlimmerung anmerken ließ. Aber am Montag trat eine Harnverhaltung ein, weshalb der Arzt die Verlegung in ein Krankenhaus anordnete. Wegen Platzmangel in den Münsterer Kliniken wurde P. Kling in das Krankenhaus nach Hiltrup gebracht, wo ihn ein guter Urologe behandelte. Am folgenden Tag ging es P. Kling nicht gut, und er bat den Hausgeistlichen, ihm die Krankensalbung zu spenden. Bei dieser Gelegenheit sagte er der Stationsschwester, daß er gern sterbe. Als ich am Mittwochvormittag mit Br. Mescheder und Br. Metzeler zu ihm kam, war er sehr schwach. Er erkannte uns, nickte zu unseren Worten, sprach aber nicht mehr. Da wir aber das Ende nicht so nahe glaubten, blieb ich allein bei ihm. Doch schon nach einer halben Stunde, kurz nach 10 Uhr, ist er ohne Zeichen eines Todeskampfes still eingeschlafen.

Am Montag, dem 9. Dezember, haben wir P. Kling auf dem Friedhof im Park von Haus Sentmaring beerdigt. Bei den Exequien hat P. Rektor Pöppinghaus das Leben und Sterben des Heimgegangenen als immer bewußtere Teilnahme am Schicksal Jesu dargestellt."

R.i.p.

P. Friedrich Buuck SJ

Aus der Provinz, Nr. 5 - September 1975, S. 45f