P. Alfred Kremer SJ
* 13. April 1913 in Wittlich
11. Juni 1995 in Münster

Alfred Kremer stammte aus Wittlich. Die Kleinstadt mit relativ viel Industrie gehört zum Bundesland Rheinland/Pfalz. Die Stadt hat in ihrem Wappen zwei Schlüssel, die symbolisch die beiden Landschaften Mosel und Eifel erschließen. Diese beiden Landschaften haben auch die Seele von P. Kremer mitgeprägt. Bis ins hohe Alter hat das Wasser, konkret die Nordsee, eine hohe Anziehung auf ihn ausgeübt, aber auch die Hügellandschaft der Eifel. Er hat beides geliebt. Er konnte stundenlang auf das Meer hinausschauen, und er fühlte sich wohl in den sandigen und waldigen Hügeln der deutschen Mittelgebirge.

Kirchlich gehört Wittlich zum Bistum Trier. In der Hauptkirche der Stadt, die dem Evangelisten Markus geweiht ist, wurde P. Kremer getauft und im Jahre 1925 auch gefirmt.

In den wohlhabenden, ein wenig barockem Landstädtchen im Liesertal ist P. Kremer mit drei Geschwistern aufgewachsen und hat eine schöne Jugendzeit erlebt, die religiös durch seine eifrige Meßdienertätigkeit bereichert war.

Nach seinem Oberschul-Abitur in Wittlich ist er am 6. April 1932 mit 17 anderen Kandidaten zu s'Heerenberg (Niederlande) bei Emmerich am Niederrhein in das Noviziat der Gesellschaft Jesu eingetreten. Im selben Jahre kamen zum Herbst hin noch neun weitere Kandidaten hinzu. Novizenmeister war P. Heinrich Schmitz, damals 47 Jahre alt.

Nach dem 2jährigen Noviziat und dem Studium der Humaniora folgten drei Jahre Philosophie in Pullach bei München, ein Interstiz in Essen an unserer Ignatiuspfarrei und die ersten Jahre Theologie in Valkenburg (Niederlande). Dort, im großen Ignatiuskolleg, empfing er während des Krieges die Priesterweihe, die Exzellenz Lemmens, Bischof von Roermond, am 30. April 1941 erteilte. Nach dem Krieg folgte 1946/47 ein ergänzendes Theologiestudium in Büren/Westfalen. Den Abschluß der gesamten Ausbildung vollzog er 1947/48 im Terziat auf der Rottmannshöhe am Starnberger See.

Destination
Viele unserer Mitbrüder, die während der Kriegsjahre die Priesterweihe empfingen, wurden gleich nach der Weihe verstreut in der Pfarrseelsorge eingesetzt, um das Naziregime durch keine geballte Kommunität zu provozieren. Ohnehin waren die großen Häuser alle beschlagnahmt. Die Bischöfe, zumal in den Diaspora-Diözesen und auch besonders in Limburg und Mainz, waren erfreut über diese Pfarrtätigkeit der jungen Priester, weil ja viele Kapläne zur Wehrmacht eingezogen waren, wir Jesuiten dagegen auf Geheimbefehl Hitlers gleich Wehrunwürdigen aus der Wehrmacht ausgestoßen wurden, wenn auch dieser Titel offiziell nicht genannt wurde, sondern der neutralere Titel 'nzv' = nicht zu verwenden. P. Alfred Kremer gab sich mit großem Eifer der Seelsorge hin, zunächst in unserem Pfarr-Rektorat Robert Bellarmin in Köln und anschließend 1943 - 45 als Vikar in Lindern bei Cloppenburg.
Nach seinem Terziat folgten die Destinationen in einer aufregend schnellen Folge. Nirgends (außer in Burhave) blieb er längere Jahre. Dann waren schon wieder die Koffer zu packen, um eine neue Aufgabe zu übernehmen. Seine Flexibilität blieb anhaltend gefordert.
Wenn man seine Destinations-Tabelle von 1941 bis 1991 überschaut, ergibt sich ein sehr unruhiges und buntes Bild. Vor allem und immer wieder war er in der Pfarrseelsorge tätig, aber auch als Spiritual im Priesterseminar in Fulda von 1954-59 und in Aachen von 1959-65.
Von Oldenburg aus, wo er einige Jahre sogar das Amt des Hausobern in unserer kleinen Peter-Faber-Niederlassung innehatte, widmete er sich der schwierigen Lehrerseelsorge. In unseren Niederlassungen Koblenz und Saarlouis war er als Beichtvater tätig. In Iserlohn war ihm das Elisabeth-Hospital anvertraut und auch die Betreuung der Katholiken im Krankenhaus Bethanien und das Altenheim St. Pankratius. Im Jahre 1985 übernahm er die Aufgaben eines Kooperators an unserer Pfarrei St. Albertus in Gießen.
Zwischendurch war ihm mehrfach die Kur-Seelsorge auf der Nordseeinsel Wangerooge übertragen, die seiner künstlerisch-kreativen Veranlagung besonders entgegenkam und ihm viele Impulse schenkte. Die Jahre nach 1986 waren besonders turbulent. In dieser Zeit war er in Hannover, in Brunsbüttel, in Papenburg, in Eckernförde, in Niederbüll, in Süderbrarup und in Ratzeburg tätig. Endlich im August 1990 siedelte er über nach Bad Salzdetfurth zu den Schwestern vom Heiligsten Herzen Mariens. Aber schon nach gut einem Jahr, am 12. September 1991 folgte er seiner letzten irdischen Destination nach Münster in unsere Niederlassung Haus Sentmaring.

Krise
Bei all diesen vielen Versetzungen und Veränderungen ist es kein Wunder, daß P. Alfred Kremer in Gefahr war, an seiner Berufung zur Gesellschaft Jesu irre zu werden. Die Vibrationen dieser inneren Unsicherheit lassen sich in seiner Korrespondenz nachweisen. Sie erreichten wohl den Höhepunkt im Jahre 1975, als er in einem Brief aus Burhave vom 23. September an R. P. Provinzial Gerhartz um seine Entlassung aus dem Orden bat.
In diesem längeren Brief hat er seine innere Situation in bewegender Weise dargelegt. Ich zitiere daraus folgende Sätze: "Ich trat ein (in die SJ) mit dem Willen, der Kirche zu dienen, und mir schwebte vor, das einmal im Lehrberuf tun zu können. Begabung und Bildung erwiesen sich als weniger gut, als es das Zeugnis einer Kleinstadtschule vermuten ließ. Ich brachte es in keiner Fremdsprache soweit, mich darin unterhalten zu können. In scholastischem Denken bewegte ich mich nur mühsam. Mein Interesse an Literatur, Musik (und Technik) war nicht gefragt. Der Zufall wies mir die Aufgabe zu, während der ganzen Ausbildungszeit als Chorleiter und Organist zu fungieren, d.h. zu dilettieren, denn für eine sachgemäße Fortbildung rührte sich kein Finger. Das entschuldigt zu einem Teil die Tatsache, daß ich viel zu viel Zeit und Kraft an diese Aufgabe wandte, die dann dem Studium verloren ging. [...] Ich lernte nie, zielstrebig und beharrlich zu arbeiten und vor allem nicht, langfristig mir Kenntnisse anzueignen und sie zu ordnen, um so über eine Sammlung von Wissen zu verfügen, und ich blieb sehr unselbständig und gehemmt." [...] Im selben Brief schreibt er: "Es unterläuft mir leider immer wieder, daß ich aus lauter Versöhnlichkeit und unüberlegter Fügsamkeit meine Sache nicht gründlich zu vertreten weiß. [...] Meine Unerfahrenheit und Ungeschicklichkeit in wirtschaftlichen Dingen und meine leidige Gedächtnisschwäche in praktischen Angelegenheiten bringt mich oft in (eine peinliche) Lage. Die Frage, ob es nicht richtiger sei, aus der Gesellschaft auszuscheiden, hat mich zum ersten Mal ernsthaft bewegt vor zehn Jahren, als ich das Aachener Priesterseminar verlassen mußte und in dem Koblenzer Übergangsjahr vergebens versuchte, eine mir gemäße Aufgabe in der Provinz zu finden. Damals bildete ich mir die Meinung, weder Begabung noch Bildung reichten aus, um eine der Gesellschaft eigene Tätigkeit zu übernehmen."
Seine Haltung, die sich in diesen Sätzen offenbart, spiegelt trotz allem eine starke Persönlichkeit. Da ist nichts Verstecktes, da scheint nichts Kompliziertes. Da ist keine Spur von verschlagener Schlauheit. Da ist erfrischende Ehrlichkeit und Offenheit. Er spielt mit offenen Karten.

Burhave
Seiner Bitte um Entlassung wurde nicht stattgegeben. Wie weise diese Entscheidung war, erwiesen die weiteren zehn Jahre, die ihm in Burhave vergönnt waren. Es kam zu einer völligen Entspannung seiner kritischen Berufsphase. Offensichtlich war Gottes Gnade mächtig in ihm wirksam, so daß er eine totale Zufriedenheit verspürte. Im Rückblick waren die fast 15 Jahre Burhave (1970-85) für P. Kremer traumhaft schön. In dieser Gemeinde fühlte er sich wohl und konnte auch seinen Hobbys nachgehen, vor allem der Musik und Literatur. Seelsorglich waren eigentlich nur die Sommermonate voller Arbeit, wenn die erholungsuchenden Gäste und Familien das Städtchen am Jadebusen aufsuchten. Das Pfarrhaus war ungewöhnlich groß und geräumig. Es wurde von den Schwestern der hl. Elisabeth in Reinbek bei Hamburg als Erholungshaus für die eigenen Schwestern benutzt. Die Schwestern hatten aber auch die Pfarrdienste in der Gemeinde übernommen, wie Sakristei, Alten- und Krankenpflege, Kindergarten und waren so in vielfacher Hinsicht in der Gemeinde tätig.
Wenn ich P. Kremer dann und wann in Burhave besuchte, blieb seine Küche kalt. Dann gingen wir in eines der rustikalen und unglaublich preiswerten und doch guten Fischrestaurants. Da verstand er es, richtig zu schlemmen. Ich wurde erinnert an das bekannte Wort, das der großen hl. Theresia zugeschrieben wird: 'Wenn Askese, dann Askese; wenn Rebhuhn, dann Rebhuhn.' - Manchmal äußerte er auch Bedenken und Skrupel, daß er als gesunder Mensch und bei seiner Erfahrung einen so kleinen, bescheidenen Arbeitsrahmen habe, wo er doch anderswo - extensiv und intensiv - viel ergiebiger hätte wirken können als in diesem kleinen Fischereihafen an der Küste zwischen Unterweser und Jadebusen mit einem ausgedehnten Weideland, das durch Deiche gesichert war und einen hochwertigen Viehbestand ernährte. So kam ihm seine Tätigkeit in Burhave mitunter geradezu luxuriös vor. Aber er tröstete sich schnell wieder mit der Überlegung: Das gehört ja doch alles im Evangelium zum 'centuplum', zum Hundertfachen unserer Berufung.

Anerkennung
P. Kremer war sich durchaus bewußt, daß seine Verhaltensweise mitunter den Eindruck eines Sonderlings und Einzelgängers erwecken konnte. Auch seine liturgischen Gestaltungen, seine Kurzansprachen zwischen den Funktionen und seine selbstgestrickten Gebete ärgerten manche oder ließen sogar den einen oder anderen von seinen Gottesdiensten fernbleiben. Doch das waren Ausnahmen. Per saldo hat P. Kremer viel Anerkennung gefunden. Dazu ein Zeugnis des Generalvikars von Osnabrück Dr. Heinrich Heitmeyer. Am 9. August 1989 schreibt er an P. Kremer und betont seinen "eifrigen und engagierten Dienst". Und im Brief vom 23. Mai 1990 schreibt er an ihn: "Stets waren Sie bereit, dort zu arbeiten, wo 'Not am Mann' war. Alle Gemeinden, in denen Sie gelebt und gewirkt haben, waren und sind Ihnen dankbar. Diesem Dank möchte ich mich hiermit auch im Namen unseres Herrn Bischofs (Dr. Ludwig Averkamp) - anschließen und ich füge hinzu, daß wir ihre Einsatzbereitschaft und -fähigkeit immer wieder bewundert haben. Nicht jeder unserer Mitbrüder ist so flexibel bzw. besitzt die Gabe, sich unverzüglich und mit ganzem Herzen auf eine neue Situation einzustellen. Das verdient Dank und Anerkennung". Eine Kopie dieses Schreibens sandte der Generalvikar an Herrn Dechant Hülsmann und Herrn Pfarrer von Geisau. Ebenso auch an R. P. Provinzial Alfons Höfer in Köln. An ihn fügte er die Zeilen bei: "Gern hätten wir P. Kremer noch länger unter uns gehabt. Auch Ihnen gilt unser Dank, daß Sie ihn für den Dienst im Bistum Osnabrück freigestellt hatten."
Auch Horst Grotrian, Pfarrer der Ev.-Luth.-Kirchengemeinde in Burhave hatte sich bei R. P. Provinzial Pfahl im Brief vom 19. Juni 1985 für ein Verbleiben von P. Kremer eingesetzt. Er schrieb: "Seit dem 1. März 1985 ist (die katholische Gemeinde) verwaist. Ich bin gewiß für Sie nicht die kompetenteste Person, die sich in dieser Angelegenheit an Sie wendet. Doch als Pfarrer der ev. Kirchengemeinde Burhave vermisse auch ich 1. Pater A. Kremer und 2. das katholische 'Gegenüber'. Meine konkrete, bittende Frage: gibt es nicht eine Möglichkeit, Pater Kremer (ab sofort) freizustellen? Ließe sich dazu nicht ein Konsensus mit dem Bischof von Münster bzw. dem Offizialat Vechta finden? Den hier lebenden und z.Z. hier Urlaub machenden katholischen Christen würde damit gewiß ein großer Dienst erwiesen! Ich weiß auch um die Schwächen und Schwierigkeiten von Pater Kremer. Aber es gibt etliche Christen hier, die ihm beistehen würden. Auch ich!" Ähnlich haben sich Laien aus der Gemeinde für P. Kremer eingesetzt, z.B. das Ehepaar Irmgard und Georg Schröder im Brief vom 11. Juni 1985 an R. P. Provinzial in Köln.

Gesundheit
P. Kremer hat diese Bemühungen mit Gelassenheit hingenommen. Zwar hatte Burhave für ihn eine nostalgische Anziehungskraft und er wünschte - auch später - sehnsüchtig, nach dort zurückkommen zu können. Andererseits aber sah er auch realistisch die pastoralen Handikaps auf Grund seiner Gesundheit. Von Haus her besaß P. Kremer eine beneidenswert robuste Gesundheit. Seine breiten Schultern ließen eine kräftige und zähe Konstitution erkennen, und seine starken Energien überwanden Krankheiten schon in den ersten Anfängen. Was ihn mehr und mehr besorgt machte, war außer der geminderten Sehkraft die wachsende Schwäche seiner Hörorgane. Am 16. Mai 1990 schrieb er aus Pinneberg: "Lieber Herr Confrater, leider sehe ich mich veranlaßt, wieder über meine Verwendungsfähigkeit zu berichten. Es geht vor allem um meine zunehmende Schwerhörigkeit. Tatsache ist, ich kann mich nicht mehr mit Kindern unterhalten und damit fallen Religionsunterricht und (der von mir hier gewünschte) Erstkommunionunterricht weg. Unbekannte Namen verstehe ich nicht mehr beim ersten Hören. Einem lebhaften Rundgespräch kann ich nicht mehr lückenlos folgen. Flüstern im Beichtstuhl bleibt mir unverständlich." Auch Telefon- und Türsignale überhörte er mehr und mehr.

Reisen
P. Kremer hat in seiner bescheidenen Art keine aufwendigen Reisen unternommen, obschon er für die Schönheiten der Landschaft und der Meere eine außerordentliche Empfangsbereitschaft spürte. Überaus glücklich empfand er in den 60-er Jahren das Geschenk einer mehrwöchigen Reise ins Baskenland zu den Geburtsstätten von Ignatius und Franz Xaver. Im Rahmen eines Ferienaustausches von Priesterkandidaten der Seminare von San Sebastian und Aachen, wurde er eingeladen und sagte gern zu. Bei solchen Gelegenheiten konnte sich P. Kremer außerordentlich mitteilsam und kommunikativ verhalten. Sein spontanes Lächeln entwaffnete und entspannte so manche kritische Situation. Trotz seiner gelegentlich gar verletzenden Aufrichtigkeit konnte er in Gesellschaft viel Charme entwickeln. Seine warme, impulsive Natur konnte sich zu leidenschaftlicher Glut entfalten. Sein gepflegtes, gestriegeltes Haar zeugte von seinem Bedürfnis nach Romantik.

Abschied
In seinen letzten Jahren in Münster wurde P. Kremer immer stiller, aber er nahm teil an den gemeinsamen Gottesdiensten und an den Konveniats, die ja in einem Altenheim allein schon wegen der vielen Jubiläen und runden Geburtstage nicht selten sind. Während der letzten Monate quälte ihn eine hartnäckige Bronchitis, die er aber nicht ernst nahm und herunterspielte. Wahrscheinlich ist er aber doch einer Embolie (Retrograde) erlegen. Als er am Dreifaltigkeitssonntag, dem 11. Juni 1995, nicht zum Essen erschien, fand man ihn in seinem Zimmer. Er saß angekleidet im Sessel. Der Tod hatte ihn und uns überrascht. Der letzte Satz seines Totenzettels lautet: "Der Glaube hat sein Leben bestimmt, an ihm hat er festgehalten, nun ist er in der Schau."

R.i.p.

P. Otto Syré SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 1/1996 - Januar, S. 9-13