P. Leo Lennartz SJ
* 10. März 1915 in Aachen
1. Januar 1997 in Münster

"Daß Christus sichtbar sei", lautete der Titel einer Schrift von P. Leo Lennartz aus dem Johannes-Verlag in Leutesdorf, die 1967 erschien und mehrere Auflagen erlebte. Der damalige Generalsuperior Schultheis der 'Missionare vom heiligen Johannes dem Täufer' in Leutesdorf hatte ihn gebeten, einen geistlichen Kommentar zum 4. und 5. Kapitel der Konstitution über die Kirche 'Lumen gentium' und über das Ordensdekret 'Perfectae cariatatis' zu verfassen. Als Spiritual des Pontificium Collegium Germanicum et Hungaricum (1961 - 65) durfte P. Lennartz das Konzil vor Ort miterleben und die Atmosphäre dieses begeisterten Aufbruchs jener Kirchenversammlung "verspüren" und "verkosten". Mit dem Titel dieser Schrift, den er selbst damals vorschlug, brachte er sein Leben ins Wort: Daß Christus sichtbar sei. Darin drückt sich gleichzeitig sein Dank an seinen Schöpfer und Herrn aus. Bezeichnend für ihn: Er widmet diese Schrift seiner Mutter, die der Kirche fünf Kinder im Ordensstand schenkte. Spuren dieser zwei Daten, Christusbegeisterung und Mutterbeziehung, haben sich, wie ich meine, tief in sein Leben eingegraben und prägten es.

Damit kommen wir zu seinen Lebensdaten. Leo wurde als ältestes von neun Geschwistern am 10. März 1915 in Aachen geboren. Die Eltern, Martin und Gertrud, geb. Souren, tiefgläubige Menschen, verstanden es, ihren Kindern selbstverständlichen, christlichen Lebensvollzug zu vermitteln; vier von ihnen wurden Priester und eines Ordensfrau. Leo besuchte das humanistische Gymnasium in Aachen (KKG). Diese Jahre prägte entscheidend der 1919 gegründete Bund Neudeutschland, dessen Devise: 'Lebensgestaltung in Christus' entfaltete sich in Leo zu einer wahren Lebenslinie, die bis zum Schluß durchhielt. Sie führte ihn geradewegs in den Orden. Am 26. April 1935 begann er unter der Leitung von P. Wilhelm Flosdorf in 's-Heerenberg das Noviziat. Dieser führte ihn in die Spiritualität der Gesellschaft Jesu ein, in erster Linie natürlich durch die Großen Exerzitien, die dann später für ihn selbst und durch seine Vermittlung für viele Menschen bedeutsam werden sollten.

An die 'Noviziats-Idylle' im niederländischen 's-Heerenberg schloß sich - unmittelbar nach Ablegung der Ersten Gelübde als sechsmonatiges Kontrasterlebnis - die Einberufung zum Reichsarbeitsdienst (RAD) an, die ihn nach Domnitzsch bei Torgau (Sachsen) führte. Eine gewiß harte, aber wohl recht heilsame Erfahrung für einen angehenden Jesuiten und Priester. Nach der Entlassung aus dem Arbeitsdienst begann Leo im Oktober 1937 das Studium der Philosophie in Pullach. Bald nach Kriegsausbruch 1939 kam die Einberufung zur Wehrmacht (Infanterie). Er nahm am Frankreichfeldzug teil, dann als Unteroffizier am Rußlandfeldzug und stand in vorderster Front wie Kriegsauszeichnungen belegen: Eisernes Kreuz II. Klasse, Verwundetenabzeichen in Frankreich; Sturmabzeichen in Rußland und Demjanskschild, d. h. er hatte den strengen Rußlandwinter 1941/42 durchzustehen, der die Soldaten extremsten Belastungen aussetzte, da die Ausrüstung der Wehrmacht dafür völlig unzureichend war.

1943 aus der Wehrmacht aufgrund des bekannten Führerbefehls als n. z. v. (nicht zu verwenden) entlassen, studierte Leo 1943/44 in Trier und Frankfurt, St. Georgen, und von 1945 - 48 in Pullach Theologie. In dieser bewegten Zeit empfing Leo mit seinem Bruder Erich bereits vor Abschluß des vorgeschriebenen Studiums am 27. August 1944 in Trier die Priesterweihe. Zu dieser Maßnahme, eine ganze Reihe junger Mitbrüder vor Abschluß der vorgeschriebenen theologischen Studien zu Priestern zu weihen, entschlossen sich die Oberen nach Rücksprache mit den zuständigen Bischöfen angesichts der damaligen für die Gesellschaft bedrohlichen Situation. All das hatte unter größtmöglicher Diskretion vonstatten zu gehen. Wir können uns am Ende dieses Jahrhunderts die Dramatik jener Jahre nicht vorstellen, geschweige jenes Erleben nachvollziehen. Über diese Dinge wurde von kompetenter Seite bereits umfassend berichtet. 1948/49 finden wir Leo im Terziat in Münster.

Nun begann für Leo die praktische Arbeit. Unter der Anleitung von P. Klemens Brockmöller sollte er sich zum Volksmissionar ausbilden lassen. Er hat dann in den Jahren zwischen 1949 und 1957 vom Trutz in Frankfurt aus an einer ganzen Reihe Volksmissionen mitgewirkt. Allem Anschein nach überforderte ihn aber diese aufreibende Tätigkeit. Aus welchen Gründen auch immer, ob seine Stimme zu schwach war oder ob andere Gründe eine Rolle spielten, entzieht sich meiner Kenntnis, bekam er eine neue Destination. Es sieht so aus, als ob der Ausstieg aus der Volksmissionarsarbeit bei Leo eine Art Irritation ausgelöst habe; diese für ihn offenbar schmerzliche Erfahrung hinterließ eine Narbe, die einem aufmerksamen Beobachter nicht entging, und zwar in Gestalt einer unterschwelligen Unsicherheit. All das hatte aber auch sein Gutes für ihn, denn von da ab entdeckte und entfaltete er seine Fähigkeit, Menschen geistlich zu begleiten; eine Tätigkeit, die sich zu einem ausgedehnten Apostolat in den folgenden Jahrzehnten entwickeln sollte, nämlich als Spiritual für Theologiestudenten tätig zu sein. Zunächst finden wir ihn am Priesterseminar in Trier von 1957 - 61. Von hier aus bot er Jahr für Jahr Große Exerzitien für Priester und Theologiestudenten an, die dankbar angenommen wurden. Noch nach Jahren hörte ich das dankbare Echo eines Pfarrers.

Für ihn völlig überraschend kam dann die Sendung als Spiritual ans Germanikum in Rom, wo er von 1961 - 65 war. Diese Jahre dort bescherten ihm einerseits manche kostbare geistliche und menschliche Erfahrung und Begegnung im Zentrum der Christenheit, zumal in jenen Jahren das Konzil stattfand; andererseits erfuhr Leo gerade dort schmerzlich seine menschliche Grenze. Schon der Zeitpunkt und die Situation seiner Ernennung standen unter keinem guten Stern. Gegen die Versetzung von P. Wilhelm Klein, dem bisherigen langjährigen Spiritual, wurden von einem Teil der Alumnen massive Einwände erhoben. Diese Tatsache erschwerte Leo den Einstieg erheblich. Zudem erlebte er sich intellektuell und emotional stark überfordert. Eine gewisse Unbeweglichkeit und wohl auch mangelnde Sensibilität machten ihm selbst und nicht wenigen der ihm Anvertrauten zu schaffen. Eine weitere Grenze, die einfach zu ihm gehörte, dürfte auch eine gewisse Gutgläubigkeit oder gar Blauäugigkeit gewesen sein, zuweilen verstärkt durch ein starres Festhalten an seiner Meinung.

1965 wurde P. Lennartz nach Essen versetzt. Dort übernahm er die Priesterseelsorge im Bistum, und von 1967 - 71 das Amt des Spirituals im Essener Priesterseminar. Im Jahre 1972 kam noch die Priesterseelsorge im Offizialat Vechta und in Bremen hinzu. Neben den Recollectionen für Priester hielt er regelmäßig Vorträge für Schwestern im Oldenburgischen und in Bremen, die sich allgemeiner Wertschätzung erfreuten. Aus diesen Vorträgen ergaben sich unzählige persönliche Kontakte, in denen er vielen Priestern, Schwestern und Gläubigen helfen durfte.

Von 1972 - 79 war er Superior der Bremer Residenz. Eine für ihn fruchtbare Zeit durfte er in Israel erleben. Von Dezember 1981 bis November 1982 war er Hausgeistlicher und Pilgerbegleiter bei den Borromäerinnen in Jerusalem. Für Leo eine Zeit tiefen inneren Erlebens und der Freude im Lande und an den Stätten unseres Herrn. In seinen Gesprächen und Ansprachen kam er gern darauf zurück. In der Zeit entdeckte er nochmals die Heilige Schrift. Er las während dieses Jahres alle Bücher der Bibel unter dem Einfluß des 'genius loci'.

Voller Eindrücke und tiefer Einsichten kehrte P. Leo Lennartz nach Bremen zurück, um dann im folgenden Jahr 1983 nach Münster in das Haus Sentmaring überzusiedeln. Hier wirkte er als Hausspiritual und vor allem als Exerzitienbegleiter. Eine beachtliche Anzahl Menschen, vor allem Ordensschwestern, gab er in diesen Jahren Exerzitien. Von ihnen kamen einige anschließend regelmäßig zu einem Einkehrtag nach Haus Sentmaring. Hin und wieder wurde er auch von einigen Ordensgemeinschaften zu Exerzitien eingeladen. Viel Zeit schenkte er den alten und kranken Mitbrüdern im Haus Sentmaring, die er regelmäßig besuchte und denen er half, so gut er konnte. Nicht zu vergessen sind auch die vielen Besucher, die sich z. T. regelmäßig einfanden, um sich bei ihm Rat zu holen.

Auch Krankheiten verschonten ihn nicht; es wurde ihm nicht wenig davon aufgebürdet. Diese Last und Mühe suchte er tapfer auf sich zu nehmen. Am schwersten traf ihn am 7. April 1996 der Gehirnschlag, der vornehmlich sein Sprachzentrum lähmte. Diese plötzliche Unfähigkeit, sich mitzuteilen, setzte seine Geduld der härtesten Prüfung aus. Es folgten für ihn schwere Tage und Wochen, die er nur dadurch zu meistern vermochte, daß er sich ganz in Gottes Hand gab. Da kam zum Tragen, was er viele Male den Oberen versicherte und was er auch mehr als einmal mir gegenüber äußerte: Seine dankbare Entschlossenheit und Liebe zur Gesellschaft Jesu: "Ich will nichts anderes als im Geist der Exerzitien und der Konstitutionen leben und gehorchen." Diese seine vorbehaltlose Verfügbarkeit Gott gegenüber dürfte wohl - wie Werner Bergengruen es formuliert - "das geheime Brot" gewesen sein, das ihn aus "nie geleertem Speicher" nährte. Hier fand er den Mut und die Kraft, am Morgen des 1. Januar 1997 nach einem unmittelbar vorausgegangenen Herzinfarkt sein endgültiges 'Adsum' zu sprechen und an sich geschehen zu lassen: "Daß Christus sichtbar sei!"

R.i.p.

P. Josef Ortscheid SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 3/1997 - Mai, S. 76ff