Bruder Julius Kox SJ
15. April 1962 zu Münster i. W.

    Fr. W. Weber läßt in "Dreizehnlinden" die Drude von sich sagen:
    "Älter als der Wald! Ich kannte
    Schon als Eicheln jene Eichen,
    Graue Hünen, deren Häupter
    Jetzt bis in die Wolken reichen.

    Unverstanden wie die Sage,
    Überalt und fremd im Neuen,
    Gleich ich einem morschen Stumpfe
    Zwischen frühlingsgrünen Maien." (8, 40-41)

Auf dem Kerbstock seines Lebens konnte Br. Kox schon das 84. Jahr zählen. Bei dem Tode eines so alten Mitbruders sehen wir nicht nur seine Lebensarbeit, sondern erleben bei dem Rückblick auch ein Stück Zeitgeschichte mit seinem Zeitenwandel.

In Lobberich, Krs. Kempen, einem Städtchen an der holländischen Grenze, wurde Br. Kox am 18. Oktober 1878 geboren und am 20. auf den Namen Julius getauft. Seine Eltern waren Johann Kox aus Schaag bei Breyel und Sophie Bex aus Leuth bei Kaldenkirchen. Also ein echter niederrheinischer Schlag, den auch Br. Kox in seinem Äußeren und im Wesen nicht verleugnen konnte.

Vier Jungen und drei Mädchen, das war die Kinderschar der Familie Kox. Natürlich wurde damals nicht von der Wiege ab, wie das heute üblich ist, photographiert. Dafür aber genoß er eine solide Erziehung. Denn zwischen den Geschwistern lernte er sich einfügen und eine selbstverständliche Anspruchslosigkeit. Die Erfassung und Erfüllung der religiösen Pflichten waren der Familie durch das fromme Vorleben der Eltern eingeprägt. Das war das ungeschriebene, aber verständliche Gesetz, dem auch die Geschwister ganz selbstverständlich folgten und ihm den Weg wiesen. Damals waren die Kinder ja auch nicht so belastet von Kino, Radio und sonstigen Attraktionen; aber sie hatten, soweit sie nicht nützlich beschäftigt waren, ihre eigene Freizeitgestaltung.

Julius war denn auch ein echter, rechter Lobbericher Junge, vor allem nicht zart. - Sein Vater soll oft gesagt haben: "Jong, du kömms noch bei de Mürater ut" (Junge, du kommst noch bei den Maurern aus). Diese galten als rauhe Leute. - Feld, Wald und Wiese waren sein Reich. Da ströppte Julius mit seinen Freunden durch die Gegend. Von seinen Erlebnissen und Streichen hat er selbst zwar nie erzählt. Aber seine Schwester hat verraten, daß nach solchen Streifzügen oft Jacke und Hose einer Überholung bedurften. In der Schule war er einer der Ersten, sonst hätte man ihm wohl nicht die Wahl zwischen Studium und Handwerk gelassen.

Mit 13 1/2 Jahren wurde er aus der Schule entlassen und kam am 25. April 1892 in die Gärtnerlehre nach Krefeld in den Gartenbaubetrieb von Heinrich Laurentius, des Bruders unseres Paters Josef Laurentius, Während der Lehrzeit wurde Julius am 30. September 1892 vom Weihbischof Fischer aus Köln in der Marienkirche zu Krefeld gefirmt. Br. Kox, der beim Meister wohnte, lobte die Familie, deren Einfluß für seinen Beruf zur Gesellschaft Jesu nicht unbedeutend war. Einem Mitbruder erzählte er einmal folgendes: Vor Abschluß seiner Lehre hatte er sich schon sehr mit dem Gedanken des Eintritts in einen Orden beschäftigt, aber noch keine Klarheit in der Frage gehabt, zumal auch seine Eltern vorerst nicht damit einverstanden waren. Da habe er an einem Dreikönigstage einer Predigt beigewohnt, die unter dem Motto stand: "Sie folgten ihrem Stern". Sie habe ihn so beeindruckt, daß er sich sagte: "Für mich allein wurde diese Predigt gehalten! Auch ich muß meinem Stern folgen ohne Rücksicht auf die Schwierigkeiten." Von diesem Zeitpunkt an gab es für ihn kein Zaudern mehr. Konsequent verfolgte er nun sein Ziel. Zuerst fand er die Unterstützung seiner Großmutter, und nach einem Besuch seines Vaters in Blijenbeck erhielt er auch von diesem die Einwilligung. Seine Schwester erzählte: Als Julius die Lehre beendet hatte, wollte ihm sein Vater eine andere Stelle besorgen. Doch er wehrte ab und sagte, er habe schon eine. Damit meinte er das Kloster. Der Vater war sehr überrascht. Denn jetzt, wo der Sohn doch anfing Geld zu verdienen, wollte ihm das nicht so recht in den Kopf. Aber Julius rang mit Beharrlichkeit dem Vater seine Zustimmung ab. Er war der einzige aus seiner Familie, der den geistlichen Stand erwählte.

Noch nicht ganz 17 Jahre, trat er am 30. September 1895 zu Blijenbeck ein. Sein Novizenmeister war P. Ernst Thill. In Br. Hillebrand hatte er einen fähigen, aber straffen Manuduktor, der ihm auch im Gärtnerhandwerk noch manches beibringen konnte.

Gegen Ende des 2. Noviziatjahres wurde Br. Kox nach Exaten versetzt und half Br. Gernund im Garten. Am Rosenkranzfest 1897 (7. 10.) durfte er die ersten Gelübde ablegen. Aus dieser Zeit berichtet ein Mitbruder: "Br. Kox war ein freundlicher und erbaulicher Mitbruder und bei allen beliebt; einfach und bescheiden ohne ein Wort des Eigenlobs, obwohl er ein sehr tüchtiger Gärtner war. Täglich besprach er sich mit dem Koch und belieferte die Küche auf das sorgfältigste, so daß es ein schönes Zusammenarbeiten war. Wir waren beide eifrige Schüler des P. Eberschweiler und suchten ihm nachzufolgen. Doch Br. Kox gelang es besser; er war ein besseres Holz. Vor meinem Geiste steht er als Heiliger. Das war heiliger Wettstreit."

Nach zwei Jahren wurde er in das neu erbaute Schriftstellerheim nach Luxemburg versetzt, um den Garten anzulegen. Das war seine erste selbständige Arbeit. Nach den Äußerungen älterer Patres hat der Garten der Bellevue diesen Namen (schöner Ausblick) wirklich verdient.

In Luxemburg legte er am 2. Februar 1909 auch seine letzten Gelübde ab. Nachdem dieses Haus 1911 aufgehoben wurde, half er noch bei der Einrichtung des Hauses auf dem Limpertsberg.

Im März 1911 wurde er nach Valkenburg versetzt, um dort die Betreuung des Gartens zu übernehmen. Hier konnte er seine Fähigkeiten entwickeln und noch manches an Erfahrung hinzulernen. Er lernte und beobachtete noch bis in seine letzten Jahre sehr fleißig.

Gegen Ende des Ersten Weltkrieges mußte Br. Kox noch am 2. April 1918 Soldat werden. In seinen "Erinnerungen" schreibt er über diese Zeit: "Alles für Dich, göttliches Herz Jesu. Dieser Gedanke beseelte mich, als ich heute am 2. April 1918 vom Ignatiuskolleg Valkenburg abreiste, um der Einberufung zum Militär Folge zu leisten. Wenn auch die Begeisterung, die am Anfang des Krieges mich erfüllte, nachgelassen hat, so haben doch die Gedanken, daß es so Gottes Wille sei und ich jetzt mehr Gelegenheit finden würde, durch Leiden und Opfer dem göttlichen Herzen Jesu, dem ich mich und mein ganzes Leben' geweiht habe, meine Verehrung und Liebe zu bezeigen und für meine und der Mitmenschen Sünden Sühne zu leisten, die Trennung vom Ignatiuskolleg und den lieben Mitbrüdern erleichtert. Im Vertrauen auf Gottes Beistand und unter dem Schutze der lieben Gottesmutter, des hl. Josef sowie auf die Gebete der Mitbrüder vertrauend, habe ich den Kreuzweg begonnen. Wo und wann er enden mag, will ich Gott überlassen." Unter dem 4. April schreibt er: "Erster Tag in der Kaserne. Ich mußte mein Ordenskleid mit dem Waffenrock vertauschen. Als ich die nötigen Sachen empfangen hatte, ging es gleich los. Es war gut, daß ich mein Ordenskleid anhatte und meine Kameraden wußten, was ich war. Sie nahmen sich deshalb etwas in acht und richteten sich danach."

In der kurzen Ausbildungszeit hat er den Barras von mancher Seite kennengelernt. Unter dem 24. Juni schreibt er: "Von unserer Kompagnie sollten 5 Krankenträger ins Feld rücken. Da einer nicht vom Urlaub zurückkam und ein Ersatzmann gesucht wurde, habe ich mich hierzu freiwillig gemeldet. Ich dachte, dies entspreche mehr meinem Beruf als mit den Waffen zu kämpfen, und da ich heute gerade eine neuntägige Andacht beendigte, sah ich dies als eine Fügung Gottes an." - Nach manchen Erlebnissen an der Front geriet er am 12. September bei Hauxricourt in englische Gefangenschaft. Auf diese Weise kam er auch nach England. Das Erlebnis, einmal das Meer zu sehen, hat ihn beeindruckt; schade nur, daß es Nacht war.

Die Gefangenschaft war bestimmt keine rosige Zeit, auch wenn er jetzt dem Schlachtengetümmel entronnen war. Am 3. Dezember 1919 konnte er heimkehren und übernahm nun sofort wieder den Garten in Valkenburg.

Doch schon nach einiger Zeit, im Herbst 1925, holte man ihn nach Mittelsteine, um im neuerrichteten Ostnoviziat die neue Gartenanlage vorzubereiten. Dort blieb er mit einer kurzen Unterbrechung bis März 1929. Von hier aus ging er auch für einige Monate nach Zobten, um hier den Garten stilgerecht umzuarbeiten.

Im März 1929 berief man ihn nach Godesberg zum neuerbauten Aloisiuskolleg, um den durch die Bautätigkeit verunstalteten Garten des Kollegs wieder herzurichten und die gärtnerische Anlage der Kollegsfront zu gestalten. Sein Meisterstück war die Anlage der Sportplätze, auf denen man vorher bei einigermaßen ungünstigem Wetter nicht spielen konnte. Durch gut abgewogenen Untergrund mit Steinen und entsprechende Auflage mit anderem Material und minimalem Gefälle waren die Plätze glatt und sauber, eine Freude für die Schüler, für die Hausreinigung, nicht zuletzt auch eine Erleichterung der besonders auch für Jungen "schweren Arbeit" des Schuhputzens.

Zwischendurch legte er 1930 im neuen Provinzialhaus in Köln in der Stolzestraße den Garten an. Nicht dadurch wurde er der "Provinzgärtner", sondern weil er in vielen Häusern der Provinz Gärten angelegt hat.

Im Frühjahr 1931 mußte er in Aalbeck den Park einer gründlichen Durchforstung unterziehen. Gleich danach wanderte er wieder nach Mittelsteine, um die 1925 begonnene Arbeit weiter auszubauen. Herbst 1932 ging er für einige Zeit nach Oppeln, um hier die Gartenanlage umzugestalten und zu vergrößern. Im Januar 1934 wurde er nach Frankfurt/Main - St. Georgen versetzt, die Pflege des Gartens und Parks zu übernehmen. In sehr feiner Weise hat er den alten Gärtner, dem es sicher nicht leicht war, den schönen Park und seine Tätigkeit aufzugeben, abgelöst.

Der St. Georgener Park, von dem in Frankfurt noch in Ehren stehenden Gärtnermeister Rinz angelegt, fand in Br. Kox einen fähigen Kenner und Konservator. Das zeigte sich bei gelegentlichen Besichtigungen der Dendrologischen Gesellschaft, die sich einmal über die Schönheit, Reichhaltigkeit und gute Pflege der Anlage äußerte und nicht zuletzt das umfassende Wissen des Br. Gärtners bewunderte.

Wiederum kam ein Wechsel: Er tauschte mit Br. Schnecking aus Godesberg den Platz. Als dann das Kolleg von Godesberg durch die NSDAP aufgehoben wurde, kam er zum vierten Mal nach Mittelsteine. Auch hier zwang ihn die Aufhebung im September 1940 das Haus zu verlassen. Bonn war jetzt sein Arbeitsfeld. Neben dem Garten besorgte er noch die Sakristei, bis ihn die Gestapo auch hier vertrieb.

Nach einem kurzen Aufenthalt in St. Georgen übernahm er die Pflege des Gartens im Limburger Priesterseminar. Nach Beendigung des Krieges begann er im Juli 1945 den verwilderten Garten und Park des Aloisiuskollegs in Godesberg wieder zu kultivieren. Im September 1946 schnürte er von neuem sein Bündel und zog ins neuerrichtete Noviziat Eringerfeld und übernahm auch hier den Garten. Ein Jahr später ging es nach St. Georgen. Den schönen Park fand er verwüstet. So machte sich der nunmehr 70jährige daran, ihm wieder seine Schönheit zurückzugeben. Er fand dabei interessierte und eifrige Helfer. Zwischendurch legte er 1953 den Garten der neuerbauten Residenz M Bonn an und 1957 ein Ziergärtchen in Essen. 1955 konnte er sein diamantenes Ordensjubiläum feiern.

Br. Kox hat außer seinem Lehrbrief keine besondere Auszeichnung oder Diplom. Aber seine schwieligen Hände und so manche Gartenanlage zeugen von seinem Fleiß und seiner Fähigkeit zur Formgestaltung. Für seine Fortbildung gab er sich viel Mühe. Die Zeit, die er nicht draußen schaffen konnte, und Freistunden an Sonn- und Festtagen nützte er zum Studium von Fachschriften aus oder zum Anfertigen von Plänen und ähnlichem. Seine Notizen sind alle in einer bewundernswert exakten Handschrift geschrieben, auf die er sicher auch große Sorgfalt verwandte. Seine Niederschriften geistlichen Inhalts zeigen, daß er seine geistlichen Lesungen, die übrigens gut gewählt sein mußten, auch fruchtreich machte.

Alle, die ihn gekannt haben, heben seinen Fleiß, seine Einfachheit und Bescheidenheit hervor. Ein Mitbruder schreibt: "Br. Kox war ungefähr 7-8 Jahre in Mittelsteine. Ich habe ihn dort als einen tüchtigen, erfahrenen und arbeitsamen Mitbruder kennen- und schätzengelernt. Seine erste Arbeit war, den Ober- und Untergarten neu einzurichten, neue Wege und Stege und Bepflanzung zu planen und anzulegen. Diese Arbeit hat er vortrefflich verstanden. In seiner Arbeit hatte er Schwung, den er auch auf seine Mitbrüder übertrug. Auch durch seine Pünktlichkeit und seinen Eifer bei den geistlichen Übungen hat er uns erbaut; denn schon um 4 Uhr morgens war er in der Kapelle. War er auch manchmal in seinen Entscheidungen und Anordnungen kurz und bestimmt, so doch im sonstigen Umgang mit den Mitbrüdern immer heiter, brüderlich und gefällig. Als Brüderbidell haben wir ihn immer hochgeschätzt."

In Frankfurt war er bis in sein hohes Alter immer eifrig bei der Arbeit im Garten und auch bei den gemeinsamen Arbeiten stets zur Stelle bis es buchstäblich nicht mehr ging. Gewiß war es im letzten Lebensabschnitt manchmal schwierig, sich seinen Ansichten und Entscheidungen immer anzupassen. Aber wer kann so elastisch bleiben, den wechselnden Zeitumständen und Methoden der jungen Leute gewachsen zu sein? Zudem gingen die Körperkräfte und seine geistige Spannkraft zusehends zurück. Wenn ihm das "stirb und werde" in der Natur eigentlich immer schon ein Bild und eine Belehrung sein mußte, so wird das menschliche Fühlen dadurch doch nicht aufgehoben, und er hat es in allen Fasern seiner Natur empfunden.

So blieb ihm am Schluß nur das "orat pro Societate", bis ihm selbst dieses Licht nur noch blaß schimmerte. Die Verkalkung nahm so rapid zu, daß ihm mitunter der Begriff für Raum und Zeit und manches andere schwand. Als der Krankenbruder selbst zu einer Kur weg mußte, brachte man ihn zur weiteren Pflege Mitte Juni 1961 nach Münster/Westf, in die Altersstation. Das war für ihn kein leichtes Opfer. Die letzten Monate war er sehr gebrechlich und ans Bett gefesselt. Am Palmsonntagnachmittag, den 15. April 1962, schlief er ruhig hinüber in die Ewigkeit.

Sein ganzes Leben war unermüdliche, treue Arbeit. Die wenigen Stunden, die er sich gönnte, widmete er dem Gebet. Dort holte er sich die Kraft zur Hingabe an seinen Beruf. Die schon erwähnten Worte am Anfang seiner Aufzeichnungen über seine Soldatenjahre: "Alles für dich, o göttliches Herz Jesu ...", könnten über seinem ganzen Leben stehen.

R.i.p.

Br. Josef Fix SJ

Mitteilungen 126, S. 83-88