Bruder Wilhelm Krüssel SJ
28. April 1974 im Franziskus-Hospital in Münster

Wilhelm Krüssel stammte aus Lathen/Ems, wo er am 18. 2. 1898 geboren wurde. Er war das jüngste von sieben Kindern des Schuhmachermeister Anton Krüssel und seiner Ehefrau Maria Josepha. Die Mutter starb schon am 2. Februar 1905, und der Vater folgte ihr zwei Jahre später. Der neunjährige Wilhelm kam nun zu seiner ältesten Schwester Maria, die in Meppen verheiratet war. Als sie 1970 im 89. Lebensjahre starb, machte Br. Krüssel einen seiner ganz seltenen Besuche in der Heimat, da er sich ihr zu großer Dankbarkeit verpflichtet fühlte.

Nach der achtjährigen Volksschule erlernte Wilhelm in Meppen das Schreinerhandwerk und ging als Geselle nach Wallenhorst bei Osnabrück, wo er in einer Möbelschreinerei arbeitete. Im Wanderbuch des Kath. Gesellenvereins Meppen hat ihm der Präses am 25. März 1916 bescheinigt: "Er beteiligt sich an allen Vereinsveranstaltungen. Sein Betragen ist vorbildlich." Damals war sein Bruder Anton bereits seit 5 Jahren Priester. Er hat als Pfarrer von St. Theresia vom Kinde Jesu in Hamburg-Altona ein Pfarrzentrum mit Kirche, Schule und Altenheim aufgebaut und starb dort 1958. Obwohl Wilhelm wenig von dem sprach, was ihn bewegte, wußten seine Geschwister, daß er sich für das Klosterleben interessierte, gerne die Zeitschriften der verschiedenen Orden las, oft die Kirche der Maristenpatres besuchte und sich fest an seinen Wahlspruch hielt: Bete und arbeite. Aber sie wußten nicht, wie er Verbindung zu den Jesuitenpatres bekam und waren doch etwas überrascht, als er am 25. Januar 1920 in das Noviziat der Jesuiten bei Emmerich eintrat.

Seine 85jährige Schwester Katharina meint, er sei wohl zu den Jesuiten gegangen, weil er sie für besonders streng hielt und mit dem Ordensleben ganz ernst machen wollte. Von Anfang an hat Br. Krüssel alles erfüllt, was Regel und Ordnung von ihm verlangten. Er hat Verzicht und Anstrengung von sich gefordert und es zu dem geduldigen Gleichmut gebracht, der ihn bei Enttäuschungen sagen ließ: Es macht ja auch nichts! Als Novize kam Br. Krüssel schon bald zu Br. Rempe, dem Schreiner, dem er ein dankbares Andenken bewahrte und dessen Bild auch jetzt noch auf seinem Tisch stand. Auch nach den Ersten Gelübden blieb er im Bonifatiushaus bei Br. Rempe.

Als aber im Jahre 1925 die Provinz in Mittelsteine bei Glatz ein zweites Noviziat vorbereitete, gehörte Br. Krüssel mit Br. Hagemann und Br. Thissen zur ersten Brüdergruppe, die dorthin geschickt wurde. Bis 1928 blieb er in Mittelsteine und kam dann nach einem kürzeren Aufenthalt in Saarlouis nach 's Heerenberg zurück, wo er nach dem Tod des Br. Rempe (Oktober 1929) die Schreinerei übernahm. Dann wurde er auch Einkäufer und fuhr täglich zweimal mit dem Rad und später mit dem Motorrad nach Emmerich, um die Post zu holen und Einkäufe zu machen. Daneben besorgte er den Weinkeller und stellte Limonade und Selterswasser her.

Anfang August 1936 begann mit der durch die Devisengesetzgebung erzwungenen Übersiedlung des Noviziats von 's Heerenberg nach Hochelten die 30 Jahre währende Zeit der provisorischen Noviziatshäuser. Br. Krüssel gehörte zu den Brüdern, die nach dem Verlust der gut eingerichteten Werkstätten des Bonifatiushauses in unermüdlicher Arbeit dafür gesorgt haben, daß sich eine Kommunität von 70 Personen in den kleinen und primitiven Verhältnissen von Hochelten zurechtfinden und allmählich auch wohlfühlen konnte. Als wir uns einigermaßen eingerichtet hatten, begann der Krieg und von 1941 ab die Aufhebung unserer Häuser durch die Behörden. Auch Hochelten mußte Anfang 1942 von uns verlassen werden. Mit Br. Deckers fand Br. Krüssel Arbeit und Unterkunft in der Franziskus-Heilstätte der Nonnenwerther Franziskanerinnen in Mönchengladbach. Sein damaliger "Stationsvorsteher", P. H. Huthmacher, erinnert sich: "Wenn ich bei einem Besuch in Mönchengladbach zum Fenster seiner Schreinerei hineinschaute, fand ich ihn immer fleißig bei der Arbeit und dazu mit einem frohen Gesicht."

Nach dem Ende des Krieges, als die Handwerker überall dringend gebraucht wurden, war eine Gruppe unserer Brüder ad dispositionem des P. Provinzials gestellt, die da arbeiteten, wo es besonders nötig war. So kam Br. Krüssel nach Köln, Münster, Frankfurt, Eringerfeld. Br. Heinrich Meier, der mit ihm zusammen arbeitete, erzählt aus dieser Zeit. "Da die Kölner Eisenbahnbrücke noch nicht fertig war, mußten wir mit einem geliehenen Handwagen unsere so unersetzlichen Werkzeuge über die von den Amerikanern errichtete Balley-Brücke herüberkutschieren, und von Deutz gings dann nach Geseke. Hier nahmen wir unsere schweren Püngel auf den Ast und stapften ziemlich verdrossen und mit knurrenden Mägen auf Steinhausen zu. Als sich Eringerfeld noch immer nicht zeigen wollte, fragten wir nach dem Weg und hörten mit Schrecken, daß wir schon zu weit waren. Die guten Leute boten uns sogar Nachtquartier an, was wir aber ablehnten. So retirierten wir also wieder zurück und kamen spät abends im Noviziat an. Br. Krüssel blieb bei all dem ruhig und zufrieden und schleppte klaglos sein schweres Bündel. Später arbeiteten wir dann noch ein Jahr lang in Münster zusammen und 1950 ein weiteres Jahr in Frankfurt.

Als er dann wieder ins Noviziat ziehen sollte, fiel ihm der Abschied gar nicht leicht. Er war sicher ein Mensch, dem das "verschiedene Orte zu durchwandern" recht sauer wurde, und gerade das hat der Herrgott von ihm verlangt. Immerhin war er die meiste Zeit in den verschiedenen Noviziaten, wo er wegen seiner stillen bescheidenen Art und wegen seines Fleißes sehr geschätzt wurde." Soweit Br. H. Meier. Und der Superior einer von den Bomben schwer getroffenen Residenz schreibt: "In den folgenden Wochen kamen sie von allen Seiten heran, unsere Brüder. Sie kamen ohne Ansprüche in unsere armseligen Verhältnisse, taten bescheiden ihren Dienst und gingen ohne Aufsehen wieder fort."
P. Hans Sträter schreibt: "Dafür, daß Br. Krüssel durch seinen selbstlosen Einsatz ganz entscheidend für den Wiederaufbau unseres Hauses in Hoch-Elten gewirkt hat, sind wir alle - und auch noch spätere Generationen - ihm zu Dank verpflichtet."

Seit 1951 ist Br. Krüssel in Burg Eringerfeld, 1964 bis 1969 in Ascheberg und zieht 1969 ins neue Noviziatshaus in Münster, Haus Sentmaring ein. Auch hier hat er, wie überall, seine Werkstatt eingerichtet und sich an die Arbeit gemacht. Aber die Kräfte lassen mehr und mehr nach. Er fühlte sich krank. Aber noch in den letzten Tagen, bevor er ins Krankenhaus geht, macht er ein Büchergestell für das Zimmer des P. Minister. Und dem Br. Meier schickte er seine Maschinenhobelmesser zum Schärfen. Am 13. April ging er zu einer gründlichen Untersuchung ins Franziskushospital. Beim Abschied sagte er zu P. Jeggle, er komme nicht mehr zurück. Dann verbesserte er sich, wies auf die Stelle vor dem Altar, wo bei der Begräbnismesse der Sarg zu stehen pflegt: doch, er komme zurück. Noch bevor die Ärzte zu einer klaren Diagnose gekommen waren, erlag Br. Krüssel einem Herzversagen. Es war am Sonntag, dem 28. April, gegen 13.50 Uhr.

Auch die Mitbrüder, die lange mit Br. Krüssel zusammen waren, können nicht viel über ihn sagen. Er hat nicht von sich selbst gesprochen. Alle kannten seine Zuverlässigkeit, seine Hilfsbereitschaft, seine ruhige Freundlichkeit. Dem Orden, den Mitbrüdern fühlte er sich tief verbunden. Für sie hat er gearbeitet und gesorgt. Und er betete viel. In der Frühe, bevor das Leben im Hause begann, kniete er schon eine Stunde still in der Kapelle.

R.i.p

P. Wilhelm Flosdorf SJ

Mitteilungen aus der Provinz, Nr.4, Juni 1974, S. 39f