P. Hermann Köning SJ
* 28. April 1912 in Düsseldorf
15. März 1991 in Münster

In den vor mehr als zwanzig Jahren leider eingestellten "Mitteilungen aus den deutschen Provinzen der Gesellschaft Jesu" hat P. Hermann Köning in Band XVI S. 445 bis 450 einen Nachruf veröffentlicht auf seinen Bruder P. Wilhelm Köning SJ, der am 11. April 1944 bei einem Bombenangriff in Rostock ums Leben kam. Dieser Artikel sagt auch einiges aus über den Autor selbst und deshalb sei hier darauf verwiesen.

Am 30. April 1991 wollte P. Köning sein 50jähriges Priesterjubiläum feiern. Die Gästeliste hatte er erstellt, wir hatten schon alles besprochen und er freute sich darauf, im Kreis seiner Verwandten und Freunde diesen Tag festlich zu begehen; denn an der Priesterweihe 1941 in Valkenburg konnte die Familie wegen des Krieges nicht teilnehmen. Gott hat es anders gewollt. Anfang März mußte er mit einer Lungenentzündung bei hohem Fieber, kompliziert durch seine Diabetes, das Clemenshospital aufsuchen. Die Ärzte waren zuversichtlich, daß er bis zum Jubiläum wiederhergestellt sein werde. Doch am 14. März verschlechterte sich sein Zustand. Am folgenden Freitagmorgen sagte er mir beim Weggehen: "Hans, bete für mich!" Ich verstand, was er mir damit sagen wollte. Die Schwestern und Ärzte glaubten ihn zu diesem Zeitpunkt nicht in unmittelbarer Lebensgefahr. Bis gegen 19 Uhr am Abend war ich wegen eines Begräbnisses im Emsland außer Haus. Als erstes rief ich seine Nichte Frau Henk in Düsseldorf an, um seine Angehörigen von der Verschlechterung des Zustands zu informieren. Während dieses Gespräches kam vom Krankenhaus die Nachricht, P. Köning liege im Sterben. Bei meiner Ankunft war er gerade gestorben. P. Edmund O. Cap., neben P. Edilbert Krankenhausseelsorger, hatte P. Köning auf dessen Bitte, als sich am Spätnachmittag sein Zustand rapide verschlechterte, gegen 18 Uhr die Krankensalbung gespendet. Als ich ankam, sagte er mir: "So möchte ich auch sterben."

Am Mittwoch, den 20. März 1991, waren mit den Mitbrüdern alle zum Requiem versammelt, die er auf seiner Gästeliste zum Jubiläum aufgeführt hatte. Nur seine geliebte Schwester Maria ("sie ist so ein gutes Mädchen" sagte er mir mit Tränen wenige Tage vor seinem Tod), die einzig noch lebende der Geschwister, konnte wegen schwerer Behinderung nicht kommen. Ich hoffe, er wird von oben voller Freude auf die festliche Gemeinde geschaut haben, die beim Requiem um ihn trauerte und für ihn betete, ihm das Geleit auf unsern Friedhof gab und anschließend zum Kaffee und Gespräch versammelt war.

P. Hermann Köning kam am 28. April 1912 in Düsseldorf als jüngstes von sieben Kindern zur Welt. Sein Vater Heinrich stammte aus Rees und war Schreiner, seine Mutter Christine, geb. Wiggen, kam aus dem Sauerland. Herbheit des Sauerlandes und Fröhlichkeit des Rheinlandes blieben ein charakteristisches und charakterliches Erbe. Hermann war noch keine zwölf Jahre alt, als seine Mutter am 19. Januar 1924 starb: sie war 49 Jahre alt. Offensichtlich haben die beiden älteren Schwestern, Therese (* 1902) und Maria (* 1906) den harten Verlust weitgehend ausgleichen können, denn zeitlebens hatte er mit ihnen und ihren Familien ein inniges Verhältnis.

P. Köning hat von seiner Familie, von seiner Berufung, überhaupt von sich selbst und seiner Familie nur wenig erzählt, sosehr er auch lebhafte Unterhaltung liebte. Diese Zurückhaltung zeigt auch der oben genannte Nachruf. Von seiner Schwester Maria Decker und ihrem Mann Jakob war mehr zu erfahren. In der großen Familie herrschte Frömmigkeit und Fröhlichkeit. Als Junge sang Hermann beim Kartoffelschälen für Reibekuchen, war begeisterter Meßdiener und Frühaufsteher. Er wollte "was vom Tag haben". An Sonntagen war er oft um 6 und um 7 Uhr Meßdiener in St. Andras, der alten Jesuitenkirche, man brauchte ihn nicht zu wecken, um 8 Uhr sauste er mit seinem älteren Bruder Josef zum Franziskanerkloster, um im Knabenchor mitzusingen. Vor allem auf die älteren Brüder hatte P. Paul Sträter SJ als Jugendseelsorger in Düsseldorf in den zwanziger Jahren großen Einfluß. Josef war schon auf dem Gymnasium. Als Hermann zur ersten heiligen Kommunion ging, äußerte er der Mutter gegenüber, er wolle Priester werden. Aber der Vater konnte als Schreiner nicht zwei Söhne studieren lassen. Auf dem Sterbebett brachte die Mutter den Wunsch ihrem Mann vor. Als der Kaplan davon hörte, gab er Hermann kostenlos Privatunterricht und Hermann konnte in die Quarta des Hohenzollerngymnasiums aufgenommen werden. Trotzdem war Hermann nicht ganz zufrieden, er hatte ein Jahr verloren. Nach sieben Jahren (wie im Reifezeugnis vermerkt ist) erlangte er das Abitur mit sehr guten Noten. "Beruf unbestimmt" steht darin.

Er begann zunächst eine Lehre als Kaufmann. Eine Geschichte aus dieser Zeit hat er oft erzählt. Er hatte eine gebrauchte Schreibmaschine zu verkaufen, auf der das "e" nicht funktionierte. Um die Maschine vorführen zu können, hatte er sich einen Satz ausgedacht, in dem kein "e" vorkam: "Am Panamakanal ist's warm." Hatte er moralische Bedenken bekommen, den Beruf eines ehrbaren Kaufmanns zu erlernen oder hat ihn das Beispiel der älteren Brüder Wilhelm (* 1900) und Josef (* 1909) in der Berufswahl beeinflußt? Wilhelm starb 1944 als Jesuit in Rostock als Opfer des Bombenkrieges, der Pfarrer Josef (Joe) Köning als Pfarrer am 17. Februar 1987 in Bedburg-Lipp.

Jedenfalls trat Hermann am 17. Mai 1933 in 's-Heerenberg (Holland) ins Noviziat der Jesuiten ein, einer unter 74 Novizen! Es folgte die übliche Ausbildung: Nach dem Noviziat 1935 bis 38 Studium der Philosophie in Pullach bei München. Das Interstiz machte cr in Köln als Sekretär des Provinzökonomen P. Best, seine kaufmännische Ausbildung prädestinierte ihn offensichtlich dazu. Später war er in Hamburg lange Jahre, von 1953 bis 1981 Ökonom und von 1958 bis 1967 auch Minister. Seine Genauigkeit in wirtschaftlichen Dingen habe ich kennengelernt. Von Borken aus schickte er pünktlich zu jedem Monatsersten seine Abrechnung. Meist schrieb er ein paar freundliche Worte und einen Gruß dazu. Wenn die Abrechnung "nackt" kam, wußte ich, daß ich mich zu lange nicht gemeldet hatte. Ein kurzer (Sparsamkeit!) Anruf oder eine Postkarte, und die Welt war wieder in Ordnung. P. Köning war nie nachtragend.

1939 folgte das Studium der Theologie in Valkenburg (Holland). Infolge der Nazizeit wurde er ein Jahr früher als üblich am 30. April 1941 zusammen mit 22 andern Mitbrüder vom Bischof von Roermond Dr. Wilhelm Lemmens zum Priester geweiht.

1942 erhielt er den Einberufungsbefehl zur Wehrmacht. Doch nach 10 Tagen, als sich herausstellte, daß er Jesuit war, wurde er als wehrunwürdig entlassen. Er besuchte seine Schwester Maria Decker und ihren Mann Jakob, erzählte und - weinte. "Warum weinst Du denn, sei doch froh, daß Du wieder zurück bist!" Darauf er: "Wir könnten das doch besser aushalten als ein Familienvater..."

Im selben Jahr 1942 kam er als Kaplan nach Dühnen bis 1945. Wie so oft bei den Mitbrüdern war die erste Seelsorgestelle wie die erste Liebe. Wenn wir später mit dem Auto von Borken nach Münster fuhren oder umgekehrt, kannte er alle Bauernschaften in der Gegend, wohin er im Krieg zu Fuß sich aufgemacht hatte zum Religionsunterricht, zu Krankenbesuchen, zu Sterbenden. In dieser Zeit hat er Freundschaften geschlossen mit Geistlichen und Familien, die bis zum Tod dauerten.

1945/46 folgte in Büren/Westfalen das vierte Jahr des Theologiestudiums. Das Tertiat machte er 1946/47 in Köln; Instruktor war P. Sierp, die großen Exerzitien begleitete P. Wilhelm Klein.

P. Köning wurde 1947 zum Lehrer destiniert and begann das Studium in Englisch und Geschichte an der Universität in Münster. "Da mußte ich in diesem Alter, mit 35 Jahren, mich mit dieser 'Jüngelchen' auf die Schulbank setzen." Im Februar 1952 bestand er mit gutem Erfolg das erste Staatsexamen. Nach dem zweiten Staatsexamen kam er 1954 als Lehrer an das St. Ansgar-Kolleg nach Hamburg, wo er bis zu seiner Pensionierung 1981 wirkte.

Er galt als guter und strenger Lehrer, seine Schüler sollten etwas lernen. Zu seinem Abschied schrieb am 22. Juni 1981 Der VERBAND DER RÖMISCH KATHOLISCHEN KIRCHENGEMEINDEN IN DER FREIEN UND HANSESTADT HAMBURG an P. Köning:

Mit Ablauf des Schuljahres scheiden Sie aus dem Schuldienst an der Sankt-Ansgar-Schule. Dies ist für den Schulträger Veranlassung, Ihnen für mehr als 27jähriges Wirken Dank und Anerkennung auszusprechen.

Während Ihrer Lehrtätigkeit haben Sie bei Schülern und Eltern wegen Ihres hohen Anspruchs in fachlicher Hinsicht, der verbunden war mit dem pädagogischen Impetus, allen Schülern einen fundierten Wissensstand zu vermitteln - Respekt und Bewunderung erzielt. Hinzu kam stets die Bereitschaft zu helfen, wo guter Wille sich zeigte. So können Sie heute nach fast drei Jahrzehnten Tätigkeit an der Sankt-Ansgar-Schule mit berechtigtem Stolz auf den erfolgreichen Weg Ihrer ehemaligen Schüler schauen, die soweit diese in Ihre Fußstapfen getreten sind - in Ihnen das Vorbild für erfolgreiches Lehrerwirken sehen oder sonst mit Dank wegen des durch Sie vermittelten Wissens Ihrer gedenken.

Gewiß wird auch nach Ihrer Pensionierung Ihr Kontakt zu Schule und Schülern nicht abreißen. Sie werden für viele ehemalige Schüler Anlaufstelle bleiben...

In der Tat unterhielt P. Köning weiterhin viele Beziehungen zu Schülern, Eltern und Lehrern. Einige frühere Schüler schrieben ihm weiterhin Briefe auf Englisch (!) und erfreuten ihn in Borken mit ihrem Besuch.

Lange Jahre diente er, wie schon erwähnt, in Hamburg dem Haus und den Mitbrüdern als Minister und Ökonom, korrekt und pünktlich. In der Kommunität galt er als angenehmer Unterhalter ("da kam immer was aufs Tapet"). Regelmäßig wurde am Samstagabend Doppelkopf gespielt. Als echter Spieler konnte sich Hermann Köning tüchtig über Spielfehler ärgern. Beim Kartenspiel wurden auch die für die Kommunität und die Schule wichtigen Dinge vorbesprochen, in zwangloser Atmosphäre. Wie wichtig meinem Gewährsmann solche informellen Gespräche waren, geht aus seiner Bemerkung hervor, der Magister solle dafür sorgen, daß die Novizen Skat und Doppelkopf lernen, welche Anregung ich hiermit gern weitergebe. P. Köning genoß großes Vertrauen bei den Mitbrüdern: er war ihr Beichtvater und Spiritual.

Auch wenn sich P. Köning ganz für die Schule und die Mitbrüder einsetzte, seine Interessen waren umfassender: Er war der Chef von Women's Club, einem Kreis Englisch sprechender Frauen in Hamburg. Unvergessen ist er ebenfalls bei den Netter Schwestern am Holzdamm, mit denen er zwei Jahrzehnte lang jeden Morgen die Eucharistie feierte. Zu erwähnen sind ebenso seine Reisen während der Ferien, die er mit Lehrerkollegen und Mitbrüdern nach USA, Spanien und Südfrankreich gemacht hat. Doch war er auch bereit, einen einsamen Mitbruder in seiner Pfarrei an der Ostsee in den Ferien zu vertreten, oder in Borken, nahe bei seinem geliebten Dülmen, eine Aushilfe zu übernehmen.

So kam er im Juli 1981, als er pensioniert war, nach Borken als Krankenhauspfarrer. Hier wirkte er mehr als neun Jahre bis November 1990. Wir wollen auch hier zitieren, was die Pfarrei und das Krankenhaus von Borken an P. Köning zum Abschied schrieb:

Als Krankenhauspfarrer und zugleich als Rektor unserer Hauskapelle haben Sie fast zehn Jahre den vielen kranken Menschen in unserem Hause priesterlichen Beistand gewährt. Sie hatten für die Patienten, Besucher und Mitarbeiter/-innen immer ein offenes Ohr. Ihre Arbeit im Dienst der christlichen Caritas war vorbildlich.
Wir danken Ihnen für die segensreiche Arbeit, Gott möge Ihnen dafür reichlich vergelten.
Gleichzeitig wünschen wir Ihnen für den wohlverdienten Ruhestand Gesundheit, Zufriedenheit und Gottes Segen. Möge der Herrgott Ihnen noch schöne Jahre im Kreis Ihrer älteren Mitbrüder schenken.

Ähnlich wie in Hamburg war auch in Borken sein Arbeitsfeld weit. Zu seinem Abschied war in der Borkener Zeitung zu lesen: Der Ordensgeistliche hatte sich nie ganz ins Krankenhaus zurückgezogen. Er half, wo er konnte, auch in der Pfarrgemeinde St. Remigius aus und war dort an Festtagen immer präsent. Im Priesterkonveniat des Dekanates Borken zählt P. Köning zu den regelmäßigsten Besuchern und engagiertesten Diskussionsteilnehmern.

In seiner Borkener Zeit gehörte P. Köning zum Haus ins Münster. Das war für ihn keine juristische Zugehörigkeit. Er war an allem interessiert, was in Haus Sentmaring vorging, im Noviziat wie im Altenheim. Wann immer es möglich war, holte ich ihn in Borken ab und brachte ihn dorthin zurück oder machte einen Besuch bei ihm. An den kirchlichen Festtagen war das wegen seines Dienstes nicht möglich, aber an vielen Jubiläen und Begräbnissen kam er zu uns. Jedesmal besuchte er dann die Mitbrüder, die nicht mehr in die Kommunität kommen konnten. Ebenso machte er jedes Jahr die Exerzitien in unserm Haus. Er gehörte zu uns und wollte zu uns gehören.

Der Abschied von Borken und die notwendige Übersiedlung ins Altenheim nach Haus Sentmaring in Münster sind P. Köning schwergefallen. In seinem Zimmer in Münster hängte ich auf seinen Wunsch 6 Bilder auf: das Bild seiner Mutter und seines Vaters, ein Bild von Dülmen, von der Ansgar-Schule, vom Holzdamm und von Borken. Dazu natürlich ein Kreuz und ein Bild der Muttergottes. Der letzte Wunsch aus Borken ging nicht in Erfüllung.
Vier Monate nur war er bei uns, dann rief der Herr seinen treuen Diener zur ewigen Ruhe.
Mit P. Köning verloren wir einen Mitbruder, der sich allgemeiner Wertschätzung erfreute. Seine schlichte menschliche Art war geprägt von verstehender Güte, Zuverlässigkeit und selbstlosem Einsatz.

R.i.p.

P. Hans Wirtz SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 6/1992 - Dezember, S. 182-186