Bruder Johannes Kreuzer SJ
* 20. Juni 1886 in Benninghausen
24. Dezember 1969 in Münster i. W.

Zu Benninghausen Kr. Wipperfürth wurde Johannes Kreuzer am 20. Juni 1886 geboren. Die Familie Kreuzer war mit 10 Kindern gesegnet, 5 Jungen und 5 Mädchen. Johannes war der dritte in der Reihe der Jungen. Das Vorbild der Eltern gewährleistete auch eine gute Erziehung der Kinder. Die Frucht echter Familiengemeinschaft bezeugte sein Sprechen und sein ganzes Gehaben.

Der Vater war Peter Kreuzer und die Mutter Berta, geb. Feldhof. Die Mutter hätte ihren Jungen gerne nach dem Namen des Paten Joseph genannt. Jedoch war Gimborn - St. Johann - die nähere Kirche und dazu am kommenden Sonntag Kirchweihfest. Da fand der Vater "Johannes" als den richtigen Namen. Also "sein Name soll Johannes heißen". Mit dem Entscheid und Bescheid kam der Vater von der Anmeldung des Täuflings zurück. Unsympathisch war der Mutter der Name Johannes deshalb, weil der Junge dann mit dem "gewöhnlichen" Namen Hannes gerufen würde. Dem muß die Mutter später entschieden entgegengewirkt haben. Die Mutter war eine große Muttergottesverehrerin. Auch im Alter noch wollte sie trotz abnehmender Kräfte die Wallfahrt nach Kevelaer nicht aufgeben. Der Vater war ein guter Katholik. Von der Mutter her wußten die Kinder, daß er in seiner Jugend ein tüchtiger Ziehharmonikaspieler war und alles andere als ein prüder Kopfhänger.

Aus der frühen Jugend des kleinen Johannes, etwa 4 Jahre alt, hatte er noch die Erinnerung, wie er sich mit seiner kleinen Schwester einmal verlaufen hatte. Eine Frau, die des Weges kam, brachte sie beiden wieder auf den rechten Weg, und schon bald hörten sie die Mutter ihre Namen rufen. Das war eine eindringliche Belehrung über die göttliche Vorsehung.

Gleichfalls in seiner Erinnerung ist seit seinem 8. Lebensjahre folgende, ihm damals unerklärliche Sache: Es war in Gimborn Mission. Unser Johannes hatte schon Klostergedanken. Aber er wunderte sich, daß die Patres das nicht sehen konnten. Er hatte die göttliche Allwissenheit auf die Patres übertragen. Nun, die Täuschung klärte sich ja auch.

Mit 16 Jahren schickte ihn sein Vater auf die Landwirtschaftliche Winterschule. Johannes konnte sich anfangs nicht dafür begeistern, denn er meinte, dies sei für den Klosterberuf nicht vonnöten. Aber so weit war es ja noch gar nicht. Ja, er wurde sogar erst noch Mitglied des Schützenvereins, und sogar Schützenkönig.

Er erzählt selbst:
"Als ich mit einem Kameraden am Schützenhäuschen spazieren ging, rief mich mein Bruder. Er sagte mir, ich solle kommen und schießen, denn ich wäre an der Reihe. Ich sagte ihm: "Ich will doch nicht den Vogel schießen". Er meinte, er kommt noch lange nicht herunter. Ich sagte: "Gut, dann will ich kommen." Ich ging mit dem "Ziel" an der Stange hinaus, bis ich am rechten Fleck angekommen war und zog dann los. Der Vogel überschlug sich und kam mit vielem und großem Krach herunter. Dann knallten auch gleich die Böllerschüsse, die immer abgefeuert wurden, wenn der Vogel kam. Als ich aus dem Schützenhäuschen kam, war ich kreideweiß vor Schreck geworden. Aber es war nichts mehr zu machen, das Unheil war geschehen. Ich dachte, was ich für eine Königin nehmen sollte. Ich dachte nur, da nimmst du deine Schwester, da bist du versorgt. Die hatte keine Schwierigkeiten und freute sich noch drauf. Bald darauf war ein Schützenzug. Vorher wurde mir schon das ganze Uniformgeklimper umgehängt. So eine Schützenkönigswürde ist sehr gut dafür, die Nichtigkeit der menschlichen Ehren und Würden kennenzulernen. Abends spät ging es dann glücklich nach Hause. Das nächste Jahr mußte ich dann noch eine Rede halten. Die hatte ich mir gut einstudiert. So klappte das auch recht gut.

Beim Militär spielte Johannes Kreuzer nur eine Gastrolle von 6 Wochen und wurde dann als "untauglich" entlassen. Seine Brüder, auch der jüngste, mußten Soldat werden. 2 Brüder fielen an einem Tag. Diesen Schlag hat die fromme Mutter tapfer überwunden. Am Kriegsschluß kam nur einer heim. Dieser sollte dann den Hof übernehmen, wenn Johannes ins Kloster ging. Im Frühjahr 1923 starb die Mutter, und im Herbst der Vater. Den Tod des Vaters schildert er ähnlich des "Hermesbur".

Jetzt nahm er Abschied und reiste nach 's Heerenberg. Beim Grenzübertritt fragte der Zöllner, wohin er wolle - so - ins Bonifatiushaus, als Pater? Nein - als Bruder. Na, das ist Ihnen aber spät eingefallen. - Das Vorstellen und Einführen war bald erledigt. Außerdem war ja auch sein Landsmann, Bruder Hütt, schon dort. Seine Beschäftigung wurde die Ökonomie. Das war für ihn kein Neuland, nur mit dem Unterschied, daß er nicht mehr sein "eigener Herr" war. Das fing mit der Tagesordnung an. Und die Tagesordnung am Morgen fing mit Bekämpfung der Schläfrigkeit an, denn wenn er Nachtwachen halten mußte, die bei der Viehzucht nötig waren, gab es Differenzen zwischen der Tagesordnung und den Forderungen der Natur. Da muß es öfter zwischen den entsprechenden Stellen geknistert haben. Und der Bruder Kreuzer war ja den Kinderschuhen entwachsen, aber noch in der geistlichen Kindheit, dem Noviziat. Doch darf man ihm bescheinigen: beides wußte er, klug zu reden und klug zu schweigen.

Ein Mitbruder, der einmal mit ihm spazieren ging, erzählt folgendes: "Bruder Kreuzer zeigte mit dem Schirm in die Umgegend, und schnaubte die Nase nach Landmann-Art aus. Zuhause angekommen, sagte ich ihm: Nächstens lassen Sie lieber den Schirm daheim und nehmen ein Taschentuch mit. Er darauf - ohne beleidigt zu sein: "Ja, ja, da haben Sie aber auch recht." Im allgemeinen war er auch ein ziemlich ausgeglichener Charakter. Doch wenn das Töpfchen mal überkochte, dann war nicht gut Kirschen essen mit ihm.

In seinen Erinnerungen erwähnt er Br. Hillebrand als einen meisterhaften Gärtner, einen feinen Charakter und vorbildlichen Religiosen, mit dem er sich ausgezeichnet verstand und dem er in vielem behilflich war. Man kann aber auch wohl sagen, daß ihn der alte Manuduktor vielseitig und eindringlich in die Schule genommen hat. Als infolge der Devisenschwierigkeiten das Noviziat nach Hochelten verlegt wurde, blieben P. Minister und 4 Brüder, Br. Hillebrand, Rüth, Kreuzer und Schäfer als "Abwickelungskommando" zurück. Diese Zeit hat ihm besonders gut gefallen. Er bezeichnet sie als ein schönes halbes Jahr.

Darin begannen die Wanderjahre. Br. Kreuzer wurde für Godesberg bestimmt. Aber in Godesberg hatte er keine Einfahrt. Das Signal blieb auf "rot". Als P. Provinzial von Rom zurückkehrte, bestimmte er ihn für Frankfurt - St. Georgen. Das war 1937. Mit Br. Kox arbeitete er gut zusammen; denn Landschaftsgärtner und Bauer leihen sich das Gebiet. Außerdem sorgte Br. Kreuzer für die Hühner und die Hirsche, die sich auf 5 vermehrten. Aber weil sie die Bäume annagten, mußte man sie wieder abschaffen. Dann mußte er noch - während der Pförtner die Post verteilte - die Pforte versorgen. Auf das laute, dauernde Glockenzeichen erschien er dann würdigen Schrittes. Bei den Alumnen hieß er darum "der Bruder, dem das Haus gehört". 1940 mußte er für ein halbes Jahr in Dortmund einspringen, um dann wieder seinen Platz in St. Georgen einzunehmen. Nachdem in St. Georgen kein Schulbetrieb mehr sein konnte, siedelte er in den Trutz über.

1944 wurde er nach Trier als Pförtner versetzt. Hier hat er durch die Evakuierung manches Erlebnis gehabt. Die Schilderung spiegelt außer seinem Vertrauen auf die Vorsehung auch seinen gesunden Humor wieder. In Trier hat es ihm gut gefallen. Doch 1946 wurde er wieder in Marsch gesetzt. Diesmal war "Grün-Licht" für Godesberg. Es war Wiederbeginn des von den Amerikanern verlassenen Kollegs. Glücklicherweise war die Ernährungsfrage und damit auch die Ökonomie nicht letztrangig und so wurde ihm nach Kräften geholfen. In dieser Zeit fiel er morgens beim Füttern und brach sich ein Bein, aber es heilte ohne Nachwirkung aus. Während dieser Zeit hatte man schon über die künftige Bestimmung Br. Kreuzers beraten. Die Lösung Trutz-Frankfurt hatte ihm eine schlaflose Nacht bereitet. Durch den Tod von Br. Stoll wurde ein Platz an der Pforte frei. Br. Kreuzer empfahl sich beim Rektor dafür. Mit einem Angestellten zusammen versah er denn auch den Pfortendienst und man war ganz zufrieden mit dieser Lösung. Doch nach einiger Zeit wurde Br. Hoffeld als Pförtner nach Godesberg versetzt. Die Zusammenarbeit war sehr harmonisch. Dann wurde Br. Hoffeld nach Trier versetzt.

Kurz darauf kam Br. Kreuzers Versetzung nach Dortmund. Als er in Dortmund eintraf, war das Erstaunen groß. Es mußte wohl umdisponiert worden sein, denn die Dortmunder hatten einen Schneider als Pförtner erwartet. So wurde er erstaunt süßsauer empfangen, wie eine unerwünschte Tunte. Aber Br. Kreuzer hat sich eingearbeitet und eingelebt. Neben der Pforte besorgte er noch das Refektor. - Nach einem halben Jahr bekam er Schmerzen an den Augen. Der Augenarzt war abwesend, auch am folgenden Tage war er noch nicht da. Da mußte man einen anderen Arzt aufsuchen. Dieser verwies ihn gleich in die Augenklinik. Die Verzögerung hatte sich schon sehr nachteilig ausgewirkt. Es wurde eine Operation nötig. Er selbst vermerkt in seinen Aufzeichnungen: "Vor der Operation habe ich doch gebetet, was ich konnte, daß es gut gehen möchte, und es ging sehr gut." Die Behandlung dauerte 6 Wochen und hatte einen guten Erfolg. Der Druck war für 2 Jahre verschwunden. Von Dortmund aus konnte Br. Kreuzer zunächst noch die Reisen zu den Exerzitien machen. Die letzten Jahre zog er es vor, diese in Dortmund privatim zu machen. Er vermerkte, daß es schöne und erfolgreiche Exerzitien gewesen seien.

Schon 7 Jahre war er in Dortmund und mit 74 Jahren meldeten Herzbeschwerden den Verschleiß der Kräfte an. P. Superior legte ihm nahe, auf die Altenstation nach Köln überzusiedeln. Eigentlich hätte er gern gewartet, bis das Altersheim in Münster fertig wäre. Andererseits konnte er sich der Tatsache nicht verschließen, und sie wurde immer offenbarer, daß er keine Hilfe, sondern eher eine Belastung für eine kleine Residenz bedeutete. Dessen einsichtig, begab er sich in die Obhut von Br. Westermeyer ins Kölner Canisiushaus. Bald hatte er sich auch in die Kölner Brüderrunde eingelebt. Aber ganz ohne Beschäftigung zu sein, daran mußte er sich noch gewöhnen. Noch konnte er lesen. Aber die Sehkraft ließ rapid nach.

1960 siedelte er nach Münster über. Dann musste er wieder zum Augenarzt. Leider war da keine Heilung mehr möglich. Er selbst äußerte dazu: "Das Blindwerden ist nicht so einfach. Aber die Vorsehung hat es so für uns bestimmt, und sie hilft uns auch, daß wir das tragen können." Er schildert es folgendermaßen: "Ein halbes Jahr vor meinem 80. Geburtstag spürte ich, daß ein Auge sehr schwach war. Ich dachte, daß es besser würde. Aber es war umgekehrt. Nach einer Stunde wurde es mir plötzlich ganz dunkel, und ich war blind. Der Augenarzt untersuchte mich, indem er in seinem Zimmer ein ganz starkes Licht anmachte und fragte, ob ich den Lichtschein sehen könnte. Das bejahte ich. Es war also der Sehnerv abgedrückt. So muß ich die Augentropfen weiternehmen. Es besteht zwar keine Hoffnung, daß das volle Augenlicht nochmals wiederkommt." Br. Kreuzer hat dies sein Kreuz gefaßt und mit Geduld getragen.

Ohne Beschäftigung wollte er nicht sein. Ein stürmischer Unrast war er wohl nie. Und nun war er immer auf fremde Hilfe angewiesen. Am Morgen führte man ihn in die Kapelle, da blieb er bis zur letzten Messe zum Ministrieren. Wenn sich jemand fand, der ihn mit in den Garten nahm, meist war es Br. Neugelken, war er sehr dankbar und lohnte es mit ausgiebiger Unterhaltung, und zwar nicht im Flüsterton.

Wenn man ihn besuchte, war er immer aufgeräumt. Ja, er konnte wie früher sagen: "Ja, ja, ja, das ist aber auch recht" und dann in Intervallen lachen: "ha, ha, ha." Das schließt allerdings nicht aus, daß er auch zeitweise grätig werden konnte. Denn sonst war er eine kräftige und gesunde Natur, und dabei zur Untätigkeit verurteilt zu sein, ist nicht leicht zu verkraften. Seine dann doch wieder ausgeglichene Haltung ist sicher die Frucht einer soliden Aszese. Das bestätigen auch die Brüder, die ihn pflegten und auch Verständnis dafür hatten, daß er nicht immer in aszetischer Hochform sein konnte. Wörtlich sagte einer derselben: "Jeder hat eben seine Ecken und Kanten; trotz seiner Anlagen war Br. Kreuzer ein schlichter, frommer, geduldiger und aufrechter Ordensmann."

Br. Kreuzer litt in den letzten Jahren unter den gewöhnlichen Altersbeschwerden. Zuletzt trat eine Darmlähmung ein. Den Verfall der Kräfte zeigte eine zunehmende Müdigkeit an. Ebenso hatte er öfter Verdauungsschwierigkeiten, die aber mit einem Underberg behoben werden konnten. Ab Mitte Dezember traten heftige Magenschmerzen auf. Am 4. Adventssonntag war er noch zur Heiligen Messe. Aber er mußte wohl starke Schmerzen haben; denn er hatte sich stark nach vorne gebeugt und die Hände an den Körper gepreßt. Nur drei Tage hat er fest zu Bett gelegen. Am Dienstag, 23. Dezember, spendete man ihm die Krankensalbung. Er war bis zum Tode bei klarem Verstand. Am Hl. Abend gegen 19.30 Uhr war Br. Derichs noch bei ihm. Als er kurz nachher noch einmal nach ihm sehen wollte, war er still und friedlich eingeschlafen.

R.i.p.

Bruder Josef Fix SJ

Aus der Provinz, Nr.2, Februar 1970, S.38ff