P. Johannes Leppich SJ
* 16. April 1915 in Ratibor
7. Dezember 1992 in Münster

Die äußeren Daten seiner Herkunft sind bekannt. Handzettel, Broschüren, Zeitungen haben oft davon berichtet: er stamme aus Oberschlesien, sei im Zuchthaus geboren, denn sein Vater war Gefängnisaufseher in Ratibor/OS. Dort wuchs der 'Hannes' auf, zusammen mit fünf Geschwistern; Bruder Ewald, der älteste, ist als Offizier in Rußland gefallen. Br. Heik ( 1990) berichtete gern davon, wie er ihn während seiner Soldatenzeit als Kompaniechef erlebte.

Anfang der 30-iger Jahre wirkte am Ratiborer Realgymnasium Prof. Lux, Religionslehrer und engagierter Jugendseelsorger, der ND-Gruppen aufgebaut hatte und die Jungen stark prägte. Viele Gymnasiasten wurden durch ihn dazu angeregt, Exerzitien in Mittelsteine zu machen; mancher erkannte so seine Berufung zur Gesellschaft Jesu. Ähnlich wohl auch Hans Leppich. Der hatte an einem Kurs teilgenommen, den P. Ludwig Esch leitete. Im April 1935, zwei Tage nach Petrus Canisius, begann er das Noviziat bei P. Otto Pies. Schon in dieser Zeit galt seine Liebe der Musik; ein Leben lang wird ihn das Flötenspiel als wichtigstes Hobby begleiten. Sein Mitnovize P. Dubiel erinnert sich an die Kandidaturpredigt. Plastisch spricht er vom Kreuz als dem Wanderstab der Christen. Bildhafte Sprache, eine starke Sensibilität, die auch in Nervosität umschlagen kann, sind nach Berichten von "Zeitzeugen" bereits in diesen Jugendjahren charakteristisch für ihn.

Wie die meisten wird er während der Philosophie in Pullach zum Arbeitsdienst eingezogen; doch man läßt ihn bald wieder laufen; seine Nieren sind nicht gesund. Ähnlich ergeht es ihm, als er im Oktober 1939 Soldat werden muß. Auch da entläßt man ihn schon nach wenigen Monaten. Er kann sein Philosophiestudium in Pullach beenden. Einige Monate Jugendarbeit in Breslau, dann beginnt er mit dem Theologiestudium in Breslau und Wien. Hier weiht ihn Kardinal Innitzer am 29. November 1942 zum Priester. Es ist nicht leicht, während der turbulenten Kriegsjahre die einzelnen Stationen ausfindig zu machen. Für einige Zeit nach der Weihe gehört er zu jener Scholastikergruppe, die in Offenbach wohnend auch während des Krieges Theologie in St. Georgen studiert.

Herbst 1944 wird er als Kaplan nach Gleiwitz geschickt. Hier erlebt er wohl den Einmarsch der Roten Armee. Von Herbst 1945 an arbeitet er in Breslau als Kaplan, bei St. Michael, besonders in der Kinder- und Jugenseelsorge. Später erzählt er gern, wie wichtig diese Zeit für ihn war; da habe er gelernt, anschaulich, direkt und bildhaft zu sprechen. Auch seine Flöte setzt er jetzt bewußt als "apostolisches Instrument" ein. In mehreren Briefen, die nach seinem Tod bei den Mitbrüdern im Haus Sentmaring eintrafen, wird ausdrücklich an die Seelsorgsarbeit dieser Monate erinnert.

Im Winter 1945/46 beginnt die Ausweisung der deutschen Bevölkerung aus Schlesien. Leppich ist dabei, als die ersten Kinder- und Jugendtransporte aus Breslau organisiert werden. Einige Zeit hält er sich an der Grenzstation in Kohlfurt/Oder auf, um den Flüchtlingen zu helfen. Mai 1946 wird er Lagerpfarrer im Durchgangslager Friedland. Die grauenvollen Erlebnisse der letzten Kriegsmonate und der unmittelbaren Nachkriegszeit haben den jungen Seelsorger entscheidend geprägt. Was die Menschen auf den Flüchtlingstransporten durchmachen mußten, das hatte er selbst miterlebt. So konnte er mit ihnen fühlen, kannte ihre Ängste und ihr Leid nicht nur vom Hören-Sagen; er selbst war ein 'Vertriebener'.

Im Oktober 1946 beginnt ein neuer Abschnitt seines apostolischen Wirkens. Er wird ins Ruhrgebiet geschickt, um hier mitten im Schutt der zerstörten Hütten und Zechen mit den Menschen zu leben, auf deren Sprache er später bei der Verkündigung des Evangeliums immer wieder zurückgreifen wird. Von Joseph Cardijn und seiner Christlichen Arbeiterbewegung hat er gehört; und er sucht nach Möglichkeiten, sie nach Deutschland zu holen. Er ist als Mann der Stunde Null dabei, als man sich nach neuen Wegen in der Seelsorge umschaut. Doch - ihm bleibt nicht viel Zeit für dieses Experiment. P. Provinzial Boegner (oder ist es noch P.Happig?) schickt ihn ins Tertiat auf die Rottmannshöhe. Es heißt, mit seinem Instructor P. Heyler sei er nicht gut ausgekommen.

Die Destination nach Abschluß des Tertiats im Sommer 1949 lautet: als Prediger und Operarius zurück in die Residenz nach Essen. In dieser Zeit liegt das "Schlüsselerlebnis" des Johannes Leppich. Im Essener Zirkus Bügler soll er eine Predigt halten. Doch so viele sind gekommen, daß lange vor Beginn der Predigt schon kein Stehplatz mehr zu finden ist. Kurz entschlossen geht Leppich mit seinem Mikrofon nach draußen, auf die Straße. Der Bann ist gebrochen; der Straßenprediger Leppich hat seinen Ort gefunden. Während der nächsten 25 Jahre wird er rastlos das Evangelium auf dem Asphalt verkünden, landauf und landab, überall dort, wo man die deutsche Sprache versteht.

Manfred Plate ("Christ in der Gegenwart") sagt von ihm:
"Mehr als das materielle bewegte ihn das seelische Elend der entwurzelten Massen. Leppich kam aus einfachen Verhältnissen, war kein Intellektueller, theologischer Tiefsinn war nicht seine Sache. Doch er liebte die Menschen, die einfachen Leute, das Proletariat in den städtischen Massenquartieren. Sollte es keine Sprache geben, die sie wieder in die Nähe der Botschaft Christi ziehen könnte? Johannes Leppich wurde ein Volksmissionar neuen Stils...

Millionen zog er auf den Straßen und Plätzen des zerstörten, dann langsam wiederaufgebauten Deutschland und Österreich an. - Warum kamen die Leute zu ihm? Wegen seiner drastischen, deftigen Sprache, welche die überlieferte Erbaulichkeit durch herzhafte Grobheiten abzulösen schien? In seinen Büchern kann man heute noch nachlesen, wie er die volkstümliche Einfachheit des Evangeliums Jesu umzusetzen suchte in den Massenjargon des 20. Jahrhunderts: "Christus auf der Reeperbahn", "Gott zwischen Götzen und Genossen" ...

Johannes Leppich war sich natürlich darüber klar, daß auf seinen Großkundgebungen nur Oberflächen-Wirkung zu erzielen war. Er wollte die Menschen zwar dort abholen, wo sie waren - aber eben doch woanders hinführen: zu einem überzeugenden religiösen Leben, zu einem tieferen Glauben, zur inneren und äußeren Öffnung für das Reich Gottes selbst."

Wer mit seiner Predigt so bewußt die Öffentlichkeit suchte, mußte mit Kritik, auch mit öffentlichem Widerspruch rechnen. Hinzukam, daß Leppich selbst genügend Angriffsflächen bot. Es war nicht seine Art, abgewogen und nuanciert zu formulieren. Er liebte die Provokation, nicht nur, um Beachtung zu finden, sondern auch, weil er durch die Überzeichnung Nachdenklichkeit erreichen wollte. Daß er auf Prälaten und Pfarrer oft störend wirkte, war ihm eher recht. Um die Zustimmung der Bischöfe dagegen war er sehr bemüht, denn er verstand sich bewußt als Mann der Kirche. In seinen Berichten für die Generalskurie der Gesellschaft legt er Wert auf die Bemerkung, die Zusammenarbeit mit den deutschen Bischöfen sei "ordentlich"; nur mit dem Bischof von Limburg bestünden immer wieder Spannungen. Das ist für seine Arbeit um so folgenreicher, da er Mitte der 50-iger Jahre sein Sekretariat in die Diözese Limburg verlegte: nach Frankfurt, an die "Drehscheibe Europas".

Das Urteil der Mitbrüder ist geteilt. Bekannt ist das Bonmot, das P. von Nell-Breuning zugeschrieben wird: Er habe noch nie in einer Stunde so viel theologischen Unsinn gehört; aber auch noch nie habe er eine Stunde lang so angespannt zugehört. Die Obern, vor allem die Provinziäle der Ostdeutschen Provinz, stehen zu ihm, weil sie von der ausgesprochen religiösen Zielsetzung seiner Arbeit überzeugt sind. "Das Kriterium bleibt letztlich der Beichtstuhl. Gewöhnlich kann ich es gesundheitlich nicht schaffen. Aber nach dem Urteil mehrerer Bischöfe hatten manche Klöster wochen- und monatelang zu tun," schreibt er.

Nach den Kundgebungen kamen Tausende zu ihm und fragten: was können wir konkret tun? Zunächst verspricht er, losen Kontakt mit ihnen zu halten, durch geistliche Anregungen, die er ihnen per Brief zuschickt; auch konkrete caritative Aufgaben sind damit verbunden. Doch bald entsteht bei den Gutwilligen der Wunsch, sich auch vor Ort zu treffen, zu gemeinsamer Aktion und zum Austausch. In den 60-iger Jahren gab es kaum eine deutsche Stadt, in der nicht ein "Pater-Leppich-Kreis" existierte. Das bedeutsame: eine echte Laien-Bewegung, Jahre vor dem 2. Vaticanum; nicht irgendwelche frömmelnden "Berufskatholiken". Die meisten sind "Neubekehrte", nicht wenige von ihnen Menschen, die nach den verschiedensten Zusammenbrüchen des Nazi-Krieges einen Neuanfang wagen wollen; und sie sind dankbar dafür, daß ihnen jemand zeigt, wo ein solcher Beginn lohnt.

Mitbrüder aus dem Orden kommen in den 60-iger Jahren hinzu, um bei der geistlichen Formung dieser Gruppen zu helfen. Die tägliche Bibellesung wird Grundlage der Gemeinschaft, die sich bald "action 365" nennt: an jedem Tag aus der Inspiration des Wortes Gottes etwas tun, für Gott, der uns im Nächsten begegnet. Soziale Verantwortung, die sich in der Bereitschaft konkretisiert, aktiv zu werden. Das ist Grundthema seiner Kundgebungspredigten, aber auch ständiges Thema der Schulungsbriefe, die den Leitfaden bilden für die monatlichen Treffen der Aktionsteams.

Die Kollekten bei den Großkundgebungen ermöglichen Hilfsprogramme in den Elendsvierteln der Dritten Welt, sie sind aber auch zur Unterstützung europäischer Waisenhäuser und Kinderdörfer bestimmt. Es ist heute kaum vorstellbar, mit welcher Bereitschaft die Menschen bei diesen Massenveranstaltungen Geld und Sachwerte hergaben. Ganz sicher hing es auch damit zusammen, daß dieser Prediger inzwischen über eine Kraft der Suggestion verfügte, die nicht ungefährlich war; immer wieder gab es einzelne, die dieser Kraft geradezu verfallen waren, so daß sie sich kaum noch aus diesem Zwang befreien konnten. Mitbrüder, die später diesen Menschen als Seelsorger begegneten, erschraken manchmal über solche Formen der Abhängigkeit.

Immer wieder hatte P. Leppich betont, ihn interessiere nicht das Gesang- oder Gebetbuch der Menschen, die zu ihm kämen. Hauptsache sei ihm ihre Bereitschaft zum Engagement. So ergab es sich wie von selbst, daß auch evangelische Christen in den Gruppen der action 365 mitarbeiteten. Spätestens in der zweiten Hälfte der 60-iger Jahre wurde auch in diesen Teams die Frage nach einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit von Priestern und Laien, aber auch die Frage nach dem Ernstnehmen der Eigenart des anderen in der Ökumene gestellt. Als man im Zentralteam, dem demokratisch gewählten Leitungsgremium der action 365 daranging, demokratisch gefaßte Beschlüsse ernst zu nehmen und sie auch dann in die Wirklichkeit umsetzte, wenn der "Gründer" der Bewegung selbst sich dagegen sperrte, sprach er immer öfter davon, dieses "Jackett der demokratischen Gremien sei ihm zu groß". Immer häufiger kam es zu Konflikten mit dem Zentralteam, in dem nach einem bestimmten Schlüssel katholische und evangelische Laien und Theologen zusammenarbeiteten. Diese Konflikte, in die auch die Mitbrüder aus dem Orden hineingezogen wurden, nahmen teilweise die recht unerfreulichen Formen eines Glaubenskrieges an.

Im Januar 1971 schrieb P. Leppich in einem "Brief an alle Teams in Deutschland", er könne "die zu exklusiv ökumenische Ausrichtung nicht bejahen, wenn sie auf Kosten der katholischen Substanz gehe". Eine Minderheit der Mitarbeiter in den Teams bildete daraufhin eine eigene "Aktion Pater Leppich"; zum öffentlichen Bruch kam es beim Ökumenischen Pfingsttreffen 1971 in Augsburg. Danach gab eine Kommission der Ostdeutschen Provinz unter Vorsitz von P. Provinzial Soballa die Empfehlung, es möge zu einer klärenden Abgrenzung der Arbeitsbereiche in zwei selbständigen Organisationen kommen. In einem Bericht der "Herderkorrespondenz" hieß es damals, hinter dieser Empfehlung habe wohl die Einsicht gestanden, daß der Appell zu uniformierender Einheit nichts mehr bringe in einer Situation, in der Einheit ohnehin nicht mehr bestand.

Ob zutrifft, was er später manchmal so leicht dahinsagte: diese tragische Entwicklung sei mit schuld daran gewesen, daß er bald danach zweimal einen Herzinfarkt erlitten habe? Auf jeden Fall wurde es in den folgenden Jahren stiller um ihn, obwohl er es nicht wahrhaben wollte und noch bis in die letzten Jahre hinein die Öffentlichkeit suchte.

Doch - seine zeitgebundene Sprache der Verkündigung wurde nicht mehr verstanden. Er hatte auch nicht die Kraft, sich noch neuen Fragen zu stellen. So waren seine letzten Jahre ein unruhiges Hin und Her zwischen Darmstadt und Münster, zwischen irgendwelchen Seelsorgs-Einsätzen auf einer Ferieninsel und seiner oberschlesischen Heimat. War er selbst ein Opfer der Unruhe geworden, die er auf andere hatte übertragen wollen? Der 29. November 1992 war der 50. Jahrestag seiner Priesterweihe. Wenige Tage zuvor war er in der Raphaelsklinik in Münster operiert worden; zunächst wegen schwerer Darmblutung; kurz danach entfernte man ihm die Milz. Von dieser zweiten Operation konnte er sich nicht wieder erholen.

Der Herr schenke ihm nun den Frieden, den er so rastlos gesucht hat.

R.i.p.

P. Hans-Georg Lachmund SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 2/1993 - März, S. 45-48