P. Karl Linde SJ
22. Oktober 1988 in Münster

Der Lebenslauf von Pater Linde bietet nichts sonderlich Aufregendes. Er wurde am 12. Juli 1922 in Nordhorn geboren, einer kleinen niedersächsischen Stadt an der holländischen Grenze. Hier wuchs er zusammen mit zwei Schwestern in einer harmonischen Familie auf - kein Wunder, daß er zeit seines Lebens auf Harmonie großen Wert legte. Jede Auseinandersetzung, schon gar jeder Streit irritierte und lähmte ihn.

Nachdem Karl im Frühjahr 1940 sein Abitur an der Oberrealschule in Nordhorn bestanden hatte, begann er zunächst ein Chemie-Studium, doch zwei Monate später wurde er zum Militär einberufen. Im Juli 1944 geriet er in der Normandie in Kriegsgefangenschaft, wo er seine Englischkenntnisse als Dolmetscher verbessern konnte. Im März 1946 kehrte er nach Hause zurück - mit dem Enschluß, Priester zu werden. Nach einem Semester Theologiestudium in Münster für die Diözese Osnabrück trat er dann am 3. September 1946 in Eringerfeld in die Gesellschaft Jesu ein. Vielleicht war für diesen Schritt von Bedeutung, daß drei seiner Urgroßonkel mütterlicherseits Jesuiten waren, von denen P. Joseph Jungmann (gest. 1885) Professor für Geistliche Beredsamkeit und Katechetik in Innsbruck war; sein Gedächtnis wurde in der Familie in Ehren gehalten.

Nach dem Noviziat war er ein Jahr in Pullach, um Latein und Griechisch nachzuholen. Sein Philosophiestudium aber machte er in Belgien, und zwar in Löwen bzw. Eegenhoven (1949 - 1952). Die beiden ersten Jahre des sich sofort anschließenden Theologiestudiums führten ihn nach Heythrop (England), bis er 1954 für die beiden letzten Jahre der Theologie nach Frankfurt kam. Hier wurde er auch zum Priester geweiht, und zwar am 27. Juli 1955 durch Weihbischof Walther Kampe.

Im Terziat, das er in Münster machte, erhielt er die Destination für Dänemark. Nachdem er sein Staatsexamen für Mathematik gemacht hatte, wurde er für einige Jahre Lehrer an unserer Schule in Arhus (damals noch in der Regie des Ordens). Daß diese Arbeit nicht gerade dem entsprach, was er sich vorgestellt hatte, das geht aus einem Gebet hervor, das sich in seinem Nachlaß fand:

"Herr, es ist die Stunde meines Gebets. Ich spreche es heute abend in meinem Arbeitszimmer, unter meiner Lampe, nachdem ich das letzte Heft korrigiert habe. Das letzte Heft für heute abend. Denn morgen muß ich von neuem beginnen. Ich sehe meine Klasse schon wieder vor mir und die vierzig gar nicht so kleinen, aber oft so dummen Köpfe, denen ich Dinge beibringen soll, die, naja, im Grunde doch nicht sehr lustig sind... ich biete dir nichts Besonderes an heute abend, Herr. Ich habe nur meine strapazierten Nerven, meine schlechte Laune, meine heisere Stimme, Und die Mutlosigkeit, die mich bald überkommen wird, jetzt oder erst beim Morgengrauen, und die ich dennoch nicht aufkommen lassen will. Denn morgen muß ich ja wieder parat sein und ruhig, ohne zu brüllen, sagen können: Etwas Ruhe, wenn ich bitten darf! Wie jeden Morgen, seit Jahren!"

Seine Zeit in Arhus endete 1963 mit der Versetzung in die neugegründete Residenz in Bremen. Hier sollte er mit P. Rieth den außerschulischen Religionsunterricht für die Jungen und Mädchen der Klassen 10 bis 13 der Bremer Gymnasien übernehmen, außerdem in der Katholischen Studentengemeinde mitarbeiten. Sicher hat er in seinem Unterricht vielen jungen Menschen ein solides religiöses Wissen vermittelt. Im Gedächtnis, besser: in den Herzen blieb jedoch etwas anderes hängen. Ein Jahr vor P. Lindes Tod schrieb eine seiner ehemaligen Schülerinnen in einem Brief an ihn: "Ich möchte Sie wissen lassen, daß sowohl Charles als auch ich Ihnen baldige Genesung wünschen und erhoffen. Und ich muß gestehen, dieser Wunsch ist nicht total selbstlos: wir haben immer ihre Gesellschaft genossen... Unsere Selbstsüchtigkeit besteht darin, daß wir Ihre Persönlichkeit (Sie) noch öfter genießen möchten! Denn Sie sind ein besonderer Mensch, den wir sehr respektieren, und der zugleich Humor hat: eine Kombination, die nicht nur uns, sondern auch vielen anderen Menschen Erleichterung und Freude bereitet haben muß."

Was in diesem Brief angesprochen wurde, das scheint für P. Linde (bzw. für "Charly", wie ihn seine Freunde und Bekannten nannten) charakteristisch gewesen zu sein. Die ihm begegnet sind, ob jung oder alt, sie alle hatten bei allem Respekt den Eindruck, einem Menschen zu begegnen und selber als Mensch angenommen und geachtet zu sein. In seiner Nähe habe viele "Erleichterung und Freude" empfunden. Seine Tür stand (buchstäblich!) immer offen. Wer von den Mitbrüdern spätabends von einer Unterrichtsrunde oder von einem Vortrag nach Hause kam, fand den Weg zu seinem Zimmer und traf bei ihm auf ein offenes und verständnisbereites Ohr. Und mancher Ärger und manche Frustrationen lösten sich beim gemeinsamen Schimpfen und beim gemeinsamen Gläschen Cognac. Er konnte aber nicht nur schimpfen. Seine Mitfreude bei "Erfolgen" war ehrlich und herzlich.

Bald übernahm P. Linde die Priesterseelsorge im Oldenburger Land (Diözese Münster). Außerdem wurde er Superior der Bremer Residenz. In dieser Eigenschaft prägte er dem Haus seinen Stempel auf. Sein Lebensstil war einfach und bescheiden, doch immer formvollendet und nie primitiv, abhold jeder Angeberei und jeglicher Frömmelei. Das Haus wurde für viele Gruppen eine Begegnungsstätte dank der vielen Leute, die P. Linde schätzten. Genannt sei der Arbeitskreis der Katholischen Erwachsenenbildung im Land Niedersachsen, der regelmäßig im Haus tagte. Die Referenten des Albertus-Magnus-Werkes (des unvergessenen Clemens Kaminski) fanden gastliche Aufnahme im Haus und gaben in den folgenden Jahren gerade für die Jugendarbeit viele Impulse. Nicht vergessen seien die Vielen, die ihm ihr Vertrauen schenkten; die seinen Rat suchten und fanden; denen er zuhörte und Mut zusprach; die getröstet weggingen, weil sie sich verstanden fühlten, obwohl er nicht viele Worte machte. Eine Frau schrieb mir nach P. Lindes Tod: "Mein Leben ist von Kindheit an hart gewesen. Ich habe P. Linde nie etwas darüber gesagt. Aber mit einem feinen Gespür und humorvoller Güte konnte er manches erahnen, und ich habe zur rechten Zeit ein gutes Wort gehört, das mir wieder Mut gab."

Im Sommer 1972 ging P. Linde schweren Herzens als Superior nach Trier. Neben den vielfältigen Aufgaben des Hauses und im Haus (der Neubau mußte zu Ende geführt und eingerichtet werden) war er in der Priesterseelsorge tätig. Schließlich wurde er 1977 als Rektor nach Haus Sentmaring in Münster geschickt. Allerdings hat er sich auf diesem Posten nicht sehr wohl gefühlt.

Deshalb freute er sich auch, als er im Herbst 1979 wiederum nach Dänemark geschickt wurde, um als Seelsorger an unserer Herz-Jesu-Pfarrei in Kopenhagen zu wirken. Mit großem Engagement und viel Elan widmete er sich dieser Aufgabe. Wie froh und dankbar war er, wenn man ihm einen Artikel oder einen Predigttext schickte, den er für die Sonntagspredigt verwenden konnte. Und auch in dieser neuen Arbeit fand er viele, die ihm in Freundschaft verbunden waren. Zeichen einer solchen herzlichen Verbundenheit ist ein Brief, den er Weihnachten 1987 von einer Familie in Kopenhagen erhalten hat: "In einer Woche werden wir Weihnachten feiern, und unsere Gedanken fliegen zu Dir nach Deutschland. Wir haben oft das Verlangen nach Dir, und uns geht es nicht in den Kopf, daß Du nicht mehr bei uns bist. Wir sind aber glücklich, daß wir die Möglichkeiten hatten, im Krankenhaus uns von Dir zu verabschieden und Dir für Deine herzliche Freundschaft zu danken."

In Kopenhagen mehrten sich aber auch die gesundheitlichen Beschwerden. Durchblutungsstörungen machten Anfang 1986 eine Beinamputation notwendig. Mit großer Energie lernte er wieder gehen und versah wieder seinen Dienst als Pfarrer, bis ein Schlaganfall seine Aktivitäten lahmlegte und zu einer fast völligen Sprach- und Schreibbehinderung führte, so daß er sich kaum oder nicht mehr verständlich machen konnte. Deshalb mußte er Ende 1987 sein geliebtes Dänemark verlassen und nach Münster ins Pflegeheim übersiedeln.

Dieser Abschied war für ihn ein großes Kreuz. Und P. Linde war sich offensichtlich dessen auch bewußt, daß er dieses Kreuz annehmen müsse. In einer Eintragung in einem Heft, in dem sich Zitate und persönliche Eintragungen finden, schreibt er an einem 14. September in einem seiner letzten Lebensjahre, also am Fest der Kreuzerhöhung: "Lehre mich, Herr, dein Kreuz verstehen! Lehre mich, dein Kreuz zu lieben! Lehre mich, dein Kreuz zu ehren! Durch das Zeichen des Kreuzes befreie uns von unseren Sünden, du unser Gott!"

In diesem Gebet läßt uns P. Linde einen kurzen Blick in sein Herz tun. In der Öffentlichkeit hätte er das nie gesagt; er hätte das als "schamlos" empfunden.

Am Sonntag, dem 9. Oktober 1988, erlitt er morgens früh erneut einen schweren Schlaganfall. Als die Krankenschwester in sein Zimmer kam, fand sie ihn bewußtlos, und sein Atem ging schwer. Im Clemenshospital erwachte er nicht mehr aus dem Koma. Er blieb dort bis zu seinem letzten Atemzug am 22. Oktober gegen 11.30 Uhr.

R.i.p.

P. Alois Koch SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 6/1989 - Dezember, S. 146ff