P. Josef Loosen SJ
* 29. Mai 1904 in Düsseldorf
13. Mai 1999 in Münster

Am Fest Christi Himmelfahrt um 9.30 Uhr ist P. Loosen in Haus Sentmaring verschieden. Er stand kurz vor der Vollendung seines 95. Lebensjahres. Josef Loosen wurde am 29. Mai 1904 in Düsseldorf geboren. In seinem ganz kurzen Abriß eines Lebenslaufes erwähnt P. Loosen von seiner Familie nur einen zwei Jahre älteren Bruder Max, der Priester der Erzdiözese Köln war und 1974 gestorben ist. Josef Loosen besuchte von 1914 bis 1923 das humanistische Gymnasium in Düsseldorf; damals war es das sogenannte Klostergymnasium, später hieß es Hindenburg-Gymnasium; heute ist es das Humboldt-Gymnasium. Neben der Schulzeit verbrachte Josef viel Zeit als Mitglied der Eichendorffrunde. Dieser Kreis katholischer höherer Schüler war von P. Matthäus Schneiderwirdt O.F.M. gegründet worden. Hier entstanden Freundschaften, die ein ganzes Leben dauerten. Unter diesen Freunden von Josef Loosen waren RA Dr. Anton Roeser, Prof. Dr. Waldemar Gurian und Dr. Wilhelm Daniels, der spätere Oberbürgermeister von Bonn.

Nach dem Abitur (Ostern 1923) trat Josef Loosen am 10. April 1923 ins Noviziat der deutschen Ordensprovinz der Gesellschaft Jesu ein. Das Noviziat befand sich damals im Bonifatiushaus zu 's-Heerenberg (Niederlande). Novizenmeister war P. Paul Sträter. Schon nach einem Jahr wurde das Noviziat nach Exaeten (Niederlande) verlegt. Auch der Novizenmeister wechselte: P. Konstantin Kempf übernahm nun die Ausbildung der Novizen. Von 1925 bis 1928 studierte Josef Loosen Philosophie in Valkenburg. Dies war für ihn eine sehr dunkle Zeit. Zweimal erkrankte er schwer. Das erste Mal hatte er eine eitrige Rippenfellentzündung; etwas später mußte er wegen einer schweren Lungentuberkulose monatelang das Bett hüten. Gerade diese Infektionskrankheit war in Valkenburg unter den Mitbrüdern nicht eben selten. Das Grundstück lag nämlich an dem Bächlein Kattebeek, und die unteren Teile des Gebäudes waren recht feucht. Außerdem gab es damals noch kein Penicillin. Ansonsten aber war das Collegium Maximum in Valkenburg eine kleine Welt für sich, ein "Paradies", dem viele ältere Mitbrüder immer nachtrauerten. Das Ignatiuskolleg war mit 18 Hektar doppelt so groß wie heute St. Georgen. Das Gebäude war 1893 für 1 Million Goldmark erbaut worden. Auf der Sternwarte war ein Fernrohr installiert, das die Jesuiten für 8.000 Goldmark auf der Weltausstellung von Chicago gekauft hatten. Am berühmtesten dürfte in Valkenburg die Bibliothek gewesen sein. In den zwanziger und dreißiger Jahren war die Valkenburger Bibliothek mit 150.000 Bänden und 400 Zeitschriften die größte Jesuitenbibliothek der Welt. Allenfalls die Bollandisten in Brüssel konnten da noch mithalten. Zurück zu Frater Loosen.

Da die Oberen nicht sicher waren, ob man ihn (wegen seiner angeschlagenen Gesundheit) in der Gesellschaft Jesu behalten konnte, schickte man Frater Loosen nach dem Philosophicum, das übrigens später (1949) als römischer Dr. phil. von der Gregoriana in Rom anerkannt wurde, zur "gesundheitlichen Bewährung" nach Münster i. W., um P. Gustav Grauvogel zu helfen, der damals in der Königstraße die neudeutschen Gruppen betreute. Zum Glück erholte sich Josef sehr rasch, und weil er die Jugendarbeit so gut machte, schickten ihn die Oberen anschließend noch für drei Jahre (1929-1932) als Präfekt an das Aloisiuskolleg nach Bad Godesberg. In dieser Zeit reifte in Frater Loosen der Entschluß, nach seiner Ausbildung als Missionar nach Schweden zu gehen. Den Sommer 1932 verbrachte er deshalb in Stockholm und nahm an einem Sprachkurs teil. Im WS 1932/1933 begann für Frater Loosen die Theologie - wieder in Valkenburg. Am 27. August 1935 wurde er dort zum Priester geweiht. Am 2. September war die Primiz im Dom zu Köln. Als Subdiakon assistierte dabei der spätere Generalobere der Gesellschaft Jesu, P. Pedro Arrupe.

Dem Abschlußexamen in Theologie (dem sogenannten "Examen ad gradum", weil dessen Bestehen Vorbedingung war, um in die Klasse der Professen aufgenommen zu werden) mußte sich P. Loosen im Sommer 1936 unterziehen. Es verlief so glänzend, daß der Kandidat nun nach St. Georgen umdestiniert wurde, um dort Theologie zu dozieren. P. Hubert Koffler, der damals in Valkenburg Dogmatik dozierte, sagte mir einmal, P. Loosen habe das beste Schlußexamen gemacht, das er je abgenommen habe. Von diesem "Examen de universa philosophia et theologia" gibt es auch die folgende anekdotenhafte Erinnerung, die auf P. Johann Baptist Rabeneck zurückgeht. P. Loosen legte (damals natürlich auf latein) eine These dar und zitierte (im Originalton) aus den griechischen Kirchenvätern. Danach fuhr er auf griechisch in der Exposition der These fort, bis ihn der Vorsitzende der Prüfungskommission schmunzelnd mit den Worten unterbrach: "P. Loosen, sufficit latine loqui".

Bevor P. Loosen zum Weiterstudium nach Münster ging, machte er sein Tertiat auf der Rottmannshöhe (einem Exerzitienhaus am Starnbergersee, oberhalb der Station Leoni) bei P. Steeger. In Münster promovierte P. Loosen bei Michael Schmaus mit dem Thema "Logos und Pneuma im begnadeten Menschen bei Maximus Confessor". Die Arbeit erschien 1941 in der Reihe "Münsterische Beiträge zur Theologie". P. A. Lieske schrieb dazu in einer Rezension (Scholastik 16 [1941] 563): "Es handelt sich bei der Arbeit von J. Loosen um eine sehr gediegene und in all ihren Teilen sorgfältig durchgeführte Untersuchung über die Bedeutung des trinitarischen Wortes und des Hl. Geistes für den Aufstieg des Gläubigen von der Taufe bis zur Höhe ekstatisch-mystischer Gotteserkenntnis bei Maximus dem Bekenner."

Mit dem SS 1940 begann P. Loosen in St. Georgen seine Lehrtätigkeit als Professor für Dogmatik und Dogmengeschichte. Seit 1948 war er zusätzlich Lehrbeauftragter (und ab 1964 Honorarprofessor) am Fachbereich Katholische Theologie der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt. Man hat bisweilen gesagt, P. Loosen habe nicht übermäßig viel publiziert. Dies mag stimmen, aber man muß bedenken, daß er über 30 Jahre meist 10 bis 12 SWS als Theologieprofessor zu bestreiten hatte, die einfach nicht mehr viel Zeit für die Forschung ließen. Zudem hat der Verstorbene zahlreiche Exerzitienkurse (vor allem für Priester und Priesteramtskandidaten) gegeben, die natürlich auch wieder Zeit und Kraft in Anspruch nahmen. 1972 wurde P. Loosen in St. Georgen und an der Uni Frankfurt emeritiert. In den Jahren danach war er in verschiedenen Häusern als Hausgeistlicher tätig, so z. B. im Kloster Maria Hilf in Schleiden (in der Eifel) und bei den Maria-Ward-Schwestern in Bad Homburg. Es zog ihn aber immer wieder nach St. Georgen zurück, weil für ihn dort die Lebensbedingungen am erträglichsten waren. Überraschend leicht und willig akzeptierte P. Loosen seine Versetzung (am 19.12.1990) in das Altenheim der Gesellschaft Jesu nach Münster; vielleicht auch deshalb, weil ihm sein guter Freund, P. Karl Wennemer, dorthin vorausgegangen war.

Was war das theologische und seelsorgliche Anliegen von P. Loosen? Dies läßt sich schon aus seiner Doktorarbeit erkennen. Es ging ihm nicht um theologische Randfragen, sondern um das Zentrum. Das Heilsgeschehen ist ein Beziehungsgeschehen: Gott kommt zum Menschen; der Mensch geht zu Gott. "Die Anabasis (der Aufstieg) des Menschen zu Gott ist die korrespondierende Umkehr der Katabasis (des Abstiegs) Gottes zum Menschen" (7). "Der begnadete Mensch steht teilnehmend in der trinitarischen Gemeinschaft" (128). Wir Menschen mögen zwar die (traurige) Erfahrung machen, daß wir sinn- und ziellos im Weltall "herumtaumeln", das Christentum verkündet aber (kontrapunktisch zur Erfahrung des Menschen) die kühne (und überaus tröstliche) Botschaft, daß die Würde und Größe des Menschen darin besteht, daß der unendliche Gott (er selber das unaussprechliche Geheimnis bleibend) "nackt" und bloß in die menschliche Natur hineinstürzt. Und der Sinn des Lebens besteht letztlich nur darin (und in nichts anderem), daß der Mensch sich (mühsam und angefochten) dieser eigenen Würde bewußt wird. P. Loosen hat das den Menschen verkündet, und die Menschen haben das verstanden. Das ist in (überraschend vielen) Kondolenzbriefen zum Tode von P. Loosen zum Ausdruck gekommen. So schreibt der Bischof von Osnabrück, Dr. Franz-Josef Bode, an den Hochschulrektor von St. Georgen, P. Michael Sievernich: "Viele Priesteramtskandidaten des Bistums Osnabrück sind diesem geschätzten theologischen Lehrer und geistlichen Begleiter in ihrer Studienzeit in Sankt Georgen begegnet und haben auch zum Teil noch nachher Kontakt mit ihm gehalten. Viele haben den lieben Verstorbenen in seiner stillen, aber sehr fundierten Art in dankbarer Erinnerung."

Wer mit P. Loosen zusammenlebte, der konnte merken, daß er keine rheinische Frohnatur war. Er litt an einer Schwermut, die letztlich von metaphysischer Art war. Er empfand das Leben in dieser Welt als eine Art von "Verbannung". Wir dürfen wohl hoffen, daß P. Loosen nun zu dem heimgekehrt ist, der allein die Unendlichkeit unserer Sehnsucht stillen und erfüllen kann.

R.i.p.

P. Reinhold Sebott SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 4/1999 - Juli, S. 138-41