P. Hans Kugelmeier SJ
* 1. September 1904 in Bonn
25. Juli 1993 in Trier

P. Hans (Joh. 13.) Kugelmeier wurde am 1. September 1904 in Bonn geboren, wuchs aber in Aachen auf. Die Eltern, Julius Kugelmeier und seine Frau Sibylla geb. Hahn, hatten drei Kinder, von denen Hans der Älteste neben einer Schwester und einem Bruder war. Am 5. März 1923 bestand er die Reifeprüfung am Kaiser-Karl-Gymnasium zu Aachen und trat bereits am 10. April 1923 in 's-Heerenberg/NL in die Gesellschaft Jesu ein. Als Schüler schloß er sich dem 1919 von P. Ludwig Esch und Professor Zender gegründeten 'Bund Neudeutschland' an, dessen Zielsetzung 'Lebensgestaltung in Christus' P. Kugelmeier entscheidend prägte und den Weg in den Orden wies und bahnte.

In der seit 1917 in Deutschland zugelassenen Gesellschaft Jesu herrschte damals viel innere und äußere Bewegung, da der Neuaufbau der Ordensstrukturen zu bewerkstelligen war. Das hatte z.B. zur Folge, daß P. Kugelmeier ein Jahr seines Noviziates in 'sHeerenberg und das andere in Exaten zu verbringen hatte. Auch seine philosophischen Studien absolvierte er in Valkenburg/NL (1925-27) und Pullach (1927-28). Von 1928-31 wirkte er als Präfekt im Aloisiuskolleg in Bonn-Bad Godesberg. Seine theologischen Studien machte er dann wieder im Ignatius-Kolleg zu Valkenburg (1931-35) und empfing dort am 28. August 1934 die Priesterweihe. Das Terziat in Münster 1936/37 folgte unmittelbar auf das abgeschlossene Theologiestudium.

Die Hauptstätten des Wirkens von P. Kugelmeier beschränkten sich auf einige wenige Orte: Hamburg, Lübeck, Frankfurt - St. Georgen und schließlich als letztes Kloster Nette in Osnabrück, was aber nicht hinderte, ihm unverhofft irgendwo in Deutschland zu begegnen, sei es zu Exerzitien oder einer Trauung usw. Oft und gern gab er den Josefs-Schwestern in Norwegen Exerzitien. In seiner schlichten, unkomplizierten Art fand er schnell Zugang zu Menschen jeglichen Standes.

Am 10. April 1993, einem Ostermontag, durfte P. Hans Kugelmeier den 70. Jahrestag seiner Zugehörigkeit zur Gesellschaft Jesu in einer schlichten Eucharistiefeier in Kloster Nette begehen. In seinem Dankeswort vom 5. Mai auf die zahlreichen Glückwünsche meinte er am Schluß: "Inzwischen schaue ich schon auf das nächste Jubiläum aus, nach dem Motto: 'Alte Esel Iubilieren Ohne Unterlaß'! Im kommenden Jahr ist mein 60jähriges Priesterjubiläum. Diese Mitteilung stelle ich aber unter den jakobitischen Vorbehalt (Jak 4,13-17), wie Michael Franck ihn in seinem tiefsinnigen Lied ausspricht:

    Ach wie flüchtig, ach wie nichtig
    ist des Menschen Leben!
    Wie ein Nebel bald entstehet
    Und auch wieder bald vergehet,
    so ist unser Leben, sehet!

Als P. Kugelmeier das niederschrieb, mag er irgendwie geahnt haben, es werde nicht mehr allzulange dauern bis zu jenem geheimnisvollen Geschehen. Nur knappe drei Monate sollten ihm noch verbleiben. Aber so war er und so kannten wir ihn: umsichtig, vorausschauend und dabei sich den nüchternen Blick bewahrend, aber auch zuweilen besorgt-ängstlich. In seiner Antwort auf die Glückwünsche zur Vollendung seines 85. Lebensjahres schrieb er: "Ich bleibe also auf meinem Posten, bis der Herr mich ruft". Auch das kennzeichnete seine Persönlichkeit: Festhalten an dem, was er als richtig erkannte bzw. auf dem Platz ausharren, auf den die Obern ihn gestellt hatten. Und gerade diese an sich positive Haltung sollte ihm in seinem letzten Lebensjahr einige Unruhe und Sorge eintragen. Von wohlmeinender Seite versuchte man ihm nahezulegen, P. Provinzial zu bitten, ihn von den Aufgaben des Hausgeistlichen im Mutterhaus der 'Missionsschwestern vom heiligen Namen Mariens' in Kloster Nette/Osnabrück-Haste zu entbinden. Dieser Vorschlag bereitete ihm nicht geringe Unruhe und Sorge. Er wollte Klarheit haben. Darum wandte er sich an P. Provinzial, da er es genau wissen wollte. Dieser beruhigte ihn und ließ ihn schriftlich wissen, er könne bleiben, solange er seine Aufgaben wahrnehmen könne.

Diese Klarstellung seiner Position in Kloster Nette bedeutete ihm viel, da er sein dortiges Wirken sehr ernst nahm und gewissenhaft den eingegangenen Verpflichtungen nachzukommen suchte. Von ihm selber weiß ich, welcher Mühe er sich für die Vorbereitung der täglichen Eucharistiefeier unterzog, z.B. Kommentare zur Heiligen Schrift studierte, Heiligenleben durcharbeitete, Verlautbarungen des Papstes und der Bischöfe, Zeitschriften, Zeitungen usw. eingehend zur Kenntnis nahm. Das bezeugen u.a. die 53 prall gefüllten Ordner mit Predigten, Einführungen usw. und dazu eine lange Reihe Ordner mit Artikeln, Sonderdrucken, Zeitungsausschnitten etc. Damit zeigt sich eine weitere Eigenschaft von P. Kugelmeier: er "wußte" alles und kannte "alle", einfach unglaublich, immer wieder festzustellen, wie umfassend seine Kenntnis von Personen, Zusammenhängen, Ereignissen usw. war und blieb. Wer vermag die Personen aufzuzählen, die P. Kugelmeier kannte oder die ihn kannten? Das kam natürlich nicht von ungefähr!

P. Karl Zander (+1988) erzählte mir aus der Zeit vor dem letzten Weltkriege, als er im Norddeutschen Raum Priester- und Schwesternkonferenzen von Hamburg aus zu halten hatte, während P. Kugelmeier Oberer des Hauses war. P. Kugelmeier habe die Gewohnheit gehabt, seine Zimmertür nie ganz zu schließen. Sobald er hörte, daß P. Zander von solchen Konferenzen zurückkehrend das Haus betrat, rief er ihn, so wie er war, zu sich und wollte alles ganz genau wissen, was P. Zander erlebt, gesehen hatte; wie alles verlaufen sei, wen er getroffen und gesprochen habe usw. Die "offene Tür" eines Hausobern und ein waches Interesse für die Mitbrüder und alles Geschehen sind ja etwas Wohltuendes. Das erinnert an den hl. Ignatius, der sich für jeden seiner Hausgenossen des römischen Hauses interessierte und über alles unterrichtet sein wollte und der scherzend geäußert habe: "Ich möchte sogar wissen, wie viele Flöhe des Nachts die Meinen plagen". Leider weiß ich kaum etwas über jene bewegten Jahre in Hamburg und Lübeck - vor, während und nach dem Kriege - in denen P. Kugelmeier vielen Menschen begegnete. Er half, riet und tröstete in den oft sehr bedrückenden Situationen. So stand er auch mit den 'Lübecker Märtyrern' in Verbindung. Bis zu seinem Tode pflegte er eine Vielzahl dieser persönlichen Beziehungen im norddeutschen Raum und wenn ein Anlaß es gebot, fuhr er auch von Kloster Nette dorthin.

Einen weiteren umfangreichen Bereich in P. Kugelmeiers Leben und Wirken stellen die 18 Jahre seiner Tätigkeit als Spiritual im Priesterseminar Frankfurt - St. Georgen dar. Verständlicherweise läßt sich darüber wenig Konkretes sagen, aber bezeichnend dürften doch viele Beziehungen sein, die aus dieser Zeit stammten und die durch die Jahre aufrechtgehalten wurden. Wie mir Betroffene berichteten, scheint P. Kugelmeier besonders in den Anfängen seiner Spiritualstätigkeit ein 'strenges Regiment' geführt zu haben. Im Laufe der Jahre gesellte sich zur Weisheit des Alters auch dessen Milde.

Eine Episode seines Lebens darf m.E. nicht übergangen werden, die P. Kugelmeier schmerzlich berührte. Er brauchte lange, sich mit dieser Fügung seines Schöpfers und Herrn abzufinden. 1952 wurde er zum Rektor des Aloisiuskollegs in Bonn-Bad Godesberg ernannt. Für ihn zunächst ein Zeichen der Wertschätzung und des Vertrauens, das seine Oberen in ihn setzten. Zuversichtlich stellte er sich dieser Herausforderung. Doch recht bald zeigte es sich, daß P. Kugelmeier damit schlichtweg überfordert war. Die Verantwortung und die damit verbundenen Anforderungen des Amtes steigerten seine Ängstlichkeit und überstiegen seine Kraft, einfach ein Zuviel für alle Seiten. Hinzu kommt, daß er von seiner Konstitution nicht gerade stark genannt werden konnte, was noch durch ständiges Zittern seiner Hände verstärkt wurde. Infolgedessen sahen sich die Oberen genötigt, ihn bereits nach dreijähriger Amtszeit abzulösen. Lange trug er an diesem, wie er es sah, 'Versagen' und war kaum darauf anzusprechen. Im letzten Jahr vor seinem Tod sprach ich mit ihm nach seinen Jahresexerzitien. Unter anderem erwähnte er 'Godesberg' und vertraute mir ganz gelöst und froh an: "Auch damit habe ich mich nun ausgesöhnt, Gott sei Dank".

Die 'Stärke' oder vielleicht besser die 'Gabe' P. Kugelmeiers dürfte vorrangig in der geistlichen Beratung und Begleitung gelegen haben. Gott allein weiß, was er in Gesprächen, Beichten, vor allem in Exerzitien und Predigten bewirken durfte, und das buchstäblich bis zum letzten Augenblick. Was trug und prägte diese echt jesuitische und priesterliche Existenz? Nur schwer ist das genau auszumachen, zumal P. Kugelmeier nur zu gut wußte und sich auch darnach hielt, was es heißt, "das Geheimnis des Königs zu wahren" (Tob 12,7). Obwohl er nie ein Wort darüber verlauten ließ, spürte jeder, der näher mit ihm in Berührung kam, jene geheime, verborgene Kraft, die ihn trug und ihm den Glanz jener heiteren Gelassenheit verlieh, die ihn umgab. Er lebte das, was Ignatius von seinen Söhnen verlangte: ein gottverbundener Mensch zu sein. Das ignatianische "Gott finden in allen Dingen" schien ihm zur zweiten Natur geworden zu sein. In ihm brannte - tief verborgen und sorgsam gehütet - eine echt männliche und zugleich zarte Liebe zu seinem Schöpfer und Herrn. Diesen seinen Gott liebte er mehr als alle Gaben, die er in so reichem Maße empfangen hatte, vor allem die Gabe kluger Unterscheidung. Auf einen kurzen Nenner gebracht: P. Kugelmeier war mit seinem Herzen und nicht nur durch Berufung und Sendung ein wahrer Diener, ja Knecht Gottes, ein 'Socius Jesu' geworden. Er durfte es buchstäblich bis zum letzten Augenblick seines Lebens bleiben.

Am 19. Juli 1995 fuhr er nach Trier, um dort seinen Urlaub zu verbringen. In der Nacht vom 24. zum 25. Juli überfielen ihn starke Herzbeschwerden. Sofort wurde er ins Trierer Brüderkrankenhaus gebracht. Noch am gleichen Vormittag rief der Herr ihn zu sich. Auf dem ordenseigenen Friedhof von Haus Sentmaring in Münster fand er seine letzte Ruhestätte.

R.i.p.

P. Josef Ortscheid SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 5/1995 - Oktober, S. 176-79